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Quakenbrück im Marathonbetrieb

Quakenbrück im Marathonbetrieb

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Datum:
Ort:
Quakenbrück
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3 MIN

Das Versorgungs- und Instandsetzungszentrum Sanitätsmaterial in Quakenbrück bildet seit Januar 2021 den zentralen Umschlagplatz für Covid-19-Impfstoffe in Deutschland. Bislang sind von dort über 98 Millionen Impfdosen an zivile und militärische Einrichtungen in Deutschland verteilt worden. Einmalig in der Bundeswehr ist die Großhandelserlaubnis, wodurch die Dienststelle Ende 2020 zum offiziell autorisierten Empfänger für Covid-19-Impfstoffe wurde.

Ein Zivilist und ein Soldat unterhalten sich, im Hintergrund ein weiterer Soldat an einem Plakat

Stephan Weil (links), Niedersachsens Ministerpräsident, stattete einer der wichtigsten Dienststellen in seinem Bundesland gegen die Pandemie einen Besuch ab

Bundeswehr/Daniel Wolter

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil verschaffte sich gemeinsam mit Generalstabsarzt Dr. Stephan Schmidt, dem Kommandeur des Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung, aktuelle Eindrücke vor Ort. Mit der Einrichtung eines Umschlagplatzes setzte die Bundeswehr einen Amtshilfeantrag des Bundesgesundheitsministeriums um. Damit war auch die Aufstellung eines pharmazeutischen Großhandels nach Arzneimittelhandelsverordnung bzw. EU-Recht verbunden, die Ende 2020 erfolgte. Eine Fähigkeit, die bisher in der Bundeswehr einmalig ist. Neben den fachlich komplexen Aufgaben waren weitere Herausforderungen zu meistern: die Infrastruktur war entsprechend herzustellen, das Gelände zusätzlich abzusichern und das Personal zu verstärken.

Temperaturbänder von +2°C bis -70°C

Zu Beginn des Jahres 2021 konnten die ersten Impfstoffe in den Temperaturbändern „2 bis 8 Grad Celsius“ und „-20 Grad Celsius“ aufgenommen, umverteilt und an die Impfstoffverteilzentren der Bundesländer ausgeliefert werden. Die Lagerung und Verteilung von Impfstoffen im Temperaturband „-70 Grad Celsius“ war zunächst nur in einem sehr kleinen Maßstab realisierbar – bis Sommer 2021, als der zusätzliche Aufbau einer Bundesimpfstoffreserve, im Schwerpunkt mit Impfstoff des Temperaturbandes „-70 Grad Celsius“, erfolgte.

„Quakenbrück im Marathonbetrieb“

Flottenapotheker Martin Pape, der Leiter der Dienststelle, rückblickend: „Die über ein Jahr andauernde Amtshilfe hat meine Dienststelle mehrfach an ihre Grenzen gebracht. Es sind sonst eher Kurzereignisse wie ein Hochwasser-Einsatz oder die Evakuierung aus Afghanistan. Das allerdings waren Sprintläufe und wir sind hier im Dauerlauf, im Marathonbetrieb sozusagen.“ Stolz ergänzt er: „Ohne die Erfahrung, die Kreativität und den mehrfach weit über die Belastungsgrenze hinausgehenden persönlichen Einsatz der gesamten Besatzung, inklusive der Kräfte vom Logistikbataillon 161 aus Delmenhorst, wäre dieser zusätzliche spezielle Auftrag nicht realisierbar gewesen.“

„Alle-Manns-Manöver“

Zwei Soldaten mit blauer Kälteschutzjacken entnehmen Impfstoff aus der gekühlten Verpackung

Ein einstudierter Prozess: Nach der Entnahme aus dem Kühlbehälter muss innerhalb von drei Minuten der bei -70 Grad Celsius zu kühlende Impfstoff im Kühlcontainer sein

Bundeswehr/Nadine Seumenicht

Von der Belastung und dem Arbeitsaufkommen her sei dieser Auftrag besonders. Die größte Herausforderung für Flottenapotheker Pape sei es, seine „Besatzung“ zusammenzuhalten. In seiner durch die Marine geprägte Sprache bezeichnet er den Auftrag als ‚Alle-Manns-Manöver‘. Jede Angehörige und jeder Angehöriger seiner Dienststelle sei irgendwann einmal kürzer oder länger in die Impfstoffversorgung eingebunden. „Durchgängig sind 40 bis 60 Personen – sei es durch Führung oder Organisation, Beschaffung oder direkt an der Ware – mit diesem Auftrag ausgelastet“, betont Pape.

„zwölf Monate Amtshilfe sind etwas ganz Besonderes“

Ministerpräsident Weil zeigte sich begeistert: „Quakenbrück ist die ‚Spinne im Netz‘ bei der Impfstoffversorgung. Beeindruckend, was hier aus dem Boden gestampft werden musste und welche Fertigkeiten die Soldatinnen und Soldaten an den Tag legen. Ich kann Ihnen nur herzlich dafür danken. Das ist nicht selbstverständlich und es ist auch weithin unbekannt. Ich habe heute eine Menge dazugelernt. Es war für mich ein ausgesprochen gelungener Besuch.“ Generalstabsarzt Dr. Stephan Schmidt erörterte die Professionalität in der Artland-Kaserne: „Amtshilfe über einen Zeitraum von über zwölf Monaten zu leisten, ist etwas ganz Besonderes. Zusätzlich besonders ist der damit verbundene Aufbau eines Großhandelsunternehmens mit den entsprechenden Zulassungen sowie die körperliche Belastung bei der Lagerung von Impfstoff bei Temperaturen von bis zu -70 Grad Celsius; da ist körperliche Leistungsfähigkeit gefragt.“

Ministerpräsident Weil wirft einen Blick in den Ultratiefkühlcontainer

Im Ultratiefkühlcontainer sind die Impfstoffe, die bei -70 Grad Celsius zu lagern sind. Ministerpräsident Weil begutachtet den Vorraum, der die Schleuse zum Ultratiefkühlbereich darstellt. Hier ist es bis zu -25 Grad Celsius kalt.

Bundeswehr/Daniel Wolter

„Hohe Auszeichnung für den Standort“

Flottenapotheker Martin Pape freut sich besonders über den Besuch des Ministerpräsidenten: „Nach nunmehr über einem Jahr Amtshilfe ist der Besuch eine hohe Auszeichnung für den Standort Quakenbrück und eine großartige Anerkennung der Leistung meiner Besatzung, die vielfach über sich hinausgewachsen ist, um die Bewältigung der vielfältigen Corona-Aufträge sicher zu stellen und manches ‚Alle-Manns-Manöver‘, immer wieder auch an Sonn- und Feiertagen, hinter sich hat.“

Aktuell plant das Bundesgesundheitsministerium die komplette Impfstoffverteilung und -lagerung an zivile Dienstleister abzugeben. Für die Temperaturbänder „2 bis 8 Grad Celsius„ und „-20 Grad Celsius“ erfolgt bereits die Übergabephase.

von Dr. Nadine Seumenicht

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