Sanitätsdienstliche Einsatzgrundsätze

Sanitätsdienstliche Einsatzgrundsätze

  • Sanitätsdienst

Zentraler Auftrag des Sanitätsdienstes der Bundeswehr ist, die Gesundheit der Soldatinnen und Soldaten zu schützen, zu erhalten und wiederherzustellen. Dies sowohl im Einsatz als auch in der Heimat. In den Auslandseinsätze der Bundeswehr wird für die dort eingesetzten Soldaten eine sanitätsdienstliche Betreuung sichergestellt, die im Ergebnis einer Versorgung in Deutschland entspricht.

Um diese Versorgungsqualität zu gewährleisten, werden die erforderlichen sanitätsdienstliche Fähigkeiten den Einsatzgebieten angepasst. Die Ausprägung der Sanitätseinrichtungen richtet unter anderem nach dem Auftrag, der Gefährdungslage und dem Einsatzraum. Zudem werden in die Planungen die multinationale sanitätsdienstliche Zusammenarbeit und die medizinischen Kapazitäten des Einsatzlandes mit einbezogen.

Die Rettungskette und ihre Behandlungseinrichtungen

Darstellung der Rettungskette

Die Rettungskette der Bundeswehr

Bundeswehr/PIZ Sanitaetsdienst

Die modularen Container- und Zeltmodule können zu Rettungsstationen, Rettungszentren und Einsatzlazaretten für die sanitätsdienstliche Behandlung von Patienten in den Einsatzgebieten zusammengefügt werden. Das breite Spektrum an Modularen Sanitätseinrichtungen mag für den Außenstehenden verwirrend sein. Doch dahinter steckt ein klares Konzept – die Rettungskette.
Für die Rettungskette im Einsatz sind nach gültigem NATONorth Atlantic Treaty Organization-Standard verbindliche Vorgaben hinsichtlich der Zeitlinien der Behandlung von verwundeten Soldatinnen und Soldaten festgelegt:

a) Erweiterte Erste Hilfe Maßnahmen: Blutungsstillung und Atmungskontrolle innerhalb der ersten zehn Minuten nach Verwundung.

b) Damage Control Resuscitation (DCR): Beginn mit ersten notfall- und intensivmedizinischen Maßnahmen zur Schadensbegrenzung und Stabilisierung innerhalb einer Stunde nach Verwundung.

c) Damage Control Surgery (DCS): Beginn mit lebensrettenden chirurgischen Eingriffen zur Schadensbegrenzung und Stabilisierung innerhalb der ersten zwei Stunden nach Verwundung.

Die Einhaltung dieser Zeitlinien, die auf den Erkenntnissen vieler Einsätze sowie internationaler Erfahrungen in der Trauma-Versorgung basieren, ist entscheidend für das Überleben und die Begrenzung gesundheitlicher Spätfolgen eines verwundeten Soldaten. Diese aus den präklinischen und klinischen Erfordernissen abgeleiteten zeitlichen Vorgaben sind zudem wichtige Grundlagen für die taktische und operative Einsatzplanung. Die sehr unterschiedlichen Bedingungen in den Einsatzgebieten der Bundeswehr sowie eine meistens eingeschränkte Sicherheitslage haben zur Folge, dass die Rettungskette im Einsatz keine vollständig spiegelbildliche Abbildung der rettungsdienstlichen Ablauforganisation in Deutschland darstellen kann. Der jeweiligen Einsatzlage angepasst, kann der Rettungsweg eines Verwundeten unterschiedliche Wege über eine Reihe von Sanitätseinrichtungen aufsteigender Leistungsfähigkeit nehmen. Die Rettungskette funktioniert im Einsatz über einen entsprechend flexibel ausplanbaren Verbund von Transportmitteln und in ihrer Leistungsfähigkeit abgestuften medizinischen Behandlungseinrichtungen.

Einsatzdauer und Reaktionszeit entscheidend

Je nach Einsatzdauer und Reaktionszeit im Vorfeld kommen neben den mobilen Sanitätselementen weitere Sanitätseinrichtungen zum Einsatz. Für schnell ablaufende Operationen gibt es luftverlegbare, zeltgestützte Einrichtungen (LSE), die nur kurzzeitig eingesetzt werden. Diese werden durch Elemente der containerbasierten modularen Einrichtungen (MSEModulare Sanitätseinrichtung) oder gar feste Infrastruktur ersetzt. Containerbasierte Behandlungseinrichtungen sind für einen Einsatz von bis zu zwölf Monaten konzipiert. Ab einer Einsatzdauer von mehr als einem Jahr sind grundsätzlich feste Infrastrukturen vorgesehen, um dem Verschleiß der modularen Einsatzelemente vorzubeugen.
 

Behandlungsebene 1

Eine Rettungsstation während der Informations- und Lehrübung

Eine Rettungsstation während der Informations- und Lehrübung 2018 in Feldkirchen.

