"Hier ist Krieg" Afghanistan-Tagebuch 2010

"Hier ist Krieg" Afghanistan-Tagebuch 2010

  • Geschichte
  • Afghanistan
Datum:
Lesedauer:
3 MIN

Das Afghanistan-Tagebuch von Markus Götz

Ein Editionsprojekt von Dr. Christian Hartmann

Die Winteroperation 2009 läuteten die heftigen Kämpfe ein, die die Bundeswehr 2010 im Norden Afhanistans erlebte.

Deutsche Infanterie auf der Höhe 431 bei Chahar Dara, südlich des Feldlagers Kunduz

Bundeswehr/Schöffner, 2009

Der Verfasser dieses Tagebuchs, seinerzeit Hauptfeldwebel im Panzergrenadierbataillon 122, war vier Monate in Nordafghanistan im Einsatz. Jeden Tag, vom 4. März bis 4. Juli 2010, machte er sich darüber Aufzeichnungen. Entstanden ist daraus nicht nur ein Tagebuch, entstanden ist auch eine zeit- und militärhistorische Quelle ersten Ranges; das hat verschiedene Gründe: Zunächst einmal wird im Zeitalter von Telefon, E-Mail und Twitter das, was die Geschichtswissenschaft Selbstzeugnis nennt oder neuerdings auch Ego-Dokument, immer seltener, denn das elektronische Medium ist erfahrungsgemäß sehr flüchtig. In diesem Fall aber verfügen wir über umfangreiche, dichte und geschlossene Aufzeichnungen von hoher Authentizität. Aufzeichnungen dieser Art stammen nur selten von den „ordinary men“ – das ist ein zweiter, wichtiger Grund für die eminent große Bedeutung dieser Quelle. In den Dienstgradgruppen der Mannschaften und Unteroffiziere finden sich nur noch wenige, die „wie früher“ regelmäßig Briefe schreiben oder gar ganze Tagebücher. Dabei sind es doch genau diese, Leute wie Hauptfeldwebel Götz, die oft im Zentrum des eigentlichen militärischen Geschehens stehen, man könnte auch sagen: im Zentrum des Krieges. Entsprechend wichtig, ja unverzichtbar ist gerade ihre Stimme.

Schließlich gibt es noch einen Grund, einen dritten, für den ungewöhnlich hohen Quellenwert dieses Tagebuchs: Der Afghanistan-Einsatz des Autors fiel genau in die Zeit, die für die Bundeswehr zur bisher dramatischsten und auch verlustreichsten Phase ihres dortigen Engagements wurde. 2010 fielen dort acht deutsche Soldaten, 62 wurden verwundet, teilweise schwer. Das war kein Zufall, dahinter stand eine militärische Zäsur. Spätestens im Frühjahr 2010 ließ es sich nicht mehr leugnen, dass aus dem Stabilisierungseinsatz der Bundeswehr, der mit Hilfe eines „vernetzten Ansatzes“ primär auf den Wiederaufbau Afghanistans zielte, zunehmend ein Kampfeinsatz geworden war. Niemand bekam dies so deutlich zu spüren wie die vor Ort eingesetzten Soldaten. So gesehen ist dieses Tagebuch immer auch ein Zeugnis einer Zäsur und auch Zeugnis eines in Deutschland nur sehr zögerlich akzeptierten Paradigmenwechsels. Machen wir es kurz, dieses Tagebuch ist ein historiografischer Glücksfall.

Dennoch ist die Lektüre dieser Quelle alles andere als einfach. Schuld daran sind nicht nur ihre Entstehungsbedingungen, die dem Autor nur wenig Zeit zu ausgedehnten Schilderungen oder gar Reflexionen ließen. Gravierender ist, dass der Autor den Slang seines Milieus, eben den der Bundeswehr, spricht – und auch schreibt. Dieser Slang ist geprägt von zahllosen Akronymen, Verkürzungen, Anspielungen, Fremdworten oder auch Sarkasmen, die diesem Text zunächst etwas Hermetisches geben. Der Einsatzraum erscheint oft nur in Zahlen oder Abkürzungen, das dienstliche oder soziale Umfeld des Autors beispielsweise nur in Form von Vor- oder Spitznamen.  Schon allein das ist eine große editorische Herausforderung: Es geht darum, diesen Text verständlich zu machen, das, was sich häufig auf wenige Zeilen oder gar Zeichen reduziert, in seiner ganzen Bedeutung editorisch zu rekonstruieren. Dass zu dieser aufwändigen Ergänzung und Rekonstruktion immer auch der regionale, politische und militärische Kontext gehört, durch den das Handeln des Autors und seines Umfelds wirklich verständlich wird, versteht sich von selbst.
Geplant ist daher neben einer systematischen Einleitung und Erschließung dieses Tagebuchs vor allem eine umfassende Bearbeitung bzw. Kommentierung auf insgesamt vier Ebenen: Neben einer weitgehenden Auflösung aller Abkürzungen (die freilich als solche kenntlich zu machen ist), sollen Nebenaspekte mit kleineren Anmerkungen kommentiert werden, größere, zentrale Aspekte (etwa zu Themen wie Taliban, Counterinsurgency, Afghan National Army etc.) mit Hilfe kleinerer Essays, die dann als größere Blöcke innerhalb der Edition erscheinen. Eine Art vierte Ebene der Kommentierung bietet das vorliegende reiche Bild- und auch Kartenmaterial, das die oft knappen Angaben nicht nur erklärt und illustriert. Eine solche Ausstattung eröffnet auch die Chance für eine Publikation, die sich sehr bewusst auch an ein großes Publikum richtet. Das ändert nichts am wissenschaftlichen Charakter dieser Edition. Doch könnte diese mehr sein als nur eine historische Quelle.

In der gerade zu Ende gegangenen Debatte über das Traditionsverständnis der Bundeswehr wurde wieder und wieder betont, diese verfüge nun selbst über eine Geschichte, über eigene Traditionen und auch über Vorbilder, nicht zuletzt durch ihre Auslandseinsätze. Welche das eigentlich sein sollen, blieb weitgehend offen. Dieses Tagebuch ist mehr als nur eine historische Quelle; es besitzt auch das Potenzial, um eben diese Lücke zu schließen.