Medical Intelligence and Information – MI2

Medical Intelligence and Information – MI2

  • Sanitätsdienst
  • Medizin & Gesundheit

In Auslandseinsätzen der Bundeswehr treten Gesundheitsrisiken auf, vor allem Infektionskrankheiten, die es in Deutschland nicht oder nur selten gibt. Eine der bekanntesten davon ist Malaria. Um die Soldatinnen und Soldaten von Beginn an zu schützen, stellt der Bereich Operative Medizinische Aufklärung und Information, im englischen Medical Intelligence and Information (MI2) Empfehlungen bereit, um solche Erkrankungen schon möglichst vor ihrem Auftreten zu verhindern.

Organisation und Zusammenarbeit: Informationen teilen

Der Bereich Operative Medizinische Aufklärung und Information, kurz MI2, untersteht dem Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr, konkret der Unterabteilung VI für Präventivmedizin, Vorbeugenden Gesundheitsschutz und Gesundheitsförderung. Er ist als zentraler Ansprechpartner zuständig für alle MI2-Themen.

Das MI2-Team recherchiert dazu unablässig, vor allem im Internet, bezieht seine Daten dabei nicht nur vom Sanitätsdienst der Bundeswehr, sondern steht in engem Austausch mit den Sanitätsdiensten und militärischen Dienststellen von Verbündeten und anderen Partnern. Gleichzeitig wird mit zivilen Fachinstituten, Dienststellen und Regierungs- sowie Nichtregierungsorganisationen zusammengearbeitet, wie dem Robert-Koch-Institut (RKI) oder der Weltgesundheitsorganisation (WHOWorld Health Organization). Auf internationaler Ebene pflegt MI2 den Kontakt zu permanent stationierten Verbindungsoffizieren bei einzelnen Staaten oder multilateralen Kooperationen, das heißt unter gleichberechtigter Beteiligung mehrerer Staaten.

Auftrag: Gesundheitsrisiken minimieren

Dafür sammelt und bewertet MI2 gesundheitsbezogene Erkenntnisse und Daten zu den Einsatzgebieten der Bundeswehr, ordnet diese in den kulturellen Kontext des Landes ein und stellt darauf basierende Empfehlungen zur Reduzierung von Gesundheitsrisiken bereit. Diese Informationen werden länderspezifisch und für jede Mission einzeln erstellt. Auf diese Art werden Gesundheitsrisiken für die deutschen Soldatinnen und Soldaten im Einsatz bestmöglich verringert. Neben dem Gesundheitsschutz des Einzelnen stärken die Empfehlungen insbesondere auch die Einsatzfähigkeit aller beteiligten Kräfte.

Der Einsatz moderner Computersysteme vereinfacht die Weitergabe der Informationen sowohl an das medizinische Personal im Einsatz als auch das militärische Führungspersonal. Dabei sind alle Vorgaben so formuliert, dass auch nicht-medizinische Kräfte sie verstehen und umsetzen können. Das gesammelte Fachwissen des Bereichs fließt bereits vor Beginn des Einsatzes in die Vorbereitungen von Einsätzen mit ein, wird in regelmäßigen Abständen überprüft, um die Gesundheit des eingesetzten Personals vor, während und nach dem Auslandsaufenthalt zu schützen. Dabei decken die Produkte von MI2 jeweils einen örtlich und zeitlich festgelegten Bedarf ab und sind stark auf Prävention, das heißt vorbeugend, ausgerichtet:

  • Das MEDINT Akut enthält einen Überblick über alle wesentlichen Gesundheitsrisiken für die jeweilige Mission, bewertet diese anhand der spezifischen Umstände und empfiehlt geeignete Gegenmaßnahmen.
  • Das Produkt MEDINT Aktuell beschreibt und analysiert ein konkretes Geschehen, meist den Ausbruch einer Krankheit, für den Fall, dass deutschen Kräfte zwar nicht betroffen sind, aber ein überregionaler Zusammenhang besteht. Dies ermöglicht der militärischen Führung sowie den politischen Entscheidungsträgern eine fundierte Entscheidung über mögliche weitere Schritte.
  • Die MEDINT Warnung ähnelt im Aufbau stark dem MEDINT Aktuell, wird aber erst veröffentlicht, wenn ein Gesundheitsereignis unmittelbar deutsche Soldatinnen und Soldaten betrifft und akuter Handlungsbedarf besteht.
Ein Blatt mit Empfehlungen und Grafiken

Ein Beispiel für die Berichterstattung über einen Ebola-Ausbruch im östlichen Kongo des Bereichs Operative Medizinische Aufklärung und Information (MI2), im englischen Medical Intelligence and Information

Bundeswehr

Abgesehen vom Inhalt unterscheiden sich die drei Produktarten darin, dass das MEDINT Akut ein „Pull“-Produkt ist, welches nur im Rahmen einer konkreten Anforderung erstellt wird. MEDINT Aktuell und MEDINT Warnung erstellt und verteilt der Bereich MI2 aufgrund eigener Erkenntnisse selbständig und ohne Anfrage.

An den internationalen Einsätzen der UNUnited Nations, OSZEOrganisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, NATO und EU können auch andere Behörden des Bundes oder der Länder beteiligt sein. Deswegen wird auch diesen Amtsträgern im Rahmen regelmäßiger einsatzbezogener Briefings das gesundheitsspezifische Fachwissen zur Verfügung gestellt.

