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Armee der Einheit

Berlin, 05.02.2015.
Für die Bundeswehr haben der Fall des Eisernen Vorhangs und die bald folgende deutsche Wiedervereinigung gravierende Auswirkungen. Als Verteidigungsarmee im Kalten Krieg gegründet, stellt sich die Frage nach ihrer zukünftigen Aufgabe. Zudem müssen Personal und Material der ehemals verfeindeten Nationalen Volksarmee eingegliedert werden.

Soldaten in NVA-Uniform neben einem Bundeswehr-Soldat

Alt trifft Neu: Ein ehemaliger NVA-Soldat hat gerade seine Bundeswehrausrüstung empfangen. (Quelle: Bundesarchiv/Hirschberger)Größere Abbildung anzeigen

Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. Die innerdeutsche Grenze, einst Brennpunkt des Kalten Krieges, muss quasi über Nacht nicht mehr verteidigt werden. In den folgenden Monaten zeichnet sich schnell der Weg in die deutsche Wiedervereinigung ab. Das wirft die Frage auf, was mit der Nationalen Volksarmee (NVA) geschehen soll.

In Politik und Miltär gibt es dazu verschiedene Szenarien. So schlägt der Minister für Abrüstung und Verteidigung in der letzten DDR-Regierung, Rainer Eppelmann, beispielsweise vor, nach der Wiedervereinigung vorübergehend zwei Armeen zu unterhalten.

Zwar stellt der Bundesminister der Verteidigung, Gerhard Stoltenberg, bald unmissverständlich fest, dass es im vereinten Deutschland die NVA nicht mehr geben werde. Trotzdem leisten noch im Juli 1990 Soldaten der NVA einen neuen Fahneneid auf die DDR. Für Stoltenberg dagegen ist alles Andere als eine einzige Armee unter dem Dach der NATO nicht vorstellbar. Er prägt die Formel: „Ein Staat – eine Armee“. Und tatsächlich hört mit der DDR auch die NVA auf zu bestehen.

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Abbau Ost – und West

Am Vorabend der Wiedervereinigung gehören etwa 90.000 Soldaten der NVA an. Eigentlich müssten es 137.000 sein, doch im Wendejahr haben viele Rekruten ihrer Einberufung nicht Folge geleistet. Zu den Soldaten kommen etwa 47.000 zivile Angehörige, die ab dem 3. Oktober 1990 unter die Befehls- und Kommandogewalt des Bundesministers der Verteidigung treten.

Die Bundeswehr verfügt nun insgesamt über einen Streikräfteumfang von fast 600.000 Mann. Eine Bedingung für die internationale Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung ist jedoch die Reduzierung der Gesamttruppenstärke bis zum 31. Dezember 1994 auf 370.000 Mann – festgeschrieben im sogenannten „Zwei-plus-Vier-Vertrag“.

Das ist eine Herkulesaufgabe, denn hinzu kommen noch Unmengen an Material, das die NVA hinterlassen hat und das zunächst erfasst werden muss. Dazu gehören unter anderem über 15.000 Großwaffensysteme und rund 300.000 Tonnen Munitionen. Die Zahl der Handfeuerwaffen wird auf 1,2 Millionen geschätzt.

Waffen und Munition werden größtenteils zerstört. Einige Systeme, beispielsweise das Kampfflugzeug MiG 29 und der Schützenpanzer BMP, nutzt die Bundeswehr vorübergehend weiter. Nur Weniges kann verkauft werden. Außerdem kommt ein Teil des Geräts humanitären Zwecken zu. Binnen weniger Monate werden im Rahmen der Reduzierungen im Osten Deutschlands 2.300 Dienststellen aufgelöst und 35 Standorte geschlossen, im Westen sind es 330 Dienststellen.

NVA Soldaten rollen NVA-Truppenfahne ein

Ende einer Ära: Die NVA löst sich auf und rollte ihre Truppenfahnen ein. (Quelle: Bundesarchiv/Gahlbeck)Größere Abbildung anzeigen

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Schrittmacher und Vorreiter der Einheit

Zuständig für die Integration der aufgelösten NVA und die Schaffung neuer Bundeswehrstrukturen in den neuen Bundesländern ist das Bundeswehrkommando Ost in Strausberg bei Berlin. Dessen Befehlshaber, Generalleutnant Jörg Schönbohm, kündigt zwar den verbliebenen ehemaligen NVA-Soldaten an: „Wir kommen nicht als Sieger zu Besiegten, sondern als Deutsche zu Deutschen.“ Trotzdem erweist es sich für viele innerlich als schwierig, die Uniform des früheren „Klassenfeindes“ zu tragen. Voraussetzung für eine Übernahme ist zudem eine Sicherheitsüberprüfung, die mit Unterstützung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR erfolgt.

