Heer

Ein rundum multinationales Jahr

Ein rundum multinationales Jahr

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Datum:
Ort:
England
Lesedauer:
5 MIN

Welche militärischen Mittel nutzen Nationen? Was ist Strategie und wozu dient sie? Das sind nur einige Kernfragen, die in den Vorlesungen der Generalstabsausbildung am Londoner King’s College behandelt werden. Während Oberstleutnant Marc Nolte Militärstrategien studiert, managt Ehefrau Julia alles rund um Kita, Privatschule und Lockdown. Die Familie erlebt ein bewegtes Jahr in Großbritannien, das sie nie vergessen wird.

Eine Mutter und ihr Kind stehen auf einer Brücke und schauen auf die Themse in London, im Hintergrund die Tower Bridge.

Ehefrau Julia und die beiden gemeinsamen Kinder begleiten Oberstleutnant Marc Nolte während seiner einjährigen Generalstabsausbildung in England. Es ist ein Jahr voller Erfahrungen und neuer Eindrücke.

Bundeswehr/Marc Nolte

Der Tag beginnt für alle gleich, erzählt Nolte. Aufstehen, gemeinsam frühstücken, für ein Kind geht es in den Kindergarten und für das andere in die Schule. Für den Oberstleutnant beginnt ein neuer Ausbildungstag, seine Frau organisiert alles rund um das Wohl der Vier. Die Familie ist bei ihrem Tagesablauf auf das Auto angewiesen. Ein Schulbussystem vergleichbar dem in Deutschland gibt es nicht. Während Ehefrau Julia die Kinder zur Kita und in die Schule fährt, wird der deutsche Familienvater von einem Kameraden aus den Vereinigten Arabischen Emiraten abgeholt. Erst am Nachmittag sehen sich alle wieder. Beide Kinder bleiben bis circa 15 Uhr in den Einrichtungen.

Über 50 Nationen in der Ausbildung

Ein Wohngebäude ist mit niederländischen Fähnchen und einer Flagge geschmückt.

Offiziere aus 50 Nationen besuchen den Generalstabslehrgang in England. Auch im privaten Umfeld haben die Noltes Kontakt zu Familien aus vielen anderen Ländern.

Bundeswehr/Marc Nolte

Die Ausbildung ist von Multinationalität geprägt. Soldatinnen und Soldaten aus insgesamt 51 Nationen sind auf dem Lehrgang vertreten. Den Hauptteil stellen natürlich britische Soldaten. Mit Nolte lernen im Hörsaal „Syndicate“ noch Soldaten aus Ghana, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Südkorea sowie eine Soldatin aus Kenia. Von August bis Mai dauert die E-Learning-Phase. Das bedeutet für den 38-Jährigen vor allem Selbststudium mit regelmäßigen Online-Diskussionen im Hörsaal. Ab Mai läuft der Lehrgang dann in Präsenzform weiter, wenn auch mit Corona-Restriktionen. Der Unterricht beginnt in der Regel halb neun und geht bis zum späten Nachmittag. Die Ausbildung richte sich erster Linie an die besten 20 Prozent aus allen Teilstreitkräften der britischen Armee und laufe insgesamt ein Jahr, berichtet Nolte. Die meisten der britischen Lehrgangsteilnehmer würden anschließend in eine Verwendung als Kommandeur, in Deutschland vergleichbar mit einem Bataillonskommandeur, gehen.

Masterarbeit als Abschluss

Fast dreiviertel des Lehrgangs ist akademisch ausgerichtet und wird durch das renommierte King‘s College London gestaltet. Hier geht es im Schwerpunkt um strategische Fragen, die wissenschaftlich analysiert und diskutiert werden. Ein weites Themenfeld sind internationale Beziehungen. Warum verhalten sich Nationen, wie sie sich verhalten. Was ist Strategie? Wozu dient sie? Die Behandlung dieser Fragen seien besonders tiefgründig gewesen, sagt der junge Familienvater und werden ihm in Erinnerung bleiben. Der nichtakademische Teil befasst sich mit militärischen Prozesse, wie man sie auch bei deutschen Streitkräften kennt, etwa Beschaffung oder operative Planung.

Am Ende schreibt Nolte eine Masterarbeit über militärische Führung im Informationszeitalter und wie sie sich ändern sollte. Dazu führt er auch mit Unterstützung der Führungsakademie eine Umfrage in der Bundeswehr durch, berichtet Nolte.

Neue Bekannte weltweit

Ein Mann und eine Frau lächeln in die Kamera.

Den Austausch mit Familien aus vielen anderen Nationen erleben Julia und Marc Nolte als großen Gewinn.

Bundeswehr/Marc Nolte

Nicht nur die militärische Ausbildung, auch das Privatleben der Familie, läuft natürlich multinational. „Wir hatten insbesondere Kontakt zu unseren irischen Nachbarn, deren Kinder etwa gleich alt waren. Das war toll zu sehen, wie sie miteinander gespielt haben, ohne miteinander sprechen zu können“, erzählt Mutter Julia. „Vielleicht lag es an den Fußballtrikots von FCFinanzen und Controlling Bayern München der irischen Kinder, dass es zwischen den Kleinen so leicht funktioniert hat“, fügt die 35-Jährige verschmitzt hinzu. Auch mit einer französischen Familie hat die Familie sehr schnell einen „engen Draht“. „Wir haben die gleichen Probleme und Themen, die uns beschäftigten. Das war von Beginn an hilfreich“, so Julia Nolte.

