Führungsakademie der Bundeswehr testet virtuelles Klassenzimmer

Führungsakademie der Bundeswehr testet virtuelles Klassenzimmer

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  • Führungsakademie der Bundeswehr
Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
4 MIN

Da wo sonst rege Diskussionen geführt werden, ist nun kein Mensch weit und breit zu sehen. Die Stühle in den Hörsälen bleiben unbesetzt. Keine Powerpointfolien werden an die Wände projiziert, kein Whiteboard mit Schlagworten versehen. Nichts ist mehr so wie es vor Corona einmal war. Das Lernen an der Führungsakademie der Bundeswehr verändert sich. Die höchste militärische Ausbildungsstätte in Deutschland geht neue Wege: Statt Präsenzunterricht gibt es nun für die Lehrgangsteilnehmenden des Generalstabs- und Admiralstabsdienstes National (LGAN) erste Onlineseminare. Persönliche Absprachen in kleineren Gruppen werden durch Videotelefonkonferenzen ersetzt und die Aufgabenstellungen werden nicht ausgehändigt, sondern in einer digitalen Lernplattform bereitgestellt.

Onlineseminare werden an der Führungsakademie der Bundeswehr durchgeführt

Erste Schritte zu einer digitalen Ausbildungsakademie: Die Führungsakademie der Bundeswehr probiert Möglichkeiten des Fernlernens aus

Grafik: Führungsakademie der Bundeswehr/Marie Kellermann

„Das Lernumfeld stellt sich nun ganz anders dar. Wir sind gerade dabei herauszufinden, wie es gut funktionieren könnte“, sagt Fregattenkapitän a.D. und zugleich Wissenschaftlicher Angestellter Thomas Böhlke.

Der Dozent für Militärstrategie und Militärtheorie an der Fakultät Einsatz, Cyber und Informationsraum, Streitkräftebasis bereitet sich auf die Durchführung eines Onlineseminars vor. Zwei Wochen lang hat er sich intensiv mit rund 20 Akademieangehörigen über verschiedene Lernplattformen ausgetauscht, Kommunikationsprogramme ausprobiert und sich überlegt, wie der Seminarinhalt mittels Fernlernen vermittelt werden kann. „Wir schaffen uns gerade die Grundlagen. Kaum einer von uns hat bisher mit einem virtuellen Klassenzimmer gearbeitet. Auch die Didaktik und Methodik verändert sich dadurch“, sagt Böhlke, der bereits seit 18 Jahren als Dozent an der Führungsakademie tätig ist.

Pilotprojekt für 110 Lehrgangsteilnehmende

In einem ersten Schritt haben sich die 110 Lehrgangsteilnehmenden mittels Fernlernen bereits Wissen über die Vereinten Nationen erarbeitet. „Die Teilnehmenden mussten im Wesentlichen lesen. Die Tutoren leiteten sie dabei mit Prüfungsfragen an. Anschließend mussten sie ihre Ergebnisse in kleinen Übungen anwenden“, erklärt Böhlke. Dieses erste Seminar konnte erfolgreich beendet werden und lieferte wertvolle praktische Erfahrungen für die weitere Arbeit. In dieser Woche geht ein weiteres Onlineseminar als Pilotprojekt der Fakultät an den Start. Das gerade laufende Seminar dient der Vertiefung des militärtheoretischen Grundlagenwissens des Führungskräftenachwuchses. Operationsgeschichtliche Fallstudien werden in den Fokus gerückt. Geschichtliche Ereignisse wie die Wiedereroberung der Philippinen durch General MacArthur im Jahr 1944, der Jom-Kippur-Krieg im Jahr 1973 und der Zweite Golfkrieg im Jahr 1991 dienen als Beispiele. Die Herausforderung für die Teilnehmenden liegt darin, die Entfernung zu überbrücken und zusammenzuarbeiten. Verschiedene Programme für Videokonferenzen wie Skype oder Jitsi oder auch Nachrichtendienste können zur Bewältigung der Aufgaben genutzt werden. Für die Fallstudien arbeiten die Offiziere in voneinander unabhängigen Einzelgruppen. Komplexer wird die Herausforderung für Lehrende und Lernende im Mai: Denn dann müssen die Lehrgangsteilnehmenden ihr erlerntes Wissen bei einer Planübung anwenden. Dort kommt es auf das Zusammenwirken der Gruppen miteinander an. „Wir werden den Lehrgang in bis zu 14 Gruppen aufteilen. In jeder Gruppe sind mindestens fünf Personen, jedoch nicht mehr als zehn. Diese Gruppenstärke haben wir bewusst gewählt, da sonst der Gedankenaustausch und die Zusammenarbeit im virtuellen Klassenzimmer für uns schwer handhabbar ist. Jede Gruppe hat einen Fachdozenten, mit dem sie sich dann zur vorgegebenen Zeit online trifft“, erklärt Böhlke.

