Sie sind hier: Startseite > Aktuelles > Aus der Truppe > Spezial-ABC-Abwehr-Reaktionszug: Die Exoten unter den Spezialisten

Spezial-ABC-Abwehr-Reaktionszug: Die Exoten unter den Spezialisten

Berlin, 04.07.2017.

Das Szenario ist wirklich beklemmend. In einer alten Bunkeranlage wollten Terroristen schmutzige Bomben bauen. Die Bundeswehr kam ihnen zuvor. Jetzt schlägt die Stunde der Spezialisten.

Zwei Männer in Schutzanzügen
Die Spezialisten entnehmen Proben einer gefährlichen Substanz. (Quelle: Bundeswehr/Fenner)Größere Abbildung anzeigen

Es ist dunkel und es riecht nach Chemie. Mehrere Räume, ein Labor. Gefäße mit Substanzen stehen aufgereiht, hier und da stehen Fässer mit unbekanntem Inhalt. Ausdrucke von Internetseiten und Chemie-Fachbücher liegen herum, teilweise mit Markierungen. Der alte Bunker wirkt wie fluchtartig verlassen. Was war hier los?

Im Bunker ist es chaotisch und unübersichtlich

Besser gesagt: Was ist hier los? Das Bild, welches sich den Kräften des Spezial-ABC-Abwehr-Reaktionszuges bietet, ist tatsächlich chaotisch und unübersichtlich.

Spezialkräften war es gelungen, die gegnerischen Kräfte bei ihrem Tun zu unterbrechen und in die Flucht zu schlagen. Was sie hinterlassen haben, untersuchen nun die der Streitkräftebasis angehörigen Spezialisten des ABC-Abwehrbataillons 750 „Baden“ aus Bruchsal.

Der Zug ist der dortigen 4. Kompanie angegliedert und kümmert sich nun um eine erste Analyse der gefährlichen Stoffe. Niemand sonst kann und soll den Bunker betreten, um weitere Ermittlungen aufzunehmen, bevor nicht klar ist, womit man es hier zu tun hat.

Nahaufnahme eines Messgeräts
Im Schnellverfahren stellen die Soldaten fest, um welche Substanz es sich handelt. (Quelle: Bundeswehr/Fenner)Größere Abbildung anzeigen

Äußerst behutsames Vorgehen – Raum für Raum

Und so befindet sich ein Trupp des Spezial-ABC-Abwehr-Reaktionszuges in dem bizarren Gebäudekomplex, durchkämmt Raum für Raum. Die Männer in den Schutzanzügen gehen äußerst behutsam vor. Geführt werden sie von einem Offizier, denn hier sind Experten am Werk.

Jeder der drei Trupps meines Zuges bildet im Prinzip eine Fähigkeit ab“, erläutert Zugführer Major Christian Knöll. So prüfen ausgebildete Chemiker das Terror-Labor. Der Truppführer besitzt ein Diplom, die Truppsoldaten – Feldwebeldienstgrade – sind Laboranten, chemisch-technische Assistenten oder mit ähnlicher fachlichen Qualifizierung. „Das setzt sich so fort“, sagt Dr. Knöll. „Unsere Spezialisten für den Bereich atomarer Szenarien stammen allesamt aus der Physik, 'B' bearbeiten logischerweise Biologen.“

Lokalisieren, beurteilen und interpretieren

Ist die ABC-Abwehr an und für sich schon eine Spezialfähigkeit, so konzentriert sich deren ganzes Spektrum im Spezial-ABC-Abwehr-Reaktionszug. Als einziger Zug seiner Art verfügen die hier eingesetzten Männer und Frauen über die Fähigkeiten zur Aufklärung und Analyse. Die Soldaten sind in der Lage, nicht nur Substanzen zu lokalisieren, zu messen und zu dokumentieren, sondern können aufgrund ihrer hohen Qualifikation diese auch beurteilen und interpretieren. Selbst, wenn aus Flüssigkeiten, Pulvern oder Gasen noch kein Kampfstoff entwickelt wurde.

