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Übung Formidable Shield: NATO trainiert Abwehr von Raketen

Fregatte „Sachsen“, 24.10.2017.
Die deutschen Fregatten der Klasse 124 werden künftig zur Raketenabwehr der NATO gehören. Im Manöver Formidable Shield hat die „Sachsen“ schon die Einbindung in dieses System geübt. Dabei erfüllte sie eine Spezialaufgabe – und wird noch an Bedeutung gewinnen.

Fregatte feuert Flugabwehrrakete ab

Feuerschweif und Donnerhall: Ein US-Zerstörer der „Burke“-Klasse startet eine Abwehrrakete. (Quelle: U.S. Navy/Hopkins)Größere Abbildung anzeigen

Bei Formidable Shield hat die Allianz zum ersten Mal geprobt, wie sich unterschiedliche Kriegsschiffe in die strategische Bündnisverteidigung einfügen. Vom 24. September bis zum 18. Oktober trainierte eine Task Group, deren teilnehmende Schiffe nach ihren speziellen Fähigkeiten ausgewählt wurden, im Nordatlantik nordwestlich von Schottland, anfliegende Mittel- und Langstreckenraketen abzuwehren.

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Arbeitsteilung im Flottenverband

Die Task Group IAMD – Integrated Air and Missile Defence - bestand aus insgesamt 14 Kriegsschiffen von acht NATO-Partnern mit insgesamt rund 2.800 Besatzungsmitgliedern. Für die Deutsche Marine mit dabei war die Fregatte „Sachsen“.

Ihre „Spezialität“ ist die Luftverteidigung eines ganzen Flottenverbandes. Innerhalb des 800 Kilometer großen „Schirms“ ihres Luftraum-Überwachungsradars kann die „Sachsen“ andere Schiffe vor Angriffen durch Kampfjets oder Anti-Schiffs-Raketen schützen.

„Solange die anderen mit der Abwehr ballistischer Raketen aus weit über 1.000 Kilometern Entfernung befasst sind, haben wir die Aufgabe der Verbandsluftverteidigung in einem kleineren Umkreis übernommen“, erklärt Oberbootsmann Max Rütz (Name geändert), einer der drei Radarmeister der „Sachsen“.

Fregatte Sachsen auf See

Gutes wird noch besser: Die deutsche Fregatte Sachsen bekommt ein neues Radar. (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

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Spotter und Shooter wirken zusammen

So kann die eigentliche ballistische Raketenabwehr relativ unbesorgt ihre Arbeit machen. Zurzeit sind das noch US-Zerstörer der „Arleigh Burke“-Klasse. Drei von ihnen haben an Formidable Shield teilgenommen. Sie verfügen über ein Überwachungsradar, das nicht nur in die Breite, sondern auch in die Höhe „schauen“ kann. Es kann also weit- und hochfliegende Raketen entdecken, die auf ihrer ballistischen Flugbahn eine Zeitlang die Erdatmosphäre verlassen.

Außerdem können die Schiffe der „Burke“-Klasse Abwehrraketen vom Typ SM-3 verschießen, die mit einer Höhenreichweite von 300 Kilometern selbst ballistische Flugkörper abfangen.

Radar und Abwehrraketen müssen sich dabei nicht unbedingt auf ein- und demselben Schiff befinden. Zwei Schiffe oder andere Plattformen können sich die Arbeit teilen. Das Prinzip der Scharfschützen – der Spotter beobachtet, der Shooter bekämpft – steht hier Pate.

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Raketenabwehr im scharfen Schuss

Auf der „USS Winston S. Churchill“, einem der drei „Arleigh Burke“-Zerstörer und zugleich Flaggschiff der Task Group IAMD, war Fregattenkapitän Andreas Uhl an Bord. Der Deutsche ist der Chef des multinationalen 15-köpfigen Stabes, der die Übung und den Schiffsverband geleitet hat.

Die Schiffe und ihre Besatzungen waren unterschiedlichen simulierten Raketenbedrohungen ausgesetzt und konnten echte Abwehrraketen verschießen. „Elfmal haben wir live gefeuert“, berichtet Uhl. In mehreren Gefechtsszenarien trainierten die Schiffe, ihre spezifischen Fähigkeiten miteinander in Einklang zu bringen: „Shooter“ und „Spotter“ der ballistischen Raketenabwehr wie die „Winston S. Churchill“ mussten mit den „Luftverteidigern“ wie der „Sachsen“ zusammenwirken.