Über 60 Prozent der NVA-Offiziere scheiden freiwillig aus der Bundeswehr aus. Rund 12.000 der verbliebenen Offiziere und etwa genauso viele Unteroffiziere streben dagegen eine Karriere in der Bundeswehr an. Übernommen für zunächst zwei Jahre werden 6.000 Offiziere und 11.200 Unteroffiziere. Sie müssen in der Folge den Umgang mit anderen Waffen, neuer Ausrüstung und neuem Gerät erlernen sowie die für sie unbekannten Dienstwege kennenlernen.

Die Offiziere werden in der Regel ein oder zwei Dienstgrade herabgestuft, weil Dienstposten in der NVA häufig nominell höher dotiert waren als vergleichbare Stellen in der Bundeswehr. Generale und Admirale sowie die meisten Obersten der NVA werden nicht übernommen.

Anlass zu Unmut unter den ehemaligen NVA-Soldaten liefert der Umstand, dass ihr Gehalt zunächst nur 60 Prozent des Westgehaltes beträgt. Trotzdem: Zur Überraschung vieler gelingt die Zusammenführung ost- und westdeutscher Soldaten – zwar nicht konfliktfrei, jedoch viel reibungsloser als befürchtet.

Dazu trägt bei, dass häufig Wehrpflichtige aus Ost und West ihre Grundausbildung jeweils im für sie unbekannten Teil Deutschlands ableisten. So wird die gesamtdeutsche Bundeswehr für die nachwachsende Generation schnell zur Normalität, und bald ist die Herkunft der Kameraden nur noch am Dialekt zu erkennen.

Minister Stoltenberg bezeichnet die Bundeswehr deshalb als „Schrittmacher der deutschen Einheit.“ Und sein Nachfolger Peter Struck wird später betonen: „Die Bundeswehr hat seit dem 3. Oktober 1990 gezeigt, was erreichbar ist, wenn Deutsche aus Ost und West aufeinander zugehen und sich mit Tatkraft einer gemeinsamen Aufgabe stellen. Sie ist damit bei der Verwirklichung der inneren Einheit Deutschlands von Anfang an ein Vorbild und Vorreiter gewesen.“

Staatssekretär Wilz und weitere Personen bei der Indienststellung des MiG-29 Geschwaders, eine Mig-29 im Hintergrund

Indienststellung: Ein Jagdgeschwader der Luftwaffe fliegt vorübergehend die MiG 29 der NVA. (Quelle: Bundeswehr/Kiesel)Größere Abbildung anzeigen

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Abschied von der Wehrpflicht

Nach der Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes gibt es für die Bundesrepublik Deutschland und ihre Bündnispartner keine unmittelbare Bedrohung mehr. Die Bundeswehr muss sich nach ihrer Legitimation fragen lassen. Doch insgesamt friedlicher ist die Welt nicht geworden. Neue Konflikte brechen auf. Und spätestens, als durch den Zerfall Jugoslawiens der Krieg nach Europa zurückkehrt, werden Rufe nach einem stärkeren internationalen Engagement der Bundeswehr lauter.

Dafür muss sich die Truppe neu aufstellen. Deutschland braucht keine Armee mehr, die inklusive Reservisten rund 1,2 Million Soldaten mobilisieren kann. Deutschland braucht vor allem schnell verfügbare Kräfte für den weltweiten Einsatz. Die Bundeswehr wird weiter reduziert – von 495.000 Soldaten und Soldatinnen am Ende des Kalten Krieges über 250.000 im Jahr 2010 bis auf gegenwärtig maximal 185.000 Männer und Frauen in Uniform.

Rückläufig ist auch die Zahl der Grundwehrdienstleistenden, die in die schrumpfende Truppe einberufen werden. Schließlich kündigt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg den Abschied von der Wehrpflicht an. Im März 2011 verabschiedet der Bundestag mit den Stimmen der schwarz-gelben Koalition und von Bündnis 90/Die Grünen ein entsprechendes Gesetz. Seit dem Juli desselben Jahres ist die Wehrpflicht in Friedenszeiten ausgesetzt.

An seine Stelle tritt an freiwilliger Wehrdienst – für Männer und Frauen. Wer diesen ableistet, erklärt sich auch bereit, an Auslandseinsätzen teilzunehmen. Denn die Bundeswehr ist international immer wieder gefordert und die Armee der Einheit ist zur Armee im Einsatz geworden.

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Stand vom: 03.08.17 | Autor: Marco Dames/Frank Bötel


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