Reportage: Letzte Force Protection in Afghanistan

Reportage: Letzte Force Protection in Afghanistan

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20 MIN

Radio Andernach (RA): Es ist 2021, wir sind unterwegs in Afghanistan. Nicht bei Generalen, nicht bei Politikern, sondern bei den Infanteriesoldaten der letzten Force Protection. Force Protection, das sind die Soldaten, die militärische Operationen sichern. Wir geben Einblicke in die Aufträge und den Alltag der Soldaten. Einer der Männer der Force Protection ist Marcel. Marcel ist Oberstabsgefreiter. Er ist nicht das erste Mal in Afghanistan. Sein Job: Infanteriesoldat und Dingo-Fahrer. Sein Einsatzzeitraum November 2020 bis Juni 2021. Mein Name ist Oberleutnant Michael Vossfeldt. Als Leiter der letzten Radio Andernach Einsatzredaktion war ich 2021 mit Marcel und seinem Panzergrenadierzug unterwegs. In dieser Reportage begleite ich Marcel bei einem Hubschrauberflug in einen Außenposten der Bundeswehr, gebe Einblicke in das Leben im Einsatz und fahre mit Marcel im Gefechtsfahrzeug durch Städte und Dörfer. Die Geschichte beginnt im Norden Afghanistans, im Camp Marmal am Flughafen Masar i-Scharif. Der Charlie-Zug der Force Protection besteht nur aus Männern. Die Soldaten bereiten sich am Flughafen Masar i-Scharif im Norden des Landes auf eine Tagesmission vor.

Oberstabsgefreiter Marcel M.: Joa im Endeffekt, was hab ich heute eingepackt? Ich hab mir was zu essen eingepackt, ein bisschen was zu trinken, was warmes noch zum Anziehen ein bisschen was zum Wechseln, Schlafsack, Zigaretten, … Joa im Endeffekt wars das.

RA: Jetzt stehen wir hier am Abflugterminal, müssen noch ein bisschen warten, bis es losgeht. Ist das für die Jungs Routine, oder sind alle ein bisschen aufgeregt?

Marcel: Das ist eigentlich für die Jungs schon Routine, aufgeregt ist hier eigentlich groß keiner mehr. Weil so oft wie wir den Auftrag durchführen, um so mehr schwächt das die Aufregung ab.

RA: „Fly to Advise“, das heißt eine Gruppe von militärischen Beratern fliegt in einen ehemaligen Außenposten der NATO, um Ausbildungshilfe für die afghanische Armee zu leisten. Heute lautet das Ziel „Camp Pamir“ in Kunduz. Ein ehemaliges Camp der Bundeswehr. Marcel und seine Kameraden vom Charlie-Zug sind das Sicherungselement der Operation.

Marcel: Also ich stell jetzt mein Funkgerät ein auf die Frequenz, die wir festgelegt haben und dann machen wir jetzt eine Funküberprüfung, dass auch alle Funkgeräte funktionieren und alle miteinander kommunizieren können. (Rauschsperre) Also wir nutzen im Endeffekt alle unsere Standardnamen.

RA: Was ist dein Standardname?

Marcel: Entweder mein Spitzname Mulle oder Charlie 1 oder sowas. (Funksprüche: Cha 1, Charlie 2, …)

RA: Die Stimmung ist konzentriert, aber entspannt. Dann kommen die Männer zusammen. Sie bilden einen Kreis, Schulter an Schulter, legen die Arme auf den Nebenmann und senken die Köpfe. Eine Minute lang erklingt das “Zuggebet„. Ein wichtiges Ritual in vielen Kampfeinheiten, um zu verinnerlichen, dass es gleich losgeht.

Soldaten der Force Protection: Sie rufen bereits nach mir, Sie bitten mich, meinen Platz zwischen Ihnen einzunehmen. Charlie 3 Amen.

RA: Das Zuggebet ist an den Film „Der 13 Krieger angelehnt“ - dies war nur ein kurzer Ausschnitt. Eines ist auffällig: Alle Soldaten des Charlie-Zuges sehen fit aus, entweder muskulös oder drahtig.

Marcel: Ich wiege 79 Kilo.

RA: Aber vorhin mussten wir vor dem Fliegen auf die Waage gehen. Was hast du da gewogen, mit Ausrüstung?

Marcel: 121.

RA: Was macht die Differenz aus?

