Sanitätsdienst

Die Schlacht von Solferino

Die Schlacht von Solferino

  • Geschichte
  • Sanitätsdienst
Datum:
Lesedauer:
5 MIN

In Teil zwei der Serie „Tradition und Geschichte des Sanitätsdienstes“ geht es um die Schlacht von Solferino als Anstoß für die Entstehung des Roten Kreuzes und des Humanitären Völkerrechts.

Zeitgenössische Darstellung einer Schlacht. Viele tote und kämpfende Soldaten sind auf einem städtischen Platz zu sehen.

Die Grausamkeiten, die der Geschäftsmann Henry Dunant am Rande der Schlacht von Solferino erlebte, ließen in ihm die Idee eines "humaneren Krieges" aufkeimen

INTERFOTO / Alamy

Nach den niedergeschlagenen Revolutionen von 1848 wurde Sardinien-Piemont zum Zentrum des Risorgimentos, der Einigungsbewegung Italiens. Premierminister Camillo Cavour gelang es, den französischen Kaiser Napoleon III. für ein Bündnis gegen Österreich zu gewinnen. Durch Provokationen wurde der nach dem Krimkrieg ohnehin unter Druck geratene junge österreichische Kaiser Franz-Josef I. zum Einmarsch in Sardinien-Piemont veranlasst und löste dadurch den Sardinischen Krieg aus, der als „Zweiter Italienischer Unabhängigkeitskrieg“ gilt und durch die Schlacht von Solferino entschieden wurde.

Etwa 150.000 Soldaten auf jeder Seite standen sich am 24. Juni 1859 südlich des Gardasees auf einer Frontlinie von 15 Kilometern Länge gegenüber. Am Ende waren die Österreicher geschlagen – und je nach Quellenangabe 6.000 Soldaten getötet und 30.000 bis 40.000 verwundet worden. Weitere 10.000 Mann wurden vermisst. 40.000 Soldaten erkrankten in der Folge der Schlacht aufgrund von Infektionen, Nahrungsmangel oder Erschöpfung. Das Gros der Soldaten starb nicht unmittelbar während der Kampfhandlungen, sondern später infolge ihrer Verwundungen. Der Zufall wollte es, dass der 31-jährige Schweizer Geschäftsmann Henry Dunant Zeuge einer der größten Schlachten der europäischen Geschichte wurde - der blutigsten seit Waterloo 1815.

„Jeder Verwundete muss versorgt werden, egal, welche Uniform er trägt.“

Zwar gelang es dem intakt gebliebenen Tross der Österreicher, zahlreiche Verwundete zu evakuieren. Aber „wie viele Unglückliche blieben auf der Erde liegen, die von ihrem Blut getränkt war“, schrieb Dunant in seinem Buch „Eine Erinnerung an Solferino“. Es fehlte an Ärzten, Helfern, Verbandszeug, Trinkwasser und Hygiene. Die Sanitätsdienste beider Heere waren personell und materiell völlig überfordert. Dunant erlebte die Geschehnisse und ihre Nachwirkungen im acht Kilometer von Solferino entfernten Castiglione delle Stiviere. Dorthin wurden zahllose Verwundete transportiert; die Straßen hallten wider von Schreien, Kirchen und Schulen waren voll besetzt mit verstümmelten, zuckenden Körpern. Dunant packte mit an, half nach besten Kräften – und protokollierte das Grauen.

Mit seiner Schrift, die Dunant auf eigene Kosten in einer Auflage von 1.600 Stück drucken ließ und die er führenden Politikern und Militärs in ganz Europa schickte, warb er für seine Idee, die ihm auf dem Schlachtfeld von Solferino gekommen war: „Jeder Verwundete muss versorgt werden, egal, welche Uniform er trägt.“ Dunant schildert die grauenvollen Ereignisse:

„In der Stille der Nacht hört man Stöhnen, erstickte Angst- und Schmerzensschreie, herzzerreißende Hilferufe. Wer könnte jemals die Todeskämpfe dieser schrecklichen Nacht beschreiben [...] Die unglücklichen Verwundeten, die man tagsüber aufsammelt, sind bleich, fahl und verstört [...] An anderen Stellen liegen Unglückliche, die von Kugeln oder Granatsplittern getroffen und zu Boden gestreckt sind, denen aber darüber hinaus noch durch die Räder der Geschütze, die über sie hinwegfuhren, Arme und Beine zermalmt wurden […] Da sind einige, bei denen Mantel, Hemd, Fleisch und Blut eine unbeschreiblich schauervolle Mischung bilden, in die sich Würmer eingefressen haben. Viele erzittern bei dem Gedanken, von diesen Würmern zernagt zu werden.“

„Tutti fratelli“ – Vom Geschäftsmann zum Werber für die Idee eines „humaneren“ Krieges

Henry Dunant war eigentlich in der Hoffnung in die Lombardei gekommen, Kaiser Napoleon III. zu treffen, um ihn um Unterstützung in einer geschäftlichen Angelegenheit in Algerien zu bitten. Diese Reise führte ihn nun auf das Schlachtfeld von Solferino, was seinem Leben eine komplette Wendung geben sollte. Im Getümmel von Castiglione vergaß der Kaufmann die Geschäfte und entdeckte seine neue Mission: den Krieg menschlicher zu machen. Er begann unter dem Motto „Tutti fratelli – Wir sind alle Brüder“ einen Hilfsdienst zu organisieren und rief dazu die Frauen des Dorfes zusammen.

