Homosexuelle in der Bundeswehr

Homosexuelle in der Bundeswehr

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3 MIN

Tabu und Toleranz. Über den Umgang mit Homosexualität in der Bundeswehrgeschichte

Ein Projekt von Dr. Klaus Storkmann

Wehrpass_Dierk Koch

Der Wehrpass des Matrosen Dierk Koch enthält den verklausulierten Hinweis auf die Entlassung wegen Homosexualität, versteckt hinter § 55 Absatz5 des Soldatengesetzes. Die Degradierung erfolgte ebenfalls.

Erstmals wird mit dieser Studie im Auftrag des BMVgBundesministerium der Verteidigung der Umgang des Dienstherrn mit homosexuellen Soldaten in der Geschichte der Bundeswehr wissenschaftlich erforscht. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von den Anfängen der Bundeswehr bis zur grundsätzlichen Veränderung der Vorschriftenlage nach der Jahrtausendwende.
Wird das Forschungsthema bekannt, folgt als erste spontane Reaktion sehr oft die Frage nach General Dr. Günter Kießling und den mit seinem Namen verbundenen Skandal des Jahres 1984. Die damalige mediale Erregung um die Ermittlungen gegen den fälschlich als homosexuell denunzierten General bestimmt bis heute das Bild vom Umgang der Bundeswehr mit homosexuellen Soldaten. Die Kießling-Affäre ist aber per se nicht Thema der Studie (dazu wurde und wird anderweitig viel publiziert).
Relevant für diese Forschungen sind dagegen deren enorme Wahrnehmung und Wirkung auf (anders als der General) tatsächlich homosexuelle Soldaten. Ein befragter Stabsoffizier, 1984 junger Leutnant, erinnerte sich noch sehr genau an seine Angst: „Wenn die das sogar mit dem höchsten General machen können, was werden sie mit mir machen, wenn sie mich entdecken?“ Der Leutnant mied fortan schwule Bars und Clubs in der nahen Großstadt und fuhr zum Ausgehen in weit entfernte Städte.

Nicht nur in dieser Frage waren und sind Zeitzeugenerinnerungen zentral für die Forschung, und für diese in besonderem Maße: Zeitzeugeninterviews sind weniger eine Ergänzung der schriftlichen Überlieferungen, oftmals der amtlich dokumentierten Diskriminierung, sondern vielmehr eine unverzichtbare tragende Säule der Studie. Denn die Zeitzeugen berichten anschaulich und glaubhaft von dem hohen Druck unter dem sie Jahre oder Jahrzehnte als homosexuelle Unteroffiziere und Offiziere dienten. Der tägliche, nie endende Zwang, sich zu verleugnen oder aber Gefahr zu laufen, die militärische - und oftmals auch jede weitere zivilberufliche Zukunft zu gefährden, schwebte wie ein Damoklesschwert über ihnen.

Foto Matrose Dierk Koch

Der Matrose Dierk Koch - 1964 wegen Homosexualität aus der Bundeswehr fristlos entlassen.

Dierk Koch

Zeitzeugen berichten aber ebenso, dass ungeachtet der rigiden Vorschriften in den 1990er Jahren die Toleranz in der Truppe tatsächlich viel größer war. Ungeachtet jeglicher gesellschaftlicher Liberalisierung blockierte die Bundeswehr jegliche Weiterverpflichtung von solchen, als homosexuell bekannten Soldaten. Ein Zeitsoldat hatte bis in die späten 1900er Jahre selbst bei besten Beurteilungen keine Chance zum Berufssoldaten ernannt zu werden. Bekannte sich ein junger Offizieranwärter in den ersten vier Dienstjahren zu seiner Homosexualität, wurde er im „vereinfachten“ Verfahren entlassen, da er sich „nicht zum Offizier eigne“. Noch als Leutnant oder Oberleutnant konnten diese wegen „mangelnder Eignung als Berufssoldat“ bis zum Ende ihres dritten Offizierdienstjahres entlassen werden.
Selbst wenn die Entlassung eines homosexuellen Soldaten rechtlich durch Zeitablauf nicht mehr möglich war, galt Homosexualität in der Bundeswehr als schwerer Makel, der in der Regel zu gravierenden dienstlichen Nachteilen führte. Ein „Outing“ bedeutete unweigerlich das Ende der Karriere:
„Ein Offizier oder Unteroffizier, der angibt, homosexuelle Neigungen zu haben, muss damit rechnen, nicht mehr befördert oder mit höherwertigen Aufgaben betraut zu werden. Ferner kann er nicht mehr in einer Dienststellung als unmittelbarer Vorgesetzter in der Truppe (z.B. als Gruppenführer, Zugführer, Kompaniechef oder Kommandeur) verbleiben“, legte das Referat P(ersonal) II 1 des Verteidigungsministeriums im März 1984 fest. Betroffene verzichteten daher oft von sich aus auf Bewerbungen. Die Bundeswehr vergab sich damit großes personelles Potential.

Historische Rückblicke und zeitgenössische Querblicke auf frühere deutsche und andere Streitkräfte weiten den Blick der Studie und dienen der unerlässlichen Kontextualisierung ihrer Befunde. Denn wird der Blick des Forschers nur auf eine Organisation begrenzt sieht alles besonders und einzigartig aus. Der Umgang mit Homosexualität war aber kein Problem allein der Bundeswehr, sondern ein Thema für alle Armeen der Welt zu allen Zeiten.

Die Studie „Tabu und Toleranz“ wurde im September 2020 als Preprint-Exemplar veröffentlicht und steht hier als Volltext-PDF (PDF, 2,3 MB) zur Verfügung, ebenso eine Kurzfassung (PDF, 148,2 KB).

Das Buch erscheint in Kürze beim De Gruyter-Oldenborg Verlag.