Marcel: Tja, das ist die Weste, das ist mein gepackter Rucksack, das ist die Waffe, die ganze Ausrüstung, Helm. Das, was ich in den Beintaschen noch habe, Verbandszeug, das wiegt ja alles nicht viel, aber das häuft sich dann ja, ne?! Ja, also insgesamt an Ausrüstung habe ich 42 Kilo dabei.

RA: Wie hält man sich fit, um das den ganzen Tag mit sich rumzuschleppen?

Marcel: Laufen gehen. Ich gehe eigentlich so gut es geht jeden Morgen laufen. Also ich mach so meine 5-6 Kilometer. So viel, das ich für mich selber sage, dass ich mich fit halte.

RA: Schwer bepackt geht es also los. Die Mission lautet: Auf die Hubschrauber aufsitzen, nach Kunduz fliegen, das Zentrum des Camp Pamir sichern. Wenn die militärischen Berater ihre Gespräche geführt haben, soll es am Nachmittag zurückgehen. Geflogen wird mit den deutschen Hubschraubern „NH90“ und mit Hubschraubern russischer Bauart vom Partnerland Georgien, der „Mi“.

(Fluglärm)

RA: So auf dem Flugfeld brauchen wir es gar nicht versuchen, der Hubschrauber ist zu laut!

Marcel: Was sagst du?

RA: Der Hubschrauber ist zu laut für ein Interview, oder?

Marcel: Ja, das ist ganz schön laut, auf jeden Fall, aber durch den Gehörschutz geht das!

RA: Was??

Marcel (lacht): Ich versteh dich nicht.

RA: Im Hubschrauber ist es etwas besser, aber dennoch laut. Die Soldaten nutzen den Moment und sind in ihren eigenen Gedanken. Wir fliegen über einsame, zugeschneite Landschaften, über unglaublich steile Hänge im beginnenden Hochgebirge und zwischen flauschigen weißen Wolken hindurch. Man merkt, dass es Frühling wird, die Sonne taut den Schnee von den Südhängen. Aus dem Hubschrauber sieht Afghanistan beeindruckend schön aus, aber auch extrem lebensfeindlich. Auf mich wirkt das Land im Winter wie ein schöner, aber fremder Eisplanet.

Marcel: Wir fliegen jetzt Richtung Kunduz durch die afghanischen Berge, die sind sehr zugeschneit, die Sonne scheint zwischen den Wolken durch und die Aussicht ist wirklich sehr schön.

RA: Im Tal ist das Wetter wärmer. Eine dicke Schicht Schneematsch liegt im Camp. In Kunduz angekommen, wird erst mal das innere des Camp Pamir gesichert. Der sogenannte „Safe Haven“, eine Art Bergfried, den die Deutschen innerhalb eines Camps der afghanischen Armee anfliegen. Zeit für ein Interview ist erst, als alles gesichert ist und die Männer der Force Protection ihre Stellungen auf den verschneiten Wachtürmen bezogen haben. Erst mal wird also eine sichere Basis hinter meterhohen Betonmauern mit Stacheldraht geschaffen.

Marcel: Wir sind jetzt hier im Safe Haven, Pamir, Camp Pamir in Kunduz, und jetzt werden erst mal alle Sachen vorbereitet, das Lager wird jetzt abgesweapt, ob es sauber ist, ob alles klar ist, nicht dass hier irgendetwas versteckt ist, irgendwelche “Überraschungen„ für uns. Ja, und dann machen sich die “Guardian Angel„-Teams fertig und dann gehen die raus.

RA: Die “Guardian Angel„-Teams gehen mit den Advisern zu der afghanischen Armee. Die Männer der Force Protection sichern die Stellung und bilden die schnelle Reserve.

Marcel: Wir sind jetzt eingeteilt als die IRF, die “Immediate Reaction Force„, wir verbleiben im Endeffekt hier im Lager, wenn draußen irgendetwas passiert, wenn es draußen knallt, dann sind wir die, die die Jungs rausboxen.

RA: Dass es draußen auch mal „knallen kann“, also das Beschuss durch Raketen oder Mörser kommt, weiß Marcel noch genau aus seinem letzten Einsatz. Damals war Kunduz noch ein deutscher Außenposten.

Marcel: Ich selber hab kein richtiges Gefecht mitgemacht, aber wo wir hier im Camp Pamir/Kunduz untergebracht waren, da hatten wir den einen Abend ein IDFIndirect Fire, also ein “indirect fire„.

