Deutschland - Russland - Ukraine 1916

Brussilow Offensive 1916

Brussilow Offensive 1916

  • Geschichte
  • Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften
Datum:
Ort:
Deutschland
Lesedauer:
5 MIN

Die Aktuelle Karte aus dem ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, erklärt von Oberstleutnant Dr. Heiner Bröckermann.

Im Westen der heutigen Ukraine wurde im Ersten Weltkrieg erbittert gekämpft. Der Krieg im Osten war nach den Erfolgen der Mittelmächte bis 1915 zum Stellungskrieg erstarrt. Das Deutsche Reich konzentrierte sich ab Februar 1916 mit seiner Offensive bei Verdun auf die Westfront. Die Ostfront sollte gehalten, aber nicht initiativ werden. Österreich-Ungarn zog 1916 von dort sogar Truppen für eine Offensive gegen Italien ab. Im selben Jahr wollte die Entente – bestehend aus Frankreich, Großbritannien, Italien und Russland – die Mittelmächte mit Angriffen an allen Fronten in die Zange nehmen. Dieser Plan war Ergebnis einer Konferenz in Chantilly/Frankreich im Dezember 1915. Russland tat sich damit schwer. Man stand jedoch im Wort und Italien ersuchte um Hilfe. Der russische Generalstabschef Michail Alexejew nutzte daher wenige Wochen nach der gescheiterten Frühjahrsoffensive den russischen Kriegsrat in Mogilew am 14. April 1916 zur Planung neuer Angriffe.

Planung und Vorbereitung

Die neue russische Offensive sollte wie zuvor schon einmal nördlich der Pripjet-Sümpfe gegen die deutschen Truppen geführt werden. Mit der Planung des Hauptstoßes auf Wilna wurde die russische Westfront beauftragt. Die Nordfront sollte den Feind bei Riga und an der Düna mit begrenzten Angriffen binden. Dagegen hielt General Alexejew die Südwestfront unter General Alexej Brussilow nach ihren Verlusten des Jahres 1915 nicht mehr für angriffsfähig. Brussilow erklärte jedoch, dass er zur Unterstützung des Hauptangriffs auch ohne zahlenmäßige Übermacht eine Offensive auf der ganzen Frontbreite von etwa 500 km beabsichtige. Er setzte auf eine intensive Vorbereitung von der Ausbildung bis zur Ausrüstung und den Vorteil der Überraschung. Zudem erwartete er von seinen Kommandeuren, erkannte Einbruchstellen selbstständig auszunutzen.

09256-02-01

Das Schlachtfeld der Brussilow-Offensive 1916 liegt auf dem heutigen Staatsgebiet der Ukraine.

ZMSBw / Nogli 2022

Der Gegner

Südlich der Pripjet-Sümpfe war damals nur eine deutsche Armee im Verbund der österreichisch-ungarischen Front eingesetzt, die Süd-Armee. Nicht gegen sie, sondern gegen die vier k.u.k. (kaiserlichen und königlichen) Armeen Österreich-Ungarns rechnete sich Brussilow die meisten Erfolgschancen aus. Deren tiefgestaffeltes Stellungssystem erzwang jedoch eine gute Planung. Vielerorts bestanden drei Verteidigungslinien im Abstand von drei bis fünf Kilometern, mit jeweils drei Schützengräben im Abstand von 50 bis 100 Metern. Entsprechend sorgfältig ließ Brussilow seine Offensive vorbereiten. Erstmalig sorgten Luftbilder und ergänzende Aufklärungsergebnisse für aktuelles Kartenmaterial. Der Sturmangriff wurde an Nachbauten intensiv geübt. Anstelle des üblichen tagelangen Trommelfeuers war ein auf wenige Stunden begrenztes Wirkungsschießen der Artillerie vorgesehen, dem ein präziser Feuerplan zugrunde lag. Die leichte Artillerie sollte für die angreifende Infanterie Lücken in die Drahtverhaue schießen und danach MG-Nester bekämpfen. Die schwere Artillerie wurde mit der Zerstörung der Verbindungsgräben zwischen vordersten Stellungen und Reserven beauftragt. Das Feuer sollte den Gegner bis zur Überwältigung durch die Infanterie in Deckung zwingen. Die Infanterieangriffe waren zum Zweck des Durchbruchs in vier dicht aufeinander folgenden Wellen geplant. Von der – nicht ausreichend vorhandenen – Kavallerie erwartete man den Vorstoß in die Tiefe des feindlichen Hinterlandes.

Verlauf

Am 4. Juni 1916 begann die Offensive. Sie erfolgte in drei Phasen beziehungsweise an drei großen Angriffsabschnitten: In einer ersten Phase im Norden gegen die k.u.k. 4. Armee, im Zentrum gegen die k.u.k. 1. und 2. Armee sowie die deutsche Süd-Armee, und im äußersten Süden gegen die k.u.k. 7. Armee. Gleich zu Beginn erzielten die Russen im Norden mit der Einnahme von Luck am 7. Juni durch die 8. Armee und im Süden mit der Einnahme von Czernowitz [Tscherniwzi] am 18. Juni durch die 9. Armee beachtliche Erfolge. Dabei wurde die k.u.k. 4. Armee im Gebiet um Luck [Luzk] weitgehend zerschlagen.

