Über russischen Imperialismus und ukrainische Souveränität

Konfliktraum Krim

Konfliktraum Krim

  • Geschichte
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Spätestens mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland 2014 rückte die Halbinsel wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Gewaltsame Konflikte um diesen geopolitisch bedeutsamen und geschichtspolitisch stark aufgeladenen Raum gibt es jedoch schon seit vielen Jahrhunderten.

Hafenstadt Sewastopol

Hafenfestung und Flottenstützpunkt: Die Geschichte der geopolitisch bedeutsamen Halbinsel Krim ist untrennbar mit der Hafenstadt Sewastopol verbunden, Holzstich, August 1854.

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Katharina II., seit 1762 russische Kaiserin, eroberte 1783 die Halbinsel Krim von den Osmanen und ließ sie als Teil »Neurusslands« in das Zarenreich eingliedern. Im selben Jahr erfolgte die Gründung der strategisch bedeutsamen Hafenstadt Sewastopol, die sich rasch zum wichtigsten russischen Flottenstützpunkt im Schwarzen Meer entwickelte.

Karte Schwarzmeerregion

Die Schwarzmeerregion und die Krim im Kartenbild.

ZMSBw 2022

Der Krimkrieg 1853‑1856

Der Krimkrieg in der Mitte des 19. Jahrhunderts entzündete sich an einem explosiven Gemisch aus religiösen Verwicklungen zwischen Christen und Muslimen in Jerusalem, diplomatischen Fehltritten und russischem imperialen Expansionsstreben.

Die europäischen Großmächte betrachteten das ausgedehnte Osmanische Reich als »kranken Mann am Bosporus« und hofften, ihren Einfluss auf dessen Kosten ausdehnen zu können. Großbritannien und Frankreich waren jedoch nicht bereit, dem am 2. Juli 1853 beginnenden Vormarsch der Zarenarmee auf dem Balkan tatenlos zuzusehen und eine Niederlage des Osmanischen Reiches hinzunehmen, ohne dass eigene Interessen berücksichtigt würden. Da Preußen und Österreich zunächst neutral blieben und damit der Landweg nach Russland weitgehend gesperrt war, entschieden Großbritannien, Frankreich und das Osmanische Reich, ihre Truppen per Schiff auf die Krim zu bringen.

Das war eine logistische Herausforderung, an der die Verantwortlichen beinahe scheiterten. Vielfach wurden Truppen und Ausrüstung voneinander getrennt.

Im September 1854 landeten die Verbündeten nahe der Festung Sewastopol an. Das schlecht vorbereitete Unternehmen gelang nur, weil die Armee des Zarenreiches über ganz Russland verstreut war und damit auf der Krim zu wenige Verteidigungskräfte bereitstanden. Die enormen Distanzen führten dazu, dass es Wochen und Monate dauerte, die russischen Truppen zu versammeln. Bahnstrecken standen zu dieser Zeit noch kaum zur Verfügung. Während der Landung waren die Zelte der Briten zunächst an Bord der Schiffe geblieben, sodass die Soldaten dem einsetzenden Herbstregen schutzlos ausgesetzt waren.

Logistik als Problem

Wegen unzureichender Versorgung wurde nicht abgekochtes Wasser getrunken – ein Choleraausbruch war die Folge. Hier zeigte sich, dass ein Heer gegen die Umwelt geschützt werden musste, sollte es kampfkräftig bleiben. Die Vorbereitungen waren aber ungenügend, auch reichten die Ressourcen der Krim an Feuerholz und Nahrungsmitteln nicht aus, um die mehrere zehntausend Mann starke Invasionsarmee zu versorgen. Der Krimkrieg wurde daher auch zu einem Logistikkrieg. Selbst die Truppenführer konnten sich trotz ihrer Privilegien nicht vor tödlichen Krankheiten schützen. Der französische Oberbefehlshaber Achille Leroy de Saint-Arnaud starb 1854 an der Cholera, der britische Oberbefehlshaber Lord Fitzroy Somerset Raglan 1855 an der Ruhr. Die miserable Versorgung der Soldaten rief öffentliche Empörung hervor, was mittelfristig sogar zu einer Verbesserung des Sanitätswesens führte. Gleichwohl waren Schätzungen zufolge zwei Drittel der Verluste auf Krankheiten zurückzuführen.