RA: In welchem Jahr war das?

Marcel: Das war im Jahr 2019, das müsste im Juni gewesen sein. Da haben wir eine Rakete reingekriegt, das war eine BM1. Die hat natürlich das Wertvollste, -fast das Wertvollste, was wir hier im Lager haben getroffen. Unglücklicherweise! Das war der Generator. Wir mussten schnell reagieren, wir mussten das Ding schnell löschen, weil links davon stand ein 10.000 Liter Benzintank und rechts davon ein 3000 Liter Benzintank und in der Mitte dieser brennende Generator, da war einem schon ein bisschen mulmig, mit dem Feuerlöscher darauf zu zurennen und das Ding zu löschen. Ist uns aber geglückt, wir waren natürlich die ganze Nacht stromlos beziehungsweise hatten noch ein Notstromaggregat. Ja, dann waren wir erst mal die ganze Nacht damit beschäftigt, die TOCTactical operation cell wieder zum Laufen zu kriegen, also die taktische Operationszentrale zum Laufen zu kriegen und Kabel verlegen und, und, und. Die meisten haben in den IDFIndirect Fire-Sheltern drin gesessen, falls noch was Zwotes kommt oder so, falls noch was reinkommt, das wir da auch geschützt sind dementsprechend. War eine anstrengende Nacht auf jeden Fall, war ein Erlebnis, aber es ist zum Glück niemanden, was passiert.

RA: Also warst du in der Nacht Feuerwehrmann?

Marcel: Ja genau in der Nacht war ich einfach mal Feuerwehrmann und Elektriker.

RA: Eine allgegenwärtige Gefahrenlage ist eine große Belastung für Soldaten. In diesem Beispiel hatten die Soldaten sogar noch Glück, dass „nur“ der Generator zerstört wurde.

Marcel: Ja, war zum Glück nur das eine Ding, ne, aber das war schon nicht ohne, wenn das so 70 Meter neben einem reinknallt.

RA: Für belastende Einsatzsituationen bietet die Bundeswehr im Einsatz inzwischen Hilfe an. Im Frühling 2021 sind zum Beispiel ein Militärpfarrer und eine Psychologin in Afghanistan. Außerdem ermutigen sich die Soldaten gegenseitig Hilfe in Anspruch zu nehmen:

Marcel: Das Gute war, und das fand ich super, die Truppenpsychologin ist des Öfteren hier herüber gekommen, hat mit uns gesprochen, hat Einzelgespräche angeboten, hat sich ganz locker mit einem Kaffee mit uns dort hingesetzt, gequatscht und “Hey wie geht es denn„ Willst du mal ein bisschen quatschen? Wie ist es zu Hause?“ Und, und, und, ne! Und das muss ich ehrlich sagen, das tat schon echt gut! Obwohl ich vorher auch einer war der sich gesagt hat so: „Ach Psychologe, Quatsch, brauch ich nicht“. Es tut gut! Es tut einfach gut zu reden, auch einfach mit Kameraden! Man schnappt sich einen Kameraden, nimmt den untern Arm, und sagt komm wir gehen mal nen Kaffee trinken, lass uns mal quatschen. Es tut gut.

RA: Die Belastungen für die Soldaten sind hoch. Marcel ist ein verständnisvoller und sympathischer Kamerad, das merkt jeder. Er ist aber auch streng zu sich und seinen Kameraden und mahnt: „Für den Einsatz muss man fit sein“ Wir erinnern uns an die 42 kg Ausrüstung am heutigen Tag. Egal ob Sommer oder Winter, für Marcel ganz normal:

Marcel: Wir hatten es zum Beispiel auch im letzten Einsatz, da musste der eine Adviser halt schauen, wie die Afghanen an den Fahrzeugen den technischen Dienst machen, also wie die ihre Fahrzeuge halt reparieren oder nachreinigen und, und, und halt alles und da ist man bei 40 Grad im Schatten, fünfeinhalb Stunden zu Fuß unterwegs, mit Weste, Helm und allem was dazugehört und das kann schon mal fordernd sein, ja. Da kommt man teilweise auch schon einmal an seine Grenzen, wenn man dann so lange unterwegs ist in der prallen Sonne, das ist schon gut. Kann man nicht schön reden, das ist anstrengend, aber es gehört halt dazu, sag ich mal…

RA: Jetzt hast du ja grad gesagt im Sommer 40 Grad, jetzt ist ziemlich kalt und Schnee, was hast du lieber?

