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Der Fallschirmprüfer

Der Fallschirmprüfer

  • Spezialkräfte
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Datum:
Ort:
Calw
Lesedauer:
8 MIN

Hauchdünnes Gewebe, ein paar Millimeter dicke Leinen, Gurte und Blechösen. Viel mehr Teile besitzt ein Fallschirm nicht. Dennoch muss das Material extremer Belastung standhalten. Egal, ob Kommandosoldaten samt ihrer Ausrüstung oder ganze Fahrzeuge oder Palletten an ihm in der Luft hängen – bei jeder Witterung muss der Fallschirm zu 100 Prozent verlässlich sein. Dieser Mann und sein Team sorgen dafür, dass die Soldaten auf die Fallschirme des Kommandos Spezialkräfte (KSKKommando Spezialkräfte) vertrauen können.

Ein Soldat breitet einen grünen Fallschirm auf einem Tisch in einer Halle aus.

Stabsfeldwebel Rainer L. ist Prüfer für Sprungsysteme beim Kommando Spezialkräfte. Er muss jede Schadstelle an einem Fallschirm erkennen.

Bundeswehr/Marco Dorow

Ein Riss in der Kappe, poröses Material oder auch scharfkantige Metallteile: Der Zahn der Zeit nagt auch an den Ausrüstungsgegenständen der Kommandosoldaten. Bereits ein kaum sichtbarer technischer Mangel an einem Sprungsystem kann verheerende Folgen haben und im schlimmsten Fall zum Absturz führen. Stabsfeldwebel Rainer L.* ist Fallschirmprüfer beim KSKKommando Spezialkräfte. Im technischen Bereich am Standort Calw gehen der 45-Jährige und sein Team in den sauberen, lichten Hallen mit sehr viel Akribie vor. Sie führen die Dokumente jedes einzelnen Schirms penibel, untersuchen das Material auf Beschädigungen, pflegen, reparieren und schreiben es wieder lufttauglich. „Ein Sprungsystem gilt als ein Luftfahrtgerät und ist damit zu handhaben wie ein Flugzeug. Der Springer, der sich in der Luft befindet, ist ein Luftfahrer, im zivilen Sprachgebrauch auch Luftsportgeräteführer genannt, mit einer Pilotenlizenz. Diese braucht man, sobald man sich eigenständig in der Luft bewegt“, erklärt der Prüfer, der gelegentlich selbst mit den Systemen springt.

Welchen Fallschirm nutzt das KSKKommando Spezialkräfte?

Ein Soldat hängt an einem Fallschirm, hinter ihm ein roter Abendhimmel.

Für ihre verschiedenen Aufträge stehen Kommandosoldaten diverse Sprungsysteme zur Verfügung.

Bundeswehr/Kommando Spezialkräfte

Das KSKKommando Spezialkräfte nutzt viele verschiedene Systeme, angepasst an den jeweiligen Verwendungszweck. Das aktuelle Einsatzsystem, mit dem Kommandosoldaten per Luft an ihren Einsatzort gelangen, heißt TW9-402. TW steht für Twinsystem. Es bedeutet, der Reservefallschirm und der Hauptschirm haben die gleiche Größe. Beim Schirm selbst spricht man auch von einer Kappe. Die Reservekappe muss Leben retten und die Notlandung ermöglichen. Die Zahl 402 steht für die Quadratfuß. Das sind umgerechnet rund 37 Quadratmeter Gesamtfläche des seidenen Luftsegels. Der Schirm ist ausgelastet für ein maximales Gesamtgewicht von gut einer Vierteltonne. Der TW9 unterscheidet sich von Rundkappenfallschirmen, mit denen bereits im Zweiten Weltkrieg die Soldaten beim D-Day in der Normandie gelandet sind. Bei der Rundkappe hakt sich der Springer in der Maschine in ein Ankerseil ein. Der Fallschirm wird dann durch eine Aufziehleine ausgelöst, indem der Soldat das Luftfahrzeug per Sprung verlässt. Die Aufziehleine wird gestrafft, öffnet die Packhülle, gibt den Verpackungssack frei und zieht die Rundkappe aus dem Verpackungssack bis zur Entfaltung. Danach strömt Luft ein und der Springer hängt unterhalb der Maschine. Der TW9 wird hingegen durch den Soldaten selbst, also manuell ausgelöst. Ein kleinerer Hilfsschirm bringt dabei den Hauptschirm des 20 Kilogramm schweren Systems zur Entfaltung.

