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Fliegerarzt bei VAPB: Kein normaler Mediziner

Fliegerarzt bei VAPB: Kein normaler Mediziner

  • VAPB
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Datum:
Ort:
Ämari
Lesedauer:
7 MIN

Im Interview gibt uns Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R. einen Einblick in die Ausbildung zum Fliegerarzt und erklärt uns, warum die NATO-Mission Verstärkung Air Policing Baltikum (VAPB) in der aktuellen Situation eine besondere Herausforderung ist.

Ein Soldat redet mit einem anderen Soldaten vor einem Flugzeug.

Oberfeldarzt Dr. Immanuel R. sucht auch im Alltag das Gespräch zu seinen Kameraden um sich auszutauschen

Bundeswehr/VAPB PAO

Der 34-jährige Oberfeldarzt ist in seiner Heimat der Erste Fliegerarzt im Taktischen Luftwaffengeschwader 74 (TLG 74) in Neuburg an der Donau. Er trägt seit Mitte Januar dieses Jahres bei der NATO-Mission VAPB die medizinische Verantwortung für alle Angehörigen. Es ist nicht nur der tägliche Flugbetrieb sowie die ärztliche Versorgung aller deutschen Soldaten – vielmehr ist auch die aktuelle Covid-19-Pandemie eine ganz besondere Herausforderung. Das Ziel aller Anstrengungen: Alle Kameradinnen und Kameraden sollen gesund wieder nach Hause kommen.  Nach Auslandseinsätzen in der Türkei und Afghanistan ist es für ihn eine Premiere, mit seinem Heimatverband aus Neuburg a. d. Donau gemeinsam an einer NATO-Mission teilzunehmen.

Hauptmann Florian Herrmann: Was unterscheidet den normalen Arzt von einem Fliegerarzt?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.: Zusätzlich zu meiner Ausbildung als Facharzt für Allgemeinmedizin habe ich eine Ausbildung speziell für Flugmedizin durchlaufen. Das bedeutet, dass ich nicht nur theoretisch, sondern auch am eigenen Leib die verschiedenen Kräfte und Auswirkungen, die bei einem Flug auf die Luftfahrzeugbesatzung einwirken, erfahren durfte.

Die Höhenklima-Simulationsanlage mit Piloten.

Pilotentraining in der Höhenklima-Simulationsanlage im Flugphysiologischen Trainingszentrum des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe in Königsbrück

Bundeswehr/Sebastian Wilke


Herrmann: Habe Sie da vielleicht Beispiele?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.: Was geht in jemanden vor, der in größer Höhe plötzlich einen Sauerstoffmangel erleidet oder auch wie wirken sich klimatische Veränderungen aus, wenn plötzlich die Klimaanlage ausgefallen ist. Ferner habe ich selbst in der Hochleistungszentrifuge im Flugphysiologischen Institut in Königsbrück bei Dresden die Auswirkungen der G-Kräfte ausgetestet. Hier lernt man auch die Desorientierung im Raum bei Sichtverlust kennen oder warum es so gefährlich ist, wenn man durch einen Laser geblendet wird.

In der Zentrifuge werden die Piloten auf Herz und Nieren getestet.

Die Humanzentrifuge im Flugphysiologischen Trainingszentrum des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe in Königsbrück bei Dresden

Bundeswehr/Stephan Ink


Herrmann: Wie umfangreich ist die zusätzliche Ausbildung bzw. wie lange dauert diese?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.: Als Basis dient der sechswöchige Fliegerarztlehrgang in Fürstenfeldbruck. Hier lernt man alle Regularien, um ein Mitglied der Luftfahrzeugbesatzung oder einen Piloten auf seine Tauglichkeit zu untersuchen und zusätzlich alle Grundlagen, die seitens der EU und der Bundeswehr anzuwenden sind, um die notwendige Begutachtung entsprechend umzusetzen. Ferner wird die Ausbildung um weitere Module, zum Beispiel MedEvacMedical Evacuation, also die medizinische Evakuierung von Soldatinnen und Soldaten mittels eines Luftfahrzeugs aus einem Einsatzgebiet, oder durch flugphysiologische Tests ergänzt. Alles in allem dauert die Ausbildung ca. zwei Monate.

