Generalinspekteur besucht Lehrgangsteilnehmende im Cyberraum

Generalinspekteur besucht Lehrgangsteilnehmende im Cyberraum

  • Ausbildung
  • Führungsakademie der Bundeswehr
Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
5 MIN

Das hat es an der Führungsakademie der Bundeswehr so noch nie gegeben: Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn, tauscht sich mit Teilnehmenden des Generalstabs- und Admiralstabslehrganges National (LGAN) virtuell und ganz einfach über ein Tablet aus. „Guten Morgen an alle, ich bin da“, sagt der ranghöchste Soldat der Bundeswehr ins Mikro. Die gerade noch geführte Diskussion pausiert. „Ich wollte mir heute ein Bild machen, wie die Lehre unter Corona-Rahmenbedingungen läuft“, sagt Zorn. Die Gesichter der Seminarteilnehmenden werden ihm mit kleinen Kacheln auf seinem Bildschirm angezeigt. Eine immer noch ungewohnte Situation, wie er sagt. Denn er sitzt gemeinsam mit der Führung der höchsten militärischen Ausbildungsstätte Deutschlands in dem Hörsaal, in dem der Unterricht eigentlich stattgefunden hätte.

General Eberhard Zorn spricht mit Lehrgangsteilnehmenden am Tablet

Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn, tauscht sich am Tablet mit Lehrgangsteilnehmenden der Führungsakademie aus

Führungsakademie der Bundeswehr/Lene Bartel

Doch bevor es um den Lehrinhalt geht, fordert er Feedback von dem Seminarleiter und den Offizieren ein. Schließlich müssen sie sich auf einen veränderten Unterrichtsablauf einstellen. „Man gewöhnt sich an das Medium und an die kleinen Seminargruppen mit bis zu zehn Teilnehmenden“, sagt einer der Seminarleiter und erklärt dem Generalinspekteur, wie die letzten Tage abgelaufen sind. Vor dem Beginn des Seminars wurden die Teilnehmenden über das Vorgehen informiert. So wurde ihnen bereits vorab die Literatur über die neu eingeführte Lernplattform ILIAS zur Verfügung gestellt und ein Videovortrag mit weiteren Informationen zum Thema aufgenommen. „Diesen konnten sie sich dann zeitlich flexibel anschauen“, erklärt der Seminarleiter. Bei einer Videokonferenz wurde dann über die Grundlagen diskutiert. Um einzelne Aspekte besser abdecken zu können, wurden weitere kleinere Arbeitsgruppen gebildet. Mit diesen Gruppen fanden ebenfalls Videokonferenzen statt, doch auch Einzelgespräche wurden geführt. „Das ist eine Bereicherung, weil man richtige Hintergrundgespräche führen kann“, sagt der Seminarleiter.

Auf dem Tablet werden verschiedene Schlagzeilen angezeigt

Lehrgangsteilnehmende stellen dem Generalinspekteur der Bundeswehr am Tablet Ergebnisse aus ihrem Seminar vor

Führungsakademie der Bundeswehr/Lene Bartel

Lernen 4.0 derzeit nur mit privater Technik möglich

Diese neue Lernform hat Vor- und Nachteile, wie ein Teilnehmer berichtet: „Ich habe drei Kinder zu Hause. Das ist manchmal eine Herausforderung“, gibt er zu. Doch gleichzeitig habe er es schätzen gelernt. „Wenn man dann mal irgendwelche Probleme hat, dann heißt es nicht, dass man den Lehrgang in Hamburg komplett verlassen muss und dann gar nicht mehr teilnehmen kann. Man kann es dadurch flexibler handhaben. Ich würde mir wünschen, dass es auch für die kommenden Lehrgänge eingebaut und weiterentwickelt wird.“ Die technischen Herausforderungen beschreibt ein weiterer Teilnehmer: So seien sie gerade darauf angewiesen, zivile Betreiber und zivile Accounts zu nutzen. „Uns fehlt dadurch in der Lehre die Tiefe, weil wir nicht über Details sprechen können.“ Dann schaltet sich der Generalinspekteur wieder zu: „Ich bin bei Ihnen, dass man das in die Lehre integriert“, sagt General Zorn. Jedoch macht er deutlich, dass es dabei vor allem um die Vermittlung von Grundlagenwissen geht.

Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn: „Wir reden in der Bundeswehr seit Jahren von der Digitalisierung, jetzt zeigt sich deutlich, wo wir welchen Bedarf haben und wie wir Lücken rasch schließen müssen.“

Er sieht es nicht als selbstverständlich an, dass die Teilnehmenden ihre private Technik nutzen und sich auf diese Weise einbringen. „Wir nehmen den Punkt auf, dass wir in der Lehre die Digitalisierung vorantreiben“, sagt er, bevor es dann um den Lehrinhalt geht. Ein Vortrag zum Thema „Ein europäischer nuklearer Schutzschirm“ wird auf dem Bildschirm projiziert. Die Teilnehmenden des Generalstabs- und Admiralstabslehrganges teilen ihre Erkenntnisse darüber mit und finden sich am Ende in einer Diskussion mit dem Generalinspekteur wieder.