Lebensversicherung inklusive

In einem langen Regal liegen verpackte grüne Reservefallschirme hintereinander.

Ein Reserveschirm ist die Lebensversicherung des Fallschirmspringers.

Bundeswehr/Marco Dorow

Was passiert, wenn der Springer selbst nicht mehr in der Lage ist, den Schirm auszulösen? „Die Lebensversicherung nennt sich Höhenautomat“, erklärt Rainer L. an einem verpackten Schirm. „Unsere KSKKommando Spezialkräfte-Soldaten nutzen den automatischen Höhenauslöser Cypres AAD (Automatic Activation Device). Vor jedem Sprung wird er aktiviert und kalibriert sich automatisch auf die richtige Höhe.“ Wenn der Springer nicht selbst auslöst, würde schließlich der Automat ab einer bestimmten Höhe immer die Reserve auslösen. Das Prinzip funktioniert so: Ein rasierklingenscharfer Schneidbolzen wird durch eine Treibladung nach vorn bewegt und durchschneidet den Loop des Reservecontainers. Das führt zur Öffnung der versiegelten Reservekappe, ohne den Springer zu verletzen. Eine solche Lebensversicherung ist übrigens Pflicht, sowohl bei zivilen Verbänden als auch beim KSKKommando Spezialkräfte.

Der Fallschirm-TÜV

Ein Soldat hält ein kleines Siegel in der Hand.

Mit seinem persönlichen Siegel bescheinigt Prüfer Rainer L. die Sicherheit des Sprungsystems und stempelt damit die Akte jedes Fallschirms ab.

Bundeswehr/Marco Dorow

Die Systeme werden alle nach bestimmten Kriterien geprüft, aber mindestens einmal pro Jahr. Die Prüfungseinrichtung ist vergleichbar mit dem TÜV. Dann schauen Prüfer wie Rainer L. mit kritischem Blick über das komplette System. „Die Systeme kommen aber nicht nur wegen der routinemäßigen Prüfung zu uns, sondern auch, wenn die Packer oder Springer selbst einen Schaden feststellen“, erklärt der Stabsfeldwebel. Die Fallschirmprüfer haben ihren Bereich in drei Teile gegliedert, die, wie an einer Perlenkette, hintereinander liegen. Vom Packbereich, wo die Fallschirme für den Sprung gepackt werden, geht es zum zentralen Prüfbereich, in dem die Prüfer sitzen. Dahinter kommt erst der Instandsetzungsbereich. Somit werden alle Aktivitäten von den Prüfern überwacht und gesteuert, damit den Profis nichts durch die Lappen geht. Der Instandsetzungsbereich ist eine Großraumtextilwerkstatt mit massiven Nähmaschinen und jeder Menge Garn und Flickmaterial. Hier machen zwei zivile Instandsetzerinnen die Systeme mit geschickten Handgriffen wieder flott. Der Fallschirm-TÜV ist sehr zeitaufwendig. Für eine komplette Prüfung, ohne nötige Reparaturen, setzen die Prüfer fast viereinhalb Stunden pro System an.

Wie läuft die Prüfung ab?

Ein Soldat breitet einen grauen Fallschirm vor einer Lichtquelle aus.

Mit viel Licht lassen sich winzige Beschädigungen am Sprungsystem erkennen. Die Prüfer gehen mit viel Akribie vor, um den Springern Sicherheit zu bieten.