Sehr interessant für die Vier ist der Austausch mit Familien, die nicht aus dem NATO-Raum kommen, wie aus Asien und Afrika. Natürlich wird die deutsche Familie oft auf die Lederhose und das Oktoberfest angesprochen. Die Neugier ist auf beiden Seiten sehr groß. Die engste Freundschaft entwickelt sich jedoch zwischen den Noltes und einer Familie aus Südkorea. „Unsere kulturellen Ähnlichkeiten waren gefühlt sehr groß, erstaunlicherweise“, so der Offizier. Außerdem sei es immer toll, Themen mit jemanden zu diskutieren, der doch ein paar mehr Kilometer entfernt von Deutschland wohnt.

Auch der Sport ist für den Zusammenhalt der Familien aus den vielen verschiedenen Ländern sehr wichtig. Angehörige der Akademie treffen sich zu sportlichen Aktivitäten aller Art – vom Joggen über Reiten bis zum Fußball ist alles dabei. Stabsoffizier Nolte probiert sich erstmals beim Feldhockey aus, eine gänzlich neue Sportart für ihn.

Unterwegs in Großbritannien

Vier Halloweenkürbisse leuchten.

In der Heimat des Halloweenfestes lässt sich dieser inzwischen auch in Deutschland vertraute Brauch besonders schön feiern.

Bundeswehr/Marc Nolte

Für seine Frau sei die Zeit des Lockdowns am schwersten gewesen, sagt Nolte. Während die Kinder in der Schule und Kindergarten sind und er per Video mit anderen Soldaten kommuniziert, muss sie sich in einer neuen Umgebung erst einmal allein zurechtfinden und darf nur wenige Kontakte pflegen. Da bleiben ihr anfangs nur der Haushalt und das Nachmittagsprogramm mit den Kindern mit Hausaufgaben und Spielen. Trotz der Erschwernisse versucht die Familie in ihrer gemeinsamen Freizeit, das Land zu erkunden und ihre To-do-Liste „abzuarbeiten“. Sie besichtigen natürlich London ausführlich, fahren nach Wiltshire, um einmal Stonehenge, das jungsteinzeitliche Bauwerk, zu sehen. Es folgen Cardiff, der südlichste Punkt Englands in Cornwall und ein Abstecher nach Schottland ist auch noch möglich.

In together, out together

Eine Frau, ein Kind und ein Mann mit Brille schauen freundlich in die Kamera.

Gemeinsam rein und auch wieder raus: Das ist das Credo der Familie. Nach einem Jahr Ausland wächst der Zusammenhalt.

Bundeswehr/Marc Nolte

Gemeinsam rein, gemeinsam raus – war und ist die Devise für die Soldatenfamilie.

Julia Nolte ist inzwischen auf Umzüge und deren Planungen spezialisiert. Nach sechs Bundeswehr-Umzügen innerhalb Deutschlands sollte es wegen der Generalstabsausbildung von Marc Nolte in die USAUnited States of America gehen. Darauf bereitete sich die Familie gründlich und langfristig vor. Wegen Corona musste sie aber schnell für England umplanen. „Meine Frau ist eine Meisterin im Kistenpacken, Listen machen und Planen. Wir haben von der ersten Sekunde nach der Ankunft in Großbritannien bereits mit den gedanklichen Vorbereitungen für den Rückumzug begonnen“, erzählt der Stabsoffizier schmunzelnd. Nach Lehrgangsende muss die Familie wegen der Quarantäneregelungen umgehend abreisen. Wichtig ist ihnen, dass die Kinder ohne Verzug nach Quarantäneende wieder in die Schule gehen können.

Gewinner sind die Kinder

Ein Kind steht vor einer Fußball-Schautafel mit einem Bild von Jürgen Klopp.

Auch ein Deutscher in England, Liverpool-Trainer Jürgen Klopp: Nach einem Jahr sprechen die Kinder der Familie Nolte englisch.

Bundeswehr/Marc Nolte

Julia und Marc Nolte blicken zufrieden auf das Jahr Generalstabsausbildung in Großbritannien zurück. Es sei ein Abenteuer für die ganze Familie gewesen. „Es wird sicher ein emotionaler Moment, wenn wir England verlassen und wieder in Deutschland sind. So etwas verbindet“, ist sich Nolte sicher. Die großen Gewinner sind die Kinder. Sie sprechen jetzt beide fließend englisch und hatten „eine tolle Zeit mit unglaublich vielen neuen Eindrücke“. „Das Jahr war für uns nicht immer einfach und ehrlicherweise hätten wir es gern anders gehabt, aber die Erfahrung nimmt uns keiner“, sagt die 35-Jährige rückblickend. 

Dienstlich war es für Oberstleutnant Nolte eine sehr interessante und lehrreiche Zeit. Auch wenn er erst in ein paar Monaten mit etwas Abstand umfassend Bilanz ziehen will, für Nolte steht jetzt schon fest: „Als Bundeswehroffiziere bekommen wir schnell das Thema Multinationalität in unsere DNA eingepflanzt. Ein Schatz, den es zu pflegen, aber auch zu teilen gilt mit anderen Nationen, die noch sehr nationale Denkansätze verfolgen.“

von René Hinz

Familie Nolte in Großbritannien