Sanitätsdienst

Inspekteurbrief zum 65. Jubiläum „Tag von Andernach“

Inspekteurbrief zum 65. Jubiläum „Tag von Andernach“

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Ort:
Andernach
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Am 20. Januar 1956, heute vor 65 Jahren, besuchte der damalige Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer erstmals die Bundeswehr in der Krahnenberg-Kaserne in Andernach. In seinem Inspekteurbrief teilt Inspekteur des Sanitätsdienstes, Generaloberstabsarzt Dr. Ulrich Baumgärtner, seine Gedanken zu diesem Jubiläum.

Dr. Baumgärtner im Feldanzug und Feldjacke mit blauem Barett

Der Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Generaloberstabsarzt Dr. Ulrich Baumgärtner

Bundeswehr/Minh Vu

Kameradinnen und Kameraden,

heute vor 65 Jahren, am 20. Januar 1956, begrüßte der damalige Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer die ersten Rekruten der neuen Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland anlässlich ihrer symbolischen Indienststellung in der Andernacher Krahnenberg-Kaserne. Diese Liegenschaft gehört heute zum Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr und wird vom Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr (InstPrävMedBw) genutzt.

Anlässlich des Besuchs des Bundeskanzlers traten die ersten mehr als 1.000 Freiwilligen von Heer, Luftwaffe und Marine an, die größtenteils am 2. Januar 1956 ihren Dienst aufgenommen hatten.  Obwohl die Krahnenberg-Kaserne ausschließlich Ausbildungsstandort für Heeressoldaten war, erhielt sie durch dieses gemeinsame Antreten aller drei Teilstreitkräfte und somit der kompletten damaligen westdeutschen Streitkräfte den Beinamen „Wiege der Bundeswehr“. Einen Namen hatte die neue Armee damals übrigens noch nicht. Deshalb sprach auch der Bundeskanzler die versammelten Männer in Andernach zunächst als „Soldaten der neuen Streitkräfte“ an. Sorgsam vermied er es, öffentlich Stellung zur Bezeichnung des westdeutschen Verteidigungsbeitrags zu beziehen, der erst am 20. März 1956 durch das vom Deutschen Bundestag verabschiedete „Gesetz über die Rechtsstellung der Soldaten“ den Namen „Bundeswehr“ bekommen sollte.

In seiner Ansprache verdeutlichte der Bundeskanzler Sinn und Ausrichtung der neuen deutschen Streitkräfte: „Einziges Ziel der deutschen Wiederbewaffnung ist es, zur Erhaltung des Friedens beizutragen. Wir werden dieses Ziel erreicht haben, wenn die gemeinsame potenzielle Abwehrkraft der Verbündeten zu jedem Zeitpunkt ein zu großes Risiko für jeden möglichen Angreifer bedeutet.“ Und der Bundeskanzler fügte mit Blick auf die in der Bundesrepublik starke „Ohne Mich“-Bewegung hinzu: „In einer solchen militärischen Stärke, die lediglich für unsere Verteidigung ausreicht, kann niemand eine Bedrohung erblicken.“

Der „Tag von Andernach“ ist damit ein Symbol der Bereitschaft zur Verteidigung von Freiheit, Recht und den Werten der demokratischen Grundordnung, aber auch der Einordnung der Streitkräfte in die demokratische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland und der Einbindung der Bundeswehr in das westliche Bündnis . Ebenso ist der „Tag von Andernach“ der geglückte Startschuss für neue Streitkräfte, die mit dem Konzept der Inneren Führung und der Idee eines Staatsbürgers in Uniform einen neuen Geist und einen neuen Führungsstil leben und damit Ausgangspunkt eines neuen, wertebezogenen Soldatentums auf rechtsstaatlicher Basis sind.

In diesem Geist und dieser Tradition haben sich über viele Jahre ehemalige und aktive Soldatinnen und Soldaten sowie engagierte Bürgerinnen und Bürger dafür eingesetzt, zumindest Teile der historischen Mannschaftsunterkünfte zu erhalten und eine Militärgeschichtliche Sammlung (MGS) am Standort Andernach zu verwirklichen. Mit Unterstützung des Bundesministeriums der Verteidigung gelang der Erhalt der letzten verbliebenen Baracke Nr. 17, die 2009 unter Denkmalschutz gestellt und anschließend saniert wurde.

