Kapitel 1 – Identität

Vier Menschen, vier Perspektiven

Kalter Krieg, Auslandseinsatz, Blaulichtkarriere, die ersten Monate in Uniform. Vier Veteraninnen und Veteranen erzählen, was Dienst für sie bedeutet und warum das Veteransein viele Gesichter hat.

Die Texte hat Beate Schöne zusammengetragen.

Klaus Peter S. (63) Der gebürtige Löbauer ist verhei­ratet und hat zwei Kinder. Von 1982 bis 1990 war er Soldat bei der NVA, bevor er von der Bundeswehr übernommen wurde. Foto: Bundeswehr/Christian Vierfuß

Laura F. (37) Die gelernte Arzthelferin ist seit August 2016 als Obermaat bei der Bundeswehr. Sie ist alleinerziehend und war 2018 in Mali bei MINUSMA. Foto: Privat

Sebastian W. (40) Der zweifache Familienvater war von April 2007 bis Oktober 2024 bei der Bundeswehr. Mittlerweile ist er bei der Berufsfeuerwehr. Foto: Privat

Sunny K. (19)* Die sportbegeisterte Soldatin ist erst seit August 2025 bei der Bundeswehr. Eingesetzt ist sie als Zugtruppsoldatin in der Marineunteroffizierschule in Plön. Foto: Privat

*Mit Sternchen gekennzeichnete Namen sind zum Schutz der Personen geändert.

„Dass der Veteranen­begriff so weit gefasst ist, finde ich schwierig.“

Foto: Bundeswehr/Christian Vierfuß

Es war 1982, als ich zur NVA ging und dort in einer Spezialeinheit im Fernmeldewesen diente, hauptsächlich unter Tage. Den Fall der Berliner Mauer 1989 habe ich verpasst. Ich hatte damals 24-Stunden-Dienst und erfuhr erst tags darauf, am 10. November, von der Grenzöffnung.

In der Folgezeit wurde schnell klar, dass nicht alle Soldaten der NVA von der Bundeswehr übernommen werden würden. Da ich unbedingt Soldat bleiben wollte, orientierte ich mich neu und wurde Pionier. 1990 schied ich als Stabsfeldwebel aus der NVA aus und diente bis 2003 als Oberfeldwebel bei der Bundeswehr. Inzwischen arbeite ich beim Digitalfunk des Landes Brandenburg.

Rückblickend macht es mich sehr stolz, dass wir die Wende ohne Waffengewalt geschafft haben. Das ermöglichte Frieden und Demokratie in ganz Europa.

Neustart 1993 Nach seiner Fernmeldertätigkeit wurde Klaus Peter S. zum Pionierfeldwebel in der Kurmark-Kaserne in Storkow ausgebildet. Foto: Privat

Bei Veteranen denke ich an Soldaten, die lange und an der Front gedient haben, aber auch an die, die in Einsätzen waren oder sie unterstützten. Dass der Begriff so weit gefasst ist, dass theoretisch jemand schon nach einer Woche Bundeswehrzugehörigkeit Veteran oder Veteranin ist, finde ich schwierig. Veteran steht laut Duden für „altgedient“. Vielleicht wäre es ab einer Dienstzeit von zwei Jahren aufwärts sinnvoller gewesen.

Ich selbst fühle mich als Veteran, weil ich lange Zeit sowohl in der NVA als auch in der Bundeswehr gedient habe. Ich war zwar nicht im Einsatz, habe aber während meiner Bundeswehrzeit dafür gesorgt, dass meine Kameradinnen und Kameraden in den Kasernen im Osten Deutschlands zur Einsatzvorbereitung ordentlich untergebracht wurden.