Seit Oktober 1854 belagerten die Verbündeten die Festung Sewastopol. Das von Höhenzügen und Tälern zerfurchte Gelände in der Umgebung war für die Verteidigung gut geeignet und wurde von den Russen durch Gräben und Befestigungswerke weiter ausgebaut. Auch die Invasoren schanzten; vor allem bauten sie ihre Artilleriestellungen aus, um die Belagerten zu zermürben. Die blutigen Schlachten von Balaklawa und Inkerman brachten 1854 keine Entscheidung. Inzwischen hatte sich das Kampfgebiet um Sewastopol in ein ausgedehntes Stellungssystem verwandelt, in dem Vorposten- und Artilleriegefechte stattfanden. Es entwickelte sich ein regelrechter Materialkrieg, in dessen Verlauf die Befestigungen der Stadt weitgehend zerstört wurden. Nach einer Reihe von Angriffen fiel Sewastopol nach 349-tägiger Belagerung im September 1855. Während der Pariser

Friedensverhandlungen wurde die Demilitarisierung des Schwarzen Meeres beschlossen und damit das vorläufige Ende des russischen Machtstrebens im Süden besiegelt. Die verbündeten Truppen verließen die Krim im Juli 1856; bereits 1870 brach Russland unter Ausnutzung der französischen Niederlage gegen Preußen-Deutschland die Pariser Bestimmungen.

Zeitalter der Weltkriege

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges zeigte sich erneut die geopolitische Bedeutung der Krim, als der unter osmanischer Flagge fahrende deutsche Schlachtkreuzer Goeben den wiederhergestellten Kriegshafen Sewastopol beschoss. Obwohl die Operation militärisch ohne Wirkung blieb, erklärte das Zarenreich dem Osmanischen Reich den Krieg. Letzteres sperrte den Bosporus, womit Russland von Warenhandel und Hilfslieferungen im Süden abgeschnitten war. In den Wirren des russischen Bürgerkrieges besetzten deutsche Truppen nach Gefechten mit den Bolschewiki 1918 die Krim. Nach der Niederlage Deutschlands versuchten alliierte Truppen, Kriegsmaterial zu sichern und die Bolschewiki in Schach zu halten. Mit zunächst 4000 Mann waren sie allerdings viel zu schwach, um die gegenrevolutionären »weißen« Truppen im Kampf mit der Roten Armee wirksam zu unterstützen. Bis 1920 mussten Alliierte und »Weiße« abziehen. Sowjetrussland verfügte damit über eine bedeutende maritime Operationsbasis im Schwarzen Meer.

Zweiter Weltkrieg Sewastopol

Zweiter Weltkrieg: Truppen der Wehrmacht in der zerstörten Stadt Sewastopol, Sommer 1942.

SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Unmittelbar vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 waren die Fortifikationen Sewastopols noch einmal umfassend ausgebaut worden. Die Stadt glich nun einer Festung, die see- und landseitig verteidigt werden konnte. Die Bedeutung der Krim zeigte sich darin, dass die deutsche Luftwaffe Sewastopol bereits in den ersten Kriegstagen aus der Luft angriff, wenn auch erfolglos. In einer im September 1941 beginnenden Operation versuchte General Erich von Manstein, die Krim rasch zu erobern. Ziel war es, die rumänischen Ölfelder vor der sowjetischen Luftwaffe zu schützen und für die eigenen Truppen zu sichern. Dabei erwiesen sich die räumlichen Bedingungen des Krieges erneut als hinderlich: Die deutschen Nachschubwege waren überdehnt und das gut ausgebaute Terrain um Sewastopol bevorteilte den Verteidiger. Wie bereits 1854/55 gingen die Kämpfe in einen Stellungskrieg über. Die sowjetische Besatzung unter Vizeadmiral Filipp Oktjabrski widerstand den deutschen Angriffen 250 Tage lang, bis Sewastopol im Juli 1942 fiel. Pläne, die Krim zu einem nationalsozialistischen Musterland auszubauen, scheiterten an der weiteren Entwicklung des Krieges. Am 8. April 1944 begann die sowjetische Krim-Offensive, am 12. Mai 1944 ergaben sich die im Gebiet westlich Sewastopol verbliebenen 15 000 deutschen und rumänischen Soldaten. Zuvor waren etwa 150 000 Mann über den See- und Luftweg evakuiert worden. (siehe Zweiter Weltkrieg)

Wem gehört die Krim?

