Ukraine-Unterstützung

Schnell und flexibel: Das Special Training Command von EUMAM UAEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine

Schnell und flexibel: Das Special Training Command von EUMAM UAEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine

Datum:
Ort:
Strausberg
Lesedauer:
5 MIN

Über 100 Soldaten aus rund 15 Nationen sorgen beim Special Training Command in Strausberg für die Koordination aller Ausbildungen, die im Rahmen der EUEuropäische Union-Ausbildungsmission EUMAM UAEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine auf deutschem Boden stattfinden. Oberst i.G. Haub, der Chef des Stabes, gibt in einem Interview Einblicke in seine Arbeit.

Ein Soldat steht vor einem blauen Hintergrund

Oberst i.G. Haub, der Chef des Stabes im Special Training Command der Ausbildungsmission EUMAM UAEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine

Bundeswehr

Herr Oberst, als Chef des Stabes koordinieren Sie die Arbeit im Special Training Command der Ausbildungsmission EUMAM UAEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine. Wie läuft der Planungsprozess für die verschiedenen Ausbildungen normalerweise ab?

Der Prozess wird mit einer Trainingsanfrage der Ukraine an den Militärischen Planungs- und Führungsstab der EUEuropäische Union in Brüssel formell begonnen. Abseits dieser formalen Anfrage stehen wir mit einem ukrainischen Verbindungsoffizier in meinem Stab im engen Austausch, um die Ausbildung an geänderte Bedürfnisse anzupassen. Darüber hinaus macht das ST-C aus den Beobachtungen des Krieges in der Ukraine und den Erkenntnissen aus der Ausbildung Vorschläge, um diese kontinuierlich zu verbessern und anzupassen. Das ST-C in Strausberg wertet den Ausbildungsbedarf hinsichtlich der Realisierung aus, beauftragt Ausbildungsverbände der Bundeswehr oder bittet Partnernationen, koordiniert die notwendigen Ressourcen und legt die Ausbildung zur Billigung vor, um die Finanzierung durch die EUEuropäische Union zu beantragen.

Insgesamt ist es uns inzwischen gelungen, ein Ausbildungssystem zu etablieren, das schnell und flexibel auf die Bedürfnisse der Ukraine reagieren kann. Die verschiedenen Elemente des ST-C haben dann die Aufgabe, die organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen und durch sogenannte Training Directives den Rahmen sowie das Ausbildungsziel vorzugeben. Wie genau die Ausbildung gestaltet wird, bleibt dann aber den jeweiligen Ausbildungsleiterinnen und -leitern vor Ort überlassen. Diese können durch die direkte Zusammenarbeit mit den ukrainischen Soldatinnen und Soldaten besser abschätzen, wie das Ausbildungsziel unter den gegebenen Voraussetzungen erreicht werden kann.

Das ST-C setzt sich aus Soldatinnen und Soldaten zahlreicher verschiedener Nationen zusammen. Welche Vorteile aber auch Herausforderungen ergeben sich dadurch?

Ein Drittel der Dienstposten im ST-C werden durch Soldatinnen und Soldaten unserer multinationalen Verbündeten besetzt, was schon an sich ein großer Vorteil ist, aber auch ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit aller Beteiligten erfordert. Auch innerhalb der NATO sind nicht alle Abläufe und Verfahren gleich. Daher gilt es, sich stets abzustimmen, um gemeinsam, gleichgerichtet zu agieren. Die Beteiligung aller Nationen im Stab hilft enorm, den Koordinierungsbedarf in der Ausbildungsplanung zeitgerecht umzusetzen. 

Auch steht außer Frage, dass eine Mission dieses Ausmaßes nur gemeinsam mit unseren Verbündeten bewältigt werden kann. Die Bundeswehr stellt als tragendes Element sowohl Infrastruktur, logistische und medizinische Versorgung als auch einen Großteil der Ausbilder bereit. Dennoch leisten auch unsere 15 Partnernationen – teilweise durch die Übernahme ganzer Ausbildungsmodule auf deutschem Boden – einen entscheidenden Beitrag. 

Auch Nationen mit vergleichsweise kleinen Streitkräften haben durch den organisatorischen Rahmen, den Deutschland als Führungsnation des ST-C bietet, die Möglichkeit sich aktiv an der Ausbildung der ukrainischen Soldatinnen und Soldaten zu beteiligen. Durch gemeinsames Engagement in der Planung und Durchführung können so mittlerweile durchschnittlich 600 ukrainische Soldatinnen und Soldaten pro Tag in unterschiedlichsten Trainingsmodulen ausgebildet werden.

