Streitkräftebasis

Mich als Typen hat’s gebraucht

Mich als Typen hat’s gebraucht

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Datum:
Ort:
Bonn
Lesedauer:
3 MIN

Oberst Prof. Dr. Dr. Walter Homolka leistet Reservistendienst im Bonner Streitkräfteamt. Eine seiner Aufgaben war es, den Weg von Militärrabbinern in die Bundeswehr zu bereiten. Anfang Juli stimmte der Bundesrat der Wiedereinführung jüdischer Militärseelsorge zu. Jetzt sorgt er für die Brücke zur Soldatenfürsorge.

Portraitaufnahme Oberst Homolka

Oberst Walter Homolka ist Rabbiner und Rektor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam. Der Professor für Jüdische Theologie ist auch Direktor des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks.

Bundeswehr/Roland Alpers

Seit mehr als 20 Jahren ist Prof. Dr. Dr. Walter Homolka Reservist der Bundeswehr. Inzwischen zum Oberst befördert, dient der Hochschullehrer und Direktor aktuell im Bonner Streitkräfteamt, wo er den Gruppenleiter „Betreuung und Fürsorge“ vertritt. Dort ist er unter anderem zuständig für die wichtigen Betreuungsbüros und deren Organisation. Weitere Themenfelder sind das Betreuungsportal der Bundeswehr und die Betreuungsmedien für die Auslandsverpflichtungen. Ebenfalls saß der Offizier in der Jury des Kunstwettbewerbs der Bundeswehr zum Thema Diversität.

Militärseelsorge wird künftig pluralistisch gestaltet 

Bild mit zwei Personen

Es gelang dem Zentralrat, mit Bundesministerin Annegret Kramp-Karrenbauer den strukturellen Rahmen zu bauen. Ein Militärseelsorgevertrag wurde Ende 2019 ausgehandelt.

Bundeswehr/Tobias Barniske

Eine Aufgabe ist dem Theologen aber eine wahre Herzensangelegenheit: die konfessionelle Betreuung der Bundeswehrangehörigen und ihrer Familien in Partnerschaft mit den Arbeitsgemeinschaften der Soldatenfürsorge und der Militärseelsorge. Nur fehlt bisher eine seelsorgerische Betreuung der Soldatinnen und Soldaten jüdischen Glaubens. Am 3. Juli 2020 beschloss der Bundesrat die Wiedereinführung der jüdischen Militärseelsorge. „Seit ca. zwei Jahren lag das Thema schon in der Luft“, sagt Oberst Homolka und freut sich jetzt über den strukturellen Rahmen und einen Militärseelsorgevertrag mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland, der es dem liberalen und orthodoxen Judentum ermöglicht, in der Militärseelsorge mitzuwirken.


An der richtigen Stelle

Beförderungsszene

Der Inspekteur der Streitkräftebasis, Generalleutnant Martin Schelleis, beförderte Homolka kürzlich zum Oberst.

Bundeswehr/Ralf Wilke

Oberst Homolka ist sicher kein typischer Soldat. „Mich als Typen hat’s aber gebraucht“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Er will damit auch Menschen jüdischen Glaubens zu einer Karriere in der Bundeswehr ermutigen, „die sogar ich geschafft habe.“ Seine interessante Vita reicht von der Deutschen Bank zu Greenpeace, vom Verlagswesen zur Universität. Das lässt auf den ersten Blick ein Engagement für die Bundeswehr kaum vermuten. „Gesellschaftliches Engagement ist ein wichtiger Teil jüdischen Lebens, das schließt die Landesverteidigung mit ein“, erläutert Oberst Homolka. Mit Blick auf die bevorstehenden Herausforderungen sagt er: „Früher ging der Blick zurück zu Gedenken und Aufarbeitung von Diskriminierung und Zurücksetzung von Juden in deutschen Streitkräften. In den letzten 15 Jahren kam es zu einer Annäherung von Bundeswehr und jüdischer Gemeinschaft. Distanz und Misstrauen sind einem entspannten Miteinander gewichen. Als Reservestabsoffizier bin ich erleichtert, dass heute jüdische Bundeswehrangehörige gelassen Dienst mit ihren Kameradinnen und Kameraden leisten. Deshalb freue ich mich gemeinsam mit der Führung des Zentralrats der Juden schon auf die ersten der zehn eingeplanten Militärrabbiner.„

Erfahrung weitergeben

Rabbiner auf einer Kanzel

Oberst Homolka ist als Rabbiner ein erfahrener Seelsorger und Lehrer.

