Von Einschnitten und glühenden Augen

Von Einschnitten und glühenden Augen

  • Ausbildung
  • Führungsakademie der Bundeswehr
Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
6 MIN

Ein deutscher Offizier besucht die Führungsakademie der Bundeswehr mehrmals in seinem Leben – das ist eine Tatsache. Und sie trifft auch auf Brigadegeneral Boris Nannt zu. Vor knapp 20 Jahren absolvierte er den Lehrgang für Generalstabs-/Admiralstabsdienst National, im September 2017 kehrte er als Direktor Strategie und Fakultäten an die Akademie nach Hamburg zurück. „Klasse Aufgabe. Es ist meine Leidenschaft, junge Menschen auszubilden, zu fördern und zu prägen“, sagt Nannt. Nun neigt sich seine Zeit in Hamburg dem Ende zu. Wie so oft im Leben eines Militärs geht der Weg weiter. In seinem Fall Richtung Garlstedt – wir blicken mit ihm noch einmal zurück.

Brigadegeneral Nannt im Gespräch

Brigadegeneral Nannt verantwortete drei Jahre lang als Direktor Strategie und Fakultäten die Planung, Durchführung und Weiterentwicklung der Lehre

Führungsakademie der Bundeswehr/Lene Bartel

Bevor General Nannt im Herbst 2017 an die Führungsakademie der Bundeswehr kam, war er vier Jahre im Presse- und Informationsstab des Bundesministeriums der Verteidigung tätig – zuletzt als Stellvertretender Sprecher des Ministeriums. In dieser Zeit initiierte er in Berlin gemeinsam mit den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg das Projekt „Digitalforum Führen“. „Es verbindet junge Führungskräfte aus Militär und Wirtschaft für ein Jahr miteinander“, erklärt er. Das Projekt ist nun fest in der Führungsakademie verankert und unterstreicht Nannts Freude am Fördern und Vernetzen junger Führungskräfte. „Ich finde es faszinierend, in diese motivierten Augen zu schauen und unsere Spitzenkräfte auf ihrem Weg zu unterstützen.“ Als Direktor Strategie und Fakultäten verantwortete er bis Oktober 2020 die Planung, Durchführung und Weiterentwicklung der Lehre im beschaulichen Hamburg-Blankenese. Doch beschaulich war hier in den vergangenen drei Jahren eigentlich nichts. Hinter den Kasernenmauern wurde seit der Rede von der damaligen Bundesministerin der Verteidigung Ursula von der Leyen im November 2016 ordentlich gewirbelt. Mittendrin: General Nannt.

Die digitale Ausbildungsakademie

Die Ministerin forderte damals die höchste militärische Ausbildungsstätte der Bundeswehr auf: „Macht mir die Ausbildung und Lehre modern!“ Das hieß für die Akademieführung: „Wir mussten uns die Frage stellen, wie wir eigentlich zukünftig lehren und ausbilden wollen“, sagt Nannt und erklärt, dass drei Dinge fundamental für eine militärische Führungskraft seien: die Fähigkeit zu entscheiden, zu beraten und der Wille zu gestalten. Sowohl gute Techniken wie auch eine Persönlichkeit mit Haltung und Erfahrung seien dafür die Basis. „Um das aber zu erreichen, müssen wir weg vom Frontalunterricht hin zu aktivierendem und eigenverantwortlichem Lernen. Nur für reinen Wissenserwerb brauchen wir nicht an die Akademie zu kommen. Wir müssen Dinge anwenden können.“ Um ein Bild zu bekommen wohin die Entwicklung gehen könnte, reiste die Akademieführung in den vergangenen Jahren zu militärischen Partnerakademien und schaute sich auch die Lösungen für moderne Ausbildung und Lehre im zivilen Sektor an. „Wir kamen zu der Erkenntnis, dass wir die Akademie um digitale Formate erweitern müssen. Beispielsweise hatten wir kein Lern-Managementsystem, um von jedem Ort zu jeder Zeit auf Materialen zugreifen zu können.“

Im Juni 2019 startete daher unter Nannts Federführung das zweijährige Projekt „Digitale Ausbildungsakademie für Lebenslanges Lernen“. Dabei betrachten die Mitwirkenden des Projektes, wie sich Führung im digitalen Zeitalter entwickelt und wie sich die Ausbildung und Lehre diesen neuen Herausforderungen anpassen muss. „Wenn die jungen Menschen eines General-/Admiralsstabslehrgangs bei uns am ersten Tag sitzen, dann haben sie alle glühende Augen. Ich möchte, dass sie diese glühenden Augen noch nach zwei Jahren haben“, sagt Nannt. Entsprechend war sein Fokus der vergangenen Monate und Jahre, Ausbildung und Lehre attraktiver und selbstbestimmter zu gestalten. „Als ich vor 18 Jahren den Lehrgang absolviert habe, haben wir viel mehr gesessen und eigentlich nur zugehört“, erinnert sich Nannt. Seither hat sich eine Menge verändert.