Die Daten für die oben genannten Produkte werden auf unterschiedlichen Wegen gewonnen. Neben der Recherche im Internet, in Fachpublikationen und dem Rückgriff auf Berichterstattung sind eigene Datenerhebungen ein wichtiges Standbein der Arbeit von MI2.  

Team: Interdisziplinär arbeiten

Gesundheitsrisiken betreffen zwar vordergründig Menschen, doch häufig sind Tiere ein wichtiger Faktor für die Verbreitung einer Krankheit: Entweder erkranken sie ebenso daran, oder sie tragen die Erreger ohne das Auftreten von Krankheitszeichen in sich und stellen somit ein Reservoir dar, aus dem immer wieder Übertragungen auf Menschen geschehen können. Auch Umweltfaktoren wie das Klima oder Verschmutzung spielen als mögliche Gesundheitsrisiken eine große Rolle. Deshalb arbeiten im MI2-Team Experten verschiedenster Approbations- und Fachrichtungen interdisziplinär zusammen und sind eng mit anderen Experten vernetzt. Dieses multiprofessionelle Team besteht im Wesentlichen aus:

  • Ärzten der Fachrichtung: Tropenmedizin, Dermatologie, Mikrobiologie und Allgemeinmedizin
  • Tierärzten
  • Epidemiologen / Public Health-Spezialisten
  • Entomologen (Insektenkundler)
  • Ethnologen (Völkerkundler)
  • Gesundheitsaufsehern
  • Medizininformatikern
  • Spezialisten für Krisen- und Risikokommunikation.

Ein Beispiel für den Erfolg dieser fachübergreifenden Arbeit ist der Aufbau des Lagers Camp Marmal in Mazar-e Sharif in Afghanistan. In der Region ist die Erkrankung Leishmaniasis, auch „Aleppo-Beule“ genannt, sehr häufig und in der lokalen Bevölkerung weit verbreitet. Um die eingesetzten Kräfte zu schützen, erfolgte vor Errichtung des Lagers eine Erkundung durch Spezialisten für Tropenmedizin und Insektenkunde. Dabei analysierten sie den Entwicklungszyklus des Erregers in seinem tierischen Wirt, dem sogenannten Großen Gerbil, sowie die Übertragung desselben durch sogenannte Sandmücken. Aufgrund der Empfehlungen der Experten wurde das Lager so gestaltet, dass die Übertragung der Erkrankung im Lagerbereich nahezu vollständig unterbunden werden konnte. Dies gelang vor allem durch infrastrukturelle Maßnahmen, wie zum Beispiel der Abtragung von Boden sowie Schotterung und Asphaltierung des Areals, die den Gerbils die Lebensgrundlage im Lager entzogen und sie zur Abwanderung in ein Gebiet außerhalb des Feldlagers zwangen. Zudem machte man sich die speziellen Eigenschaften der Sandmücken zu Nutze, wie niedrige Flughöhe und kurze Reichweite, um mit einem Sicherheitsstreifen und einer Mauer den Einflug der Insekten von außen auf ein Minimum zu begrenzen.

Projekte: Surveillance und Digitalisierungsprojekte

Eine weitere wichtige Säule des Gesundheitsschutzes im Einsatz ist die Surveillance der eigenen Population. Dies bedeutet fortlaufende systematische Sammlung, Analyse, Bewertung und Bereitstellung von Gesundheitsdaten der eigenen Soldatinnen und Soldaten, wie zum Beispiel Fallzahlen bestimmter Erkrankungen, oder auch Krankheitsüberträgern.

Hierfür werden in den Einsatzgebieten Insekten gefangen und ausgewertet, ob und wieviel Stechmücken am Standort vorkommen. Weiterhin wird überprüft, ob es sich um mögliche Überträger gefährlicher Erkrankungen wie Malaria handelt, oder es nur lästige Blutsauger sind. Zudem werden die gefangenen Tiere nach der Bestimmung vor Ort nach Deutschland verschickt, um im Labor auf Erreger getestet zu werden.  Die durch dieses Vorgehen über Jahre gesammelten Daten bilden eine wichtige Grundlage für die Entwicklung und Beurteilung der Bedrohungslage an festen Standorten der Bundeswehr im Ausland.

Hinsichtlich der digitalen Erfassung von Krankheitssymptomen bei Soldaten befindet sich ein syndrombasiertes Surveillance-Projekt für Einsatzgebiete der Bundeswehr zurzeit in der Testphase: das Real Time Early Warning Surveillance Information and Support Tool (RESIST). Hierfür werden anonymisiert die Symptome von Kräften erfasst, die sich im Einsatz krankmelden. Aus diesen Symptomen lassen sich aufgrund von fachlich belegten Wahrscheinlichkeiten sogenannte Syndrome ableiten, die eine ungefähre Abschätzung möglicher Diagnosen erlauben. Je schneller diese Eingabe erfolgt, desto mehr Krankheitsfälle können durch rechtzeitige Gegenmaßnahmen abgewehrt werden. Studien zeigen, dass eine symptombasierte Surveillance circa 70 Prozent der Fälle effektiv verhindern kann, während das Abwarten bis zur endgültigen Diagnose nur gut 10 Prozent aller Fälle vorbeugt.

Ansprechpartner

  • 24/7-MEDINT-Hotline:

    Rund um die Uhr steht ein Experte des Sanitätsdienstes für Fragen zur Prävention und fachlichen Beratung zu einsatzspezifischen Erkrankungen zur Verfügung.