Militärgeschichtliche Zeitschrift

Neues Heft erschienen

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  • Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften

Die Aufsätze in dieser Ausgabe befassen sich mit einem besonderen Thema: Der Zweite Weltkrieg als Evakuierungskrieg. Praktiken der Deportation, Räumung und Zerstörung im militärischen Rückzug. Die von Janine Fubel und Claudia Weber sowie Felix Ackermann zusammengestellten Beiträge untersuchen das Evakuierungsgeschehen am Kriegsschauplatz »deutsche Ostfront« systematisch. Diese Maßnahmen gehörten von Beginn an zum Kriegsgeschehen und gestalteten sich im Zuge der deutschen Rückzüge »aus dem Osten« besonders gewaltvoll und zerstörerisch.

Des weiteren finden Sie in diesem Heft Forschungsberichte zu Leitthemen, die das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) in den kommenden Jahren intensiv bearbeiten möchte. Die Leitthemen widmen sich dem Verhältnis von Militär und Gewalt in der Neuzeit, der Konzeption der Neuen Kriege, der militärischen Multinationalität sowie den Beziehungen zwischen Veteranen und Zivilgesellschaft.

Cover der Militärgeschichtlichen Zeitschrift, Band 81, Heft 1, 2022
Verlag deGruyter / ZMSBw 2021

Aufsätze in diesem Heft

Felix Ackermann, Janine Fubel und Claudia Weber, Einleitung

Eine Leseprobe finden Sie hier (PDF, 100,1 KB).

Felix Ackermann, Gewalt und die Verknappung von Herrschaft, Raum und Zeit. Die historischen Kontexte der Erschießung von Gefängnisinsassen nach dem deutschen Überfall auf die Republik Polen im September 1939

Anhand der Polnischen Republik nach dem deutschen Überfall am 1. September 1939 zeigt der Text, dass die Evakuierungsplanungen zum Transport der wichtigsten Gefangenen noch auf die Erfahrungen des Zusammenbruchs staatlicher Herrschaft des Russischen Reichs am Beginn und Ende des Ersten Weltkriegs zurückgingen. Ein Teil der Aufseher der im Süden Polens unweit der deutsch-polnischen Grenze gelegenen Strafvollzugsanstalt Święty Krzyż eskortierte die ihnen unterstellten Gefangenen in Fußmärschen nach Osten. Währenddessen ließ der Direktor der Anstalt mehrere Dutzend wegen Hochverrats zu lebenslänglichen Strafen verurteilte polnische Staatsbürgern noch auf dem Gelände des Gefängnisses hinrichten. Die meisten Opfer waren wahrscheinlich Teil eines von der Gestapo bereits vor dem September 1939 aufgebauten Spitzelnetzes in Polen. Das erklärt, warum dieser Gefangenenmord – anders als die als Todesmärsche beschriebene Evakuierung polnischer Staatsbürger deutscher Herkunft sowie die Gefangenenmorde des NKVD im Osten Polens – nicht von der deutschen Propaganda aufgegriffen wurde und damit bis heute weitgehend unbekannt ist. Statt Św. Krzyż in eine direkte Kontinuität mit den im Juni 1941 durchgeführten sowjetischen Massenmorden in polnischen Gefängnissen zu stellen, werden im Beitrag die Kontexte herausgearbeitet, in denen das Handeln des Direktors von Św. Krzyż zu erklären ist. Der Beitrag argumentiert, dass dafür seine frühen und vielfältigen Evakuierungserfahrungen während des Ersten Weltkriegs sowie das hohe Maß an Gewalt innerhalb des Gefängnisses wichtig waren.