Marcel: Ich bin tatsächlich eher der Typ, der es gerne warm hat. Also ich schwitze lieber bevor ich friere.

RA: Nach einigen Stunden haben die „Adviser“ – die Militärberater ihre Ausbildungs- und Unterstützungsgespräche beendet. Alle Soldatinnen und Soldaten sammeln sich wieder im „Safe Haven“, also dem sicheren ummauerten Bereich. Die Force Protection, die Adviser, die Sprengstoffexperten mit ihren Spürhunden. Gleich geht es zurück in das Camp Marmal, der Zentrale der Bundeswehr in Afghanistan. Hey Marcel, zieh mal ein Fazit vom Tag bevor wir abfliegen!

Marcel: Ja, also Fazit vom Tag es ist alles gut gegangen, alle sind heile wieder drin im Safe Haven, jetzt machen wir uns fertig und sehen zu, dass wir hier schnell wegkommen.

RA: Geschwindigkeit ist jetzt wichtig, denn wenn der erste Hubschrauber landet oder wenn der letzte Hubschrauber abfliegt, – das sind gefährliche Momente für die Soldatinnen und Soldaten.

Dingo fahren

RA: Die Force Protection fährt auf Patrouille. Der Auftrag lautet, bestimmte Punkte in Mazar anzufahren, Präsenz zu zeigen, Partner zu treffen. Die Soldaten bereiten sich sehr konzentriert vor, das spüre ich vor Ort. Nach einer Befehlsausgabe im Camp Marmal fährt die Patrouille los, bereits in der richtigen Verlegereihenfolge. Über Funk ertönt wie gewohnt das Ritual des Zuges: das Zuggebet.

Soldat der Force Protection: Von Beginn an! Sie rufen bereits nach mir! Sie bitten mich, meinen platz zwischen Ihnen einzunehmen!

RA: Danach bestätigen die Männer des Charlie Zuges den Funkspruch

Force Protection: Charlie Amen. 1 Amen. 2 Amen ...

RA: Im Dingo sitzen 5 Soldaten. Vorne der Fahrer und der Fahrzeugkommandant. Hinten an den Türen 2 Schützen, die als erstes absitzen, einer davon bin heute ich. Hinten in der Mitte, also neben mir sitzt der Flo.

Flo: Hi, ich bin der Flo, ich bin hier Richtschütze auf dem Bock. Und die Hauptaufgabe ist eigentlich der Schutz vom Fahrzeug und in meinem Bereich dafür zu sorgen, dass nichts passiert. Also wenn wir jetzt hier gleich rausfahren. Dann fahren wir vor das Maingate, dann machen wir die Waffen klar zum. Und wenn das dann geschehen ist, dann sind wir bereit zum Rausfahren.

RA: Jetzt sitzen wir ja hinten drin in einem Dingo. Hier sind 3 Sitzplätze, ich sitze links. Ich bin quasi dein Wingman zu deiner Linken, du sitzt in der Mitte. Über dir hast du eine Luke, wo du halt an die Waffenanlage rangehen könntest, wenn du es müsstest. Und vor dir hast du einen Bildschirm mit ganz vielen Knöpfen. Kannst du ein bisschen beschreiben, wie dein Arbeitsplatz quasi funktioniert?

Flo: Das ist unser Richtgriff. Damit bedienen wir die Waffe. Und vor mir, da habe ich jetzt einen Bildschirm, da kann ich jetzt die Kamera sehen, wo ich hinrichte. Dann habe ich verschiedene Auflösungen. Zum Beispiel Wärmebildgerät, da kann ich Wärmequellen identifizieren. Und dann muss ich gucken, wie weit ich beobachten kann und entsprechend ist dann auch mein Beobachtungsbereich.

RA: Jeder Soldat hat mindestens ein Daypack und Schlafsack mit. Also Ausrüstung für mindestens 24 Stunden. Am Mann, Helm, Weste, Schießbrille, G36, 5 Magazine, P8 – und eben die Sonderausstattung jedes Soldaten. Eine der Aufgaben der Patrouille sind das Anfahren gewisser Checkpoints, in diesem Beispiel ist es das Vorgelände einer wichtigen Industrieanlage am Stadtrand.

