Heer

„Die Nachricht war ein Schock“

„Die Nachricht war ein Schock“

  • Afghanistan
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Strausberg
Lesedauer:
6 MIN

Manchmal zahlen Soldaten den höchsten Preis für ihren Dienst – sie geben das eigene Leben. Oberstleutnant Jörn Deigner war 2009 im Afghanistaneinsatz der Bundeswehr. Deigner verlor als Zugführer einen seiner Soldaten bei einem Gefecht mit islamistischen Terroristen. Der Hauptgefreite Sergej Motz fiel am 29. April 2009. Wie geht man als Vorgesetzter mit so einer Situation um? Wir haben Jörn Deigner gefragt.

Auf einer Straße fahren Militärfahrzeuge in einer Kolonne, links und rechts am Straßenrand stehen Soldaten nebeneinander.

Das letzte Geleit: Die Soldatinnen und Soldaten des Zuges und des Camps verabschieden sich von ihrem gefallenen Kameraden.

Bundeswehr

Sergej Motz war der erste deutsche Soldat nach dem Zweiten Weltkrieg, der in einem Gefecht gefallen ist. Wie war das für Sie als Zugführer?

Oberstleutnant Deigner: Dem Ereignis vorangegangen war eine siebentägige Operation mit der afghanischen Armee, die im Gebiet des sogenannten Zweistromlandes relativ groß angelegt war. Es liegt nordwestlich der Stadt Kunduz und wird im Norden und im Süden jeweils von einem Fluss begrenzt. Das war das Rückzugsgebiet der Feindkräfte. Die afghanische Armee hatte die Absicht, diese zum Ausweichen zu zwingen oder festzusetzen. Wir waren ebenfalls an der siebentägigen Operation beteiligt. Anschließend sollten wir dann erkunden, ob diese Operation erfolgreich war.

Daher war der Plan für den 29. April, dass wir vormittags in das Gebiet fahren, mindestens zwei Ortschaften besuchen und in Gesprächen mit den Bewohnern eben diese Lagefeststellung betreiben. 

Ein Soldat mit Schussweste und Sonnenbrille steht auf einem Sandhügel. Hinter ihm erstreckt sich eine Landschaft.

Er ist 2009 als Oberleutnant Zugführer in Afghanistan –Jörn Deigner.

Bundeswehr

An diesem Tag morgens wurde ein Zug der Schutzkompanie mit einer Autobombe angesprengt. Vier Soldaten wurden verletzt. Deswegen durften wir auch erstmal nicht aus dem Camp. Zuerst mussten die verwundeten Kameraden versorgt werden. Im Klartext hieß das: Das Lazarett im Feldlager in Kundus musste erst wieder frei werden, bevor wir ausrücken durften. Das ist einfach eine Kapazitätsfrage.

Somit war der Beginn unseres Auftrages nicht vor-, sondern nachmittags. Wir fuhren dann mit zehn Fahrzeugen in die erste Ortschaft. Auf dem Weg stellten wir bereits fest, dass es nur eine tragfähige Straße gab, auf der wir uns bewegen konnten. 

Blick aus der Frontscheibe eines Militärfahrzeuges auf einen breiten Fahrweg, der von Pfützen, Kies und Schlamm bedeckt ist.

Ideal für einen Hinterhalt: Nur eine tragfähige Straße ist in dem Dorf vorhanden.

Bundeswehr

In dem ersten Ort waren relativ wenig Zivilisten zu sehen. Wir fanden dann doch noch einen Dorfältesten. Er machte deutlich, dass die Feindkräfte hier das Sagen haben. Die seien im Moment zwar weg, erklärte er, sie kämen aber nachts wieder und bedrohten die Ältesten und sagen denen ganz klar: Derjenige, der mit der ISAFInternational Security Assistance Force zusammenarbeitet, muss mit Konsequenzen rechnen. Wir merkten ganz deutlich, dass die Leute in dem Dorf Angst hatten. Sie signalisierten uns auch unmissverständlich, dass sie nicht mit uns zusammenarbeiten und auch keine Hilfe wollten.

Nach dem Ende des Gesprächs am späten Nachmittag stiegen wir in unsere Fahrzeuge und fuhren los. Beim Abbiegen aus dem Dorf auf die einzige Straße, als sich das letzte Fahrzeug in die Kolonne einreihte, fiel mir auf, dass weit und breit kein Mensch zu sehen war. Zeitgleich mit dieser Erkenntnis kam auch schon die Meldung von den letzten Fahrzeugen „stehen unter Beschuss von beiden Seiten der Straße“. In dem Moment hörte ich auch selbst, dass da geschossen wurde. Wir brachen aber erst einmal durch. Das heißt, wir fuhren schnell mit erhöhter Geschwindigkeit weiter. 

Daher konnten wir auch genug Abstand gewinnen, ohne dass zunächst jemand verwundet oder gar getötet wurde. Aber kurz danach beschoss uns der Feind wieder, erneut von beiden Seiten der Straße. Wir gerieten in einen zweiten Hinterhalt. Der Feind war sehr zahlreich und bewaffnet mit Panzerfäusten, Maschinengewehren und AK-47Automat Kalaschnikow 47 Schnellfeuergewehren. Zwei Selbstmordattentäter standen auf der Straße zwischen den Fahrzeugen und wollten sich dort in die Luft sprengen. Beide wurden aber von Soldaten, die über Luke von den Fahrzeugen aus kämpften, davon abgehalten.

