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Armee im Kalten Krieg

Berlin, 05.02.2015.

Der Kalte Krieg ist der Geburtshelfer der Bundeswehr. Die sich verschärfende Konfrontation des Westens mit der Sowjetunion ebnet den Weg für eine deutsche Wiederbewaffnung. Die junge Bundesrepublik steht vor einer umstrittenen Herkulesaufgabe.

Soldaten marschieren
Im Gleichschritt: Ein Bild aus den Anfangsjahren der Bundeswehr (Quelle: Bundeswehr/Baumann)Größere Abbildung anzeigen

Als am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht zu Ende geht, scheint alles Andere als eine vollständige und dauerhafte Abrüstung Deutschlands undenkbar zu sein. Zu groß sind die Wunden, die die Vernichtungsfeldzüge der Nationalsozialisten geschlagen haben.

Nie wieder soll von Deutschland Gewalt gegen seine Nachbarn ausgehen. Folgerichtig fordern die Siegermächte nach Kriegsende im Schlusskommuniqué der Potsdamer Konferenz von 1945 neben der vollständigen Entnazifizierung auch die komplette Demilitarisierung des besetzten Deutschlands.

Vom Feind zum Bündnispartner

Doch ein neuer weltweiter Konflikt wirft seine Schatten voraus und wird die militärische Rolle Deutschlands binnen kurzer Zeit neu definieren: der Kalte Krieg. Die ideologischen Unterschiede zwischen den West-Alliierten und der Sowjetunion treten immer deutlicher zu Tage. Die gegen Hitler geschmiedete Allianz zerbricht. Eine neue Sicherheitsarchitektur entsteht, und in ihr wird Westdeutschland schnell vom ehemaligen Feind zum strategisch dringend benötigten Bündnispartner direkt am Eisernen Vorhang.

Schon 1947 gibt es im US-amerikanischen Militär erste Gedankenspiele über eine Einbindung West-Deutschlands in ein westeuropäisches Sicherheitssystem. Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 verfolgt der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, eine Politik der Wiederbewaffnung. Er tut dieses vorsichtig, denn die öffentliche Meinung steht gegen ihn.

Doch für Adenauer führt der Weg zu mehr Souveränität nur über einen eigenen Beitrag zur Verteidigung des Westens. Und mit Beginn des Korea-Kriegs 1950 mehren sich internationale Rufe nach einem deutschen Wehrbeitrag zur Verteidigung Westeuropas gegen kommunistische Hegemonialbestrebungen.

Im Oktober 1950 lässt Adenauer ehemalige hohe Wehrmachtsangehörige im Eifelkloster Himmerod über die Schaffung einer deutschen Armee beraten. Noch im selben Monat beruft der Bundeskanzler den CDU-Politiker Theodor Blank zum Leiter der „Dienststelle des Bevollmächtigten des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“. Aus dieser – besser als Amt Blank bekannten Institution – ensteht 1955 das Bundesministerium für Verteidigung.

Ein wichtiger Schritt zur deutschen Wiederbewaffnung ist die Unterzeichnung der Pariser Verträge am 23. Oktober 1954. Damit endet das Besatzungsstatut für die Bundesrepublik Deutschland und der Weg für eine Mitgliedschaft in der NATO ist frei. Im Mai 1955 tritt die Bundesrepublik Deutschland schließlich dem Bündnis bei und darf auch eigene Streitkräfte aufstellen.

Soldaten packen ihre Sachen aus
Neue Heimat: Soldaten beziehen ihre Stube. (Quelle: Bundeswehr/Munker)Größere Abbildung anzeigen

Armee ohne Namen

Am 12. November 1955 ist es soweit. Theodor Blank, inzwischen Bundesminister für Verteidigung, ernennt in einer improvisierten Zeremonie in der ehemaligen Bonner Ermekeilkaserne die ersten 101 Freiwilligen der neuen Truppe. Fortan gilt dieses Datum als Gründungstag der Bundeswehr.

In einer mit dunklem Tuch ausgeschlagenen Fahrzeughalle nehmen die Soldaten ihre Ernennungsurkunden entgegen. Nur wenige tragen die nach amerikanischem Vorbild geschneiderten Uniformen mit den kurzen Jacken, die vielfach als „Affenjäckchen“ oder „Königin-Luise-Blusen“ verspottet werden. Die meisten sind in zivil erschienen. Adenauer empfindet die Veranstaltung allerdings als unzureichend. Er vermisst ein Musikkorps und das Deutschlandlied. Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein: Intern kursiert bald die Formulierung „Schaunummer für die Presse“.

In die Kasernen von Andernach, Wilhelmshaven und Nörvenich rücken die ersten Freiwilligen am 2. Januar 1956 ein. Einen Namen hat die neue Streitmacht zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. In einer Rede spricht Adenauer die Truppe deshalb zunächst mit „Soldaten der neuen Streitkräfte“ an.

