Sicherheit im Luftraum – Der Luftwaffe entgeht nichts!

Sicherheit im Luftraum – Der Luftwaffe entgeht nichts!

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Ist ein Flugzeug im deutschen Luftraum nicht per Funk zu erreichen, steigen zwei Eurofighter auf und klären die Situation, die sich bei Terrorverdacht zu einem sogenannten RENEGADE entwickeln könnte. Wir erklären, welcher Aufwand dahinter steckt.

Zwei Piloten rennen zu ihren Kampfflugzeugen. Anschnallen, Helm aufsetzen. Kurz darauf durchstoßen zwei Eurofighter mit Nachbrenner die Wolkendecke. Ihr Ziel ist ein Passagierflugzeug, das ohne Funkkontakt im deutschen Luftraum fliegt. Bereits nach wenigen Minuten sehen die Kampfpiloten die Kondensstreifen ihres Ziels über dem Horizont.

In Deutschland bestehen die Alarmrotten aus je zwei Eurofightern.

Die Eurofighter der Alarmrotten können innerhalb von wenigen Minuten an jedem Ort im deutschen Luftraum sein.

Bundeswehr/Stefan Petersen

So schnell die Situation diesmal geklärt werden konnte – dahinter steckt ein hoch komplexer Ablauf. Dieser wird im Nationalen Lage- und Führungszentrum Sicherheit im Luftraum (NLFZ SiLuRa) bei Uedem am Niederrhein koordiniert. Das NLFZ SiLuRa ist eine ressortgemeinsame Einrichtung, in der die verschiedenen Zuständigkeiten für die Sicherheit im deutschen Luftraum gebündelt sind. Diese sind:

  • die Flugsicherung, in Verantwortung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), vertreten durch die Deutsche Flugsicherung (DFS),
  • die Gefahrenabwehr, in Verantwortung des Bundesministeriums des Innern (BMIBundesministerium des Innern), vertreten durch die Bundespolizei, und
  • der dabei jeweils unterstützende Einsatz der Alarmrotten, in Verantwortung des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVgBundesministerium der Verteidigung), vertreten durch die Luftwaffe.

Das NLFZ SiLuRa wird seit Juli 2003 als deutsche Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 und den Irrflug eines Kleinflugzeuges in Frankfurt im Januar 2003 betrieben.

Grundlagen für die Zusammenarbeit in dieser besonderen Einrichtung sind das Luftsicherheitsgesetz in der Fassung vom 4. März 2017 und die „Gemeinsamen Grundsätze von Bund und Ländern über die Zusammenarbeit bei der Abwehr von Gefahren für die Sicherheit im deutschen Luftraum durch Renegade-Luftfahrzeuge“. Die rechtlichen Vorgaben ergeben sich aus dem Luftsicherheitsgesetz einschließlich der einschlägigen Rechtsprechung.

Ein Eurofighter des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74 in Neuburg startet zu seinem Flug.

Ein Eurofighter der Neuburger Alarmrotte startet mit Nachbrenner zu einem T-Scramble.

Bundeswehr/Xaver Habermeier

QRAQuick Reaction Alert (I) – Quick Reaction Alert (Interceptor) – die Alarmrotte

Nur die Luftwaffe ist mit ihren Eurofighter-Kampfflugzeugen in der Lage, ein hoch und schnell fliegendes Flugzeug abzufangen. Für die Sicherheit im Luftraum stehen in Deutschland grundsätzlich zwei Alarmrotten bereit: im Norden in Wittmund und im Süden in Neuburg an der Donau. Alternativstandorte der Alarmrotte befinden sich in Nörvenich bei Köln und in Laage bei Rostock. Die Alarmrotte, auch QRAQuick Reaction Alert genannt, untersteht prinzipiell der NATONorth Atlantic Treaty Organization. Bei nationalen Einsätzen geht die Führung der Alarmrotte zeitweise an das NLFZ SiLuRa über.

