Die Männer der ersten Stunde

Die Männer der ersten Stunde

  • Umweltschutz
  • IUD
Datum:
Ort:
Hammelburg
Lesedauer:
4 MIN

Die Bundeswehr ist heute in Sachen Umwelt- und Naturschutz in vielen Bereichen beispielgebend und zeigt, dass Auftragserfüllung und Artenvielfalt kein Widerspruch sind. Doch wie war dies in der Anfangszeit? Zu einer Zeit, in der Menschen, die sich für die Natur einsetzten, noch als „grüne Träumer“ galten? Ein Besuch bei Männern der ersten Stunde.


Zwei Schwarz-weiß-Bilder nebeneinander, die in männliche Person in Uniform an einem Bach zeigen

Aus dem privaten Fotoalbum: Oberstleutnant Zeidler am renaturierten Hundsbach – die Bepflanzung folgt noch.

Privat/Ulf Zeidler

Einer dieser Pioniere ist Ulf Zeidler. Er ist gleich dreifach „ein Grüner“ – mit seinen 85 Jahren immer noch aktiv in Sachen Naturschutz, 30 Jahre lang Vorsitzender der Bund Naturschutz-Kreisgruppe, passionierter Waidmann - und Oberstleutnant a.D. der Jägertruppe. 

Truppenübungsplatz Hammelburg wird zum Pilotprojekt

Irgendwann im Laufe seiner militärischen Karriere muss jeder Infanterist einmal nach Hammelburg, so auch Zeidler. Er wurde 1969 an die damalige Kampftruppenschule versetzt und war 20 Jahre Chef der Schießlehrerinspektion. In dieser Funktion war er fast täglich auf dem Truppenübungsplatz unterwegs und ihm fiel gleich die besondere Schönheit des Areals auf und die seltenen Tiere und Pflanzen, die sich dort erhalten hatten. „Mir fielen aber auch etliche Stellen auf, bei denen Pflegeeingriffe aus Unwissenheit zum falschen Zeitpunkt durchgeführt wurden und große Schäden anrichteten. Die damaligen Verantwortlichen im Bereich des Forstes und der Geländebetreuung dachten mehr im Sinne der damals üblichen konventionellen Landwirtschaft beziehungsweise Waldbewirtschaftung“, so Zeidler rückblickend. 


Sanft ansteigende Wiese mit vielen Bäumen und Sträuchern

Die Wacholderheide auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg – Idyll und Biotop zugleich

privat/Freidrich Mährlein

Seltene Orchideen wie zum Beispiel die Knabenkräuter vertragen es nicht, wenn zu früh gemäht oder beweidet wird. Es können keine Samen für die Folgegeneration ausgebildet werden. Da ein Teil des Platzes zum Anbau von Futtergetreide genutzt wurde, waren ausgeräumte Fluren entstanden, wenig interessant für Kleintiere und Vögel und auch militärisch reizlos für den Infanteristen, der sich immer Deckung sucht. 

Zeidler sprach mit den Verantwortlichen bei Militär, Standortverwaltung und Forst und suchte Lösungen, wie der Natur geholfen werden kann und packte selbst mit an, wenn es drauf ankam. Ziel war es, Hecken, Feldgehölze und Streuobstbäume anzupflanzen sowie Teiche und Schotterhaufen als Kleinbiotope anzulegen. 

Schwarz-weiß-Bild einer männlcihen Person in Uniform, die mit einer männlichen Person auf einem Bagger spricht

Landschaftspflege in Zusammenarbeit mit der Standortverwaltung

privat/Ulf Zeidler

In dem damaligen General der Infanterie, Brigadegeneral Eberhard Fuhr fand er nach dem Motto „…wenn es der Natur hilft und förderlich ist für die Ausbildung...“ einen Befürworter vieler Vorschläge. Auch anfängliche Bedenken der Geländebetreuung konnte Zeidler ausräumen. Durch viele kleine Maßnahmen wurde große Wirkung erzielt. 

Biotop in der Panzerfahrspur

Die ausgeräumten Flächen wurden mit rund 45 Hektar Heckenanpflanzungen durchsetzt, Panzerfahrspuren wurden nicht gleich wieder verfüllt, sondern zum Biotop für Gelbbauchunken. Der Hundsbach, ein kleines Flüsschen, das quer durch den Platz läuft und bis dato mehr ein begradigter Abwassergraben war, wurde renaturiert. Den Soldaten wurden kleine Taschenkarten an die Hand gegeben, die grundlegende „Umwelt-Tipps für den Infanteristen“ enthielten. 

