Kapitel 2 – Gemeinschaft

Gelebte Kamerad­schaft

Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft – darum geht es bei den Green Devils. Die Frauen und Männer der Bruderschaft passen aufeinander auf und geben sich gegenseitig Kraft.

Zu Besuch bei einem Veteranenverein.

TEXT Florian Stöhr

FOTO Jörg Carstensen

Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

Die Gebäude auf dem alten Betriebsgelände im brandenburgischen Friesack sehen alt und verlassen aus. Nur im Clubhaus der Green Devils herrscht Betrieb. Rund 20 Männer und Frauen sind bei dem heutigen Treffen dabei. Der Veteranenclub ist in ganz Deutschland aktiv. Der Zug Ost umfasst Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Das Einzugsgebiet ist also groß, manche sind mehrere Stunden angereist, um heute dabei zu sein. Denn es ist ein besonderer Tag, nicht nur für den Veteranenclub, sondern für die gesamte Bundeswehr: Es ist Karfreitag.

Gemeinschaft leben Die Green Devils stehen füreinander ein und zeigen dies durch ein einheit­liches Auftreten nach außen: Alle tragen zur Kutte oder Weste eine olivgrüne Hose und schwarze Schuhe oder Stiefel – ähnlich wie eine Uniform. Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

Jessica T. ist mit dem Motorrad aus Potsdam gekommen. Die 35-Jährige ist Oberstabsgefreiter im Sanitätsregiment 1 in Berlin. Sie trägt, wie alle, eine schwarze Lederkutte mit dem Logo der Green Devils auf dem Rücken. „Ich bin seit zwei Jahren dabei und fühle mich unter meinen Brüdern und Schwestern sehr wohl“, sagt sie. Die Soldatin schwärmt von der Loyalität und Kameradschaft im Club. Wie wichtig diese Werte sind, hat sie am eigenen Leib erfahren. Vor anderthalb Jahren litt Jessica T. unter einer schweren Depression und war in Behandlung im Bundeswehrkranken­haus (BwK) Berlin. „Ich habe ein großes Paket aus privaten und beruflichen Pro­blemen mit mir rumgetragen.“ Als Neuling wollte sie nicht groß darüber reden, wa­rum es ihr nicht gut ging. Aber die anderen merkten, dass etwas nicht stimmte. Sie gaben ihr Halt und halfen ihr mit aus der Krise. Für Jessica T. war klar, dieser Club ist etwas Besonderes: „Wir stehen füreinander ein, wie in einer Familie.“

­„Wir stehen füreinander ein, wie in einer Familie.“

Jessica T., Oberstabsgefreiter

Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

Das Clubhaus ist nicht groß, aber alles Wichtige ist da: ein langer Tisch, eine kleine Bar, eine Couchecke sowie unzählige Abzeichen und andere Andenken. Die Männer und Frauen sind stolz auf ihren Club. Seit 2014 gibt es die Green Devils. Die Veteranenbewegung steckte damals in Deutschland noch in ihren Anfängen. Der Name des Clubs geht zurück auf die ersten Mitglieder, ehemalige Fallschirmjäger in der Bundeswehr.

Jessica T. ist eine von vier Frauen: „Wir sind eine militärische Bruderschaft, aber das Geschlecht spielt keine Rolle. Wir sprechen immer von Brüdern und Schwestern.“ Der Umgang ist locker, es werden Sprüche geklopft und Scherze gemacht – typisch Bundeswehr. „Wir schauen aber nicht nur auf uns, sondern versuchen auch anderen zu helfen“, erklärt die Soldatin stolz. Ein Hilfsprojekt, für das der Club Spenden sammelte, führte sie sogar zurück ins BwK Berlin: „Ich kannte die Station, um die es ging, aus eigener Erfahrung. Es war krass, auf der anderen Seite zu stehen und etwas zurückzugeben.“

Leidenschaften teilen Viele Frauen und Männer bei den Green Devils fahren Motorrad, auch Jessica T. gehört dazu. Wie ihre Brüder und Schwestern trägt sie auf ihrer Weste den Patch „Kradstaffel“, eine Anspielung auf die Motorräder in der Bundeswehr. Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

Erfahrungen schweißen zusammen

Im Clubhaus gibt es Kaffee und Kuchen. Draußen steht der Grill, unter einem Pavillon sind Tische und Bänke aufgebaut. Das Treffen ist gut vorbereitet. Unter die lockere Atmosphäre mischen sich aber auch nachdenkliche Stimmen, denn es gibt einen ernsten Anlass für die Veranstaltung. Einige Teilnehmende tragen auf ihren Kutten einen „Unvergessen“-Patch, um an das Karfreitagsgefecht am 2. ­April 2010 zu erinnern. Drei Fallschirmjäger wurden bei dem mehrstündigen Feuergefecht in Afghanistan getötet, acht weitere Soldaten verwundet. Es war das bisher verlustreichste Gefecht der Bundeswehr und ein Schlüssel­erlebnis für die Veteranenkultur.

