Von Berggorillas und Soldaten in Flip-Flops

Von Berggorillas und Soldaten in Flip-Flops

  • Menschen
  • Führungsakademie der Bundeswehr
Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
8 MIN

Sie kann als Stützpfeiler der Bundeswehr angesehen werden – die Reserve. Denn sie hilft der aktiven Truppe, ihre Aufgaben zu erfüllen. Dazu gehören die Landes- und Bündnisverteidigung, der Heimatschutz und das internationale Krisenmanagement. Auch bei der Führungsakademie der Bundeswehr sind Reservistinnen und Reservisten eingesetzt.

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Oberstleutnant Axel Schönborn erfüllte sich mit einer Weltreise seinen Kindheitstraum

Grafik: Führungsakademie der Bundeswehr/Marie Kellermann

In welchen Bereichen die Reservistendienstleistenden an der höchsten militärischen Ausbildungsstätte in Deutschland arbeiten, mit welchen Herausforderungen sie sich tagtäglich auseinandersetzen und wie ihr Leben außerhalb der Bundeswehr aussieht, darüber berichten sie in unserer Serie: So auch Oberstleutnant Axel Schönborn vom Dezernat Protokoll.

Er ist mit Berggorillas auf Tuchfühlung gegangen und steckte einmal auf einem Boot im Amazonas fest. In Alaska traf er sich mit Freunden zum Barbecue. Doch ein Besuch beim Bäcker in Argentinien stellte sein Leben grundlegend auf den Kopf. Klingt ungewöhnlich? Oberstleutnant Axel Schönborn weiß viele solcher Geschichten zu erzählen. Denn der Reservist an der Führungsakademie der Bundeswehr hat während und nach seiner aktiven Dienstzeit viel erlebt. Zudem erfüllte er sich mit einer Weltreise seinen Kindheitstraum.

„Ein einmaliger historischer Moment“

Doch bevor es dazu kam, geht es erst einmal zurück in das Jahr 1996. Nach seinem Abitur ging Schönborn zur Bundeswehr. Der Entschluss sei schon länger in ihm gereift, sagt er. Einen großen Anteil daran hatte die Wiedervereinigung. Denn für den gebürtigen Thüringer, der im südlichen Berliner Ring groß geworden ist, war dies ein „einmaliger historischer Moment“. „Mir war klar: Ich wollte dem Land dienen. Also habe ich mich beworben und ein Assessment-Center in Köln durchlaufen.“

Mit der Studienzusage im Gepäck begann der damalige Offizieranwärter seine militärische Laufbahn beim Jägerbataillon 581 in Berlin. Nachdem er sein Betriebswirtschaftsstudium an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr in Hamburg abgeschlossen hatte, wurde Schönborn Zugführer eines Panzerzuges. Er sollte zudem Offizieranwärter im Panzerlehrbataillon im niedersächsischen Munster an das „Berufs- und Berufungsbild heranführen, unterstützen und ausbilden“, wie er sagt. Da sich sein damaliger Kompaniechef auf einen Einsatz vorbereitete, übernahm er in dessen Abwesenheit eine neue Aufgabe – die des Kompanieführers.

Eine Berggorillafamilie sitzt im Dickicht des Dschungels

Im afrikanischen Ruanda nahm Oberstleutnant Axel Schönborn an einer geführten Tour zu den Berggorillas teil

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn

Gänsehautmoment in Ruanda

Im Jahr 2005 reifte ein Gedanke in ihm: „Ich habe mich entschieden, meinen Vertrag als Zeitsoldat vier Jahre später auslaufen zu lassen, um mir ein paar Wünsche in meinem Leben zu erfüllen. Ich wollte um die Welt reisen, mir ein paar Länder angucken.“ Doch bevor er seinen Traum wahr werden ließ, hatte er noch berufliche Ziele: „Im Jahr 2006 ging ich als einer der ersten Militärbeobachter mit in den Sudan-Einsatz“, sagt Schönborn. Ich war dort unter anderem für das Informationsmanagement und die Patrouillenführer verantwortlich. Im Sudan-Einsatz lernte er Menschen aus der ganzen Welt kennen.