Marcel: Wir sind jetzt erst mal in die Wagenburg aufgefahren, haben jetzt hier 360 aufgestellt, haben jeder unsere Sicherungsbereiche eingenommen und jetzt werden wir erst einmal Gesprächsaufklärung führen, an dem Checkpoint, an dem wir jetzt aufgefahren sind und werden mal gucken, was wir jetzt als Nächstes für Informationen bekommen.

RA: „Dreihundertsechzig“, dass bedeutet mit den Gefechtsfahrzeugen eine Rundumsicherung einnehmen. Zur Gesprächsaufklärung treffen die sogenannten „Adviser“ mit Sprachmittlern auf wichtige Personen; Sicherheitskräfte, Politiker, Informanten. Marcel und die Männer der Force Protection sorgen für ein sicheres Umfeld. Jetzt haben wir ja schon gesehen, wir haben ein bisschen Strecke gemacht, sind durch Mazar gefahren, es war auch Mal ein bisschen Stau, gab es da knifflige Situationen für dich als Fahrer vom Dingo?

Marcel: Nein, im Endeffekt für mich nicht, weil es ist einfach so, man muss hier ein bisschen aggressiver fahren und wenn die die großen Dingos sehen, dann machen die schon automatisch Platz. Also von daher ist das eigentlich relativ entspannt.

RA: Ist das für dich ein Routineauftrag mit dem Dingo und der Kolonne zu verlegen?

Marcel: Also da wir das sehr oft machen, ist schon eine gewisse Routine hereingekommen, natürlich … immer 110 %, immer achten, überall drauf aufpassen, wo man langfährt, wie man fährt, das taktische Fahren, aber im Endeffekt ist das schon eine reine Routine.

RA: Verkehrsregeln scheinen in Afghanistan nur bedingt Gültigkeit zu haben. Die Verkehrsteilnehmer reichen vom Eselskarren bis hin zum LkwLastkraftwagen. Das heißt für den Fahrer am Vordermann „dranbleiben“ und sich nicht durch den dichten Stadtverkehr trennen lassen. Viele Fußgänger und vor allem die Kinder winken uns zu, – ich sehe echte Freude in den Gesichtern, wenn die Dingos vorbeifahren. Nach einiger Zeit verlassen wir Mazar. Okay, Marcel, wir haben jetzt angehalten. Hier ist ja jetzt eine ganz andere Landschaft als gerade eben noch. Gerade war es noch ein bisschen städtischer, wir sind jetzt hier mitten auf einem Feld. Wie ist der Unterschied für dich als Fahrer?

Marcel: Ja gut, das Gelände ist schwieriger geworden, ist keine geteerte Straße mehr. Man muss schon Obacht geben, wo man jetzt entlangfährt, man guckt auf die Gräben. Gerade sind wir auch an so einem Vadi vorbeigefahren, an so einem Flussbett, wo die Straße wirklich so breit ist wie der Dingo. Und da muss man wirklich schon aufpassen, wo man hinlenkt und wo man hinfährt.

RA: Jetzt sieht man ja auch, dass hier viele Bauarbeiten sind, also bergbaumäßig, und viele LkwLastkraftwagen fahren hier entlang. Wie sind denn die Afghanen im Vergleich zum Verkehr in Deutschland? Fahren die ähnlich Fahren die anständig oder wie würdest du das beschreiben?

Marcel: Ich sag mal die Fahren da, wo Platz ist. Hier gibt es keine Verkehrsregeln groß, rechts vor links kennen die hier auch nicht. Die fahren einfach, wenn Platz ist. Die überholen, wann sie wollen, die fahren einfach quer.

RA: Später am Tag fahren wir zurück in die Stadt und kommen zu einer Industrieanlage am Stadtrand.

RA: Jetzt stehen wir ja auch einer relativ offenen Fläche, wie ist das Wohlbefinden der Soldaten?

Marcel: Ich sag mal so, immer cool bleiben auf jeden Fall die 360 beibehalten, jeder hat seine Sicherungsbereiche. Ein mulmiges Gefühl hat man bei der Situation immer, weil man nie weiß, von wo irgendetwas kommen kann.

RA: Ich hab gesehen, dass die auf der Straße immer ganz viel verkaufen, immer Obststände überall und Reifenhändler und immer so offene kleine Garagen hin zur Straße.