Laura Eckl, Sowjetische Evakuierung und deutscher Rückzug. Evakuierungserfahrungen der Charkiver Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg

Die Stadt Charkiv war zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ein wichtiger Ballungsraum der sowjetischen Rüstungs- und Metallindustrie im Nordosten der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Nach dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 entwickelte sich die Stadt aufgrund seiner kriegswichtigen Ressourcen zu einem intensiv umkämpften Standort, der in ständiger Frontnähe mehrmals evakuiert wurde. Dieser Beitrag untersucht zwei der insgesamt vier Evakuierungen bzw. Räumungen der Stadt – zum einen die sowjetische Evakuierungspolitik im Herbst 1941 vor Beginn der deutschen Besatzung und zum anderen die deutsche Räumung im Januar/Februar 1943 vor der kurzzeitigen Rückereroberung durch die Rote Armee. Im Mittelpunkt steht, wie die Charkiver Bevölkerung diese zwei Phasen erlebte, sie sich als Alltagserfahrungen aneignete und in Teilen in Beziehung zueinander setzte. Eine zentrale These des Beitrags ist, dass sich Evakuierungs- und Rückzugspraktiken während des Zweiten Weltkriegs inhärent in (Vor)Kriegs- und Besatzungspraktiken einfügten, sodass auch Evakuierungserfahrungen und Aneignungsprozesse der Bevölkerung untrennbar mit (Vor)Kriegs- und Besatzungsalltag verknüpft waren.

Christian Stein, Kontrollverlust und unumkehrbare Tatsachen. Die deutschen Rückzüge an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs

In diesem Beitrag werden die Rückzüge der Wehrmacht während des Deutsch-Sowjetischen Krieges untersucht. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Rückzug der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944. Hier kulminierten zwei Entwicklungen: Erstens war es für die Rückzugskonzepte hochrangiger deutscher Offiziere wesentlich, auch in der potentiell chaotischen Situation des Rückzugs die Kontrolle zu behalten. Sowohl die Zerstörung ländlicher und städtischer Infrastrukturen, die als »Politik der verbrannten Erde« bezeichnet wird, als auch die Evakuierung der sowjetischen Zivilbevölkerung wurden auch in dieser Situation als Mittel eingesetzt, um die Aufrechterhaltung von Kontrolle zu demonstrieren. Im Sommer 1944 war die Wehrmacht angesichts einer weit überlegenen und mobileren Roten Armee zumeist nicht mehr in der Lage, einen kontrollierten Rückzug durchzuführen. Zweitens begingen die deutschen Verbände in dem Wissen, dass sie während der eigentlichen Rückzüge oft nicht mehr in der Lage sein würden, systematische Zerstörungen, Evakuierungen usw. durchzuführen, bereits vorab – oft lange vor einer erwarteten sowjetischen Offensive – irreversible Handlungen. Die Summe dieser Kriegsverbrechen veränderten das Antlitz Osteuropas weit über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus.

Johannes Spohr, »Evakuierende« und »Evakuierte«. Die doppelte Rolle der ukrainischen Hilfspolizei im Kontext der Kriegswende 1943/44

Die mobilen Formationen der ukrainischen Hilfspolizei, genannt Schutzmannschaften (kurz Schuma) wurden bereits 1941 nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Ukrainische SSR gebildet. Im Kontext der Kriegswende, die sich im, in dieser Studie untersuchten, zivil verwalteten »Generalbezirk Shitomir« ab 1943 immer stärker wahrnehmbar machte, und des Rückzugs der Wehrmacht durch diese Gebiete änderten sich die Aufgaben, die den Schutzmannschaften seitens der Besatzer zugeordnet wurden. Vor allem nahmen Einsätze im Partisanenkampf stark zu, der häufig auch Terror gegen die Zivilbevölkerung beinhaltete. Gleichzeitig schlug sich der allgemeine Trend einer Re-Sowjetisierung bei den Angehörigen der Hilfspolizei nieder, etwa in Form von Meutereien. Sie wurden gleichsam zu Evakuierten wie auch zu Evakuierenden und nahmen teils widersprüchliche Rollen ein, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen.

