Heer

Modernisierung ist kein Selbstläufer

Modernisierung ist kein Selbstläufer

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Datum:
Ort:
Strausberg
Lesedauer:
8 MIN

Das Deutsche Heer braucht zur Aufgabenerfüllung und Modernisierung im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung eine verlässlich und dauerhaft steigende Investitionsquote.

Porträtaufnahme eines Generals

Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Jörg Vollmer

Bundeswehr/Marco Dorow

Auch im vergangenen Jahr sind wir konsequent den Weg der Re-Fokussierung auf Landes- und Bündnisverteidigung weitergegangen. Das Heer hat sich weiterhin als verlässlicher Akteur bei der Umsetzung der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Gipfelbeschlüsse von Wales, Warschau und Brüssel gezeigt. Unser Beitrag zu Enhanced Forward Presence und die Gestellung der VJTFVery High Readiness Joint Task Force (L) 2019 sind sichtbare Beispiele dieser Verlässlichkeit. Aber es bleibt viel zu tun, damit wir unsere im Rahmen der Allianz getätigten Zusagen im Bereich der Landstreitkräfte bis 2031 vollumfänglich erfüllen können.

Nachdem das vergehende Jahr 2019 von mir als das „Jahr der Umsetzung“ bezeichnet worden war, sehe ich mit Blick auf die Realisierung der Wegmarken VJTFVery High Readiness Joint Task Force (L) 2023 und der Division 2027 das kommende Jahr als ein Schlüsseljahr.

Verlässliche Bereitstellung von Kräften

Wir stehen in sieben Einsätzen der NATONorth Atlantic Treaty Organization, der EUEuropäische Union und der Vereinten Nationen. Hinzu kommen die VJTFVery High Readiness Joint Task Force (L) und die enhanced Forward Presence Battle Group in Litauen. Die Soldatinnen und Soldaten können auf ihre dort gezeigte Professionalität zu recht stolz sein. Die Verpflichtungen werden auch 2020 bestehen bleiben. Zusätzlich werden wir parallel zur deutschen EUEuropäische Union-Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte 2020 die EUEuropäische Union Battle Group unter deutscher Führung stellen. Gemeinsam mit den in Vorbereitung befindlichen Kräften sowie mit den internationalen Ausbildungsverpflichtungen werden auch im kommenden Jahr durchweg ca. 19.000 Soldatinnen und Soldaten – etwa ein Drittel des Heeres – gebunden sein.

Es gibt keine Verschnaufpause. Das Aufgabenprofil der Landes- und Bündnisverteidigung unterscheidet sich grundlegend vom Internationalen Krisenmanagement wie in Afghanistan oder Mali. Wir müssen zukünftig, auch ohne längere Vorbereitungszeiten zur Kontingentzusammenstellung, Großverbände des Heeres aus dem Stand verlegen können. Dies ist eine neue Qualität.

Das Halten hoher Bereitschaftsgrade, kurze Reaktionszeiten und regelmäßiges Verlegen mit eigenem Großgerät haben unsere Abläufe gefestigt und die Kräfte im Heer querschnittlich geschult. Erhöhter materieller Verschleiß ist die Folge. Die Auslastung stößt an Grenzen und erfordert klare Priorisierungen.

Fähigkeitsprofile und der Plan Heer als Kompass

Wir haben mit dem Plan Heer alles darangesetzt, die richtigen Weichen zu stellen. Es lässt sich objektiv nachhalten, dass wir materiell besser aufgestellt sind als im Jahr zuvor. Beispiele sind der begonnene Zulauf des Brückenlegepanzers Leguan, weiterer Boxer, die Übergabe der ersten LKWLastkraftwagen der modernen Baureihen sowie der Zusatzausstattung für den Infanteristen der Zukunft.

Grafische Darstellung des Plans für das Heer

Der Plan Heer

Bundeswehr

In der Umsetzung des Fähigkeitsprofils 2018 und den damit verbundenen Rüstungsbeschaffungen sind noch nicht alle Forderungen des Heeres erfüllt. Das hat bei vielen Projekten planerische und industrieseitige Gründe – bestimmtes Material kann bis dahin nicht projektiert oder in der notwendigen Qualität beschafft werden, es liegt aber auch an den für das Heer verfügbaren Geldmitteln. Hier werden wir nicht nachlassen, insbesondere für jedes in der Realisierung gefährdete Projekt der VJTFVery High Readiness Joint Task Force (L) 2023 zu kämpfen, denn die im Plan Heer formulierten Ziele sind richtig und müssen weiterhin die Richtschnur bilden.