Schon bald begann er, in diesem Sinne für seine Idee zu werben: „Wäre es nicht wünschenswert, dass die hohen Generale verschiedener Nationen, wenn sie gelegentlich [...] zusammentreffen, diese Art von Kongress dazu benutzten, irgendeine internationale rechtsverbindliche und allgemein hochgehaltene Übereinkunft zu treffen, die, wenn sie erst festgelegt und unterzeichnet ist, als Grundlage dienen könnte zur Gründung von Hilfsgesellschaften für Verwundete in den verschiedenen Ländern Europas?“ Zu diesem Zweck sollen in Friedenszeiten „freiwillige Helfer“ ausgebildet werden, deren „Neutralisierung“ bis aufs Schlachtfeld durchgesetzt wird.

Gründung des Roten Kreuzes und Erste Genfer Konvention

Ein schwarz-weiß Portrait eines Mannes

Der Geschäftsmann Henry Dunant (1828-1910) gilt als Begründer der Internationalen Rotkreuz-und Rothalbmond-Bewegung

Gemeinfreies Werk

Dunants Solferino-Schrift traf exakt den Zeitgeist. Die „Gemeinnützige Gesellschaft von Genf“ setzte ein Komitee zur Prüfung des Vorschlags ein. Auf dessen erster Sitzung am 17. Februar 1863 wurde Dunant zum Sekretär berufen und die Umbenennung in Internationales Komitee der Hilfsgesellschaften für Verwundetenpflege beschlossen. Dies gilt seitdem als Gründungsakt des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK).

Im Oktober 1863 kamen Vertreter aus 16 Ländern in der Schweiz zusammen und berieten das weitere Vorgehen. Am 22. August 1864 wurde schließlich die Konvention über die „Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen“ (Erstes Genfer Abkommen) von zwölf Ländern unterzeichnet – weitere sollten folgen. Im Kern regelt sie die Behandlung von Verwundeten auf dem Schlachtfeld. Gemäß Dunants Idee wird die Neutralität der Lazarette erklärt und verwundete Soldaten, medizinisches Personal sowie freiwillige Helfer unter dem Zeichen des Roten Kreuzes unter Schutz gestellt. Verwundete und Kranke sollen ungeachtet ihrer Nationalität versorgt oder gegebenenfalls den eigenen Truppen übergeben oder in die Heimat entlassen werden. Diese erste Genfer Konvention gilt heute als Grundpfeiler des Humanitären Völkerrechts. Später kamen drei weitere Konventionen hinzu.

Dunants gesellschaftlicher Abstieg und sein „Comeback“

Dunants internationales Ansehen verflog schnell, als sein Unternehmen 1867 in finanzielle Schieflage geriet und er in der Folge sogar wegen betrügerischen Konkurses verurteilt wurde. Das Rote Kreuz und Genfs bessere Gesellschaft wandten sich von ihm ab. Viele Jahre lang zog er völlig verarmt durch Europa und wurde sogar für tot gehalten. Erst ein 1895 erschienenes Porträt in der Schweizer Zeitschrift „Über Land und Meer“ brachte Dunant wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Nun wurden ihm Hilfsangebote und Auszeichnungen zuteil, die ihm der langjährige IKRK-Präsident Gustave Moynier zuvor verwehrt hatte. Im Jahr 1901 wurde Dunant gemeinsam mit dem französischen Pazifisten Frédéric Passy mit dem ersten Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Bedeutung für den Sanitätsdienst

In einem Austellungskasten liegen Flyer, Bücher und eine Karte.

Das Werk Henry Dunants ist fester Bestandteil der wehrgeschichtlichen Lehrsammlung der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München

Sanitätsakademie der Bundeswehr

Solferino und Henry Dunant stehen für den Ursprung und Ausgangsort des Humanitären Völkerrechts, dessen Prinzipien die gesamte Bundeswehr binden und ein Basiselement des Traditionsverständnisses des Sanitätsdienstes der Bundeswehr darstellen. Dunant war die entscheidende Kraft im Prozess der Gründung, Implementierung und Etablierung des Roten Kreuzes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Heute ist es sowohl historisch als auch völkerrechtlich ein sichtbares Symbol für den Sanitätsdienst in seiner Verpflichtung gegenüber den humanitären Prinzipien.

von Andreas Biebricher

Weitere Informationen

  • Mehre Personen die an einem verunfallten Auto arbeiten, im Hintergrund steht ein Rettungshubschrauber
    • Rettung
    • Sanitätsdienst

    50 Jahre Luftrettungszentrum Ulm

    Geschichte des Sanitätsdienstes: Vor 50 Jahren wurde der erste Einsatz eines Rettungshubschraubers vom Luftrettungszentrum Ulm geflogen

    • Ulm