Der Vorfall zeigte, dass Soldatinnen und Soldaten ihr Leben riskieren und für ihren Dienst Respekt und Anerkennung verdienen. In diesem Punkt sind sich alle Veteranen­organisationen einig. Die Mitglieder des Zug Ost beteiligen sich deshalb, wie viele andere aktive und ehemalige Bundeswehrangehörige in diesen Tagen, an den Gedenkmärschen „16K3“. 16 Kilometer Strecke sind es in diesem Jahr, denn so viele Jahre ist das Gefecht mittlerweile her. Das K steht für Karfreitag, die drei für die Gefallenen: Hauptfeldwebel Nils Bruns, Stabsgefreiter Robert Hartert und Hauptgefreiter Martin Augustyniak.

Beitrag leisten Im Clubhaus gibt es Kaffee und Kuchen, draußen selbstgemachte Kartoffelsuppe. Jeder im Club bringt etwas mit und packt mit an. „Ein Green Devil ist immer hilfsbereit“, heißt eine der Clubregeln. Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

Auf einem Tisch liegt eine Karte mit der Marschroute. Acht Männer und Frauen stehen zusammen und machen sich bereit. Dafür haben sie sogar ihre Kutten ausgezogen. Tony O. ist als Marschführer eingeteilt. Der Oberstleutnant ist Inspektionschef an der Unteroffizierschule des Heeres in Delitzsch. Im Club ist sein militärischer Rang nicht wichtig, es zählt die Rolle bei den Green Devils. „Im Dienstalltag führe ich, im Club führen andere“, sagt der 36-Jährige entspannt. Als Stellvertretender Zugführer im Zug Ost übernimmt er viel Organisatorisches und betreut auch den Nachwuchs.

Tony O. war ebenfalls in Afghanistan: „Ich war 2019/2020 Zugführer der Force Protection in Kundus, insgesamt waren es 210 Tage.“ Eine andere Zeit als die schweren Gefechtsjahre, aber auch damals war die Sicherheitslage sehr angespannt. Das deutsche Lager befand sich in einer Kaserne der afghanischen Armee. Die Umgebung war umkämpft, an Patrouillen war nicht mehr zu denken. „Wir wurden mehrfach mit Raketen beschossen. Unsere Versorgung lief hauptsächlich über Hubschrauber“, erinnert er sich. Mit seinen Zügen der Force Protection trug Tony O. dazu bei, dass das Lager häufig als „Safe Haven“ (sicherer Hafen) in der Region bezeichnet wurde.

­„Wir alle haben ähnliche Werdegänge und können unsere Erlebnisse gemeinsam verarbeiten. Das schweißt zusammen.“

Tony O., Oberstleutnant

Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

Das Wetter spielt beim Marsch mit. Es ist trocken, nicht zu kalt oder zu warm. Die Frauen und Männer ziehen an Feldern und kleinen Ortschaften vorbei. Sie kommen gut voran. Menschen sieht man an diesem Tag kaum. Bei Kilometer vier ist die erste Wegmarke. Tony O. springt ins Auto und macht sich auf den Weg, um den anderen Clubmitgliedern Wasser zu bringen. Zwei Jahre ist er mittlerweile im Club. Er erzählt, dass seine Brüder und Schwestern ihn oft besser verstünden als seine Familie oder Freunde. „Wir alle haben ähnliche Werdegänge und können unsere Erlebnisse gemeinsam verarbeiten. Das schweißt zusammen.“

Als er die Marschgruppe erreicht hat, ziehen ihn die anderen ein bisschen auf: Er hat seine Clubweste nicht ausgezogen. Die trägt man eigentlich nicht im Auto, sondern nur auf dem Motorrad. Tony O. nimmt’s gelassen: „Normalerweise komme ich zu den Clubtreffen mit meiner Maschine, dann kann so was gar nicht passieren.“ Wie viele andere Brüder und Schwestern hat er deshalb einen besonderen Patch auf der Weste: „Kradstaffel“, eine Anspielung auf die Motorrad fahrenden Einheiten in der Bundeswehr.

Einsätze erinnern

Die Green Devils sind von Fallschirmjägern gegründet worden. Viele waren im Einsatz in Afghanistan. Im Clubhaus hängen ein früheres Barett und die Einsatzmedaille eines Bruders. Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

Kameradschaft bleibt

Motorräder, Lederkutten, Totenköpfe – die äußere Erscheinung weckt Assoziationen mit kriminellen Rockerbanden wie den Hells Angels oder den Bandidos. „Das ist vielleicht der erste Eindruck, aber wir haben nichts mit diesen Motorradclubs zu tun. Wir sind eine militärische Bruderschaft, in der einige gerne Motorrad fahren. Das ist alles“, erklärt Oliver B. Der 39-jährige Thüringer fährt auch Motorrad, eine Harley-Davidson. Aber das sei nicht zwingend, um dazuzugehören.