Marcel: Ja, das siehst du hier sehr oft, die wollen halt alle irgendwie an Geld kommen, die wollen alle irgendwie was verkaufen und haben die wirklich nur ein paar Kleinigkeiten oder sonst was versuchen, die das an den Mann zu bringen. Die wollen halt wie gesagt, auch überleben, und alles was geht zu verkaufen, eben an den Mann zu bringen.

RA: Jetzt haben uns ja auch ein paar Leute gewunken, wie reagierst du da?

Marcel: Nein, ich winke zurück, die sind mir freundlich gegenüber, ich bin denen freundlich gegenüber, ich hab nichts gegen die, die haben anscheinend auch nichts gegen mich und sind, glaube ich, auch relativ froh, das wir da teilweise auch durchfahren, weil das den Leuten vor Ort auch eine gewisse Sicherheit gibt - na klar, ich winke zurück!

RA: Die Innenstadt von Mazar ist teilweise unglaublich dicht gedrängt. Ein solches Gewusel an Menschen und Händlern kennt man kaum aus Europa und das in Corona-Zeiten. Die Straßen und Häuser sind teilweise modern, teilweise aber auch völlig heruntergekommen. An jeder Ecke, an jedem Bordstein, in jedem Straßengraben liegt Müll: Plastiktüten, Orangenschalen. Aber nichts Brennbares, denn das sammeln Kinder zum Heizen ein. Mazar erinnert mich ein bisschen an Osteuropa kurz nach dem Mauerfall, nur arabisch geprägter. Das stellt auch Marcel vor Herausforderungen. Was sagst du dazu, die Straßen sind ja nicht ganz so befestigt, die haben offene Wassergräben, der Reinigungszustand ist auch nicht immer super, wie ist das Empfinden hier durch Afghanistan zu fahren?

Marcel: Ja gut, wenn man jetzt von Deutschland nach Afghanistan kommt, ist das ein richtiger Kulturschock. Aber man gewöhnt sich dran. Es ist traurig zu sehen, auch die Kinder, die teilweise an den Straßen sitzen und betteln, wenn man schon drei eigene Kinder zu Hause hat man projiziert das so ein bisschen hier rein. Was man nicht tun sollte, aber das tut dann doch schon weh, die Leute hier so zu sehen und die Armut zu sehen.

RA: Wenn wir halten und aussteigen, kommen auch häufig Kinder mit schmutziger Kleidung und traurigen Augen. Sie fragen die deutschen Soldaten dann nach Essen. Es ist schwer, dann Nein zu sagen. Man darf aber nicht verteilen, sonst würden immer mehr Fragende kommen, und das würde dann eine Erwartungshaltung wecken, die man unmöglich immer erfüllen kann. Das würde dann die Bevölkerung enttäuschen. Marcel fokussiert sich auf seine Arbeit als Dingo-Fahrer und erklärt, worauf es dabei ankommt:

Marcel: Also da ich sehr gerne Kraftfahrer bin und sehr gerne den Dingo fahre… Es kommt darauf an, immer die Geschwindigkeit beizubehalten, immer zu wissen, wann du welchen Gang wählst. Dass du immer, ich sage mal im relativ hohem Gang fährst, dass du immer dranbleibst, schönes dichtes auffahren. Also es gehört schon können dazu. Das lernt man schnell, aber es ist schon ein bisschen tricky, teilweise.

RA: Nach der Fahrt durch Mazar kann ich mir gut vorstellen, dass man in Deutschland zwar Dingo fahren lernt. Aber der Verkehr und die Straßen und die Landschaft in Afghanistan? Das ist schon wirklich etwas Besonderes. Schnee im Winter, Matsch und Erdrutsche im Frühling, staubtrockene Hitze im Sommer und das auf überwiegend unbefestigten Straßen.

Marcel: Du kannst dich für hier nicht vorbereiten. Alles, was du hier anwendest, ja einen Teil lernst du in Deutschland, aber den größten Teil lernst du einfach vor Ort beim Fahren. Das ist einfach so. Du musst hier die Dinge von anderen Kraftfahrern annehmen, und ein gewisser Austausch an Informationen muss auch da sein, wie wer was gesehen hat, wie man am besten fahren sollte. Im Endeffekt lernst du das Fahren echt hier.