Flankierend erfolgte am 29. Oktober 2010 die Gründung des Fördervereins „Wiege der Bundeswehr“, der die 2015 vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr genehmigte und in den Sammlungsverbund der Bundeswehr aufgenommene gleichnamige Sammlung maßgeblich betreut. Auch das Besuchermanagement und die Führungen leistet der Verein ehrenamtlich.

Die Militärgeschichtliche Sammlung verfolgt das Ziel, Zeugnisse zur Geschichte der Entstehung der Bundeswehr zu sammeln, zu präsentieren und für spätere Generationen zu bewahren. Im Mittelpunkt steht der „Soldat der ersten Stunde“, seine Ausrüstung, Ausbildung, sein Alltagsleben - aber auch der Mensch mit seiner Motivation, seinen Ängsten, Erwartungen und Zielen sowie das ganz Spezifische, was den oft beschworenen „Geist von Andernach“ in dieser historischen Situation ausgemacht hat.

Dargestellt werden, neben dem Besuch des Bundeskanzlers, das damalige sicherheitspolitische Umfeld, die sehr kontroversen Diskussionen um die Wiederbewaffnung sowie die Entwicklung der konzeptionellen Grundlagen für die neuen deutschen Streitkräfte mit dem Konzept der Inneren Führung auf dem Prinzip des „Staatsbürgers in Uniform“. Zudem wird ein Einblick in die Unterbringung und Ausbildung der ersten Bundeswehrsoldaten und, am Beispiel Andernachs, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der 50er Jahre gewährt. Die ehemaligen Unterkunftsräume in der Traditionsbaracke sind jeweils unterschiedlichen Themen gewidmet, die multimedial durch Zeitdokumente, historische Fotos und Zeitzeugeninterviews veranschaulicht werden. Zu den Höhepunkten der Sammlung gehören eine originalgetreu eingerichtete Mannschaftsstube der Bundeswehr der 50er Jahre sowie die Nachbildung einer Zahlstelle.

In diesem Zusammenhang ist es mir ein besonderes Bedürfnis, dem nun bereits gut 10 Jahre bestehenden Förderverein „Wiege der Bundeswehr“ für sein beispielgebendes Engagement zu danken. Vom ersten Tag an haben die Vorstände und Mitglieder des Fördervereins Herausragendes für den Aufbau und den Betrieb der MGS geleistet.  Völlig zu Recht erhielt der Verein am 23. April 2018 den Preis „Bundeswehr und Gesellschaft“ aus der Hand der Verteidigungsministerin.

Diesem langjährigen großen Engagement des Fördervereins, unterstützt durch das Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr, verdanken wir, dass heute aktive und ehemalige Soldatinnen und Soldaten sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger einen entscheidenden Meilenstein der Entstehung der Bundeswehr in historischem Ambiente hautnah und nahezu „zum Anfassen“ erleben können.

Als Sanitätsdienst der Bundeswehr sind wir stolz, diese einzigartige bundeswehrgemeinsame Erinnerungsstätte, die zugleich Symbol für eine der wichtigsten Weichenstellungen der jüngeren deutschen Geschichte ist, in einer unserer Liegenschaft beherbergen zu dürfen.

Lassen Sie uns aus dieser Tradition Kraft schöpfen, um gemeinsam, jeder an seinem Platz, zu einer guten Zukunft für die Bundeswehr und unseren Sanitätsdienst beizutragen.

Mit freundlichem Gruß

Dr. Ulrich Baumgärtner
Generaloberstabsarzt


von Dr. Ulrich Baumgärtner

Inspekteurbrief zum 65. Jubiläum „Tag von Andernach“

Brief des Inspekteurs des Sanitätsdienstes zum Jahrestag der symbolischen Indienststellung der Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland

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