Marinesoldaten in Flammschutzhauben beugen sich über Kladde

Gemeinsam im Gefecht: Soldaten auf der Fregatte Sachsen während einer Übung (Quelle: Bundeswehr/Lechner)Größere Abbildung anzeigen

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Schiffsradar schaut in den Weltraum

Die steht indes vor ihrer nächsten Modernisierung. Die Fregatte ist seit 2004 im Dienst und soll eine neue Radaranlage erhalten. Die Gelegenheit wird die Marine nutzen, um nicht nur die Fähigkeiten der Schiffe der Klasse 124 auf den letzten Stand der Technik zu bringen, sondern diese gleichzeitig zugunsten des NATO-weiten Projekts Raketenabwehr zu erweitern. „Und damit erfüllt die Bundeswehr eine wesentliche Erwartung des Bündnisses“, ergänzt Uhl.

Die Deutsche Marine wird also künftig die Raketenabwehr um ein seegestütztes Radar ergänzen. Zwar besitzen die drei Fregatten der „Sachsen“-Klasse schon jetzt ein Luftraumüberwachungsradar mit der beeindruckenden Reichweite von rund 400 Kilometern. Es deckt weit mehr als die gesamte deutsche Küste von Emden bis Usedom ab.

Das neue Radar aber soll nicht mehr nur im Luftraum um sich herum angreifende Flugzeuge und Raketen entdecken, sondern künftig auch vor ballistischen Flugkörpern außerhalb der Atmosphäre, also im Weltraum, warnen können.

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Fehler kosten Menschenleben

Mit dieser neuen Fähigkeit werden die „Sachsen“, und ihre Schwesterschiffe „Hamburg“ und „Hessen“ selbst in der Lage sein, Raketen zu lokalisieren, die das Bündnisgebiet angreifen, und an die aktive Raketenabwehr zu melden.

Für Radarmeister Rütz sind die Änderungen im Arbeitsumfeld deshalb schon absehbar: Er bekommt neue Kollegen. „Ich vermute, dass es für das komplizierte Geschäft der ballistischen Raketenabwehr einen weiteren Bootsmann und einen weiteren Fachoffizier an Bord braucht – mit dementsprechender Qualifikation“, sagt er. „Und die Verantwortung, die wir im Falle eines Falles an unserer taktischen Konsole zu tragen hätten, wäre natürlich groß. Fehler darf man sich dabei dann keine mehr erlauben.“

Infografik zeigt Aufstellung des Raketenabwehrsystems der NATO

In der Theorie ganz einfach: Die maritime Raketenabwehr der NATO im Überblick (Quelle: NATO)Größere Abbildung anzeigen

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Die ballistische Bedrohung

Experten warnen schon länger vor der globalen Verbreitung von Langstreckenraketen. Schätzungen zufolge besitzen inzwischen bereits mehr als 30 Staaten weltweit die Technologie, Flugkörper mit Reichweiten von 1.000 Kilometer und mehr zu bauen – also von der sogenannten Mittelstrecken- bis zur Interkontinentalrakete. Solche Raketen folgen nach ihrem Abfeuern einer ballistischen Flugbahn, das heißt, sie verlassen für einen Teil der Strecke zu ihrem Ziel die Erdatmosphäre in einem hohen Bogen, bevor sie einschlagen.

Eine besonders große Gefahr sind diese Flugkörper deshalb, weil sie potentiell mit Massenvernichtungswaffen bestückt werden können. Wenn ihre tödliche Fracht nukleare, biologische oder chemische Waffen sind, dann bedrohen sie nicht nur militärische Punktziele wie zum Beispiel die Start- und Landebahn eines Flugplatzes, sondern den ganzen Flugplatz und alle Einwohner in seiner Nachbarschaft. Die Auswirkungen eines solchen Angriffs wären verheerend und die Folgen nur schwer kalkulierbar.

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Stand vom: 24.10.17 | Autor: Hannes Borowsky, Marcus Mohr


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