Erst mit dem „Gesetz über die Rechtsstellung des Soldaten“ vom 20.März 1956, auch „Soldatengesetz“ genannt, erhält die Armee mit dem Namen „Bundeswehr“ ihre endgültige Bezeichnung. Im Bundestag hatte sich nur die FDP mehrheitlich für den alten Begriff „Wehrmacht“ ausgesprochen.

Am 22. Mai 1956 tritt die Wehrverfassung in Kraft. Damit ist auch die legislative Grundlage geschaffen. Im Art. 87a des Grundgesetzes heißt es fortan: „Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf.“ Doch wie sollen sich diese Streitkräfte rekrutieren? Während SPD und FDP eine Berufsarmee favorisieren, macht sich die CDU für die allgemeine Wehrpflicht stark. Die Konservativen wollen so die der NATO zugesagte Truppenstärke von 500.000 Soldaten gewährleisten und setzen sich durch: Im Juli 1956 tritt das „Gesetz zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht“ in Kraft und am 1. April 1957 beginnen die ersten Wehrpflichtigen ihren Dienst. Mehr als 50 Jahre lang wird die Bundeswehr eine Wehrpflichtarmee bleiben.

Rasanter Aufbau

Das Aufstellungsprogramm der jungen Truppe ist ambitioniert, aber schon 1962 erreicht die Bundeswehr eine Stärke knapp 390.000 Mann. Für ihre erste materielle Ausstattung ist sie allerdings auf internationale Hilfe angewiesen. So liefern die Vereinigten Staaten im Rahmen der sogenannten Nash-Liste unentgeltlich Wehrmaterial im Wert von rund 3,8 Milliarden Mark.

Wer als hoher Vorgesetzter in der Bundeswehr dienen will, darf keine NS-Vergangenheit haben. Alle Offiziere vom Oberst an aufwärts müssen sich deshalb einem vorwiegend aus Zivilisten zusammengesetzten Personalgutachterausschuss stellen.

Denn der militärische Neubeginn ist auch geistiger Natur. Deutschlands neue verantwortungsbewusste Rolle in der Welt soll sich auch im Militär widerspiegeln und das Soldatengesetz soll den Spagat zwischen militärischer Befehlskultur und freiheitlicher Demokratie bewerkstelligen. Es besagt unter anderem, dass auch im Militärdienst die staatsbürgerlichen Rechte gelten und sichert den Soldaten das aktive und passive Wahlrecht zu.

F84 auf Rollfeld
Made in USA: Eine F84 der deutschen Luftwaffe auf dem Flugfeld (Quelle: Bundeswehr/Siwik)Größere Abbildung anzeigen

Ringen um die Innere Führung

Die neue Konzeption der Inneren Führung soll gewährleisten, dass Werte und Normen der demokratischen Verfassung auch in der Bundeswehr verwirklicht werden. Es enthält als zentrales Element das Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“. Er ist seinem Gewissen verpflichtet, handelt selbstverantwortlich und kann sich nicht mehr auf seine Gehorsamspflicht berufen. Verbrecherische Befehle auszuführen, ist ihm sogar verboten.

Inzwischen ist die Innere Führung in der Truppe unumstritten und sogar zum Modell für andere Streitkräfte geworden. Doch sie wird nicht von heute auf morgen zum Markenzeichen der Bundeswehr. Anfangs noch als „Inneres Gefüge“ bezeichnet, macht es zunächst in weiten Teilen der militärischen Führungskräfte als „Inneres Gewürge“ die Runde. Insbesondere ehemalige Wehrmachtsangehörige fremdeln mit dem neuen Konzept. Die Traditionalisten fürchten die Aufhebung der Befehls- und Gehorsamsstruktur, Disziplinlosigkeit und eine Politisierung der Armee.

1966 wird General Ulrich de Maizière zum Generalinspekteur der Bundeswehr ernannt. Das vehemente Eintreten des ranghöchsten Soldaten der Bundeswehr – und Vaters des späteren Verteidigungsministers Thomas des Maizière – für die Innere Führung setzt einen Prozess in Gang, in dessen Verlauf sich langsam diese moderne Führungskonzeption als Wesenskern der Bundeswehr etabliert.

Bollwerk des Westens

Im NATO-Bündnis mausert sich die Bundeswehr vom argwöhnisch betrachteten Newcomer zum unverzichtbaren Pfeiler bei der Verteidigung Westeuropas gegen einen möglichen Angriff des Warschauer Paktes. 495.000 Soldaten umfasst die westdeutsche Armee, im Kriegsfall sollen Reservisten sie auf stolze 1,2 Millionen Mann verstärken.

Doch dann setzt im Kalten Krieg Tauwetter ein. An dessen Ende ist Deutschland wieder vereinigt und kein Frontstaat mehr. Für die Bundeswehr beginnen Jahres des Umbruchs.


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Stand vom: 15.12.17 | Autor: Marco Dames/Frank Bötel


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