Neuer Dienstgrad 1988 wurde Klaus Peter S. zum Stabsfeldwebel der NVA befördert. Das hieß auch: neue Fotos für seinen Truppenausweis. Foto: Privat

Probezeit bestanden 1992 ernannte der Leiter des Dezernat 3 Infrastruktur­stab Klaus Peter S. in seinem Wohnzimmer zum Soldat auf Zeit. Für alle NVA-Soldaten gab es eine zweijährige Übernahmephase. Foto: Privat

Spezialisierung 1994 Ergänzend zur Pionier­ausbildung nahm er an der Ausbildung zum Leitenden beim Sprengen in Ingolstadt teil. Foto: Privat

Üben für den Ernstfall Regelmäßig nahm er mit seinen Kameraden an Ausbildungen teil, wie hier Mitte 1992 an der Sanitätsausbildung in Geltow. Foto: Privat

Ehemalige NVA-Soldaten, die nicht in die Bundeswehr übernommen wurden, sind per Definition keine Veteranen. Der Umgang unter meinen früheren NVA-Kameraden damit ist sehr unterschiedlich: Einige ärgert es, andere sehen es gelassen. Manche bezeichnen sich einfach trotzdem so, dann halt als NVA-Veteranen.

Für unsere Soldatinnen und Soldaten wünsche ich mir mehr Anerkennung in der Gesellschaft. Der Veteranentag ist ein guter Ansatz, er müsste aber noch sichtbarer und präsenter in den Medien werden. Ich möchte alle Veteraninnen und Veteranen ermutigen: Engagiert euch – egal ob beim Bund, Feuerwehr, Sanitätsdienst, THW oder Polizei – am Ende kommt es auf jeden Einzelnen an.

„Ich habe den Eindruck, dass der Veteranenbegriff in der Gesellschaft noch zu wenig verstanden wird.“

Foto: Privat

Was macht einen Veteranen oder eine Veteranin aus? Mein erster Gedanke: jemand, der nicht mehr bei der Bundeswehr ist, also außer Dienst. Außerdem verbinde ich damit automatisch Menschen, die im Kriegseinsatz waren und dabei womöglich verwundet wurden. Wahrscheinlich bin ich da durch Filme geprägt. Deshalb fällt es mir auch etwas schwer, mich als Veteranin zu sehen.

Ich bin 2016 mit 27 Jahren in die Bundeswehr eingetreten. 2018 war ich als Desinfektorin und Führerin des Sanitätshygienezugs in Mali im Einsatz. Nach meiner Rückkehr habe ich im Vorzimmer des Kommandeurs gearbeitet, ehe ich in Elternzeit gegangen bin. Im Moment bin ich im Sanitätsversorgungszentrum in Köln-Wahn in der Medikamentenabteilung.

Der Einsatz in Mali hat mich besonders geprägt. Ich habe Verantwortung übernommen und musste viele Herausforderungen meistern. Ich bin seither mutiger und belastbarer. Dinge, die mich früher gestresst hätten, kann ich heute lockerer sehen.

Marsch in den Bergen Während des Unteroffizierlehrgangs 2017 führte sie der Bergmarsch zur Rotwand in 1.884 Meter Höhe hinauf. Foto: Privat

Sorgfalt im Einsatz 2018 war Laura F. bei MINUSMA in Mali. Als Desinfektorin und Führerin des Sanitätshygienezugs prüft sie die Mückennetze auf Beschädigungen. Foto: Privat

Neue Wege gemeinsam Laura F. 2024 mit ihrem Sohn auf dem Weg zur Kita-Eingewöhnung. Foto: Privat

Was ich am meisten in der Bundeswehr schätze, ist die Kameradschaft. Die habe ich auch privat erlebt: Kameradinnen und Kameraden, sogar mein damaliger Kommandeur, haben mich kurz nach der Geburt meines Sohnes besucht. Und Patenonkel wurde mein bester Freund – auch ihn habe ich in der Truppe kennengelernt.

Mir ist es wichtig zu betonen, dass jeder von uns dazu beiträgt, Deutschland und die Demokratie in unserem Land zu schützen. Das bedeutet nicht, dass man immer ganz vorne an der Front sein muss. Jede und jeder Einzelne ist ein kleines Rädchen im Gesamtsystem. Nur wenn alles ineinandergreift, funktioniert das große Ganze. Ein Beispiel: Nur wenn ich rechtzeitig Medikamente bestelle, die ein Kamerad benötigt, um pünktlich für seinen Einsatz gesund zu werden, ist er auch einsatzfähig.