„Zwei Offiziere aus Ruanda haben mir damals angeboten, dass ich sie mal besuchen sollte. Ich bin dann mit einem Kanadier und einem deutschen Polizisten, der ebenfalls an der UNUnited Nations-Mission teilgenommen hatte, nach Ruanda gereist.“ Dort wollte sich Schönborn bei einer geführten Tour die Berggorillas anschauen. „Wir sind keine 100 Meter in den Urwald hineingegangen, da sagten unsere Tourguides, dass die Gorillas schon da sind. Gesehen haben wir sie in diesem Augenblick noch nicht. Vor mir ging ein Österreicher. Plötzlich kam ein halbstarker Gorilla auf ihn zu und warf ihn in den Busch. Er lag quasi links von mir, der Gorilla stand vor ihm und dann sagte der Guide: ‚Wir können weitergehen, der will nur spielen.‘ Wir gingen also weiter, ich lief am Gorilla vorbei und guckte ihn an. Er ging mir bis zur Schulter. Auf einmal stand der Kleine auf, dann lag ich auf dem Boden. Das ist eine wunderschöne Erinnerung. Wenn ich darüber rede, bekomme ich Gänsehaut.“

Aufgestellt zum Gruppenfoto: Axel Schönborn und afrikanische Soldaten

Im Sudaneinsatz war Axel Schönborn einer der ersten Militärbeobachter

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn

Wissen, wo der Feind steht

Als Schönborn zurück in Deutschland war, ließ er sich im Bereich militärisches Nachrichtenwesen – zum S2-Offizier – für das Panzerlehrbataillon 93 ausbilden. „Dafür ging ich nach Bad Ems. Dort suchte der Hörsaalleiter einen Nachfolger. Ich wurde ausgewählt und war damit gleichzeitig der erste Soldat auf Zeit in dieser Funktion“, sagt der heute 43-Jährige. Er gab sein Wissen darüber weiter und bildete das Personal im Themengebiet militärische Sicherheit aus. „Wenn der Kommandeur wissen möchte, wo der Feind steht oder was diese Gruppe macht, dann braucht man validiertes und verdichtetes Hintergrundwissen. Man muss beispielsweise wissen, was in den jeweiligen Ländern passiert, wer einem wohlgesonnen ist und wer nicht. Diese Erkenntnisse sind wichtig, um Entscheidungen treffen zu können.“ Gleichzeitig freute sich Schönborn darüber, wieder Kontakt mit einem internationalen Netzwerk zu haben. Auch in dieser Zeit erlangte er mehr Detailkenntnis über die Welt, wie er betont. Währenddessen rückten sein Dienstzeitende und sein großer Traum immer näher. Am 30. Juni 2009 war sein letzter Tag als aktiver Soldat in der Truppe. „Am Ende habe ich für meine Tätigkeit noch das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Silber erhalten. Einen Tag später saß ich bereits im Flieger.“

Auf diesen Moment arbeitete er vier Jahre lang hin. Das Handwerkszeug hat er dafür bei der Bundeswehr erlernt, sagt der Reservist heute. Eigentlich wollte der gebürtige Thüringer ein halbes Jahr um die Welt reisen. Schon damals war ihm klar, dass er damit zwar „Stempel in den Pässen sammeln“ würde, jedoch die Zeit zu knapp bemessen wäre, um mehr über die Länder und die jeweilige Kultur zu erfahren. Während seiner aktiven Dienstzeit entschied er sich deshalb, nicht ein halbes Jahr, sondern zweieinhalb Jahre um die Welt zu reisen.

Axel Schönborn hält mit einem Selfie den Zwillingsregenbogen vor dem Ayers Rock fest

Ein seltenes Schauspiel sah Axel Schönborn an einem regnerischen Tag: Zwillingsregenbogen waren über dem Ayers Rock zu sehen

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn

Seltenes Schauspiel in Australien

So ist ihm in Australien beispielsweise ein Moment besonders in Erinnerung geblieben. Freunde gaben ihm den Tipp, zur Bucht Head of the Bight zu fahren. Auf dem Weg dorthin fuhr er auf der schnurgeradesten Straße der Welt, der Nullarbor, entlang. „Da gibt es kuriose Schilder. Beispielsweise zeigen sie an, dass man die nächsten 146,6 Kilometer geradeaus fahren soll oder nach 470 Kilometern links abbiegen kann. Als ich dorthin unterwegs war, regnete es leicht. Am Ticketschalter angekommen, sagte man mir, dass die Wale an diesem Tag angekommen sind. Es waren 53. Es sah so aus, als ob sich die Tiere das Badewasser eingelassen und in der Bucht relaxed haben. Ein einmaliges Erlebnis.“ Seine Tour führte ihn auch zum Ayers Rock, dem zweitgrößten Sandsteinmonolith der Erde. Wieder regnete es. Zum Glück, wie Schönborn später feststellte. Denn als er dort angekommen war, stand ein Zwillingsregenbogen über dem gewaltigen Gesteinsblock.