Grundsätzlich ist das BMVI für die sichere Verkehrsführung im Luftraum über Deutschland zuständig. Das BMVI hat durch Rechtsverordnung die DFS, also die Deutsche Flugsicherung, mit der Wahrnehmung hoheitlicher Aufgaben zur Flugsicherung beliehen. Die Flugsicherung ist eine sonderpolizeiliche Aufgabe und beinhaltet z.B. die Aussprache von Einflug-, Überflug- oder Startverboten. In fünf Kontrollzentren in Deutschland und den Niederlanden sitzen die Fluglotsen der Flugsicherung an unzähligen Bildschirmen. Sie stehen im ständigen Kontakt zu den Piloten der Luftfahrzeuge und leiten sie sicher auf ihrem Flug durch den Luftraum. Eine Mammutaufgabe – denn der Luftraum über Deutschland ist einer der verkehrsreichsten der Welt. Aufgeteilt in über 80 Sektoren, sind jeweils ein oder zwei Lotsen für den Flugverkehr in ihrem Teil des Luftraums verantwortlich.

Vom Zahlendreher zum Aufstieg der Alarmrotte

Fliegt ein Flugzeug über eine Sektorengrenze, bekommt der Pilot vom aktuellen Lotsen die Funkfrequenz für den kommenden Sektor. Auf dieser nimmt er Kontakt mit dem neuen Lotsen auf und setzt seinen Flug unter dessen Kontrolle fort.

Was täglich unzählige Male gut geht, geht auch ab und zu mal schief. Wenn die Funkverbindung mit dem neuen Sektor nicht zustande kommt, zum Beispiel bei einem Zahlendreher, versucht der Lotse vergeblich, die Maschine zu erreichen. Spätestens nach fünf Minuten, wenn alle Möglichkeiten der Kontaktaufnahme vom Boden aus erfolglos waren, übergibt der Wachleiter des betreffenden Kontrollzentrums an das NLFZ SiLuRa. Ziel ist es jetzt, die Situation im Luftraum vor Ort aufzuklären.

Spektakulärer Zwischenfall Anfang März

Teil 3 der Flugrouten des Passgierfliegers und der Alarmrotte.

Die indische Maschine (blau) wird von der tschechischen QRAQuick Reaction Alert (pink) bis zur Grenze begleitet. Dort fängt die deutsche Alarmrotte (gelb) die Passagiermaschine ab und überwacht sie.

Bundeswehr/CAOC

RENEGADE ist die Bezeichnung für den Fall, bei dem der Verdacht besteht, dass ein ziviles Flugzeug für einen terroristischen oder anders motivierten Angriff missbraucht werden könnte. Die indische Maschine blieb in der gesamten Zeit auf ihrem geplanten Kurs Richtung London. Während im NLFZ SiLuRa die Vorbereitung von Maßnahmen zur Gefahrenabwehr am Boden koordiniert wurde, überwachte die QRAQuick Reaction Alert die Situation in der Luft. Aufgrund des erklärten RENEGADE-Verdachtes fand so z.B. eine Voralarmierung der deutschen Atomkraftwerke statt. Dies führte dazu, dass die Atomkraftwerke Maßnahmen, wie z.B. eine Teilräumung, ergriffen haben. Grundlage der Maßnahmen ist der zwischen Bundesinnen- und Bundesumweltministerium abgestimmte RENEGADE-Rahmenplan KKW.

Nachdem das indische Passagierflugzeug den deutschen Luftraum verlassen hatte, wurde es im belgischen Luftraum durch die belgische Alarmrotte begleitet. Die deutsche Alarmrotte flog zurück nach Neuburg an der Donau. Etwas später landete die Maschine von Air India planmäßig auf dem Flughafen London Heathrow.

Teil 2 der Flugrouten des Passgierfliegers und der Alarmrotte.

Der Renegade-Verdacht bleibt bestehen. Die deutsche QRAQuick Reaction Alert überwacht das als terrorverdächtig eingestufte Flugzeug auf seinem Flug über Deutschland.

Bundeswehr/CAOC
Teil 3 der Flugrouten des Passgierfliegers und der Alarmrotte.

An der deutsch-belgischen Grenze drehen die Eurofighter ab. Die belgische Alarmrotte übernimmt. Die nationale Zuständigkeit endet mit dem Ausflug aus dem deutschen Luftraum.

Bundeswehr/CAOC

Bundeswehr und Behörden arbeiten Hand in Hand

Ungefähr ein bis zwei Mal pro Monat steigt die deutsche Alarmrotte auf, weil der Funkkontakt zu zivilen Flugzeugen fehlt. Ein solcher Fall wird dann als „COMLOSS“ bezeichnet – also der Verlust jeglicher Kommunikation mit dem Flugzeug. Solange es dabei bleibt und keine Verschärfung der Lage eintritt, wird die Durchführung prinzipiell in den Händen der NATONorth Atlantic Treaty Organization belassen. Der Einsatz im deutschen Luftraum wird dabei auch vom NLFZ SiLuRa überwacht.