Pflicht zur Einsatzbereitschaft

Die sicherheitspolitische Lage und die Erfordernisse der Bündnisverteidigung fordern von uns verpflichtend die Einsatzbereitschaft deutlich zu erhöhen. Die Erwartungen unserer Partner an leistungsfähige Landstreitkräfte Deutschlands sind zu Recht hoch. Die Großverbände des Heeres müssen daher so kampfkräftig, modern, überlegen und vollausgestattet werden, dass sie glaubhaft zur Abschreckung mit kurzen Reaktionszeiten beitragen können. Derzeit fehlen auf dieser Ebene ausreichende organische Fähigkeiten. Insbesondere im Bereich zusätzlicher Fernmeldekräfte, zusätzlicher Pioniere und zusätzlicher Artillerie gehen wir dies durch die Reinvestition von freiwerdenden Planstellen aus den aufzulösenden Offizieranwärterbataillonen und perspektivisch der Unteroffizier- und Feldwebelanwärterbataillone an.

Die Anpassung der Führungsorganisation des Heeres wird sich nahtlos in die neue Führungsorganisation der Bundeswehr insgesamt einfügen. Wir brauchen wieder eine Führungsfähigkeit im Heer, welche den Anforderungen zur Gestellung von Großverbänden der Landstreitkräfte im Kontinuum von Frieden-Krise-Krieg bruchfrei gerecht wird. Darüber hinaus sind die Maßnahmen darauf ausgerichtet, die Fähigkeiten im Bereich Zukunfts- und Rüstungsplanung auf der Ebene Kommando Heer zu stärken und in der bisherigen Struktur identifizierte Defizite zu beseitigen.

Modernisierung unter Wahrung der Ausbildungsfähigkeit

Die erfolgreiche Umsetzung der Digitalisierung ist das entscheidende Zukunftsthema des Heeres. Ausreichende Finanzierung und rasches Handeln sind geboten, um nicht gänzlich den Anschluss an unsere Verbündeten und Partner zu verlieren. Die Anstrengungen dafür werden die Truppe bei laufender Einsatzgestellung erheblich fordern. Die Einrüstung der Gerätesätze in alle Gefechts- und Führungsfahrzeuge des Heeres (knapp 27.000 Plattformen) wird daher über einen mehrjährigen Zeitraum verteilt werden, um den Großverbänden die planbare Verfügbarkeit des Geräts zu ermöglichen.

Ein Kampfpanzer fährt rasant durch sandiges Gelände, Staubwolken wirbeln auf.

Übung mit dem Kampfpanzer Leopard 2 im Gefechtsübungszentrum in der Letzlinger Heide

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Notwendige Modernisierungen, etwa bei einem Teil der Leopard 2-Flotte, dulden keinen Aufschub mehr. Diese Maßnahme, aber z.B. auch die technische Angleichung des Konstruktionsstands der verschiedenen (Vor-)Serien des Schützenpanzers Puma, werden der Truppe in den nächsten Jahren das so dringend für die Ausbildung benötigte Material in spürbarem Umfang über einen längeren Zeitraum entziehen.

Obwohl diese Maßnahmen am Ende zu einem moderneren und damit leistungsfähigeren Heer führen, wirken sie für den Moment den objektiven Erfolgen der Trendwende Material in den betroffenen Verbänden entgegen. Dies bedarf der Erläuterung und des Werbens für Verständnis in der Truppe. Gemeinsam müssen alle Anstrengungen darauf ausgerichtet bleiben, die Ausbildungsfähigkeit des Heeres in dieser Zeit der Modernisierung zu erhalten. Im Zusammenwirken mit der Truppe muss die richtige Balance gefunden werden. Ich will erreichen, dass die Industrie die Maßnahmen vertragskonform durchführen kann, um der Truppe das Material nur so kurz wie möglich zu entziehen. Nur erfolgreiche Modernisierungsmaßnahmen, die im Plan verlaufen, tragen entscheidend zur Stärkung der Befähigung zur Landes- und Bündnisverteidigung bei. Wir müssen auf die Leistungsverlässlichkeit der Industrie zählen können. Einige der Projekte der letzten Zeit haben das Vertrauen in diese Verlässlichkeit nicht gerade gestärkt. Das müssen wir gemeinsam für die Zukunft ändern.

