Reservist taucht an der Führungsakademie in die Geschichte ein

Reservist taucht an der Führungsakademie in die Geschichte ein

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  • Führungsakademie der Bundeswehr
Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
7 MIN

Sie kann als Stützpfeiler der Bundeswehr angesehen werden – die Reserve. Denn sie hilft der aktiven Truppe, ihre Aufgaben zu erfüllen. Dazu gehören die Landes- und Bündnisverteidigung, der Heimatschutz und das internationale Krisenmanagement. Auch bei der Führungsakademie der Bundeswehr sind Reservistinnen und Reservisten eingesetzt. In welchen Bereichen die Reservistendienst Leistenden an der höchsten militärischen Ausbildungsstätte in Deutschland arbeiten, mit welchen Herausforderungen sie sich tagtäglich auseinandersetzen und wie ihr Leben außerhalb der Bundeswehr aussieht, darüber berichten sie in unserer Serie: So auch Fregattenkapitän André Schade, der als Dozent in der Fakultät Politik, Strategie und Gesellschaftswissenschaften eingesetzt ist.

Auf dem Gemälde sind zwei Männer auf einem Schnellboot abgelichtet

Fregattenkapitän André Schade (rechts) wurde im Jahr 2004 von dem Marinemaler Olaf Rahardt in einem Gemälde verewigt

Marinemaler Olaf Rahardt/www.marinemaler-olaf-rahardt.de

„Ich wollte nie Reservist werden“, sagt Fregattenkapitän André Schade. Denn mit der Bundeswehr hatte der Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr im Jahr 2012 eigentlich abgeschlossen. Die Gründe waren vielfältig. Doch um diese nachvollziehen zu können, gilt es, zeitlich bis in das Jahr 1991 zurückzugehen. In diesem besagten Jahr ist Fregattenkapitän Schade in die Bundeswehr eingetreten. Der gebürtige Mecklenburger gehörte zu den ersten Wehrpflichtigen aus den neuen Bundesländern, die im Westen ausgebildet wurden. „Ich habe 18 Monate lang - mit einer kurzen Verlängerung - bei der Luftwaffe meinen Grundwehrdienst als Radarflugmelder gemacht und dann im Jahr 1993 die Bundeswehr ganz normal wieder verlassen“, sagt der heute 47-Jährige, der sich damals jedoch schon dem Element Wasser stärker verbunden fühlte als dem Element Luft. Sein Vater ist mehr als zehn Jahre zur See gefahren. „Das Fieber hatte er an mich weitergeben“, so Fregattenkapitän Schade mit einem Lächeln. Nach seinem Grundwehrdienst wäre er gerne beim Militär geblieben, ein Wechsel zur Marine war sein Traum. „Ich wollte Offizier werden. Das stand für mich fest.“ Doch dieser Traum platzte wie eine Seifenblase. Der Grund: Damals trug Fregattenkapitän Schade noch eine Brille, was eine erfolgreiche Bewerbung zum Marineoffizier erschwerte. Somit schloss er mit der Bundeswehr gedanklich ab und absolvierte eine Lehre als Bankkaufmann. Doch das machte ihn nicht glücklich. Da kam es gerade recht, dass sich in dieser Zeit einiges bei der Bundeswehr änderte. Auch Brillenträger hatten nun realistische Chancen, Marineoffizier zu werden. Diese Möglichkeit wollte sich Fregattenkapitän Schade nicht entgehen lassen und so trat er im Sommer 1996 wieder in die Bundeswehr ein.