Wir können entscheidende Mosaiksteine zu einem Gesamtlagebild beitragen“, hebt Knöll hervor, was seinen Zug zu gefragten Experten bei schwierigen Operationen macht. Bei Bedarf werden sie angefordert, etwa vom Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr. Der Zug untersteht daher direkt dem Bataillonskommandeur des ABC-Abwehrbataillons 750 „Baden“.

Männer in Schutzanzügen werden angesprüht
In sicherer Entfernung werden die Soldaten von Kameraden dekontaminiert. (Quelle: Bundeswehr/Luskaszewski)Größere Abbildung anzeigen

Immer auf dem neuesten Stand

In ständigen Fortbildungen werden die Truppsoldatinnen und –soldaten auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand gehalten. Dazu brauchen sie natürlich das aktuellste Gerät und modernste Verfahren, die einmalig in der Bundeswehr sind.

Angefangen bei den verwendeten Fahrzeugen, wie zum Beispiel kleine LKWs vom Typ Mungo in einer speziellen Konfiguration für den Einsatz in der ABC-Abwehr. Quads bringen die Spezialisten rasch zum Einsatzort und helfen damit, die Zeit unter dem sogenannten „Vollschutz“ zu verkürzen.

Weiter verfügen die Soldaten über eine modular einsetzbare, tragbare Ausrüstung zum Identifizieren und zur Probenentnahme von ABC-Gefahrstoffen. Diese Komplexität bedingt für die Experten wiederum eine lange Verwendungszeit in Bruchsal, wodurch sich für die angesprochenen Berufsgruppen ein interessantes, abwechslungsreiches Betätigungsfeld bietet.

Showdown im Bunker

Zurück ins Terror-Labor: Behutsam geht der C-Spürtrupp vor. Akribisch führen die Kräfte Protokoll und fotografieren das Szenario. Kommuniziert wird mit wenigen Worten und sehr oft per Handzeichen, da die Schutzanzüge und die ABC-Schutzmasken das Atmen erschweren.

Plötzlich schlagen die Messgeräte an. Ein schriller Piepton signalisiert den Soldaten eine Messung über den eingestellten Grenzwerten und eine gefährliche Substanz. Routiniert nimmt man eine Probe und stellt im Schnellverfahren fest, um was es sich bei dem Fund handelt. Etwa drei Stunden sind nötig, um ein klareres Lagebild zu erhalten.

Mann in Schutzanzug vor Fahrzeug
Die kontaminierte Ausrüstung wird bis zur gründlichen Entgiftung in Schutzhüllen verpackt. (Quelle: Bundeswehr/Lukaszewski)Größere Abbildung anzeigen

Dekontamination in sicherer Entfernung

Draußen bereiten sich zeitgleich weitere Kräfte vor, ihre Kameraden nach dem Einsatz zu dekontaminieren, also von den giftigen Substanzen zu befreien. In ausreichender Entfernung zum Objekt wird eine Station aufgebaut, wo sich der Trupp relativ gefahrfrei seiner Schutzanzüge entledigen kann. Der Ablauf der Dekontamination ist genau festgelegt. Die Kameraden helfen bei jedem der notwendigen Schritte. In Schutzhüllen verpackt, werden Anzüge und Ausrüstung einer gründlichen Entgiftung zugeführt.

Glücklicherweise ist das beschriebene Geschehen nur eine Übung für den Einsatz. Heute. Morgen kann das schon wieder ganz anders und die Lage ernst sein. Denn der Kampf gegen den internationalen Terrorismus, irreguläre Kräfte oder auch die moderne Kampfführung braucht unbedingt die Fähigkeit zur ABC-Abwehr. Auch wegen des Spezial-ABC-Abwehr-Reaktionszuges nimmt die Bundeswehr unter ihren internationalen Partnern auf diesem Gebiet eine herausragende Stellung ein.


Fußzeile

nach oben

Stand vom: 24.01.18 | Autor: Ralf Wilke


http://www.bundeswehr.de/portal/poc/bwde?uri=ci%3Abw.bwde.aktuelles.aus_der_truppe&de.conet.contentintegrator.portlet.current.id=01DB170000000001%7CANXCM3230DIBR