In welchen Punkten der Planung oder Ausbildung besteht noch Verbesserungsbedarf?

Mit der kurzfristigen europäischen Entscheidung zur Aufstellung des ST-C im November 2022 hat die Bundeswehr Kaltstartfähigkeit und Flexibilität bewiesen: Innerhalb kürzester Zeit wurde ein multinationaler Stab aufgebaut und die Ausbildung in Deutschland konnte unter dem Mandat der EUEuropäische Union erweitert werden. 

In einem Jahr wurde Beindruckendes geleistet. Sicherlich gibt es weiteres Verbesserungspotenzial; sei es in der multinationalen Koordination mit den unterschiedlichsten Partnern, die ukrainische Soldatinnen und Soldaten in ihren Ländern ausbilden, als auch in Bezug auf Rückkoppelungen der ukrainischen Seite bezüglich der „Zielgenauigkeit“ der verschiedenen Ausbildungen. 

Ein noch stärkeres Feedback wäre hilfreich; daher laden wir verstärkt ukrainische Fachleute zum gegenseitigen Informationsaustausch nach Deutschland ein. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass die Ukraine sich im Krieg befindet und daher eine wünschenswerte, langfristige Planung schlichtweg nicht leisten kann.

Sie sind mittlerweile seit knapp sechs Monaten beim ST-C eingesetzt. Was können Sie persönlich aus diesem Einsatz mitnehmen?

Mir persönlich hat diese Mission die Möglichkeit gegeben, mit Soldatinnen und Soldaten zahlreicher Nationen zusammenzuarbeiten und damit neue Sichtweisen kennenzulernen. Viel wichtiger ist allerdings, dass ich dadurch Teil einer Mission sein kann, die einen Unterschied macht. Innerhalb von zwölf Monaten konnten wir bislang in über 200 Trainingsmodulen rund 8.000 ukrainische Soldatinnen und Soldaten ausbilden, deren Motivation und Kampfgeist wirklich beeindruckend ist. 

Die ukrainischen Soldatinnen und Soldaten werden an der Front benötigt, wodurch die Zeit für die Ausbildung in Deutschland begrenzt ist und sich auf das Wesentliche konzentriert werden muss. Auch wenn einige von ihnen den Krieg nicht unbeschadet überstehen werden, können wir ihre Überlebenschancen auf dem Gefechtsfeld dank des großen Engagements aller Beteiligten, sowohl Ausbilder als auch Unterstützungspersonal, signifikant erhöhen. 

Einen Beitrag im Kampf der Ukraine gegen den russischen Aggressor zu leisten sowie Dinge schnell und unkompliziert möglich zu machen, beschert eine sehr hohe Berufszufriedenheit. Hier ist die Zeitenwende voll angekommen.

Wie wird die Zukunft von EUMAM UAEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine unter dem Special Training Command aussehen?

Auch 2024 werden wir das Ausbildungsangebot entsprechend der Bedürfnisse der Ukraine gestalten und anpassen. Wir sind zwar grundsätzlich gut über den Verlauf des Krieges informiert, allerdings kann nur das ukrainische Militär selbst die tatsächlichen Auswirkungen beurteilen und entscheiden, welche Ausbildungen notwendig sind. Um wirksame und nachhaltige Erfolge mit dieser Mission zu erzielen, werden wir den Fokus in Zukunft noch stärker auf die Ausbildung ukrainischer Führungskräfte legen. 

Erste Erfolge erkennen wir aus der ukrainischen Rückmeldung, dass unsere vermittelten westlichen Führungsphilosophien Anerkennung und Anwendung finden. Unser Ziel ist es, die Mission so weiterzuentwickeln, dass die Ukraine auf lange Sicht zunehmend selbstständiger ihre Truppen ausbilden kann, während das ST-C weiterhin die organisatorischen Rahmenbedingungen bereitstellt. Zusätzlich muss beispielsweise durch die verstärkte Implementierung von Drohnen in verschiedenen Ausbildungen noch intensiver auf neue Herausforderungen des Krieges eingegangen werden. 

Letztendlich wird der weitere Verlauf dieser Mission allerdings einzig und allein durch den unvorhersehbaren Kriegsverlauf bestimmt und wir müssen zu jeder Zeit bereit sein, schnell und flexibel darauf zu reagieren. Auch wenn die genaue Zukunft der Mission damit ungewiss ist, steht ein Punkt fest: Wir werden die Ukraine so lange wie nötig und bestmöglich unterstützen. Die Ukraine kämpft den Krieg, zu dessen Abschreckung wir unseren Dienst in den Streitkräften versehen.

von Lea Bacherle

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