 Axel Schönborn entspannt mit seiner Frau auf einer Hängematte

In Argentinien hat Axel Schönborn seine Frau kennengelernt, ein paar Monate später besuchte er sie in Brasilien

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn

Besondere Minuten in Argentinien

Noch viele weitere Geschichten hat Axel Schönborn in petto: So traf er beispielsweise überraschend ehemalige Weggefährten, als er in Chile in einem Nationalpark umhergewandert ist oder er strandete mit einem Boot auf dem Amazonas.

„Da bekam ich das erste Mal einen Eindruck von einem richtigen Dschungel. Es erinnerte mich an die Sudan-Mission. Damals sind viele Soldaten mit Flip-Flops oder in Gummistiefeln herumgelaufen. Bei uns in der Bundeswehr ist das nicht typisch, aber in Südamerika war das extrem auffällig. Im Amazonas-Gebiet braucht man tatsächlich Gummistiefel und eine Machete, um dadurch zu kommen.“

Ein Treffen hat Axel Schönborns Leben jedoch nachhaltig verändert: Als er in Argentinien war, blieb er ein paar Tage am selben Ort, um von dort aus Tagestrips zu machen. „Ich hatte ein Ritual. Ich bin nach meinen Touren immer zum gleichen Bäcker gegangen. Dort lernte ich eines Tages meine Frau kennen. Sie ist Brasilianerin und machte in Argentinien drei Wochen Urlaub. An diesem Tag hielt sie sich wie ich zum Trekking in El Chaltén auf und hatte nach der Wanderung noch 40 Minuten Zeit bis der Bus kam. Ich habe ihr im Februar 2010 versprochen, dass ich sie im Oktober 2010 in Brasilien besuchen kommen werde. Meine Reise habe ich wie gewohnt fortgesetzt und mein Versprechen wahrgemacht. Ich habe mich am Ende meiner zweieinhalbjährigen Reise entschieden, dauerhaft nach Brasilien zu gehen. Und daraus sind mittlerweile schon acht Jahre und zwei Kinder geworden.“

Oberstleutnant Axel Schönborn unterhält sich mit einem Kameraden aus seinem Bereich

Veranstaltungen planen und durchführen: Das sind Aufgaben von Oberstleutnant Axel Schönborn (links) an der Führungsakademie der Bundeswehr

Führungsakademie der Bundeswehr/Michael Gundelach

So kam er an die Führungsakademie

Brasilien wurde nun sein Lebensmittelpunkt. Er machte sich als Projektmanager selbstständig und baut seither ein Sicherheits- und Informationsnetzwerk in Südamerika auf. Zudem gibt er Weiterbildungen in den Themengebieten vernetzte Sicherheit, Umwelt, Ökonomie und Kultur. Er berät seine Kunden unter anderem zu den Themen Betrugs-, Korruptionsprävention und Investitionsschutz. Auch in dieser Zeit erinnerte er sich gern an seine Zeit bei der Bundeswehr zurück. Schon als aktiver Soldat spielte er mit dem Gedanken, später einmal als Reservist tätig zu sein. Sein Ziel war es, einmal in der Militärattaché-Reserve dienen zu können. Auch deshalb hielt Schönborn von Brasilien aus Kontakt zu ehemaligen Kameraden. Im Jahr 2012 absolvierte er dann seinen ersten Reservistendienst in der Panzerlehrbrigade 9 in Munster. Er war in dem Bereich des militärischen Nachrichtenwesens eingesetzt. Als er ein Jahr später wieder in der Brigade übte, traf er beim Mittagessen seinen jetzigen Dezernatsleiter Oberstleutnant Dirk Nickels von der Führungsakademie der Bundeswehr.

