Luftwaffe

Besondere Weiterbildung für deutsche Piloten in Ämari

Besondere Weiterbildung für deutsche Piloten in Ämari

  • Ausbildung
  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Ämari
Lesedauer:
4 MIN

Wo sie sind, ist vorn. Die Joint Terminal Attack Controller (JTAC) sind Vermittler zwischen Infanteristen und Piloten. Wenn es für die Bodentruppen brenzlig wird, fordern sie Unterstützung aus der Luft an. Sie senden GPSGlobal Positioning System-Koordinaten oder markieren per Laser das Ziel. Während der Einsatzmission Verstärktes Air Policing Baltikum übten deutsche Piloten mit estnischen JTAC diese Luftnahunterstützung.

Zwei estnische Soldaten liegen, ausgestattet mit Nachtsichtgeräten, in ihrer nächtlichen Stellung.

Estnische JTAC haben in der Dunkelheit ihre Stellung bezogen. Ausgestattet mit Nachtsicht- und Funkgerät kann die gemeinsame Übung beginnen.

Bundeswehr/Niels Juhlke

Der Eurofighter ist ein hochmoderner Jet. Als sogenanntes Multi-Role-Kampfflugzeug kann er im Einsatz zur Luftverteidigung (Luft-Luft) und zum Luftangriff (Luft-Boden) genutzt werden. Zu seinen Aufgaben während eines Luftangriffs gehört der Einsatz gegen feindliche Ziele am Boden. Dieses Verfahren nennt man „Air-to-Ground“. Der Eurofighter kann auch zur Unterstützung infanteristischer Bodentruppen eingesetzt werden. Diese Luftnahunterstützung „Close Air Support“ (CAS) sollen deutsche Eurofighter-Piloten künftig auch beherrschen.

Dafür übten die Jetpiloten der Einsatzmission Verstärktes Air Policing Baltikum (VAPB) mit den estnischen JTAC (Joint Terminal Attack Controller) in Ämari. Hauptmann Moritz M. ist einer der Piloten der Luftwaffe. „Via VTC (Video Telefon Conference) haben wir die einzelnen Verfahren besprochen und wurden in Funksprechverfahren und Zielansprachen für uns Piloten eingewiesen“, berichtet der Hauptmann.

Die Erfahrung macht’s – estnische JTAC bilden Piloten weiter

Die durch die estnischen Kameraden gewonnen Erkenntnisse und seine eigenen Recherchen gab Moritz danach an seine Fliegerkameraden in Ämari weiter.

Ein estnischer Soldat erklärt das Zielmarkierungsverfahren mit einem Laserpointer. Den Laser macht er mit Sprühnebel sichtbar.

Mit Laserpointer und Sprühnebel visualisiert und erläutert ein estnischer JTAC das Zielmarkierungsverfahren

Bundeswehr/Niels Juhlke

Hauptmann M. erklärt die Unterschiede zwischen geplanten und nicht planbaren Air-to-Ground-Einsätzen mittels Close Air#en Support: „Bei einer geplanten Mission wird vor dem Einsatz alles genau besprochen: Welches Ziel soll bekämpft werden? Wann und wie soll es bekämpft werden? Wie viele Flugzeuge sind dabei und welche Waffen sollen zum Einsatz kommen?“

„Beim Close Air Support sieht das ganz anders aus. Der Einsatz kann nicht geplant werden. Erst, wenn die Infanteristen mittels JTAC die Luftnahunterstützung anfordern, beginnt für uns der eigentliche Einsatz und das Flugzeug, was bereits in der Nähe ist“, so Moritz.

Ein Soldat mit Helm schaut in der Dunkelheit auf einen leuchtenden Digitaltransponder.

Ortswechsel – der estnische JTAC übermittelt GPSGlobal Positioning System-Koordinaten mit seinem Digitaltransponder

Bundeswehr/Niels Juhlke

Close Air Support – Hilfe, wenn es brenzlig wird

CAS wird immer dann von den Bodentruppen angefordert, wenn die operierende Truppe Gefahr läuft, vom Feind überrannt zu werden. In diesem Fall kann ein gezielter Angriff aus der Luft den Gegner so schwächen, dass die eigenen Bodentruppen wieder die Überhand gewinnen und den Feind schlagen können. Dazu hält sich der Pilot mit seinem Kampfflugzeug in der Nähe der Auseinandersetzung im Luftraum auf. Nähe kann heißen: in über 6.000 Metern Höhe und mehrere Kilometer weit weg.