Wir haben uns dann überschlagend weiterbewegt. Es gab ja nun mal nur die eine Möglichkeit, aus dieser Situation herauszukommen – nämlich auf dieser einzigen Straße. Der Plan war: Abstand zum Feind zu gewinnen, dann abzusitzen und das Gefecht zu Fuß weiterzuführen. Nachdem wir etwa 400 Meter vom Feind entfernt waren, sind wir runter von den Fahrzeugen und in Stellung gegangen.

Ein Militärfahrzeug steht auf einem staubigen Weg. Ein Soldat läuft mit einer Waffe im Anschlag zur Rückseite des Fahrzeugs.

Die Soldaten gehen in Afghanistan hinter einem Fahrzeug in Deckung.

Bundeswehr

Plötzlich kam die Meldung: „Treffer am Fahrzeug“. Es war allerdings nicht das, auf dem Sergej Motz saß, sondern ein anderes. Es wurde mit einer Panzerfaust an der Achse getroffen, war also bewegungsunfähig. Wir mussten es dann anhängen und abschleppen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Funkverbindung mehr zu dem letzten Fahrzeug, dem Transportpanzer Fuchs. Darin war auch der Hauptgefreite Motz. Wenig später meldete ein Soldat aus dem Fuchs, dass Sergej Motz getroffen und schwer verwundet worden sei.

Können Sie beschreiben, was in dem Moment in Ihnen vorging?

Ich muss zugeben, dass das alles in diesem Moment eher surreal war. Also gefühlt habe ich in dem Moment nicht wirklich etwas. Man nimmt das auf, man hört das, man verarbeitet das gedanklich als Führer vor Ort. Aber in dem Moment muss man auch ein Stück weit sagen: Gott sei Dank, habe ich da einfach funktioniert. Genau wie meine Soldaten auch. Jeder hat mit den richtigen Abläufen automatisch reagiert, hat das gemacht, was er machen musste, um die Situation zu bereinigen.

Im Klartext war das dann: Verwundetenversorgung, Feuergefecht führen, Fahrzeug führen, Fahrzeug abschleppen. In meinem Fall: den Zug führen, Verbindung zum Feldlager halten, Lagemeldung weitergeben, Überblick behalten. Das heißt, Gefühle waren in dem Moment nicht da.

Dadurch, dass in dem Hinterhalt mehrere Fahrzeuge beschossen wurden, eins davon nicht mehr bewegungsfähig war, ich in meinem Zug einen Schwerverwundeten und einige Leichtverwundete hatte, entschloss ich mich, mit allen noch fahrfähigen Autos auszuweichen und die Verwundeten schnell ins Feldlager zu bringen. Verstärkung war auf dem Weg, der Feind inzwischen verschwunden und wir sind auf dem schnellsten Weg zurück. 

Aber bei der Ankunft im Feldlager war klar – wir haben einen Gefallenen. Die Ärztin, die mit zu meinem Konvoi gehörte und Sergej Motz versorgt hatte, musste auf der Rückfahrt seinen Tod feststellen. Er hatte trotz der medizinischen Versorgung leider keine Chance und erlag seinen schweren Verwundungen.

Ein Soldat sitzt an einem Tisch und trägt sich im Kerzenschein in ein Buch ein. Vor ihm steht ein Foto des Gefallenen.

Abschied: Ein Kamerad trägt sich in das Kondolenzbuch für Sergej Motz ein.

Reuters/Kai Pfaffenbach

Wann kam die Phase, wo Sie zumindest halbwegs realisiert haben, was da tatsächlich passiert ist?

Die Nachricht, dass es einen Gefallenen gegeben hat, dass Sergej Motz es nicht geschafft hat, war ein Schock. 
Bis alle Kräfte wieder im Lager waren, das dauerte bis zum nächsten Morgen. Dann holte mich die Realität voll ein. Da wurde mir dann klar: Ok, du bist der Verantwortliche, der Zugführer, der eben nicht alle gesund und lebend nach Hause gebracht hat. Da waren dann auch wieder die Gefühle da. Ich habe mich selbst hinterfragt: Hätte ich etwas anders machen können? 

Aber auch da gab es den Selbstschutz des Funktionierens, weil viele Dinge im Feldlager erledigt werden mussten. Die Verwundeten benötigten Ansprache und wir kümmerten uns um sie. Es fanden Backbriefings und Besprechungen statt, diverse Meldungen mussten Richtung Deutschland abgesetzt werden. Das Gefecht war ungewöhnlich intensiv und lang. Wir mussten uns auch um die Rückführung unseres gefallenen Kameraden, die Rückverlegung unserer Verwundeter kümmern. Es mussten also viele Dinge gleichzeitig getan werden. Wirklich ruhige Momente hatten wir alle in dieser Phase nicht. Das war vielleicht auch gut so.

Wie kann das Leben nach so einem schrecklichen Ereignis weitergehen? Wie trauern Soldaten um ihren gefallenen Kameraden und wie sieht die Erinnerungskultur aus? Das alles wird im zweiten Teil des Interviews beantwortet.

von  PIZ Heer

Teil 2

  • In einer Wüste fahren mehrere Militärfahrzeuge auf einem sandigen Weg hintereinander.
    • Afghanistan
    • Bundeswehr

    Das Leben muss weitergehen

    Der Hauptgefreite Sergej Motz fiel im April 2009 nahe Kunduz. Oberstleutnant Deigner spricht im Interview über die Begegnung mit dessen Eltern.

    • Strausberg
Soldat mit dem Gewehr G82 beim Feuern aus einer Stellung

Das Jahr 2010 in Afghanistan

18 Jahre Einsatz in Afghanistan haben die Bundeswehr für immer verändert. Keines aber hat sie so nachhaltig geprägt wie das Jahr 2010.