“So kam es, dass ich 2014 erstmalig an der Führungsakademie der Bundeswehr im Bereich Protokoll hineingeschnuppert habe.“

Seine Aufgaben sind vielfältig. Oberstleutnant Schönborn hält beispielsweise Kontakt zu den deutschen Verbindungsoffizieren an den Partnerakademien und plant die Besuche anderer Nationen, die mehr über die Ausbildung der Spitzenführungskräfte der Bundeswehr erfahren möchten. Zudem ist er aktuell verantwortlich für die Auswertung der Kooperationsbeziehungen mit NATONorth Atlantic Treaty Organization- und Nicht-NATONorth Atlantic Treaty Organization-Ländern und unterstützt das Team im Bereich Protokoll beim Vor- und Nachbereiten von Veranstaltungen.

Sein zweiter Lebenstraum

Sechs Mal führte ihn sein Weg bereits nach Hamburg. Mal für einen Monat oder in Zeiten von Corona auch für ein knappes Jahr. Zwischenzeitlich diente er beim Vereinte Nationen Ausbildungszentrum der Bundeswehr. „Im Sommer 2015 nahm mich der Kommandeur des Ausbildungszentrums mit auf eine Konferenz in Brasilien“, berichtet Schönborn. Als er ein paar Monate später in Brasilien einen Anruf vom deutschen Verteidigungsattaché erhielt, ahnte er jedoch noch nicht, das er seinem zweiten Lebenstraum einen großen Schritt näherkommen wird. „Ich wurde ins Generalkonsulat eingeladen und dort zum Oberstleutnant der Reserve befördert. Damit hatte ich die Voraussetzung für die deutsche Militärattaché-Reserve geschaffen.“ Im darauffolgenden Jahr nahm Schönborn an Lehrgängen an der Führungsakademie der Bundeswehr teil und bewarb sich anschließend für die deutsche Militärattaché-Reserve. „Es ist nun mein Beordungstruppenteil“, freut sich Schönborn.

Anders als geplant gestaltet sich für Schönborn und seine Familie indes die Rückreise nach Brasilien. Bereits im September sollte es losgehen. Doch der Flieger wurde mehrmals gestrichen, der Aufenthalt in Deutschland damit verlängert. „Wir wollen nun Ende Januar nach Brasilien zurückkehren. Im Februar beginnt das neue Schuljahr“, sagt Schönborn. Zwischen zwei Kontinenten zu pendeln, mache ihm nichts aus. Ihm sei bewusst, dass sein Leben nicht ganz normal sei, sagt er und ergänzt: „Dennoch würde ich alles immer wieder ganz genauso machen.“

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Axel Schönborn macht ein Erinnerungsfoto im Nationalpark

Mit dem Rucksack bepackt, erkundete Axel Schönborn den Nationalpark Torres del Paine in Chile

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn
Axel Schönborn steht an einem Stein-Strand und blickt in die Ferne

Zweieinhalb Jahre war Axel Schönborn in der Welt unterwegs: Auch in Neuseeland machte er Halt

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn
Axel Schönborn trägt eine Sonnenbrille und steht vor dem Taj-Mahal-Palast

In Indien schaute sich Axel Schönborn unter anderem das Mausoleum Taj-Mahal an

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn
Zwei Mädchen stehen mit Abstand zueinander vor einer Pfütze. Eine trägt ein Gefäß mit Wasser auf dem Kopf

Im Jahr 2006 war Axel Schönborn als Militärbeobachter im Sudan-Einsatz. Drei Jahre später reiste er privat umher

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn
Viele Kinder lachen in die Kamera

Auch diesen Moment hielt Axel Schönborn während seines Sudan-Einsatzes im Bild fest

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn
Blauer Himmel, Schnee auf dem Bergen, Wasser und Gletscher – Das bestaunte Axel Schönborn in Argentinien

Viele Landschaftsbilder machte Axel Schönborn von seiner Weltreise. So auch dieses in Argentinien

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn
 Axel Schönborn schaut in die Kamera, hinter ihm sind die Blue Mountains zu sehen

Die Blue Mountains wollte sich Axel Schönborn in Australien nicht entgehen lassen

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn
Axel Schönborn macht ein Selfie vor einem Straßenschild

Kuriose Straßenschilder gibt es in Australien, findet Axel Schönborn und machte ein Foto davon

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn
Ein Blick über die zweitgrößte Stadt Brasiliens – Rio de Janeiro

Rio de Janeiro ist nach der Weltreise der Lebensmittel von Axel Schönborn und seiner Familie

Führungsakademie der Bundeswehr/Axel Schönborn

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von Sophie  Düsing  E-Mail schreiben

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