Leben nach Afghanistan

Leben nach Afghanistan

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Leben nach Afghanistan – Die Soldaten und Veteranen der Generation Einsatz.

Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Langzeitbegleitung des 22. Kontingents ISAFInternational Security Assistance Force

Eine Langzeituntersuchung von Dr. Anja Seiffert und Dr. Julius Heß

Im öffentlichen Diskurs über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr dominierten von Beginn an politisch-strategische und legitimatorische Fragen. Wie Soldaten den Einsatz selbst wahrnehmen, welche Erfahrungen mit direkter und indirekter Gewalt sie tatsächlich in Afghanistan machten, wie sie mit diesen Erfahrungen langfristig umgehen und was diese für ihr weiteres Leben bedeuten, wurde hingegen selten thematisiert.

Informationsgrafik zu deutschen Feindkontakten, Verwundeten und Gefallenen zwischen 2002 und 2014, in Afghanistan.

Feindkontakte, Verwundete und Gefallene des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr zwischen 2002 und 2014.

ZMSBw/Seiffert 2019

Aus diesem Grund wurde das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr vom BMVgBundesministerium der Verteidigung mit einer umfassenden Langzeituntersuchung zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr beauftragt. Ein Forscherteam des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr begleitete die Soldatinnen und Soldaten des 22. Kontingents ISAFInternational Security Assistance Force über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren – sowohl im Jahr 2010 vor und während des Einsatzes in Afghanistan als auch nach der Rückkehr in Deutschland.

Die Angehörigen dieses Kontingent haben dabei eine der gefechtsintensivsten Phasen des Afghanistan-Einsatzes erlebt. Viele waren lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt, haben Tod und Verwundung von Kameraden erlebt und manche von ihnen mussten erstmals offensiv auch gegen Aufständische kämpfen. Die Ergebnisse dieser Studie basieren auf mehreren schriftlichen Befragungen des gesamten Kontingents sowie auf teilnehmender Beobachtung im Einsatzland, Interviews und Gruppendiskussionen. Befragt wurden sowohl die noch im aktiven Dienst befindlichen Soldaten als auch die nach dem Einsatz aus der Bundeswehr bereits ausgeschiedenen Veteranen dieses Kontingents.

Seedorfer Fallschirrmjäger 2013 in Afghanistan

Soldaten des Fallschirmjägerbataillons 373 aus Seedorf leisten 2013 Force Protection für deutsche und belgische Berater in Afghanistan.

Bundeswehr/Bienert 2013


Insgesamt zeichnet die Studie ein differenziertes Bild des Afghanistan-Einsatzes und der Lebensrealität von Soldaten und Veteranen der Bundeswehr. Die Angehörigen des 22. Kontingents ISAFInternational Security Assistance Force haben die Erfahrungen des Einsatzes mehrheitlich positiv in ihr Selbstbild wie überhaupt in ihr Leben integriert. Viele sagen, an dem Einsatz persönlich gewachsen zu sein. Auch die meisten Partnerschaften sind erstaunlich stabil geblieben. Nicht wenige Paare sind aus Sicht der Rückkehrer sogar gestärkt aus der Einsatzzeit hervorgegangen. Über diese positiven Erfahrungen darf aber nicht jener Teil des Kontingents vergessen werden, der auch noch drei Jahre später von bleibenden Fremdheitsgefühlen, von psychischen oder physischen Verletzungen berichtet. Das gilt in der Studie für etwa jeden Zehnten unter den Befragten.

Dennoch würde eine weit überwiegende Mehrzahl des Kontingents erneut freiwillig in einen riskanten Einsatz, wie damals in Afghanistan gehen. Ein Großteil der Soldaten ist stolz auf das im Einsatz Geleistete. Insgesamt fällt die Bilanz des ISAFInternational Security Assistance Force-Einsatzes jedoch gemischt aus. Besonders die einstigen Ausbildungs- und Schutzkräfte des Kontingents sind skeptisch. Sie halten häufiger auch noch über den ISAFInternational Security Assistance Force-Einsatz hinaus ein robustes Vorgehen der Bundeswehr für notwendig. Dafür sehen die meisten aber keinen politischen und gesellschaftlichen Rückhalt. Die Anerkennung durch deutsche Politik und Gesellschaft ist dabei wie auch die erfahrene Wertschätzung im privaten und dienstlichen Nah-Umfeld keine Nebensache: Sie ist entscheidender Faktor für eine gelingende soziale Integration nach der Rückkehr.

Der Forschungsbericht erscheint 2020 als eigenständige Monografie. Er kann heruntergeladen werden unterAnja Seiffert/Julius Heß, Leben nach Afghanistan, Forschungsbericht Potsdam 2019 (PDF, 7,8 MB).

Anmerkungen: Es wurden sämtliche Jahrgänge der „Unterrichtungen des Parlamentes“ von 2002 bis 2014 nach Feindkontakten sowie gefallenen und verwundeten deutschen Soldatinnen und Soldaten ausgewertet. Die Kategorie „Feindkontakte“ umfasst hierbei sämtliche Sicherheitsvorfälle, beabsichtigte Schussabgaben und Gefechtssituationen unter Beteiligung deutscher Soldaten.

Datenbasis: „Unterrichtung des Parlamentes über die Auslandseinsätze der Bundeswehr“, herausgegeben von BMVgBundesministerium der Verteidigung, Abteilung Strategie und Einsatz III 1; Jahrgänge 2002–2014; eigene Auswertung.