Veranstaltung

„Die ganze Thora, während ich auf einem Bein stehe“: Militärrabbinat feiert Schawuot

„Die ganze Thora, während ich auf einem Bein stehe“: Militärrabbinat feiert Schawuot

  • Jüdische Militärseelsorge
  • Militärrabbinat
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
3 MIN

Zur Einstimmung auf das „Wochenfest“ (Schawuot) mit dem Militärbundesrabbiner Zsolt Balla lud das Militärrabbinat am 2. Juni 2022 in die Zentrale des Militärrabbinats im Planungsamt in Berlin ein. Bei einem kleinen Snack sprachen der Militärbundesrabbiner und die Leiterin des Militärrabbinats, Dr. Angelika Günzel, übers Lehren und Lernen sowie über Anfänge und Aufbau der Jüdischen Militärseelsorge.

Zwei Männer mit Kippa und zwei Frauen in Uniform im Gespräch

Ein paar Tage vor dem Wochenfest (Schawuot) trafen sich unter anderem Andras Hecker vom Militärrabbinat und Zsolt Balla, der Militärbundesrabbiner, mit jüdischen Soldatinnen und Soldaten.

Thilo Pulpanek/Bundeswehr

Schawuot, das Fest, an dem der Empfang der Thora gefeiert wird, steht am Ende der siebenwöchigen Frist nach dem Ende des Pessachfests, der Omer-Zeit. Die Impulse des Militärbundesrabbiners zu den Wochen finden Sie hier beim Link zu unserem Omer-Zählen. Sogar der Name des Feiertags leitet sich von diesem Zeitrahmen ab und bedeutet übersetzt einfach „Wochen“, weshalb Schawuot auch als „Wochenfest“ bezeichnet wird. Doch Schawuot ist gleichermaßen Abschluss wie Anfang: Es bildet den Beginn der Auseinandersetzung mit der Thora, den Beginn einer schriftlichen Tradition, in der jede Generation die Erklärungen und Interpretationen erweitert und so einen Beitrag zum Aufbau eines lebendigen Textkorpus leistet.

Eine Seite aus einem hebräischen Text auf Papier gedruckt.

Textstelle aus der Gemara, des talmudischen Kommentars zur Mischna, der mündlichen Thora, aus der Militärbundesrabbiner Zsolt Balla vortrug.

Bundeswehr/Thilo Pulpanek

Im Aufbau befindet sich auch das Militärrabbinat, wie Leiterin Dr. Günzel referierte. Nach einem knappen Jahr Arbeit gibt es noch viel zu tun, doch nach und nach entstehen Strukturen und werden mit Leben gefühlt. Noch in diesem Jahr werden sich weitere Militärrabbiner dem Team anschließen, weitere Außenstellen des Militärrabbinats bezogen und eine erste Fortbildung für Rabbinatshelferinnen und -helfer durchgeführt. Schon jetzt beteiligt sich das Militärrabbinat am Lebenskundlichen Unterricht und an multireligiösen Veranstaltungen mit Vertreterinnen und Vertretern der evangelischen und katholischen Militärseelsorge. Eine zu Schawuot besonders erfreuliche Mitteilung: Auch das Militärrabbinat wird eine eigene Thora-Rolle bekommen. Eine solche soll demnächst bei einem Sofer, dem Schreiber, speziell für das Militärrabbinat in Auftrag gegeben. 

Schawuot Angelika Günzel

Die Leiterin des Militärrabbinats, Dr. Angelika Günzel, nutzte die Veranstaltung, um über die Entwicklung der Jüdischen Militärseelsorge zu informieren.

Bundeswehr/Thilo Pulpanek

Gefeiert wird Schawuot, indem die ganze Nacht hindurch die Thora gelernt wird. Entsprechend fokussierte sich der Militärbundesrabbiner Balla in seinem Schiur (Lerneinheit) darauf, was Jüdinnen und Juden meinen, wenn sie über Thora lernen (und lehren) sprechen. Am Beispiel eines Ausschnitts aus der Gemara (des talmudischen Kommentars zur Mischna, der mündlichen Thora) führte Rabbiner Balla vor, wie die Auseinandersetzung mit dem Text im Talmudstudium in der Praxis aussieht.

Gleichermaßen ging es in der Gemara-Stelle selbst um Lernen und Lehren – am Beispiel von Hillel und Schammai. Beide dieser bedeutenden Weisen aus der Zeit der Verschriftlichung der Mischna (1. Jh. der Zeitrechnung) suchte ein Mann auf, der Jude werden wollte. Beiden stellte er die Bedingung auf: „Mache mich zum Proselyten, den Konversionskandidaten, unter der Bedingung, dass du mich die Weisung ganz und gar lehrst, während ich auf einem Bein stehe!“ Während Schammai den Mann mit einem Meßbrett wegstieß, akzeptierte Hillel die Bedingung und sagte zu ihm: „Was dir verhasst ist, das tue deinem Genossen nicht an! Das ist die Weisung ganz und gar, das andere ist ihre Auslegung. Geh und lerne!“ (Schabbat 31a; Übersetzung nach Reinhold Mayer)

Schawuot Rabbiner Balla lernt

Militärbundesrabbiner Zsolt Balla erzählte in seinem Schiur, einer Lerneinheit, was Jüdinnen und Juden meinen, wenn sie über das Thora-Lernen sprechen.

Bundeswehr/Thilo Pulpanek

Anhand der Reaktionen der beiden Weisen hob der Militärbundesrabbiner den Unterschied zwischen dem Fokus der beiden Weisen hervor: Während Schammai sich auf den Wortsinn der Frage konzentriert, nimmt Hillel den Menschen hinter der Frage in den Blick. Die ganze Lehre (die ganze Thora) kann gar nicht in einer solch kurzen Zeit vermittelt werden, wie es der fragende Mann verlangt. Deswegen erachtete der vielbeschäftige Schammai diese Bedingung als Zeitverschwendung (und mit dem Meßbrett auf seine Haupttätigkeit als Bauingenieur verwies). Hillel verstand wiederum, dass es dem Fragenden eigentlich nicht um den Text der Weisung ging, sondern darum, mittels einer Zusammenfassung ein Grundverständnis zu erhalten. Gleichzeitig darf ein solches abgekürztes Verständnis lediglich den Anfang der Auseinandersetzung mit der Lehre bilden. Diesem Anfang muss ein lebenslanges Dazulernen folgen – woran uns jährlich auch Schawuot erinnert.


von Alexander Rasumny  E-Mail schreiben