Viel Platz ist zwischen Seminarleitern und Teilnehmenden in der Rotunde des Manfred-Wörner-Zentrums

Der Präsenzunterricht hat sich an der Führungsakademie der Bundeswehr verändert. Nun heißt es Abstand halten und Seminare in Kleingruppen

Führungsakademie der Bundeswehr/Lene Bartel

Präsenzphase in abgewandelter Form

Doch nicht nur virtuell möchte sich General Zorn einen Überblick über die Lernsituation an der Führungsakademie der Bundeswehr verschaffen: Denn schließlich werden parallel auch die internationalen Lehrgangsteilnehmenden ausgebildet. Es ist derzeit der einzige Präsenzlehrgang an der Akademie. Doch auch dieser hat sich durch Corona verändert. So werden die Teilnehmenden in kleinen Gruppen unter Einhaltung des Mindestabstands unterrichtet. Sie werden aufgeteilt in verschiedene Hörsäle der Akademie. Ein sogenanntes dreiteiliges „Distance Learning Package“ wurde geschnürt: Neben Präsenzphasen lernen die Teilnehmenden auch in ihren Unterkünften und es gibt Einzelgespräche mit Dozenten vor Ort und im Homeoffice. „Die Teilnehmenden bekommen ein Verständnis davon, wie wir Probleme lösen und wie wir uns in der Stabsarbeit organisieren“, sagt der Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr, Generalmajor Oliver Kohl. Auch nach Corona werde darüber nachgedacht, die nun ausprobierten Vorgänge in die Lehre zu integrieren. „Wir schauen jetzt anders darauf und kommen zu anderen Erkenntnissen. Das ist auch ein Mehrwert“, ergänzt Kohl. Jeden Tag lernen sowohl die Lehrgangsteilnehmenden als auch die Dozenten und Tutoren mit der neuen Lernsituation umzugehen und zeigen dabei viel Engagement.

General Eberhard Zorn schaut sich ein Seminar an

Ein internationaler Teilnehmer tauscht sich mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn, über den Führungsprozess aus

Führungsakademie der Bundeswehr/Lene Bartel

Austausch mit internationalen Lehrgangsteilnehmenden

„Dass wir heute hier so zusammensitzen in aufgelockerter Form mit ITInformationstechnik-Anbindung und Ähnlichem, ist für uns alle neu“, sagt der Generalinspekteur zu den internationalen Lehrgangsteilnehmenden. Er erzählt ihnen, wie sich auch die Arbeit im Ministerium verändert hat. So fand kürzlich eine Kommandoübergabe per Videokonferenz statt, auch internationale Teilnehmende wurden zugeschaltet und „die Musik kam vom Band“. Kreative Möglichkeiten werden gesucht und ausprobiert. So auch an der Führungsakademie. „Unser Bestreben ist es, den Lehrgang so durchzuziehen und ich sehe keine Veranlassung Sie nach Hause zu schicken“, sagt der Generalinspekteur, bevor er sich ein Seminar anschaut. Ein Lehrgangsteilnehmer aus Westafrika stellt ihm eine Gefechtssituation vor. Aufgeteilt in drei Phasen erläutert er dem Generalinspekteur wie der Verteidigungsraum gewonnen, feindliche Kräfte zerschlagen und das Angriffsziel eingenommen werden kann. In der anschließenden Diskussion möchte General Zorn mehr über den Führungsprozess in den einzelnen Ländern erfahren. Ihn interessiert vor allem, ob einzelne Aspekte des deutschen Führungsprozesses dabei berücksichtigt werden. Am Ende gibt er den Lehrgangsteilnehmenden Folgendes mit auf dem Weg: „Behalten Sie sich Ihren nationalen Ansatz bei und nehmen das Erlernte als zusätzlichen positiven Impuls mit nach Hause.“

Generalinspekteur sieht Krise als Chance

„Diese Krise ermöglicht uns auch, bestimmte Dinge mit Power nach vorne zu bringen. Wir reden in der Bundeswehr seit über drei Jahren von der Digitalisierung, jetzt zeigt sich deutlich, wo wir welchen Bedarf haben und wie wir Lücken rasch schließen müssen“, so General Zorn. Er sieht die derzeitige Situation als Chance. Das Geld, das nun beispielsweise durch die Absage von Großübungen gespart wird, könnte in die Digitalisierung der Bundeswehr gesteckt werden.

von Sophie Düsing  E-Mail schreiben