Martin Zückert, Militärischer Rückzug und konkurrierende Gebietsräumungen. Akteure, Planungen und Praktiken der Evakuierung in der Slowakei 1944/45

Während des Slowakischen Nationalaufstands begannen deutsche Stellen im Herbst 1944 mit der Evakuierung der Bevölkerung deutscher Nationalität aus der Slowakei. Dieser Vorgang stand im Zusammenhang mit der kriegsbedingten »Rückführung« deutscher Bevölkerungsgruppen aus Ost- und Südosteuropa. Teilweise parallel dazu versuchten slowakische Stellen, die Zivilbevölkerung, Behörden und weitere Einrichtungen vor der sich nähernden Front in Sicherheit zu bringen. Beide Evakuierungen fanden vor dem Hintergrund des Rückzugs der deutschen Wehrmacht statt, das Geschehen wurde in der Forschung jedoch bisher nicht in einem größeren Zusammenhang betrachtet. Der vorliegende Beitrag untersucht die Wechselwirkungen zwischen militärischem Rückzug und der Evakuierung der Zivilbevölkerung. Analysiert wird in diesem Zusammenhang auch, wie die nationalsozialistische »Volkstumspolitik«, aber auch die Praktiken der Verfolgung in dieser Phase weiterwirkten beziehungsweise sich nochmals dynamisierten.

Janine Fubel, Evakuierungs- und Kriegsschauplatz Mark Brandenburg. Das Aufeinandertreffen von Ostfront und »innerer« Front im Januar 1945

Die Berlin ummantelnde Region Brandenburg stellte 1945 den wichtigsten Kriegsschauplatz zu Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa dar. Ende Januar 1945 war es sowjetischen und polnischen Einheiten gelungen, auf breiter Front in die Region und damit auch im Mittelabschnitt der Ostfront in das Gebiet des »Altreiches« einzudringen und bis an die Oder vorzurücken. Damit befanden sie sich keine 100 Kilometer mehr von der deutschen Reichshauptstadt entfernt. An einigen Stellen war es ihnen zudem gelungen, auf das Westufer des Flusses zu setzen und erste Brückenköpfe einzurichten. Im Rahmen des Beitrages werden die östlichen Kreise der Region als Kriegs‑ und Evakuierungsschauplatz untersucht. Die deutschen Evakuierungsmaßnahmen waren hier einerseits dadurch gekennzeichnet, dass Verbote und zu spät angeordnete Räumungsbefehle für die Zivilbevölkerung ausgegeben wurden, während Gefangene westwärts verschleppt oder noch vor Ort ermordet wurden, als sich die gegnerische Front den dort befindlichen Haftstätten und Zwangslagern näherte. Im Mittelpunkt des Beitrags steht die Untersuchung, welche Praktiken freigesetzt wurden, als die Kriegsfront auf die »innere« Front zu treffen drohte und sich tatsächlich räumlich mit ihr überlagerte. Zentrale These ist, dass sowohl im Hinblick auf den Einsatz seiner Akteure als auch auf das zum Einsatz kommende (Gewalt‑)Wissen der deutsche Vernichtungskrieg – als Holocaust »vor Ort« und Evakuierungskrieg gegen bestimmte Personengruppen geführt – 1945 in der Mark Brandenburg Fortsetzung gefunden hatte.

Die MGZ

Die Militärgeschichtliche Zeitschrift (MGZ) ist eine der führenden deutschsprachigen wissenschaftlichen Publikationen im Bereich der Militärgeschichte und bietet in jeder Ausgabe Aufsätze und Beiträge zur aktuellen Forschung sowie Rezensionen zur Literatur aus der Militärgeschichte und aus anderen relevanten Forschungsbereichen. Die MGZ wird vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) in Potsdam herausgegeben und erscheint halbjährlich bei De Gruyter Oldenbourg.

Das Inhaltsverzeichnis dieser wie auch aller bisherigen Ausgaben der MGZ finden Sie auf der Website des Verlages De Gruyter.