Bundeswehr/Marco Dorow

„Die Prüfung verläuft nach einem festgelegten Schema“, sagt Stabsfeldwebel L., während er eine der vielen braunen Mappen aus dem geordneten Regal entnimmt. Die Vorschrift enthält eine Prüfanweisung. Dort ist alles bis ins Kleinste beschrieben, wie die Prüfer vorgehen müssen, um das gesamte System zu checken. Mit den Papieren geht der Prüfer an die Kappe, die bereits in der Prüfeinrichtung an der Decke der Halle, wie eine Gardine, hängt. Die Einrichtung ist mit hellen Neonröhren beleuchtet. Der Prüfer kann dadurch Schäden am Schirm, jeden noch so winzigen Riss erkennen, der während des Fluges zur Gefahr werden kann. „Wenn die Kappe beschädigt ist, schreiben wir Instandsetzungsaufträge. Dann geht das Material in die hauseigene Instandsetzung und abschließend zurück zu uns in die Prüf, wie der Bereich von uns genannt wird.“

Ein Soldat untersucht einen grauen Fallschirm in einer hellen Halle.

Ein Teppich am Boden der Prüfeinrichtung verhindert Beschädigungen am sensiblen Material der Sprungsysteme.

Bundeswehr/Marco Dorow

Bei der Prüfung wird die Kappe an die Prüfeinrichtung, eine Art Gestell an der Decke der Halle, gehangen. Sie ist mit hellen Röhren beleuchtet. Die Prüfer schauen sich den gesamten Schirm noch mal genauer an, insbesondere instandgesetzte Stellen. Ist alles repariert und das gesamte System für ein weiteres Jahr als lufttüchtig gekennzeichnet, geht das System in die Packgruppe nebenan. Dort packt dann ausgebildetes Packpersonal den Reserve- und den Hauptfallschirm so, dass der Springer nur noch aus dem Luftfahrzeug springen muss. „In der Regel wird die Hauptkappe durch den Springer auch selbst gepackt. Das lernt er bei seiner Ausbildung“, beschreibt der Stabsfeldwebel. „Das hat den Hintergrund, dass der Springer selbst das Vertrauen in den Schirm und das Material gewinnen muss.“ Ein Fallschirmspringer braucht in der Regel dafür zwanzig Minuten. Danach kann er direkt wieder den nächsten Sprung absolvieren.

Kleiner Schaden, große Wirkung

Ein Soldat schneidet in ein Stück Stoff, das vor ihm auf einem Tisch ausgebreitet liegt.

In der hauseigenen Näherei können kleine Schäden an den kostbaren Fallschirmen repariert werden.

Bundeswehr/Marco Dorow

„Der minutiöse Check ist sinnvoll“, verdeutlicht Rainer L. „Die Systeme werden teilweise stark beansprucht. Es gibt Schirme, die schon sechs bis sieben Mal in Amerika genutzt wurden und dort massiver UV-Strahlung, reibendem Sand und extremem Wetter ausgesetzt waren. Wir hatten schon Kappen, da kannst du das Gewebe zerreißen, wie Zeitungspapier. Da gibt es keine Festigkeit mehr und keine Statik im Gewebe. Wir wollen allerdings weg von den älteren Systemen.“ Sie funktionierten, aber viele seien mittlerweile mit über 20 Jahren Nutzungsdauer zu alt und zu träge. Sein Team wirke daran mit, modernere Systeme zu bekommen, größere Schirme, lenkbarere Technik.

Springt Stabsfeldwebel L. selbst und es passiert irgendetwas Unvorhergesehenes, „stell ich mir drei Fragen“, erzählt der Profi. „Fliegt der Schirm, also trägt er mich? Und kann ich ihn steuern? Kann ich ihn landen? Wenn ich alle drei Fragen mit Ja beantworten kann, dann lande ich mit dem Schirm auch. Kann ich eine Frage nicht mit Ja beantworten, trenne ich ab und schieß die Reserve hinterher. Das ist eine Geschichte von zwei Sekunden. Dann steht die Reservekappe und alles ist gut. Ich habe bis jetzt noch nie den Reserveschirm benötigt.“

Vom KfzKraftfahrzeug-Mechaniker zum Kontrolleur

Eine Hand hält ein messingfarbenes kleines Siegel.