Der General sitzt vor einem Publikum und spricht

Brigadegeneral Nannt initiierte das Projekt „Digitale Ausbildung für Lebenslanges Lernen“ an der Führungsakademie

Führungsakademie der Bundeswehr/Lene Bartel

Herausforderung Corona

Eine große Herausforderung war für die gesamte Akademieführung die Corona-Pandemie. „Das war ein wahnsinniger Einschnitt, auf den wir schnell reagieren mussten“, erinnert sich Nannt. Plötzlich fand sich die Akademie als Ausbildungsstätte in einem Lockdown wieder und musste dennoch die Lehre sicherstellen. „Wir mussten von Präsenz- auf Fernlehre umstellen und das von 0 auf 100.“, sagt er. Das klappte auch nur, weil die Akademie durch das Projekt der „Digitalen Ausbildungsakademie für Lebenslanges Lernen“ bereits erste Projekte hin zu einer digitalen Ausbildungsakademie angestoßen hatte. Und weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Akademie alle am selben Strang gezogen haben. „Alle waren in dieser Zeit unheimlich flexibel und hoch motiviert. Dafür bin ich sehr dankbar. Das hätte sonst nicht so gut geklappt“, erklärt er. Ein Lern-Managementsystem hat die Akademie jetzt. „Wir konnten eine Menge Erfahrungen in den vergangenen Monaten sammeln insbesondere zu der Frage, welche hybriden Unterrichtsformen welche Vor- und Nachteile haben.“ Doch der Weg ist immer noch weit.

Die Denkfabrik

Neben der Modernisierung der Lehre gab Ministerin von der Leyen der Führungsakademie einen weiteren Auftrag: „Positioniert euch als strategische Denkfabrik!“ Auch dieses Projekt lag in der Federführung von General Nannt. Im Sommer 2018 wurde das German Institute for Defence and Strategic Studies, kurz GIDS, aufgestellt. „Mein Auftrag war der strukturelle Aufbau der Denkfabrik. Damit ging auch erstmalig der Auftrag Forschung an die Führungsakademie“, sagt Nannt. Lehre und Forschung gehören für den General unweigerlich zusammen. Nicht zuletzt deshalb ist die Denkfabrik auch eine Kooperation zwischen der Führungsakademie und der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg. „Für mich war das etwas ganz Neues. Es gab bisher keinen militärischen Thinktank der Bundeswehr und somit gab es auch keine vorgezeichneten Wege, wie man so eine Denkfabrik etablieren kann“, erklärt er.

Inzwischen hat sich die Denkfabrik einen Namen gemacht. „Was die Kultur des offenen, kritischen Austausches angeht, sind uns andere Länder voraus. Dort werden beispielsweise Defizite klarer angesprochen. Deshalb finde ich diese Denkfabrik so wichtig, weil sie genau das tun soll“, sagt der General. „Wir brauchen das!“ Denn es gehe am Ende darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dafür sei jede Perspektive auf ein Problem, ein Phänomen oder einen Sachverhalt wichtig. „Vielleicht braucht man dann ein paar mehr Schleifen bei der Entscheidungsfindung oder einer Position, aber sie ist dann fundierter“, stellt der General fest.

Selber in der Lehre

Zu den schönsten Momenten an der Führungsakademie zählen für Nannt die, in denen er selbst in die Lehre gehen durfte. „Erst Anfang des Monats habe ich beim Basislehrgang für Stabsoffiziere den Chef des Stabes des Einsatzführungskommandos gespielt und die Soldatinnen und Soldaten auf Herz und Nieren geprüft.“ Wichtig sei ihm, dass die Akademie ein Ort ist, an dem sich junge Menschen entfalten und frei denken können. Und da verbinden sich die beiden Leitbilder der Führungsakademie und des GIDS: Mens agitat molem – der Geist bewegt die Materie und Mut zum Diskurs. Die Weiterbildung des Geistes mit der Aufforderung, frei und kritisch zu denken. Der General wünscht sich für die Akademie, dass die Schritte hin zu einer digitalen Ausbildungsakademie und einer strategischen Denkfabrik weitergegangen werden. „Wir müssen lernen, etablierte, ausgetretene Pfade zu verlassen, um neue Wege zu gehen.“

Seinen Dienst als Kommandeur der Logistikschule in Garlstedt beginnt Brigadegeneral Nannt am 19. Oktober. Er freut sich auf diese neue Aufgabe. Und auch hier wird er als erstes wieder die glühenden Augen in den jungen Soldatinnen und Soldaten suchen und sie hoffentlich glühend halten.

von Victoria Eicker  E-Mail schreiben

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