Gruppentreffen am PC, Tablet und Smartphone

Bei der Planübung gilt es für die Lehrgangsteilnehmenden ein fiktives Land in Ostafrika zu stabilisieren und dabei die Vorgaben der politischen und militärischen Führung der NATONorth Atlantic Treaty Organization in konkretes militärisches Handeln umzusetzen. Die Schwierigkeit dabei: Die Gruppen müssen arbeitsteilig verschiedenste zivile und nicht-militärische Faktoren zum Lösen der Aufgaben berücksichtigen. Sie denken sich in unterschiedliche Akteure hinein und setzen sich mit Randaspekten auseinander. Eine der Gruppen erarbeitet beispielsweise ein Konzept, wie das zu unterstützende Krisenland in die Lage versetzt werden kann, sich wieder selbst zu helfen – „Hilfe zur Selbsthilfe“ sozusagen. Andere Teilnehmende beschäftigen sich mit den logistischen Bedingungen vor Ort und ein weiteres Team mit den bewaffneten Gruppen, die das staatliche Gewaltmonopol infrage stellen. Genau darin besteht für die Lehrgangsteilnehmenden die Aufgabe: Sie müssen ihre Analysen und Teilantworten zu einem erfolgsversprechenden, schlüssigen und widerspruchsfreien Gesamtkonzept zusammenführen. Dafür müssen Erkenntnisse ausgetauscht, Entscheidungen getroffen oder Arbeitsaufträge verteilt werden – und das mit „digitalen Werkzeugen“. Es ist insgesamt noch eine gewöhnungsbedürftige Situation, sagt Böhlke.

Porträtfoto Fregattenkapitän a.D. Thomas Böhlke
Fregattenkapitän a.D. Thomas Böhlke
„Wir sind realistisch genug zu wissen, dass vor allem auch wir Dozenten Lernende im Hinblick auf die noch ungewohnte Arbeitsform sind. Deshalb haben wir die Übung, die im Präsenzunterricht eigentlich auf drei Wochen ausgelegt war, nun um weitere zwei Wochen verlängert.“

Ein Test für das Lernen 4.0

Die Lehrgangsteilnehmenden müssen für dieses Pilotprojekt vor allem viel Selbstdisziplin an den Tag legen. Sie müssen sich in eine neue Lernplattform einarbeiten und mit dem Einsatz privater Technik von zu Hause aus versuchen, die ihnen gestellten Aufgaben zu erfüllen. Wie sie untereinander kommunizieren, ist ihnen freigestellt. Sie können dafür unterschiedliche Systeme oder Programme nutzen. Jedoch ist auch für sie die Lernumgebung am heimischen Schreibtisch komplett neu. Sie sind genauso wie die Dozenten über die gesamte Bundesrepublik verstreut. Mal ist die Internetverbindung gut, mal eher mäßig. Und manchmal kommt aufgrund der Coronakrise auch noch die Kinderbetreuung dazu. Doch wie heißt es redensartlich so schön: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. „Im schlimmsten Fall haut es nicht hin, aber dann wissen wir zumindest wie es nicht geht und können daraus lernen.“

von Sophie Düsing  E-Mail schreiben