Jeder Fallschirmprüfer hat ein persönliches Siegel mit einer eigenen Nummer. Somit kann jeder Schritt der Prüfung nachvollzogen werden.

Bundeswehr/Marco Dorow

Rainer L. wurde 1995 in die Bundeswehr eingezogen. Zunächst im Fallschirmpanzerabwehrbataillon 283 in Münsingen stationiert, wurde er dann wegen der Auflösung seines Bataillons nach Calw versetzt. Hier begann er als junger Mannschaftssoldat aufgrund seines Eingangsberufs im Bereich KfzKraftfahrzeug in der Luftlandeversorgungskompanie 250. Nach seinem Wechsel in die Feldwebellaufbahn war er Kompanietruppführer in der neuen Unterstützungskompanie des KSKKommando Spezialkräfte. „Nach acht Jahren in der Funktion habe ich mich dann entschieden, noch mal was anderes zu machen. Ich bin dann in die Spezialkommandokompanie gegangen und habe dort unbemannte Luftaufklärung betrieben. Im niedersächsischen Munster habe ich die Lehrgänge für unbemannte Flugsysteme, wie ALADIN, MIKADOMikro-Aufklärungsdrohne im Ortsbereich, LUNALuftgestützte unbemannte Nahaufklärungsausstattung und alles, was die Bundeswehr hat, absolviert. Als es dann beim KSKKommando Spezialkräfte mit Operationen losging, habe ich versucht, die Drohnentechnologie hier einzubinden, um für die Kommandokräfte ein direktes Lagebild aus der Luft bereitzustellen“, erinnert sich Rainer L. Später ging er zurück in seine alte Kompanie. „Dort wurde eine Prüferstelle frei und ich habe mich ganz einfach beworben.“

Komplexe und lange Ausbildung

Eine aufgeschlagene Akte liegt auf dem Tisch, dahinter breitet ein Soldat einen grauen Fallschirm aus.

Jeder Fallschirm hat eine eigene Akte, einen Lebenslauf. Sämtliche Schäden und Prüfungen werden penibel darin dokumentiert.

Bundeswehr/Marco Dorow

Die Ausbildung zum Fallschirmprüfer dauert in der Regel drei bis vier Jahre. „Sie ist so komplex und langwierig, weil wir in allen Bereichen der Luftfahrtechnik ausgebildet werden. Am Ende lohnt sich die Ausbildung, wenn man begeistert ist von Technik, vielleicht auch selbst Springer ist, dann ist das ein schöner Dienstposten. Man kann hier mitwirken bei Erneuerungen, bei Verbesserungen und eng mit dem Bereich Weiterentwicklung zusammenarbeiten, um neue Systeme in den Verband zu bekommen“, beschreibt der Prüfer seinen Dienst.

„Auch das Springen ist Teil der Ausbildung eines jeden, der hier arbeitet“, so der Stabsfeldwebel. „Wir wollen, dass unsere Soldaten die Systeme nicht nur vom Bild aus der Vorschrift kennen, sondern dass sie auch wirklich damit gesprungen sind, damit am Ende alle wissen, wovon sie reden.“ Die Prüfer müssen in der Lage sein, Soldaten professionell in die Technik einzuweisen. „Die Springer wollen sich ständig verbessern und wollen wissen: Was ist gut, was ist schlecht, wie steuere ich das Material besser? Für einen Prüfer ist es enorm wichtig, ein paar zusätzliche Details zu kennen, um Fragen zu beantworten, damit am Ende alle ihren Sprung erfolgreich absolvieren und sicher landen.“

*Der Name wurde zum Schutz des Soldaten geändert.

von Peter Müller
  • Zwei Soldaten stehen mit der Waffe im Anschlag in einem dunklen Raum.
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