Kapitel 3 – Respekt

Gesicht zeigen

Michael E. wäre beinahe bei einem Selbstmordanschlag in Afghanistan gestorben. Heute dient er als Personalfeldwebel im französischen Illkirch und setzt sich für mehr Anerkennung für Einsatzgeschädigte in der Gesellschaft ein.

TEXT Julia Egleder

FOTO Tom Twardy

Foto: Bundeswehr/Tom Twardy

Michael E. kann sich noch genau an den Tag erinnern, der sein Leben für immer veränderte. Es war Mittwoch, der 6. August 2008. Er und seine Kameraden vom damaligen Fallschirmjägerbataillon 263 in Zweibrücken waren im Auslandseinsatz in Afghanistan und gerade auf dem Weg, die Abschleppaktion eines liegen­gebliebenen Dingos abzusichern. Während der Fahrt meldete ihr Störfahrzeug ein Problem, die ganze Kolonne hielt an. Michael E. und seine Kameraden stiegen aus, um die Fahrzeuge zu sichern. Aus der Ferne sah er ein Motorrad auf sich zu fahren. Kurz bevor das Motorrad die Bundeswehrkolonne erreichte, zündete der Fahrer einen versteckten Sprengstoffgürtel. Die Detonationswelle zerriss den Attentäter und traf Michael E. und seinen Kameraden frontal. „Es gab großes Chaos, alles war staubbedeckt, niemand wusste, was gerade passiert war“, beschreibt Michael E. die Szene.

Er habe am Boden gelegen, sein linkes Bein unnatürlich verdreht, Hände, Beine, alles schwarz und verbrannt. Michael E. weiß noch, dass er sich selbst ein Tourniquet an seinen linken Oberschenkel anlegte und seinen Kameraden zurief, wie sie die anderen verletzten Soldaten behandeln sollten. Erst im Hubschrauber der Sanitäter verlor er das Bewusstsein.

Der lange Weg zur Genesung

Die Ärzte im Bundeswehrkrankenhaus in Ko­blenz gaben ihm nur zehn Prozent Überlebens­chance, doch drei Wochen später wachte Michael E. aus dem künstlichen Koma auf. Sein linkes Bein war fast komplett zerstört, Arme, Beine und Gesicht waren zur Unkenntlichkeit verbrannt, die inneren Organe von der Explosion stark erschüttert. 45-mal musste er in den Wochen und Monaten nach dem Anschlag operiert werden. Auch sein Kamerad war schwerstverletzt – er starb ein Jahr später an den Spätfolgen.

Michael E.s Eltern kamen jeden Tag ans Krankenbett, das gab ihm Kraft. Wenn er über die Zeit im Krankenhaus spricht, spürt man, wie hart sie für ihn war: Die Worte fallen ihm schwer. Immer wenn er dachte, jetzt geht es bergauf, entzündete sich das Bein oder die verbrannte Haut wieder. Insgesamt musste er ein halbes Jahr im Krankenhaus bleiben. Ein Lichtblick in dieser Zeit war seine heutige Frau, die regelmäßig zu Besuch kam. Heike E. wohnte neben seinem Elternhaus, die beiden kannten sich seit der Kindheit. Nun kamen sie sich näher, verliebten sich. Mittlerweile sind sie verheiratet, haben drei Töchter und renovieren gerade ein Haus in der Nähe von Zweibrücken.

„Nicht alle kamen heil aus dem Auslands­einsatz zurück.“

Hauptfeldwebel Michael E.

In der Öffentlichkeit wird Michael E. nur noch selten auf seine Verwundungen angesprochen. Dennoch ist es ihm wichtig, sich mit allen Narben zu zeigen und so auf die Opfer hinzuweisen, die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr für Deutschland erbringen.

Foto: Bundeswehr/Tom Twardy

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus musste Michael E. alles neu lernen: Essen, Trinken, Sprechen, Gehen. Ein Rehaauf­enthalt folgte dem nächsten, sein Leben bestand aus Arztbesuchen, Ergotherapie und Orthopädiestunden. „Es reicht. Ich mag nicht mehr“, das habe er sich oft gedacht. „Ich wollte wieder mitmachen und mich einbringen.“ Zwei Jahre dauerte es, bis Michael E. wieder zurück war. Als Fallschirmjäger konnte er nicht mehr eingesetzt werden. „Mein Vorgesetzter sagte zu mir deshalb: Schau dir verschiedene Bereiche im Innendienst an und wenn dir was gefällt, dann kümmere ich mich darum, dass du dableiben kannst.“ Er probierte vieles aus – im Personalbereich gefiel es ihm schließlich am besten. Etwas anderes als Soldat zu bleiben, hätte er sich nicht vorstellen können. „Ich wollte immer nur zur Truppe“, sagt er. Schon mit 16 Jahren bewarb er sich bei der Bundes­wehr. Nach seiner Ausbildung zum Verfahrensmechaniker ging er zu den Fallschirmjägern.

