Konferenz zu Militärstrategie – Zweiter Tag: Afrika

Konferenz zu Militärstrategie – Zweiter Tag: Afrika

  • Veranstaltung
  • Führungsakademie der Bundeswehr
Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
6 MIN

Während der ersten Konferenz zum Thema „Militärstrategie“ an der Führungsakademie der Bundeswehr wurde der Fokus am zweiten Tag der Konferenz auf Afrika gelegt. Welche Fortschritte macht die Afrikanische Union, in Sicherheitsfragen selbst Verantwortung zu übernehmen? Schafft es Afrika, eine eigene militärpolitische Strategie im Umgang mit den vielfältigen sicherheitspolitischen Herausforderungen zu entwickeln? Die Teilnehmenden der Generalstabs-/Admiralstabsdienstlehrgänge National (LGAN) sowie International (LGAI) ebenso wie Experten aus Wissenschaft, Politik und Forschung diskutierten an diesem zweiten Tag in einem Bar-Camp. Was nach alkoholischen Getränken klingt, ist in Wirklichkeit eine offene Tagung mit offenen Workshops, deren Inhalte von den Teilnehmenden selbst entwickelt werden – bedarfsangepasst und offen.

Am zweiten Tag der Tagung fand ein Bar-Camp statt.

Sascha Stoltenow, vielen auch als Bendler-Blogger bekannt, moderierte das Tagungsformat Bar-Camp.

Führungsakademie der Bundeswehr/Lene Bartel

Es war die erste Konferenz zum Thema „Militärstrategie“ an der Führungsakademie der Bundes-wehr in Hamburg. Oberst i.G.im Generalstabsdienst Sönke Marahrens von der Denkfabrik GIDS und Fregattenkapitän a.D. Thomas Böhlke, Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr, führten am zweiten Tag ein neues, erfrischendes und dynamisches Format ein, das auf der thematischen Freiheit und Selbstverantwortung der Teilnehmenden basiert: ein Bar-Camp.

Vor dem Hintergrund der laufenden Studienarbeit der Offiziere des LGAN zum Thema „Afrika – ein Kontinent im Aufbruch“ und einem vorhandenen, weitgefächerten Wissen, wurde eine moderierte Großgruppenmethode gewählt. Bei der Methode des sogenannten Bar-Camps liegt die Gestaltungshoheit weitgehend bei den Teilnehmenden. Entscheidende Bedeutung kommt hierfür dem Moderator zu, der die Veranstaltung in Gang setzt und Sessions und Workshops zu organisieren und abzuschließen hilft. Die Teilnehmenden schlagen dabei selbst die Themen vor und treffen sich dann in Workshops, um Wissen und Gedanken auszutauschen. Hinzu kamen einige auswärtige Experten, die weitere Aspekte des Themas Afrika beleuchteten und in den Workshops des Bar-Camps mitwirkten. „Wir haben am zweiten Tag verschiedene Aspekte rund um Militärstrategie in Afrika in Form eines Bar-Camps diskutiert. Das ist aktivierend und dynamisch“, erklärte Oberst Marahrens.

Gerade für den LGAN, der sich in seiner begleitenden Studienphase intensiv mit dem Thema Afrika beschäftigt, brachten der Fokus auf militärstrategische Aspekte und der Austausch mit Experten aus aller Welt neue Perspektiven und Denkansätze. Unter den Teilnehmenden und Experten kam das gut an. „Ich konnte mir unter einem Bar-Camp nichts vorstellen. Aber ich fand es sehr gut, dass wir aufgefordert wurden, unsere Erwartungen und Wünsche zu formulieren“, sagte Oberstleutnant Jochen Moos, Teilnehmer des LGAN. Der Offizier beschäftigte sich mit der Frage, wie das westliche Modell eines Staates beziehungsweise einer Nation auf afrikanische Staaten passt. „In vielen afrikanischen Ländern fehlt der einigende Faktor – es fehlt eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Tradition, eine gemeinsame Lebensweise.“ Insofern müsse man sensibler agieren.

Die Teilnehmenden der Konferenz tauschten sich immer wieder in kleinen Gruppen aus.

Während des Bar-Camps fand man sich immer wieder in kleinen Gruppen zu bestimmten Themen zusammen.

Führungsakademie der Bundeswehr/Lene Bartel


Externe Akteure in Afrika

Bei den Diskussionen ging es insbesondere um ausländische Einsätze auf dem afrikanischen Kontinent. Mehrere Experten hielten Impulsvorträge, so Dr. Barbara Kunz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg mit Schwerpunkt auf französischer Sicherheitspolitik in Afrika, Prof. Dr. Thomas Mandrup, Experte für afrikanische Militärstrategien an der Stellenbosch Universität in Südafrika, sowie Prof. Dr. Sven Gareis vom NATONorth Atlantic Treaty Organization-Hauptquartier, Abteilung Politische Angelegenheiten und Sicherheitspolitik. Zu-dem bereicherten die Riege der Experten zwei Verbindungsoffiziere: Oberst Richard Coleman, französischer Verbindungsoffizier an der Führungsakademie, und Oberstleutnant Toby Boyce, britischer Verbindungsoffizier bei USUnited States AFRICOM.