Das Foto zeigt ein Schnellboot im Einsatz

Fregattenkapitän André Schade ließ sich zum Schnellbootfahrer ausbilden

Bundeswehr/Wilke

Eine eingeschworene Truppe

Er absolvierte eine erneute Grundausbildung bei der Marine in Plön, begann sein Studium im Bereich Geschichtswissenschaften und ließ sich zum Offizier und Schnellbootfahrer ausbilden. „Ich bin dann 2003 als Wachoffizier in das 7. Schnellbootgeschwader gekommen.“ Die Schnellboote wurden noch zu Zeiten des Kalten Krieges konzipiert und waren im Verbund mit dänischen und norwegischen Booten in der Verteidigung der Ostseeausgänge eingesetzt. Aus diesem Grund war der Komfort auf diesen Booten auf ein Minimum beschränkt; eine Dusche gab es beispielsweise nicht. Schließlich war die Idee dahinter: rausfahren, einen Tag draußen bleiben und dann wieder an Land gehen, sagt der Fregattenkapitän. Die sicherheitspolitische Situation änderte sich jedoch – die Schnellboote wurden plötzlich auch für internationale Manöver eingesetzt. So kamen unter anderem Fahrten ins Mittelmeer dazu. Diese Zeit prägte Schade nachhaltig: „Wir waren 42 Mann an Bord, hatten wenig Luxus, aber aufgrund dieser Entbehrungen waren wir eine eingeschworene Truppe“, schwärmt der Fregattenkapitän noch heute und ergänzt: „Das schnelle Fahren, die Elemente und eine wundervolle Kameradschaft machten diese Zeit zu etwas Besonderem.“ Sein Traum schien sich damit erfüllt zu haben.

Erster Kontakt mit der Lehre

Doch dann änderte sich von heute auf morgen alles: „Ich bin Opfer einer Bundeswehr-Reform geworden.“ Das Verteidigungsministerium verordnete der Bundeswehr ein Sparprogramm – neben rund 90 Tornado-Kampfflugzeugen musste die Bundeswehr nun auch auf zehn Schnellboote verzichten. „Da war meine Karriere bei den Schnellbooten beendet. Ich bin dann recht kurzfristig an die Marinetechnikschule nach Parow in die Nähe von Stralsund versetzt worden.“ Es war für Schade der erste Kontakt mit der Lehre – und auch nicht sein letzter, wie sich ein paar Jahre später noch herausstellen sollte. „Ich habe als Zugführer und stellvertretender Inspektionschef zukünftige Marinesoldaten ausgebildet.“ Nach anderthalb Jahren ging es dann nach Potsdam. Fregattenkapitän Schade wurde zum CIMICCivil Military Co-Operation-Offizier ausgebildet. Dieser fungiert als Bindeglied zwischen der zivilen und militärischen Seite und berät die Bundesländer beispielsweise im Katastrophenfall. „Wir beraten die zivilen Katastrophenschutzbehörden und zeigen ihnen, wie die Bundesländer die Bundeswehr mit all ihren Fähigkeiten nutzen können“, erklärt der Fregattenkapitän heute. Die Zeit sei spannend gewesen, denn dort habe er gelernt, wie umfangreich Katastrophenschutz ist und wie unterschiedlich dieser von Bundesland zu Bundesland organisiert wird.

Start ins zivile Leben

Er war zweimal im Auslandseinsatz in Afghanistan. So kümmerte er sich in den Jahren 2007/2008 und 2009 um den zivilen Wiederaufbau und die Erstellung eines so genannten zivilen Lagebildes in der Provinz Takhar. Bevor sich seine Zeit bei der Bundeswehr drei Jahre später dem Ende zu neigte, führte ihn der Weg noch einmal an die Marinetechnikschule nach Parow. Er bildete nun zukünftige Schnellbootfahrer aus. Sein Antrag zum Berufssoldaten wurde in der Zwischenzeit abgelehnt. Pro Geburtenjahr gab es eine gewisse Zahl an Offizieren, die Berufssoldat werden konnten. „Mein Geburtsjahrgang war schon seit vielen Jahren zu“, erklärt Schade. Für ihn stand damit fest: Es geht zurück in das zivile Leben. Sein Ziel war die zivile Seefahrt und so absolvierte Fregattenkapitän Schade die Ausbildung zum Erhalt des nautischen Patentes an der Seefahrtschule in Warnemünde. „Ich darf alles zur See fahren, was es auf der Welt im zivilen Bereich gibt – vom Passagierschiff über Küstenmotorschiffe bis zum Tanker“, sagt er. Doch als er das Zeugnis in der Tasche hatte, steckte die Seefahrt in einer Krise; ausgebildete Nautiker hatten es schwer, eine Anstellung zu bekommen. „Im Herbst 2014 saß ich da mit einer tollen Ausbildung und hatte quasi doch nichts in der Hand.“