Personal und Ausbildung für die Aufgaben der Zukunft

Auch wenn die Personalbefüllung im Heer auf den ersten Blick ausreichend erscheint, so darf es nicht die Sicht dafür verstellen, dass wir in den nächsten Jahren vor großen Herausforderungen stehen werden. Attraktivität, Führungskönnen und Einsatzbereitschaft des Heeres müssen gleichzeitig gesteigert werden.

Es gilt, die Attraktivität des Soldatenberufes nach den erreichten gesetzgeberischen Erfolgen dieses Jahres (Stichworte Einsatzbereitschaftsstärkungsgesetz und Besoldungsstrukturenmodernisierungsgesetz) weiter zu erhöhen. Vollausstattung mit überlegenem Großgerät ist der entscheidende Faktor für die Motivationslage im Heer. Ausbildung und Übung mit dem eigenen Gerät werden als attraktiv und erfüllend empfunden.

Soldaten stehen in Reihen vor einem Gebäude und wenden ihre Köpfe zur rechten Seite.

Soldaten sind vor dem Reichstag in Berlin, dem Sitz des Bundestages, angetreten.

Bundeswehr/Andrea Bienert

Besonderes Augenmerk lege ich auf den Führungsnachwuchs. Die Neustrukturierung der Grundausbildung mit der Zielrichtung der ersten Wochen auf Stärkung der Robustheit und Fitness hat sich bewährt. So erreichen wir auf der Zeitachse für die folgenden Ausbildungsabschnitte einen geistig und körperlich leistungsfähigen Soldaten. Ausreichende Belastbarkeit bildet die Grundlage für fordernde Ausbildung und gibt auch unseren Ausbildern Sicherheit.

Die Offizierausbildung haben wir mit dem Ziel der Dezentralisierung der Ausbildung und der Prägung des Führernachwuchses im Dreiklang Offizier der Truppengattung, Offizier des Heeres, Offizier der Bundeswehr angepasst. Die Ausbildung der jungen Offizieranwärter wird wieder in die Truppe verlagert. Die positiven Effekte der frühen Truppenbindung und der frühen Prägung in der jeweiligen Truppengattung halte ich für ausschlaggebend für das gesamte Soldatenleben. Das eigene Erleben hilft, die Anforderungen an die Truppe besser einzuschätzen und die eigene Handlungssicherheit als zukünftiger Führer, Erzieher und Ausbilder zu erhöhen.

Diese Dezentralisierung der Ausbildung hat direkte Auswirkungen auf die Verbände. Die Rückführung der Spezialgrundausbildung der Offizieranwärter oder Truppenpraktika zurück in die Truppe binden Material und Personal. Trotz der Kraftanstrengung bin ich aber überzeugt, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Im Fahrwasser der Umstellung der Offizierausbildung wird die Umstellung der Ausbildung der Unteroffiziere und Feldwebel im Jahr 2022 folgen. Auch hier soll Truppennähe zur Prägung von Handlungssicherheit und Charakterfestigkeit beitragen.

Anpassungen vollziehen wir auch im Bereich „Taktik zur Führung im Gefecht in Landes- und Bündnisverteidigung“. Ich habe entschieden, ab diesem Jahr die Heerestaktische Weiterbildung nach altbewährter Art wiedereinzuführen: mit Fernaufgabe, Zusammenziehung und Geländebesprechung. Mir kommt es darauf an, das taktische Verständnis zu schärfen, ebenengerechte Entschlussfreudigkeit zu fördern und die Freude an der Taktik wieder zu wecken. Ich bin überzeugt davon, dass wir wieder zu klareren taktischen Begriffen und einem gemeinsamen und präzisen Zeichenvorrat zurückkehren müssen. Deshalb habe ich ebenfalls eine Überarbeitung der Truppenführungsvorschriften des Heeres beauftragt, um wieder die Klarheit der Begriffe herbeizuführen.