Walter Homolka

Oberst Homolka war im zivilen Leben Rabbiner der Gemeinde München und Landesrabbiner von Niedersachsen. Er lehrt aktuell jüdische Theologie an der Universität Potsdam und bekleidet weitere Ämter innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und Europa. Die Wiederaufnahme der jüdischen Militärseelsorge durch den Zentralrat der Juden in Deutschland zeigt: Die jüdische Gemeinschaft hat Vertrauen in die Bundeswehr als eine pluralistische, demokratische Armee. „Wir Juden wollen die deutschen Streitkräfte in all ihren Aspekten mitgestalten“, ist sich Homolka sicher. Er will das als Signal, „dass Juden schon immer dazu gehörten und gehören“, verstanden wissen.


Militärseelsorge heute

Deutsche Militärseelsorgerinnen und -seelsorger sind für alle Soldatinnen und Soldaten da, auch für jene anderer Religionen oder ohne Bekenntnis. Militärseelsorger – gleich welcher Glaubensrichtung – haben ein offenes Ohr und führen den weltanschaulich neutralen, lebenskundlichen Unterricht durch. Andere Länder, wie die USAUnited States of America, Frankreich oder die Niederlande, haben schon seit Jahrzehnten Militärrabbiner. Für Oberst Homolka ist es ein gutes Zeichen, dass nun auch in deutschen Streitkräften Rabbiner sichtbar ihren Dienst leisten werden. „Ich freue mich, dass darunter Absolventen des Abraham Geiger Kollegs sein werden, weil die jüdische Militärseelsorge paritätisch von liberalen Rabbinern mit ihren orthodoxen Kollegen geleistet werden soll“, blickt er in die Zukunft.

Interview

Welche Bedeutung hat die Einführung von jüdischen Militärrabbinern für das Judentum in Deutschland?

Es tilgt meines Erachtens das Unrecht, das Juden in deutschen Armeen früher erfahren mussten. Die Wiederaufnahme der jüdischen Militärseelsorge durch den Zentralrat der Juden in Deutschland zeigt: Die jüdische Gemeinschaft hat Vertrauen in die Bundeswehr. Ich halte diese Erweiterung oder besser Wiederaufnahme für einen Paradigmenwechsel. Militärseelsorge wird künftig noch vielfältiger gestaltet werden.

Gibt es in der jüdischen Gemeinschaft noch Stimmen, die vor dem Hintergrund der Schoa sagen: „Als Jude deutscher Soldat werden, das verbietet sich von selbst.“

Es mag sie geben. Der Militärseelsorgevertrag zwischen Deutschland und dem Zentralrat der Juden bedeutet aber, dass die Jüdische Gemeinschaft und die Bundeswehr vertrauensvoll in die Zukunft blicken. Ich halte das für einen großen Schritt nach vorne und sehe breite Zustimmung dafür innerhalb des deutschen Judentums ebenso wie im Ausland.

Inwieweit ist Antisemitismus in der Truppe ein Thema?

Ich habe persönlich in der Bundeswehr nie Antisemitismus erlebt. Wie in allen gesellschaftlichen Gruppen schließe ich ihn aber auch unter Soldaten nicht grundsätzlich aus. Bundeswehrrabbinerinnen und -rabbiner werden das Signal geben: Unsere Armee dient einer pluralistischen Gesellschaft und ist offen für alle, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung vertreten – und verteidigen wollen.

von Ralf Wilke  E-Mail schreiben

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