RA: Es ist schon eine andere Welt als in der Heimat. An der Straßenecke macht eine Gruppe Bauarbeiter eine Mittagspause. Drei der Bauarbeiter haben ein „Kalaschnikow“ Sturmgewehr auf dem Rücken. Erst beten, dann im Kreis sitzen, Tee trinken und von einem großen Teller gemeinsam Reis essen. Mit den Händen. Das Ganze nur zehn Meter von Marcels Dingo entfernt. Das macht mir - abgesessen - ein komisches Gefühl. Den Männern der Force Protection nicht – für sie ist das Alltag. Waffen gehören zu Afghanistan. Bewaffnete Zivilisten gehören zum Alltag. Überhaupt bewundere ich Marcel dafür, dass der Dingo nicht in den Graben rutscht. Die Straßen sind schmal und die Wassergräben gehen 2 Meter steil in die Tiefe: Trotz LkwLastkraftwagen-Führerschein bin ich mir sicher: Ich würde den Dingo im nach 20 Metern im Graben versenken. Marcel beichtet mir etwas:

Marcel: In diesem Einsatz ist es mir auch schon einmal passiert, leider. Dass ich doch einmal vorstoßen sollte vor die ganzen Fahrzeuge, damit unsere Bordwaffe ein bisschen besser ins Gelände gucken konnte. Dementsprechend bin ich etwas vom Weg abgekommen und der ganze Dingo ist etwas nach rechts übergekippt. Mein Gruppenführer, der hat auch ein bisschen Angst gehabt, weil er rechts nur noch Erde gesehen hat. Er merkte links kommt er nicht raus, weil zu wenig Platz ist und dann ist er ein bisschen eskaliert. Und hat nachher über die Außenbordsprechanlage ein bisschen nach draußen geschrien, dass Sie ihn doch bitte hier rausholen sollen.

RA: Ich bin froh, dass auf unsere Patrouille kein Fahrzeug in den Graben gerutscht ist. Ich frage Marcel, wie es heute weitergeht.

Marcel: Wir werden jetzt erst mal noch eine gewisse Stelle anfahren, wo wir noch unsere Drohne einsetzen wollen und eventuell noch ein bisschen Aufklärung fliegen wollen. Ja, da werden wir sehen, wie weit wir da kommen, wie lange die Drohne in der Luft bleiben kann bezüglich der Akkuleistung, und dann sehen wir mal, wie es weitergeht.

RA: Warten auf weiter Befehle eben. Der Tag im Dingo strengt ziemlich an. Mehrmals die Woche fährt die Force Protection raus. Nach einem ganzen Tag „aufgerödelt“ unterwegs gewesen zu sein, also mit voller Ausstattung, merke ich, dass ich erschöpft bin. Marcel geht es ähnlich: Kurz bevor wir zurück ins Camp fahren, legt der Charlie-Zug noch eine kurze Pause ein.

Marcel: Übermorgen sind wir bis 23 Uhr geplant draußen. Ja, das ist schon heftig. Ich hab auch gar keinen Bock mehr, ich hoffe, wir fahren gleich rein. Bei mir ist der „Rücken“ das Problem. Fazit von heute? Ja, der Auftrag ist schnell zu Ende gegangen, wir gucken, wo uns das noch hinführt. Ob wir jetzt hier gleich abbrechen, ob wir reinfahren, oder ob wir von der TOCTactical operation cell vielleicht noch einen Auftrag bekommen.

RA: Jetzt musst du mir noch verraten, was denn das beste heute am Tag war. Was Positives.

Marcel: Das Beste am Tag heute? Kaffee ist der beste Booster am Morgen. Jetzt mal ernsthaft, also das Beste am Tag heute…Ohhhhh! Afghanisches Snooze!

RA: Damit ist die Frage geklärt. Es sind die kleinen Momente zwischendurch. Zum Beispiel jetzt: Ein Soldat verteilt „Snooze“. Das ist Lutschtabak, den man unter die Lippe klemmt. Hält wach, ist aber gewöhnungsbedürftig. Aber man steht kurz zusammen und atmet kurz durch. (Durchatmen) Ich habe Marcel und seinen Zug an mehreren Tagen begleitet. Die Force Protection hatte den Auftrag, kampfbereit zu sein und für Sicherheit zu sorgen, wo auch immer sie in Afghanistan eingesetzt wurden. Seit Ende Juni 2021 sind alle Soldatinnen und Soldaten des letzten Kontingents sicher aus Afghanistan heimgekehrt. Goodbye Marcel, Goodbye Charlie-Zug, Goodbye Afghanistan.