Seeluft geschnuppert 2019 sammelt Laura F. auf der Korvette „Oldenburg“ in Rostock erste Eindrücke auf See. Foto: Privat

Auszeichnung im Einsatz Von Mai bis Oktober 2018 war Laura F. bei MINUSMA in Mali. Foto: Dieter Arndt

Ich habe den Eindruck, dass der Veteranenbegriff in der Gesellschaft noch zu wenig verstanden wird – das gilt auch für den Auftrag der Bundeswehr insgesamt. Auch wenn sich manchmal jemand für meinen Dienst bedankt und ich das Gefühl habe, dass die Anerkennung der Bevölkerung gegenüber uns Soldatinnen und Soldaten seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine gewachsen ist, gibt es definitiv noch Luft nach oben.

Wenn ich länger darüber nachdenke, dass auch ich als Veteranin gelte, verspüre ich mittlerweile ein wenig Stolz. Ich bin gern Soldatin und finde, dass der Begriff uns alle auf eine schöne Art und Weise verbindet.

„Ich selbst fühle mich definitiv als Veteran: nach über 17 Dienstjahren und 364 Einsatztagen.“

Foto: Privat

Nach einer Ausbildung zum technischen Zeichner bin ich 2007 freiwillig zur Bundeswehr. Zunächst als Fallschirmjäger, inklusive Afghanistaneinsatz. Später wurde ich Fahrlehrer und schließlich militärischer Brandschützer. Die Bundeswehr hat mir viele Ausbildungen ermöglicht – vom Lkw-Führerschein über Brandschutz bis zum Rettungssanitäter. Mittlerweile arbeite ich als Einsatzbeamter bei der Berufsfeuerwehr Nürnberg.

Die Zeit in der Truppe hat mich sehr geprägt: Disziplin, Pünktlichkeit und Kameradschaft begleiten mich bis heute. Ich bin sicher auch im Alltag strukturierter als der Durchschnittsbürger. Ein Beispiel: Ich habe im ganzen Haus Taschenlampen verteilt, falls mal der Strom ausfällt.

Begegnung in Kundus In Afghanistan war Sebastian W. während seines ISAF-Einsatzes 2008 oft auf Patrouille, bei denen er Land und Leute besser kennenlernte. Foto: Privat

Auszeichnung im Einsatz 2022 wird Sebastian W. bei der Medal Parade in Mali für seine Leistungen während MINUSMA gewürdigt. Foto: Bundeswehr

Gemeinsame Führung Während des Mali-Einsatzes arbeitete er mit den Gruppenführern der Militärfeuerwehr im Camp Castor eng zusammen. Foto: Bundeswehr

Eine Situation von damals ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: der 4. Oktober 2022 in Mali. Wir waren gerade dabei, unsere Fahrzeuge zu reinigen, als ein Kampfflugzeug der malischen Streitkräfte vom Typ Su-25 im Tiefflug übers Camp donnerte.

Ich dachte kurz, jetzt war’s das wohl. Sekunden später stürzte der Jet im Flughafenbereich von Gao ab. Es gab einen gewaltigen Feuerball. Wir haben uns sofort aufgemacht und sind zum Unfallort. Ich habe die Koordination übernommen. Neben den Bränden und den Leichen war die größte Herausforderung, dass sich im Feuer­bereich auch Munition befand – jede Sekunde zählte. Wir haben es geschafft, den Brand niederzukämpfen. Bis heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke. Der Vorfall hat mir aber auch gezeigt, wie gut ich in Stresssituationen funktioniere.

Traumjob bekommen Sebastian W. wollte schon immer Berufsfeuerwehrmann werden und ist sich sicher, ohne die Bundeswehr hätte er es nicht geschafft. Foto: Privat

Heirat in Uniform Bei der kirchlichen Trauung im Juni 2023 gibt Sebastian W. in Uniform seiner Frau das Ja-Wort. Foto: Privat

Veteraninnen und Veteranen sind für mich Menschen, die fest im Leben stehen und gewisse militärische Grundwerte verinnerlicht haben: Disziplin, Pünktlichkeit, Kameradschaft und Leistungswille. Für mich sind das in erster Linie diejenigen, die im Einsatz waren und herausfordernde Situationen erlebt haben. Deshalb tue ich mich mit der Definition der Bundeswehr etwas schwer.