In vielen anderen Ländern müssen einsatzgeschädigte Soldatinnen und Soldaten die Streitkräfte verlassen, wenn sie nicht mehr voll dienstfähig sind. In Deutschland wurde 2007 das Einsatz-Weiterverwendungsgesetz eingeführt. Damit können Soldatinnen und Soldaten, die wegen einer Einsatzschädigung nicht mehr voll dienstfähig sind, weiterbe­schäftigt werden. Michael E. war einer der Ersten, die davon profitierten. Er bekam das Angebot, Berufssoldat zu werden. Auch der Wechsel von der Mannschaftslaufbahn zur Feldwebel­laufbahn klappte.

Keine Scham

Von Anfang an ging der Soldat offen mit seiner Einsatzschädigung um. Er trug T-Shirt und zeigte seine verbrannten Arme schon kurz nach Entlassung aus dem Krankenhaus. „Warum sollte ich mich schämen und meine Verwundung verbergen?“, sagt er. Jeder sollte sehen, was im Auslands­einsatz passieren kann. Aber vielen musste er auch gar nichts erklären: In seinem Umkreis hatten alle mitbekommen, was ihm in Afghanistan passiert war. Die Medien berichteten wochenlang über den Anschlag und die verwundeten Soldaten.

Es kommt nicht oft vor, dass Michael E. auf seine Verwundung angesprochen wird. Seine Verbrennungen im Gesicht sind kaum noch zu erkennen. Nur wenn er kurze Kleidung trägt, sieht man die Verletzungen. Doch die meisten trauen sich nicht, ihn zu fragen, was da passiert ist. Aber wenn sich doch einer traut, wie neulich im Italienurlaub am Pool, gibt Michael E. bereitwillig Auskunft. Ob er in einem Chemielabor arbeite und daher die Verbrennungen kämen, fragte der Mann. Nein, er sei bei der Bundeswehr und habe einen Selbstmordanschlag in Afghanistan überlebt. Der Mann antwortete: „Oh, krass!“ und schaute betroffen.

„Warum sollte ich mich schämen und meine Verwundung verbergen?“

Hauptfeldwebel Michael E.

Foto: Bundeswehr/Tom Twardy

Anerkennung erwünscht

Dass viele Politikerinnen und Politiker damals die Realität nicht beim Namen nennen wollten und lange Zeit sagten, in Afghanistan würden Brunnen gebohrt und Schulen gebaut, ärgert Michael E. bis heute. „Ich will ehrlich zeigen, was wirklich war: Nicht alle kamen heil aus dem Auslandseinsatz zurück. Viele haben dort Schlimmes erlebt.“ Er hätte sich zum Beispiel gewünscht, dass es bei der Rückkehr aus den Auslandseinsätzen öffentliche Empfänge für die Soldatinnen und Soldaten gegeben hätte. 17 Jahre nach seinem Auslandseinsatz erhielt er die Gefechtsmedaille. Sein Bataillons­kommandeur hätte zwar das Beste aus der Verleihung gemacht – ihn mit der Verleihung überrascht und ihm die Medaille vor dem gesamten Bataillon überreicht. Aber noch mehr würde es ihn freuen, wenn solche Verleihungen im großen Rahmen stattfinden würden, mit Familie, hochrangigen Gästen und festlicher Musik. Auch ein festlich verliehenes Verwundetenabzeichen würde er sich wünschen.

Bei einem Besuch in den USA habe einmal an der Supermarktkasse ein anderer Kunde seinen Einkauf bezahlt. „So etwas erwarte ich gar nicht. Aber bei uns werden in manchen Städten Soldaten in Uniform immer noch angefeindet“, sagt Michael E. Das möchte er ändern. Und deshalb wird er auch weiterhin seine Verwundung zeigen. Damit die Menschen verstehen, welchen Preis manche für den Dienst an diesem Land bezahlt haben.

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