Hauptmann M. erklärt das so: „Die Flugzeuge können unterschiedliche Waffen mitführen – Raketen oder Bomben. Je nach Bedarf der Bodentruppen setzen die Piloten die Waffen ein.“ Und je nach Einsatzart, Beschaffenheit des Ziels oder auch des Zielbereichs ist der Einsatz der Waffen aus der Ferne sogar die bessere Wahl. „Die Waffen sind lenkbar oder können ihr Ziel auch allein finden. Dazu ist eine genaue GPSGlobal Positioning System-Koordinate erforderlich. Das Ziel kann aber auch durch den JTAC markiert werden – mit einem Laser, den die Waffe erkennt.“

Zielansprachen und Funksprechverfahren

Die estnischen JTAC haben viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Piloten. Sie sind sozusagen die Vermittler zwischen Infanterist und Pilot und sie waren bereits in Afghanistan und Mali im Einsatz. Moritz M. erklärt: „Die Esten sind sehr erfahren im Close Air Support. Der Austausch mit ihren JTAC und der Zugang zu ihrer Erfahrung und Expertise ist für uns ein Gewinn und eine gute Basis für unsere zukünftige Ausbildung auf dem Gebiet CAS.“

Vor der Praxis kam zunächst die Theorie: „Die estnischen Kameraden haben uns ihr Wissen und unzählige Unterlagen zur Verfügung gestellt. Dann haben wir per VTC die einzelnen Schritte durchgesprochen“, erzählt der deutsche Pilot.

Danach hieß es: Umsetzen in die Praxis – und zwar während der Trainingsschutzflüge der Alarmrotte auf der Tapa Army Base. Dabei ging es nicht um die Simulation eines Waffeneinsatzes, sondern um die Kommunikation zwischen JTAC und Pilot. „Wir haben mit den JTAC die verschiedenen Verfahren durchgespielt“, so Hauptmann M. Dabei folgen die Piloten einem festgelegten Schema.

Drei Soldaten stehen um einen Tisch. Einer von ihnen zeigt etwas auf einer Karte, die auf einem Tisch liegt.

Einweisung in die Welt eines JTAC. Zwei Piloten des ersten Kontingents der Einsatzmission VAPB 2020/2021 erhalten Instruktionen eines estnischen JTAC.

Bundeswehr/Niels Juhlke

Glasklare Abläufe

Zuerst muss der JTAC am Boden wissen, wer zur Unterstützung in der Luft ist. Dann klären Pilot und JTAC Fragen wie: Welche Bewaffnung hat das Flugzeug? Wie lang kann es noch in Reichweite bleiben? Welche Daten benötigt der Pilot für den Abschuss der Waffe? „Das alles läuft über Funk und diese Funkverbindung ist nicht immer die Beste“, so Moritz M. „Deshalb müssen die Anweisungen, Begriffe und Abläufe glasklar sein. Außerdem muss der Inhalt des Gesprächs gegen unbefugten Zugriff geschützt werden. Wir wollen ja nicht, dass der Feind mithört. Und zur Sicherheit muss das Gespräch dokumentiert werden. Das alles ist sehr komplex.“

Übung bei Tag und bei Nacht

Zunächst wurde bei Tageslicht geübt. Die Infanteriekräfte am Boden kommunizierten mit den Piloten in der Luft und simulierten die verschiedenen Szenarien. Als das gut klappte, steigerten die mittlerweile miteinander vertrauten multinationalen Kräfte den Schwierigkeitsgrad. CAS wird oft auch in der Dunkelheit eingesetzt. „Das ist um einiges schwieriger. Die Kräfte am Boden als auch die Piloten in der Luft müssen Nachtsichtgeräte beziehungsweise Restlichtverstärker nutzen, um überhaupt etwas sehen zu können“, so der Hauptmann.

Blick durch den Restlichtverstärker eines Piloten. Auf dem runden, grünen Bildausschnitt ist ein anderes Flugzeug zu sehen.

Blick durch den Restlichtverstärker eines Piloten. Mittels dieses Nachtsichtgeräts können die Eurofighterpiloten auch in tiefer Nacht Einsätze fliegen.

Bundeswehr/Pressestelle VAPB

Die deutschen Eurofighter-Piloten haben neben der Erfüllung ihres eigentlichen Auftrages, der Sicherung des baltischen Luftraums, wichtige Grundlagenkenntnisse in der Zusammenarbeit mit den Joint Terminal Attack Controllern sammeln können. Bei der künftigen Ausbildung der deutschen Eurofighter-Piloten für Luft- und Bodeneinsätze können sie auf die Erkenntnisse aus der gemeinsamen Übung mit ihren estnischen Kameraden zurückgreifen.

von Martin Wiemann