Ich selbst fühle mich definitiv als Veteran: nach über 17 Dienstjahren und 364 Einsatztagen – außerdem vertrete ich auch die genannten Grundwerte. Ich glaube aber, wenn ich die Einsatzerfahrung nicht hätte, würde es mir schwerer fallen, mich so zu sehen. Das erste Mal, dass ich bewusst darüber nachgedacht habe, dass ich Veteran bin, war beim Abzug aus Afghanistan. Ich hatte irgendwo in den Medien gelesen, dass sich nichts verändert hätte und die geringe öffentliche Aufmerksamkeit ein harter Schlag für alle Afghanistan-Veteranen sei. In dem Moment wurde mir klar: Damit bin ja auch ich gemeint. Ich wünschte mir für alle Veteraninnen und Veteranen mehr Anerkennung. Dazu gehören auch mehr Sichtbarkeit im Alltag und eine bessere Darstellung in den Medien.

„Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mir das jetzt schon verdient hätte.“

Foto: Privat

Wenn ich Veteranin oder Vete­ran höre, denke ich an jemanden mit sehr langer Dienstzeit und auf jeden Fall auch mit einigen Auslandseinsätzen. Mir kommen Soldatinnen und Soldaten in den Sinn, die im Vietnamkrieg oder in einem anderen Kriegsgebiet gedient haben. Ich selbst fühle mich nicht so und fremdle ein wenig damit. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mir das jetzt schon verdient hätte.

Ich kann nachvollziehen, dass der Veteranenbegriff in Deutschland bewusst weit gefasst ist, um viele einzuschließen und ihnen Wertschätzung zu zeigen. Das finde ich grundsätzlich auch gut. Ich verstehe die formale Bedeutung, emotional kann ich mich damit im Moment aber noch nicht identifizieren. Was ich an der Bundeswehr am meisten schätze, ist die Gemeinschaft. Man lernt sehr schnell, sich auf andere zu verlassen und als Team zu funktionieren. Gleichzeitig übernimmt man früh Verantwortung. Ich habe schon nach kurzer Zeit gemerkt, dass ich mich verändert habe. Ich bin heute selbstbewusster und komme mehr aus mir heraus.

Feierliches Gelöbnis Sunny K. legte gemeinsam mit anderen Rekrutinnen und Rekruten der Marineunteroffizierschule ihren Eid ab. Foto: Privat

Starker Zusammenhalt Gemeinschaft ist das, was Sunny K. bei der Bundeswehr besonders schätzt. Während der Grundausbildung ist ihr Zug zusammengewachsen. Foto: Privat

Ich hatte die Truppe lange Zeit gar nicht richtig auf dem Schirm, obwohl meine Mutter bei der Bundeswehr war und mein Vater noch ist. Erst ein Praktikum im 1. Uboot­geschwader in Eckernförde hat das geändert. Die Kameradschaft und die sportliche Herausforderung haben mich überzeugt. Sport spielt für mich schon immer eine große Rolle. In der Bundeswehr kann ich das wie selbstverständlich in meinen Alltag integrieren.

Im August 2025 begann mein Freiwilliger Wehrdienst mit der Grundausbildung in Plön. Mittlerweile bin ich Zugtruppsoldatin in der Marineunteroffizierschule. Ich unterstütze die Ausbilder, kümmere mich um organisatorische Dinge und nehme ihnen Aufgaben ab.

Übung kommt von Üben Während der Grundausbildung sammelte sie beim Schießtraining erste Erfahrungen an der Waffe. Foto: Privat

Ich finde es wichtig, dass die Truppe gerade in der jetzigen Zeit Präsenz zeigt und ihre Werte nach außen trägt, vor allem gegenüber jungen Menschen. Die Erlebnisse und Möglichkeiten, die sich im Dienst ergeben, werden kaum gesehen. Meine Erfahrungen sind durchweg positiv: Ich habe Pünktlichkeit, Kameradschaft und Verantwortungs­bewusstsein gelernt – und bin oft über mich hinausgewachsen.

Mittlerweile weiß ich auch, was ich machen will: Nach meinem Freiwilligen Wehrdienst möchte ich Lehramt studieren – Sport und Englisch oder Kunst. Der Bundeswehr bleibe ich aber als Reservistin treu. Und wer weiß: Vielleicht fühle ich mich dann auch mehr als Veteranin.

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