(c) 2018 Bundeswehr / Grüterich

Schwerpunkt bei der Behandlungsebene 1 ist die allgemein- und notfallmedizinische Versorgung. Das heißt, die qualifizierte Aufrechterhaltung und Sicherung der Vitalfunktionen mit Hilfe moderner notärztlicher Verfahren wird hier gewährleistet. Im Falle eines Weitertransports dient die Rettungsstation zur Stabilisierung des Patienten. Aufgrund der hohen Anforderung an Mobilität sind hier Einrichtungen gefragt, die einen möglichst kleinen logistischen Fußabdruck hinterlassen. Für diese Anforderungen wurden die Rettungsstation und die Luftlanderettungsstation konzipiert. Die Rettungsstation besteht aus einem Container, einem Container Versorgungspalette, einem aufblasbaren Zelt sowie der dafür erforderlichen Transportkomponente. Die Rettungsstation gibt es als geschützte und ungeschützte Variante. Diese ist innerhalb einer Stunde einsatzbereit. Sie kann selbstständig oder innerhalb des Gesamtsystems einer modularen Sanitätseinrichtung verwendet werden. Sämtliche zur Aufgabenerfüllung auf dieser Behandlungsebene notwendigen medizinischen Geräte werden in der Rettungsstation mitgeführt und benötigen keinen weiteren Transportraum. Diese Konfiguration ist auch als eine rein zeltgestützte luftbewegliche Variante (LLRS) möglich.

Behandlungsebene 2

Das Rettungszentrum in Koulikoro, Mali im Jahr 2014

Das Rettungszentrum in Koulikoro, Mali im Jahr 2014

Bundeswehr/ Knut Klein

Zur Behandlungsebene 2 gehören das Rettungszentrum und das Luftlanderettungszentrum. Sowohl die containergestützte als auch die zeltgestützte Konfiguration sind in verschiedenen ausgeprägten Varianten möglich. Insbesondere das sogenannte Rettungszentrum leicht (RZ le) wurde bei zahlreichen Auslands-, Katastrophen- oder anderen Hilfseinsätzen der Bundeswehr eingesetzt. In ihm erfolgt durch circa 48 Soldatinnen und Soldaten die chirurgische Akutversorgung, intensivmedizinische Überwachung sowie die Überwachung und Pflege der Patientinnen und Patienten nach Operationen. Der medizinische Standard ist dabei vergleichbar mit einer Deutschen Klinik. Bereits eine Stunde nach Eintreffen am Einsatzort können im erste Patienten aufgenommen werden, und innerhalb von nur sechs Stunden ist die volle Einsatzbereitschaft hergestellt. Das RZ le kann flexibel zu einem größeren Rettungszentrum erweitert werden. Das Namenskürzel „leicht“ darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass zum Aufbau und Transport bei dieser Variante mehrere Lastkraftwagen sowie ein Kran mit mindestens 20 Tonnen Nutzlast benötigt werden. Bereits die zeltgestützte Konfiguration des Luftlanderettungszentrums leicht (LLRZ le) bringt stattliche 80 Tonnen auf die Waage.
Angesichts heutiger Einsatzszenarien werden zunehmend auch hochmobile Sanitätseinrichtungen mit der Möglichkeit lebensrettender chirurgischer Eingriffe benötigt. Ein Beilspiel dafür ist das Luftlanderettungszentrum für Spezialeinsätze mit seinem integralen Basismodul, das als noch kleinere und leichtere Komponente in den Einsatz gebracht werden kann. Mit maximal 1,5 Tonnen Gesamtgewicht ist es leicht, mobil und leistungsfähig.

Behandlungsebene 3

Das Einsatzlazarett ist quasi die Königsklasse der MSEModulare Sanitätseinrichtung und wird durch die Erweiterung eines Rettungszentrums (Behandlungsebene 2) um fachärztliche, pflegerische und OP-Kapazitäten erreicht. Ein Einsatzlazarett ist aufgrund seiner personellen und materiellen Ausstattung zur multidisziplinären Diagnostik und Therapie befähigt. Das Einsatzlazarett ist in zwei Konfigurationen möglich. Diese unterscheiden sich aber lediglich in ihrer Pflegekapazität von 72 Betten beziehungsweise 180 Betten.

Behandlungsebene 4

Aufnahme von dem Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz

Das BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz ist eines von fünf Bundeswehrkrankenhäuser. Sie bilden die Basis der Behandlungsebene 4.

Bundeswehr/ Andreas Weidner

Ergänzt wird die Rettungskette noch durch die Behandlungseinrichtung 4. In erster Linie stehen mit der vierten Behandlungsstufe Bundeswehrkrankenhäuser zur Verfügung. Es werden auch zivile Krankenhäuser genutzt und Rehabilitationseinrichtungen beansprucht. Nach Rückführung des Patienten aus einem Einsatzgebiet erfolgen in diesen Einrichtungen alle notwendigen weiteren medizinischen Behandlungen und Therapien.

Grundsätzlich ist jede Versorgung eines verwundeten oder erkrankten Soldaten individuell. Verletzungsgrad und Krankheitsbild des Patienten sind bestimmende Größen für die handelnden Verantwortlichen.


von Uwe Henning