Im Führungszentrum laufen alle Informationen zusammen.

Die Mitarbeiter des Führungszentrums sind ein eingespieltes Team und bewahren selbst in brenzligen Situationen den Überblick.

Bundeswehr/CAOC

Wird über eine „COMLOSS“-Situation hinaus ein Missbrauch des zivilen Luftfahrzeuges für einen terroristischen oder anders motivierten Angriff vermutet – RENEGADE –, dann wird die Verantwortung über die Alarmrotte, die eigentlich bei der NATONorth Atlantic Treaty Organization liegt, für diesen Fall zeitweise in nationale Hände gegeben. Die Übernahme durch nationale Stellen wird als „Revoke Transfer of Authority“ (RTOA) bezeichnet. Nun koordiniert das NLFZ SiLuRa die weiterführenden Maßnahmen und informiert kontinuierlich alle in Deutschland betroffenen Stellen über den Verlauf bis hin zum Ende des Einsatzfluges.

Durch die Arbeitspositionen der im NLFZ SiLuRa beteiligten Ministerien werden alle relevanten Informationen erfasst, die für die Erstellung eines detaillierten Lagebildes zur Sicherheit im deutschen Luftraum notwendig sind. Mitarbeiter der Luftwaffe, der Bundespolizei, des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und der Deutschen Flugsicherung arbeiten hierzu Hand in Hand. Mit diesen Lageinformationen werden vorgesetzte Stellen und die politischen Entscheidungsträger im Ereignisfall versorgt. Das gibt ihnen Entscheidungsgrundlagen für Abwehrmaßnahmen.

Weitere beteiligte Dienststellen

CRC Control and Reporting Center

Für die Lagebeurteilung ist eine lückenlose Überwachung des deutschen Luftraumes wichtig. Dazu betreibt der Einsatzführungsdienst als Teil des Flugführungsdienstes der Luftwaffe zwei Einsatzführungszentralen. Der Auftrag der Soldaten dort ist es, jedes Flugzeug über deutschem Hoheitsgebiet innerhalb von zwei Minuten nach Entdecken zu identifizieren und dieses dann auch weiter zu verfolgen. Dafür greifen sie auf 18 militärische und über 50 zivile Radargeräte zu und stehen auch in ständigem Kontakt zur Deutschen Flugsicherung.

Die Annäherung an ein zu identifizierendes Flugzeug – der Abfangeinsatz – erfolgt unter Kontrolle eines Jägerleitoffiziers aus einem der CRCs heraus. Dieser übermittelt im Weiteren auch die Meldungen der Piloten der Alarmrotte an die Führungszentralen und gibt deren Befehle an die Alarmrotte weiter.

Soldaten sitzen an ihren Arbeitspositionen im CRC

Die Männer und Frauen im CRC stehen im ständigen Kontakt zu den Piloten. Auf ihren Bildschirmen sehen sie Standort und alle nötigen Flugdaten der Maschinen.

Bundeswehr/Johannes Heyn

CAOC - Combined Air Operation Centre

Beim CAOC liegt grundsätzlich die Verantwortung für die militärische Luftraumüberwachung. In Europa ist das CAOC Uedem für Nordeuropa und das CAOC Torrejon (Spanien) für Südeuropa zuständig. Das CAOC ist somit auch der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Gefechtsstand, der für den Einsatz der Alarmrotten zuständig ist. So unterstehen dem CAOC Uedem auch die deutschen Alarmrotten. Abhängig davon, wie kritisch eine Lage eingeschätzt wird, kann das CAOC eine oder auch mehrere Alarmrotten in einen erhöhten Bereitschaftsstatus versetzen oder gleich deren Start befehlen.

Bei einem Renegade-Verdachtsfall im deutschen Luftraum geht die Verantwortung an das NLFZ SiLuRa über. Die Alarmrotte und der zuständige Jägerleitoffizier im CRC bekommen ihre Befehle dann nicht mehr vom CAOC, sondern vom NLFZ SiLuRa.

von Philipp Rabe