Fregattenkapitän André Schade unterrichtet angehende Stabsoffiziere an der Führungsakademie in Geschichte

Fregattenkapitän André Schade vermittelt an der Führungsakademie der Bundeswehr geschichtliches Wissen

Führungsakademie der Bundeswehr/Sophie Düsing

Als Reservist zurück zur Bundeswehr

Wie der Zufall es so will, kam ein Freund auf André Schade zu und fragte ihn, ob er nicht als Reservistendienst Leistender zur Bundeswehr zurückkehren möchte. „Damals war die Reserve noch anders aufgebaut als heute, auch was die Akzeptanz in der Truppe und die finanzielle Vergütung anging. Es war für mich beruflich wie privat keine Alternative“, sagt Schade. Aus der Not heraus schlug er diesen Weg dann doch ein. Als Reservistendienst Leistender verschlug es ihn wiederum an die Marinetechnikschule nach Parow, bevor er dann an die schleswig-holsteinische Marineunteroffizierschule nach Plön kam. Im Zeitraum von 2015 bis 2018  bildete er immer mal wieder Unteroffiziere in den Bereichen Wachausbildung, Politik, allgemeine Truppenkunde, Geschichte und zum Teil auch in der Führungslehre und Vorschriftenkunde aus. In der Zwischenzeit meldete sich seine Professorin aus Studienzeiten und zugleich Wissenschaftliche Direktorin an der Fakultät Politik, Strategie und Gesellschaftswissenschaften der Führungsakademie der Bundeswehr, Loretana de Libero, bei ihn. Sie fragte ihn, ob er als Dozent für Geschichte an der höchsten militärischen Ausbildungsstätte in Deutschland tätig sein möchte. Dies stellte für Fregattenkapitän Schade eine spannende Herausforderung dar und so führte ihn sein Weg nach Hamburg. Tagsüber unterrichtet er angehende Stabsoffiziere an der Führungsakademie in Geschichte, am Abend beschäftigt er sich mit dem Seekrieg in der Antike. „Ich bin ein Freund von vergessenen Sachen, die in der heutigen Zeit nicht mehr wahrgenommen werden. So habe ich beispielsweise im Basislehrgang Stabsoffizier (BLSBasislehrgangs Stabsoffizier) ein Seminar zum Thema ,Vergessene Kriege und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart‘ gehalten.“ Mit den zukünftigen Stabsoffizieren spricht Fregattenkapitän Schade aber auch über die historische Entstehung von Demokratie und Republik, diskutiert mit ihnen darüber, wie die historischen Gesellschaften aufgebaut waren und taucht mit ihnen tiefer in die Militärgeschichte ein. Dabei verbindet er die Geschichte mit der Gegenwart und zeigt auf, wie längst vergangene – und teilweise vergessene – historische Ereignisse bis in unsere Tage bisweilen große Auswirkungen haben. Ab und an finden neben Vorträgen auch Podiumsdiskussionen und Rollenspiele Einzug in den Unterricht.

Ich möchte Geschichte als ein Erlebnis präsentieren; Geschichte darf Spaß machen. Der Lehrgangsteilnehmende beschäftigt sich mit einem historischen Thema - bei einzelnen Lehrgangsteilnehmenden das erste Mal seit Jahren! Das Schönste daran: Am Ende sieht man immer wieder, wie groß plötzlich das Interesse ist, sich mit historischen Themen auseinanderzusetzen.

Doch auch im Lehrgang Generalstabs- und Admiralstabsdienst National (LGAN) betreut er Module oder wirkt an der Veranstaltung Dialog der Kulturen mit. Bis zum 23. Oktober dieses Jahres ist Fregattenkapitän André Schade erst einmal als Reservistendienst Leistender an der Führungsakademie der Bundeswehr eingeplant. Im nächsten Jahr möchte er gerne wiederkommen, sagt er. „Ich bin gerne Offizier und gerne Historiker. Hier an der Führungsakademie der Bundeswehr kann ich beides vereinen, mein Wissen weitergeben, mich ausprobieren und vor allem fühle ich mich wertgeschätzt.“

von Sophie Düsing  E-Mail schreiben

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