Ein Aspekt, der diskutiert wurde, war, welche Rolle Ex-Kolonialmächte bei der heutigen Einflussnahme ausländischer Akteure auf dem Kontinent spielen – insbesondere im Sicherheitssektor. Frankreich habe, so wurde gesagt, neben den USAUnited States of America weltweit die stärkste Truppenpräsenz, so auch auf dem afrikanischen Kontinent. Dort habe Frankreich gleich mehrere Militärstützpunkte: in Senegal, an der Elfenbeinküste, in Gabun und in Dschibuti – zusätzlich zu den regulären Auslandseinsätzen in Afrika wie der Mission Barkhane in Mali. Es gäbe verschiedene Aspekte für die Präsenz Frankreichs in Afrika. Einer sei die Bekämpfung des transnationalen Terrorismus, so etwa mit der Operation Barkhane. Sie sei ein wesentlicher Pfeiler französischer Militärstrategie in der Sahelzone – nicht nur im Kampf gegen den Terror, auch um die Region zu stabilisieren. „Wenn wir nicht nach Afrika gehen, um dort bei der Stabilität einiger Staaten zu unterstützen, dann kommt Afrika zu uns“, sagte ein Teilnehmer.

Afrika verstehen

Allein 5.000 Soldatinnen und Soldaten der Regionalorganisation G5 Sahel, gegründet von Mauretanien, Mali, Niger, Burkina Faso und dem Tschad, ermöglichen es den Mitgliedern, gegen Terrorismus zu kämpfen. Frankreich arbeite eng mit G5 Sahel zusammen. Das Ziel sei es, die afrikanischen Truppen zu einer eigenen Sicherheitsvorsorge zu befähigen. „Doch es ist weitaus mehr Unterstützung nötig“, sagte einer der Experten. Frankreich habe erst kürzlich seine Truppen von 4.500 auf 4.700 Soldatinnen und Soldaten aufgestockt. In Frankreich entbrenne nun – insbesondere nach dem Tod von 13 französischen Soldaten in Mali Ende 2019 – eine Debatte, wie sinnvoll der Militärbeitrag in der Sahelzone überhaupt sei. „Frankreich ist nicht so sehr an diese Debatten gewohnt wie Deutschland“, gab eine Expertin zu bedenken. Auch die Bevölkerung vor Ort sei – aufgrund der kolonialen Vergangenheit – nicht immer positiv auf die Militärpräsenz Frankreichs zu sprechen.

„Wir müssen diese Länder verstehen, bevor wir uns militärisch in ihnen engagieren“, sagte ein an-derer Experte aus Afrika. Afrika stehe vor immensen Herausforderungen. Ein großes Thema sei die zunehmende Urbanisierung. In Kapstadt seien allein in den vergangenen sechs Jahren 800.000 Menschen hinzugezogen. Die Infrastruktur sei aber nicht in demselben Maße gewachsen. Zudem seien auch die Sicherheitsstrukturen nicht angepasst worden. Gerade Konflikte und Kriegsführung in urbanem Gelände seien strategisch noch zu wenig betrachtet. Außerdem seien viele Staaten in Afrika durch ethnische Diversität gekennzeichnet – bis zu 70 Sprachen spreche man allein in Sambia. Die ethnischen Zugehörigkeiten sind teilweise durch Staatsgrenzen durchzogen. In vielen Ländern erschweren externe Akteure die Situation – das seien aber nicht nur Russland und China und die ehemaligen Kolonialmächte, sondern auch afrikanische Länder. Zudem seien auch private Sicherheitsunternehmen aktiv wie etwa die Gruppe Wagner aus Russland, eine dem Kreml nahestehende, oftmals verdeckt operierende Sicherheitsfirma.

Keine klare Lösung für Afrika

China indes habe eigentlich keine militärstrategischen Interessen in Afrika. Chinas Ziel sei es statt-dessen, wieder zu einer Weltmacht zu avancieren. Afrika spiele dabei insbesondere für die maritime Perlenkettenstrategie eine wichtige Rolle. Natürlich investiere China derzeit viele Ressourcen in die Modernisierung des Militärs. Dennoch müsse man sich vor Augen führen, dass Chinas Aktivitäten im militärischen Bereich auf dem afrikanischen Kontinent nicht vergleichbar mit denen der USAUnited States of America seien. „Die Stärke Chinas liegt in der Ökonomie“, und das zeichne auch die chinesische Strategie in Afrika aus, sagte etwa ein Experte. Das Militär diene der Sicherung von Handelswegen und Handelsoptionen. Ein weiterer Experte sprach davon, dass Frankreich nicht die einzige große Kolonial-macht in Afrika gewesen sei. Auch die ehemalige Deutsche Demokratische Republik habe zahlreiche Operationen in vielen Gebieten Afrikas durchgeführt. „Wir müssen diesen Ländern heute helfen, stabil zu bleiben“, war sein Appell. Dabei seien militärische Missionen nur ein Aspekt – auch eine militärstrategische Option gliedere sich immer in einen gesamtheitlichen Ansatz mit Diplomatie, Entwicklungshilfe und Wirtschaft ein. „Es gibt keine klare Lösung für Afrika“.

Zudem gebe es viele Herausforderungen. Die Infrastruktur sei eine davon. „Wenn wir nur zwei Militärhelikopter für ein Gebiet größer als Pakistan zur Verfügung haben, ist das problematisch“, sagte ein Teilnehmer. Ein anderer Teilnehmer aus Afrika sagte gar: „Wir müssen mehr vom Ende her denken“, gerade in Bezug auf eine Strategie sei das Ziel essentiell. Auf die Frage eines Teilnehmenden, wer der beste externe Partner für Afrika sei, antwortete ein Experte klar: „Europa, aber China und Russland stellen keine Fragen oder Bedingungen an ihre Hilfe.“ Das sei natürlich verlockend. Einig war man sich darin, dass Afrika selbst Verantwortung für seine Sicherheitsarchitektur übernehmen müsse. Der Weg hingegen sei noch weit.


von Victoria Eicker  E-Mail schreiben

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