Strategie der Reserve – ein Paradigmenwechsel

Mit der Verabschiedung der Strategie der Reserve haben wir einen wichtigen Meilenstein erreicht, der auch unseren Partnern gegenüber unterstreicht, dass wir es mit der Bündnisverteidigung ernst meinen. Im Deutschen Heer werden zukünftig rund 60.000 aktive Soldatinnen und Soldaten und zusätzlich bis zu ca. 20.000 Reservistinnen und Reservisten dienen. Vor dem Hintergrund der Aufgabenstellung erreicht die Rolle der Reserve eine neue Qualität. Über Jahre gut ausgebildete Soldatinnen und Soldaten dürfen dem Heer nicht verloren gehen. Dieses Personal wollen wir vor ihrem Ausscheiden in Verantwortung des abgebenden Verbandes als zukünftige Reservedienst Leistende tief in die aktiven Strukturen im Heer einbinden. Die Planungen zur Umsetzung laufen.

Bewaffnete Soldaten kämpfen in einer mit Baumstämmen befestigten Stellung.

Während der Reserveübung Haffschlag des nicht-aktiven Panzergrenadierbataillons 908 wird der Angriff auf ein Stellungssystem geübt.

Bundeswehr/Marco Dorow

Im Heer wollen wir perspektivisch über den Rahmen der jetzt verpflichtenden Grundbeorderung für sechs Jahre hinaus den verlässlichen Zugriff auf dieses Personal gewinnen. Diese Diskussion müssen wir führen. Nur so wird es uns gelingen, auch unterhalb der Schwelle Spannungs- oder Verteidigungsfall, insbesondere in hybriden Bedrohungslagen, ausgebildete Reservisten vorzuhalten, die schnell und flexibel integriert werden können und so die Aufwuchsfähigkeit des Heeres gewährleisten.

2020 - ein richtungsweisendes Jahr

Auch in 2020 bildet die verlässliche Gestellung von gut ausgebildeten Kräften für mandatierte Einsätze und einsatzgleiche Verpflichtungen die Richtschnur des Handelns. In 2020 gilt daher vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen dem Erhalt der Ausbildungsfähigkeit im Heer besonderes Augenmerk. Wer das hochintensive Gefecht beherrscht, kann auch Internationales Krisenmanagement. Maßnahmen der Modernisierung und Digitalisierung müssen mit den Ausbildungserfordernissen ausbalanciert werden.

Den wesentlichen Faktor bildet die Einsatzbereitschaft unseres Großgeräts. Hier müssen wir deutlich besser werden. Arbeiten wir gemeinsam mit der Beschaffungsorganisation und der Industrie daran, unter klarer Verantwortungszuteilung und mit gegenseitiger Wahrhaftigkeit.

Der „Plan Heer“ beschreibt den Weg und die Ambition des Heeres, die von der Politik gemachten Zielvorgaben zu erfüllen. Die Beibehaltung dieses Wegs hin zur modernen Vollausstattung ist entscheidend, um tatsächliche Einsatzbereitschaft vollumfänglich herzustellen. Nur so greifen Ausrüstung, Organisation, Personal und Ausbildung ineinander und nur so werden wir die der NATONorth Atlantic Treaty Organization zugesagten einsatzbereiten Brigaden und Divisionen bereitstellen können. Dafür muss allerdings eine Grundvoraussetzung erfüllt werden. Wir brauchen in den kommenden Finanzhaushalten eine verlässlich steigende Investitionsquote in das Deutsche Heer. Denken in Einzelprojekten, sequentielles Handeln und „Fahren auf Sicht“ wird zum Scheitern führen.

Ich blicke aufgrund des ausdrücklichen Unterstützungswillens unserer Führung und der hervorragenden Leistungs- und Einsatzbereitschaft unserer Soldatinnen und Soldaten trotz fordernder Rahmenbedingungen dennoch zuversichtlich nach vorn. Für die Erreichung unserer Ziele wird das kommende Jahr die Marschrichtung bestimmen.

von Jörg Vollmer

Wir sagen Danke!

Die Spitzen des Ministeriums und der Truppe bedanken sich bei den Soldaten, Soldatinnen und den zivilen Mitarbeitern der Bundeswehr.

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