Auch die Regeln, die auf einer Tafel im Clubhaus stehen, unterscheiden sich von einem Rockerclub. Darin heißt es, dass ein Green Devil stets ein Vorbild sein müsse. Die Mitglieder verpflichten sich zu Hilfsbereitschaft, Integrität und Offenheit gegenüber anderen Menschen. „Außerdem haben wir alle mal einen Eid auf die Verfassung geschworen. Ein Eid hat kein Verfallsdatum“, sagt Oliver B. Alle aktiven wie ehemaligen Soldatinnen und Soldaten seien willkommen. „Es zählt nicht, ob sie in Auslandseinsätzen oder in einem Gefecht waren. Wichtig ist nur, dass alle gedient haben.“ Für die Green Devils ist der breit­gefasste Veteranenbegriff der Bundeswehr deshalb genau richtig.

Vorbereitet sein Die Marschgruppe geht an der Karte die Route durch. Das letzte Stück verläuft auf einer Landstraße. Marschführer Tony O. soll zur Absicherung mit dem Auto hinter der Gruppe fahren. Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

Der Bundeswehrbezug ist allgegenwärtig. Der Club gliedert sich nicht wie Motorradclubs in Chapter, sondern in Züge, die sich über das Bundesgebiet erstrecken: Nord, Süd, Mitte, Ost und West. An der Spitze steht kein Präsident, sondern der Kompaniechef. Das Clubhaus in Friesack heißt offiziell Zuggefechtstand. Oliver B. ist Kompanie­einsatz­offizier und damit die Nummer drei im Club. Er plant, organisiert, bereitet vor und kümmert sich um Mensch und Material – wie bei der Bundeswehr. Bis 2017 war er selbst in der Truppe: „Ich war für 13 Jahre lang Soldat auf Zeit, die meiste Zeit davon bei einer Patriot-Staffel.“ Ein Jahr davon war der frühere Hauptmann in El Paso in Texas stationiert. Die Veteranenbewegung in den USA hat ihn begeistert. „Davon sind wir noch weit entfernt. Aber es tut sich auch bei uns immer mehr.“

Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

­„Es zählt nicht, ob sie in Auslands­einsätzen oder in einem Gefecht waren. Wichtig ist nur, dass alle gedient haben.“

Oliver B., Hauptmann a. D.

Die Green Devils gehen mit gutem Beispiel voran: 50 Männer und vier Frauen sind mittlerweile Mitglieder. Dazu kommen rund 30 Angehörige der Unterstützungskompanie. Hier versammeln sich Anwärterinnen und Anwärter für eine Vollmitgliedschaft. „Auch Angehörige anderer Blaulichtorganisationen können sich der Unterstützungskompanie anschließen“, erklärt der Einsatzoffizier. Für Oliver B. geht es nach dem Treffen direkt weiter in die Schweiz: „Wir werden internationaler und bauen aktuell auch Züge in der Schweiz, Dänemark und den USA auf.“

Füreinander einstehen Die Green Devils beteiligen sich an den Gedenkmärschen „16K3“, um die drei Gefallenen des Karfreitagsgefechts am 2. April 2010 zu ehren. Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

Nach rund drei Stunden ist die Marsch­gruppe zurück. Ein Mann musste wegen einer Fußverletzung abbrechen. Er wirkt geknickt, als er aus dem Auto steigt. Einige Brüder muntern ihn auf. „Es ist kein Wettbewerb. Uns geht es darum, den Menschen in Uniform Respekt zu zollen und die Veteranenarbeit voranzubringen“, erklärt Stephan C. von der Unterstützungs­kompanie. Der Oberfeldwebel von den Panzerpionieren in Havelberg steht heute die meiste Zeit hinter dem Tresen und kümmert sich um das Essen und die Getränke, stets hilfsbereit und offen für ein kurzes Gespräch. Der 38-Jährige hat sich den Club bewusst erst mal eine Zeit lang als Anwärter angeschaut. „Ich wollte ganz in Ruhe für mich rausfinden, ob die Green Devils was für mich sind.“

Respekt zollen Nach dem Marsch kommen alle Brüder und Schwestern zusammen zu einer Schweige­minute für die 120 Todesfälle der Bundeswehr im Zusammenhang mit Auslands­einsätzen – vom Gefallenen im Gefecht bis zum Unfallopfer. Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

Foto: Bundeswehr/Jörg Carstensen

Kennengelernt hat Stephan C. die Green Devils über einen Kameraden in seiner Kaserne. Die Bruderschaft spricht sich in der Truppe rum. Seine anfängliche Zurückhaltung hat der angehende Kampfmittelräumer längst abgelegt. „Ich brauchte ein bisschen Zeit, um mich zu öffnen. Aber der respektvolle und herzliche Umgang im Club haben es mir leicht gemacht.“

Vor dem Clubhaus wurde derweil eine Tafel mit allen 120 Todesfällen der Bundes­wehr im Zusammen­hang mit Auslandseinsätzen aufge­stellt. Die Brüder und Schwestern versammeln sich zu einer Schweigeminute. Mittendrin steht Stephan C. Er ist längst in der Bruderschaft angekommen und wird noch dieses Jahr volles Mitglied mit allen Rechten und Pflichten: „Ich bin bereit und bekomme bald meine neue Kutte.“ Und die Green Devils damit weiteren Nachwuchs.

Impressum | Cookie-Einstellungen

© Y – Das Magazin der Bundeswehr 2026