Afghanistan: Folgerungen aus dem Zusammenbruch der Afghan National Army

Afghanistan: Folgerungen aus dem Zusammenbruch der Afghan National Army

  • Geschichte
  • Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften
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Ein Workshop des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr diskutierte am 28. Oktober 2021 den Zusammenbruch der Afghan National Army und daraus zu ziehende sicherheitspolitische Folgerungen.

Foto 1_US Air Force Davis_ANA-Soldaten

ANAAfghan National Army- und USUnited States-Soldaten in Formation bei einem Afghanistan-Besuch von Secretary of Defense Robert Gates

US Air Force /Davies 2019

Für viele Beobachter überraschend brach die Afghan National Army (ANAAfghan National Army) unmittelbar nach Abzug der internationalen Truppen im Juni und Juli 2021 zusammen. Kurz darauf übernahmen die Taliban wieder die Macht in Afghanistan. Offiziell umfasste die ANAAfghan National Army am Ende noch fast 200.000 Soldatinnen und Soldaten, denen nur einige zehntausend Taliban-Kämpfer gegenüberstanden. Die USAUnited States of America hatten in den von ihr angeführten Aufbau der ANAAfghan National Army allein seit 2005 fast 50 Milliarden USUnited States-Dollar investiert.

Das Ende des Afghanistan-Einsatzes regt zu einer Bilanzdebatte an, wie sie bereits Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer kürzlich angestoßen hat. In diesem Sinne griff das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam den raschen Zusammenbruch der ANAAfghan National Army auf, um zur Bilanzierung des Afghanistan-Einsatzes beizutragen.

Ein Workshop des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr

Oberst i.G.im Generalstabsdienst Dr. Martin Hofbauer, Leiter des Forschungsbereichs Sicherheitspolitik und Streitkräfte, und Dr. Philipp Münch, Projektbereichsleiter Deutsche Sicherheitspolitik und Bundeswehr, luden zu einem Workshop ein, der die Ursachen des Zusammenbruchs der ANAAfghan National Army und mögliche sicherheitspolitische Folgerungen ergründen sollte. Ihrer Einladung folgten am 28. Oktober 2021 rund 40 Teilnehmende, vor allem aus dem Bundesministerium der Verteidigung, nachgeordneten Dienststellen der Bundeswehr und dem Bundesnachrichtendienst.

Auf einem ersten Panel ordnete Philipp Münch in einem Impulsvortrag die Probleme des ANAAfghan National Army-Aufbaus in den historischen Staatsbildungsprozess Afghanistans ein. Er stellte dem die Grundzüge und Widersprüche der wechselnden USUnited States-Strategien gegenüber, die ANAAfghan National Army aufzustellen. Der folgende Impulsvortrag von Oberstleutnant i.G.im Generalstabsdienst Rico Genth (BMVgBundesministerium der Verteidigung), legte die unmittelbaren Ursachen für den Zusammenbruch der ANAAfghan National Army in den drei letzten Jahren ihrer Existenz dar.

Foto 2_Unbekannt_Kaiserliche Garde 1895

Mitglieder der japanischen Kaiserlichen Garde, etwa 1895

Wiki Commons

Der globale und historische Kontext

Das zweite Panel stellte das Thema in einen breiteren globalen und historischen Kontext. In einem ersten Impulsvortrag widmete sich der Historiker und Japanologe Dr. Frank Käser dem japanischen Fall. Er zeichnete nach, wie die Regierung Japans im 19. Jahrhundert ihre Streitkräfte mit westlicher Hilfe modernisierte und ihre Herrschaft über die japanischen Inseln festigte.

Starke Parallelen zur Geschichte der ANAAfghan National Army wies hingegen die der südvietnamesischen Streitkräfte auf, wie der Impulsvortrag von Prof. Dr. Marc Frey, Inhaber der Professur für die Geschichte der Internationalen Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München, aufzeigte. Er betonte zum einen die äußeren Bedingungen der rasch beendeten USUnited States-Hilfe und der nordvietnamesischen Offensive von 1975. Zum anderen hob er den mangelnden Rückhalt der zerstrittenen südvietnamesischen Regierung in der eigenen Bevölkerung hervor.

Südvietnamesische Soldaten mit US-Ausbilder (US Army, Wikimedia Commons,

Südvietnamesische Soldaten mit USUnited States-Ausbilder

Wiki Commons

Folgerungen für die deutsche Sicherheitspolitik

Die Bilanzdebatte zum deutschen und internationalen Einsatz in Afghanistan hat gerade erst begonnen. Hierauf verwies auch Oberstleutnant Dr. Hans-Peter Kriemann, indem er das neue Afghanistan-Projekt des Forschungsbereichs Einsatz des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr vorstellte. Mit einem Teilprojekt ist hieran auch der Forschungsbereich Sicherheitspolitik und Streitkräfte beteiligt. Möglicherweise brachte bereits der Workshop den Teilnehmenden Erkenntnisse, die sie gewinnbringend für ihre praktische Arbeit nutzen können.

von Philipp Münch / Martin Hofbauer  E-Mail schreiben