Im Jahr 1954 gliederte Nikita Chruschtschow die Krim aus der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik aus und übertrug sie der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Anlass dieser heute von Moskau in Frage gestellten »Schenkung« war der 300. Jahrestag eines Übereinkommens, das vor allem von russischer Seite als Beginn einer unverbrüchlichen Allianz mit der Ukraine interpretiert wurde. Sewastopol blieb nach 1954 allerdings unmittelbar von Moskau verwalteter Flottenstützpunkt. (siehe Geschichte Ukraine)

1991 zerfiel die UdSSRUnion der Sozialistischen Sowjetrepubliken und die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung votierte in einem Referendum für die Unabhängigkeit. Doch der Status der Krim war umstritten, zumal auch aufgrund einer teils gewaltsamen Migrationspolitik große russische Bevölkerungsteile auf der Krim lebten. 1992 erhielt die Krim den Status einer Autonomen Republik im ukrainischen Staat.

1994 verzichtete die Ukraine auf den Besitz von Atomwaffen und damit auf ein bedeutendes Machtinstrument. Dafür garantierten Großbritannien, Russland und die USA im Budapester Memorandum ihre Grenzen und Souveränität. 1997 einigten sich die Russische Föderation und die Ukraine, die Schwarzmeerflotte im Verhältnis 82:18 untereinander aufzuteilen. Russland pachtete Abschnitte des Sewastopoler Hafens, um den strategisch wichtigen Flottenstandort zu bewahren.

Die Annexion der Krim 2014

Als die Ukraine 2014 einen politischen Umsturz erlebte, nutzte Russland die Gunst der Stunde und besetzte in einer planmäßig vorbereiteten Operation die gesamte Krim. Die Besetzung und Angliederung der Krim an Russland waren ein klarer Bruch des Völkerrechts, vor allem der Charta der Vereinten Nationen (Art. 2 Nr. 4: allgemeines Gewaltverbot). Moskaus Argument, auf der Krim sei die Sicherheit russischer Bürger gefährdet gewesen, wird dagegen von Völkerrechtlern zurückgewiesen. Die am 18. März 2014 vollzogene Eingliederung der Krim geschah, weil die dem Westen zuneigende Ukraine als geschwächt galt und Russland keinen Widerstand der internationalen Staatenwelt fürchtete. Die Krim galt und gilt nach wie vor als geopolitischer Angelpunkt und Symbol russischer Größe.

Im Februar 2022 begann die Russische Föderation einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ukraine. Dies belegt eindrücklich, dass sich Moskaus Machtanspruch nicht auf die Krim beschränkt. Staatschef Wladimir Putin scheint vielmehr in der Kontinuität einer imperialen russischen Politik zu stehen, die die Ränder des Imperiums immer wieder rücksichtslos und gewaltsam konsolidierte. Sie wurde und wird geschichtspolitisch legitimiert. Diesen tendenziell grenzenlosen Machtanspruch zurückzuweisen ist die zentrale Herausforderung, der sich der Westen dieser Tage stellen muss. Sie kann sich morgen in ähnlicher Weise auch auf anderen Kontinenten zeigen.


(Aktualisierter Beitrag der Erstveröffentlichung in: Christoph Nübel, Die Krim. In: Michael Epkenhans und Frank Hagemann (Hrsg.), Militärgeschichte. Von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart, Braunschweig 2021, S. 130‑133.)

Literaturtipp

Mungo Melvin, Sevastopol’s Wars. Crimea from Potemkin to Putin, London 2017.
 

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