Ein Naturlehrpfad wurde angelegt, und anlässlich der Eröffnung 1987 berichtete die örtliche Saale-Zeitung vom Modellcharakter und der Vorreiterrolle des Truppenübungsplatzes Hammelburg in Sachen Umweltschutz. Man entwarf gar ein komplettes Konzept für die ökologische Neugestaltung des Platzes in Zusammenarbeit mit der Standortverwaltung Hammelburg und dem Bundesforst. Viele weitere Maßnahmen folgten und Zeidler wurde zu einem gefragten Redner bei Vorträgen bundes(wehr)weit. 

schwarz-weiß-Bild männlicher Person in Uniform, die im Gelände einer Besuchergruppe aus mehreren Personen Erläuterungen gibt

Vortrag am Naturlehrpfad – hier zu Besuch: Landräte und Abgeordnete aus Thüringen und Sachsen

privat/Ulf Zeidler

 „Zu den Exkursionen kamen im Laufe der Jahre insgesamt rund 10.000 interessierte Zuhörer aus unterschiedlichsten Bereichen an den Standort – nicht wenige waren der Bundeswehr gegenüber skeptisch eingestellt und überdachten anschließend ihre Vorbehalte“, berichtet Zeidler. Der NATO-Umweltausschuss kam extra nach Hammelburg, Politiker aus dem In- und Ausland, Botaniker, Ornithologen und Naturschutzbehörden waren begeistert von der Artenvielfalt und insbesondere den vor Ort umgesetzten Maßnahmen. 

„NATO-Umweltpapst“ Zeidler berät bei den Ost-Übungsplätzen

Als mit der Wiedervereinigung die Frage aufkam, was künftig mit den vielen militärischen Übungsplätzen von NVANationale Volksarmee und Roter Armee in Ostdeutschland werden soll, war Zeidler ein gefragter Experte, auch im Ministerium. Der von seinen Kameraden anerkennend „NATO-Umweltpapst“ genannte Oberstleutnant wirkte darauf hin, dass ein Teil der ohnehin oft stark sprengmittelbelasteten Flächen für die Natur reserviert bleibt.

Seine Beiträge zum Thema Artenschutz wurden in Fachzeitschriften veröffentlicht und sogar „Der Spiegel“ und „Bild“ berichteten vom „Urwald, gleich hinter Hammelburg…“  

Zeidler war aber kein Einzelkämpfer – neben ihm gab es noch weitere Idealisten in Hammelburg, die ihre Liebe zur Natur mit in den Dienst einbrachten. Oberstleutnant a.D. Harms und Oberstleutnant Gunther Zieger verfügen über ein umfangreiches Archiv an spektakulären Fotoaufnahmen. Vom Schwarzstorch über verschiedene Greifvögel bis hin zu seltenen Pflanzen haben sie alles mit ihrer Kamera „eingefangen“. Dabei nehmen sie mitunter stundenlanges Warten bei Minusgraden in einem selbstgebauten Versteck in Kauf.

Auch im Ruhestand für den Umweltschutz aktiv

Dass das Engagement im Umweltschutz viel ehrenamtlicher Zeit bedarf, beweist auch Fritz Mährlein, ein ehemaliger Beschäftigter des Bundeswehr-Dienstleistungszentrums Hammelburg. Während seiner Zeit als Hausmeister stieß er zum Team um Ulf Zeidler und unterstützte tatkräftig bei deren Aktionen.

Pflanze mit silbrig-weißen Hüllblättern und weißen und rötlcuieh Röhrenblüten auf einer Wiese

Das Wahrzeichen der Rhön – die Silberdistel blüht auch in Hammelburg

privat/Friedrich Mährlein

 „Es wurde für den Arten- und Biotopschutz viel bewegt und ich freue mich, dass die Bemühungen von damals erfolgreich waren und heute fortgeführt werden“, zeigt sich Mährlein zufrieden.

Bei einigen Aufgaben auf dem Truppenübungsplatz stimmen sich Bundeswehr und Untere Naturschutzbehörde ab, weil zum Beispiel das ausgewiesene Flora-Fauna-Habitat des Geländes über die Grenzen des Platzes hinausgeht und sich dort die Zuständigkeiten ändern. Noch heute als Rentner verfügt Mährlein über einen Sonderausweis zum Betreten des Truppenübungsplatzes und regelmäßig kontrolliert er im Auftrag der Unteren Naturschutzbehörde Pflanzenstandorte und Nistkästen. Er führt Bestandszählungen durch und berät bei Pflegemaßnahmen.  

Gelbfarbene Blumen auf einer Wiese

Auch die Wildtulpe fühlt sich in Hammelburg wohl.

privat/Freidrich Mährlein

Wenn im Frühjahr die ersten Orchideen blühen und bis dahin hoffentlich die Coronabeschränkungen gelockert werden, ist eine Begehung auf dem Truppenübungsplatz geplant. Dann werden auch eine Umweltschutzingenieurin sowie der Ökologe des Bundeswehr-Dienstleistungszentrums dabei sein. Mährlein freut sich bereits darauf, die beiden kennenzulernen und hofft auf einen Erfahrungsaustausch und künftige Zusammenarbeit zum Wohle der Natur.




   



   



   

von Christoph Joa  E-Mail schreiben
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