In einer zweiten Phase ab dem 4. Juli versuchte Brussilow den Angriffserfolg im Norden auf Kowel auszudehnen und gegen die deutsche Flankenbedrohung abzusichern. Die russische 3. und 8. Armee sowie die Garde scheiterten jedoch am Fluss Stochod [Stochid] im Abwehrfeuer deutscher Reserveverbände. Deutsche Luftüberlegenheit beeinträchtigte die Luftaufklärung der Russen stark und damit auch die Wirksamkeit ihres durch fliegende Beobachter gelenkten Artilleriefeuers.

Im Zentrum blieben die russischen Erfolge relativ bescheiden und beschränkten sich im Wesentlichen auf die Einnahme von Brody [Brodi] am 28. Juli.

Weiter südlich galt die deutsche Süd-Armee wegen ihre Abwehrerfolge gegen die russische 7. Armee bald als »Fels in der Brandung«.

Dagegen errang im äußersten Süden, an den Flüssen Dnjestr und Pruth, die russische 9. Armee einen überwältigenden Sieg gegen die k.u.k. 7. Armee. Deren Zusammenbruch beschwor eine Katastrophe herauf, weil nun Ungarn ernsthaft bedroht und Rumänien dazu ermuntert wurde, am 27. August auf Seiten der Entente in den Krieg einzutreten.

In einer dritten Phase ab dem 28. Juli scheiterte im Nordabschnitt der russische Angriff zur Umfassung von Kowel unter schweren Verlusten für die russische Garde. Auch der Angriffserfolg der russischen 9. Armee in der Bukowina und an den Karpaten stieß Mitte August durch verstärkten Widerstand der Mittelmächte sowie mangels eigener Reserven an seine Grenzen.

06893-08-01

Schematische Karte zum verlauf der Brussilow-Offensive 1916

ZMSBw 2013

Ergebnis und Folgen

Die Brussilow-Offensive kam schließlich im September 1916 zum Erliegen. Sie gilt als eines der erfolgreichsten militärischen Großunternehmen der Entente, weil sie die k.u.k. Armee an den Rand des Untergangs brachte. Nur durch deutsche Hilfe war dieser verhindert worden. Erst jetzt stimmte die Donaumonarchie dem deutschen Drängen nach einem einheitlichen Oberbefehl an der Ostfront unter deutscher Führung zu. Zunehmend stabilisierten fortan deutsche Verbände als »Korsettstangen« die österreichischen Frontabschnitte.

Doch auch Deutschland erlebte ein politisches Erdbeben infolge der Brussilow-Offensive: Der zuletzt glücklose Generalstabschef Erich von Falkenhayn musste nach dem Scheitern der deutschen Offensive bei Verdun in Frankreich zurücktreten. Die Niederlage der Mittelmächte schien nah. Kaiser Wilhelm II. sah sich bedrängt, am 29. August den »siegreichen Beschützer unserer Ostfront«, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, an die Spitze der neuen Obersten Heeresleitung zu berufen.

Für die Russen wurde die Offensive zum »Pyrrhus-Sieg«: Rumänien, das am 27. August 1916 an der Seite der Entente in den Krieg eingetreten war, musste unterstützt werden und unterlag dennoch. Die russische Front verlängerte sich so um 320 km. Da russische Erfolge anderswo ausgeblieben waren, hatten zuletzt alle Hoffnungen auf Brussilow geruht. Fast eine Million Tote, Gefangene und Verwundete beklagten die Mittelmächte. Die russischen Verluste von zwei Millionen Soldaten, davon die Hälfte Gefallene, waren nicht weniger entsetzlich. Um diesen hohen Preis hatte man die Mittelmächte im Südabschnitt der Ostfront zwischen 50 und 125 km zurückdrängen können.

Verheerend waren die politischen Folgen: Heute sieht man in diesem größten militärischen Kriegserfolg der Russen den Anfang ihrer Niederlage. Die Verbitterung im Volk über die großen Opfer für bescheidene militärische Ergebnisse trug nicht unwesentlich zum Ausbruch der Revolution von 1917 bei.

Literatur

Heiner Bröckermann, Die Brussilow-Offensive. Juni bis September 1916. In: Der Erste Weltkrieg 1914-1918. Der deutsche Aufmarsch in ein kriegerisches Jahrhundert. Im Auftrag des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften hrsg. von Markus Pöhlmann, Harald Potempa und Thomas Vogel, München 2013, S. 142-147.

von Dr. Heiner Bröckermann  E-Mail schreiben