Herrmann: Wie oft muss die Luftfahrzeugbesatzung eine solche Begutachtung durchlaufen?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.:  Einmal jährlich ist diese Begutachtung erforderlich.

Herrmann: Wo findet man überall Fliegerärzte?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.: Die Bundeswehr hat in jedem fliegenden Verband, in den höheren Kommandobehörden oder auch in Bundeswehr-Krankenhäusern diese Komponente verfügbar. Einfach überall dort, wo Luftfahrzeugbesatzungspersonal tätig ist oder fliegerische Ausbildung betrieben wird. Im Zivilen gibt es auch Fliegerärzte, nur nennen die sich Aeromedical Examiner. Im Prinzip durchlaufen diese einen ähnlichen Lehrgang, aber er dauert im Zivilen nur vier Wochen, da es bei uns noch einen Anteil speziell für die Bundeswehr gibt. Wir dürfen somit zivile und militärische Begutachtungen durchführen, wenn wir beide Lizenzen erhalten haben. 

Herrmann: Muss ein Fliegerarzt eigentlich regelmäßig selbst mitfliegen und wenn ja, warum?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.: Man ist angehalten, einmal im Quartal mit einem Luftfahrzeug, was am jeweiligen Standort stationiert ist, mitzufliegen. Hier steht, wie in meinem Fall, im Vordergrund, auch die Grenzen im Luftkampf mit einem Eurofighter zu erfahren. Zum anderen stärkt diese Tatsache auch das Verhältnis zu meinen Patienten, da dieses Vertrauensverhältnis in unserem Bereich besonders wichtig ist. Wir sind daher in die Abläufe voll integriert. Ich erkenne eher, wenn mit einem meiner Patienten etwas nicht stimmt. Da wir doch ein kleiner Kreis sind und die Beziehungsebene nicht mehr mit der eines normalen Arztes, oder Truppenarzt wie es auch bei der Bundeswehr heißt, vergleichbar ist.

Ein Soldat steht vor einem Flugzeug.

Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R. freut sich, zusammen mit seinem Heimatverband die NATO-Mission VAPB zu unterstützen

Bundeswehr/VAPB PAO


Herrmann: Was ist die Besonderheit, als Arzt die NATO-Mission VAPB zu begleiten?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.: Hier in Ämari bin ich nicht nur Fliegerarzt bei meinem Heimatverband, sondern mein Aufgabengebiet ist unter anderem, dass ich hier in Estland der leitende Sanitätsoffizier bin und somit die fachliche Vorgesetztenfunktion im Hinblick der Sanität für Estland innehabe. Zusätzlich bin ich neben der Tatsache, dass ich Fliegerarzt bin, noch Truppenarzt und betreue neben dem fliegenden Personal auch alle Soldatinnen und Soldaten des Einsatzkontingentes. Ich mache das natürlich nicht alleine, denn wir sind hier ein dreiköpfiges Team mit Flugmedizinischen Assistenten und einem Sanitätsfeldwebel, die zusätzlich auch ausgebildete Physiotherapeutin ist. Weiterhin bin ich als Medical Evacuation Coordination Officer (AECO) dafür verantwortlich, dass ich, wenn Angehörige des Kontingentes aus medizinischen Gründen repatriiert werden muss, also nach Deutschland ausgeflogen werden soll, dieses koordiniere. Hier muss ich zum einen bewerten, ob der Patient überhaupt flugtauglich ist und wie er transportiert werden kann. Ich lege dann die Maßnahmen für den Flug fest und informiere den Piloten und die Besatzung des Flugzeuges, um den Patienten unbeschadet nach Hause zu bringen. Gerade in der jetzigen Zeit ist eine zusätzliche Tätigkeit von besonderer Bedeutung: Als Medical Advisor stehe ich direkt dem Kontingentführer in medizinischen Fragen beratend zur Seite.

Herrmann: Inwieweit kann eine Physiotherapeutin die Aufgaben unterstützen, sie ist ja sicherlich nicht hier, um lediglich zu massieren?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.: Sie hat auf viele orthopädische Krankheitsbilder einen Blick, der mich in meiner Arbeit am Patienten unterstützt und sogar ergänzt. Ich kann nicht alles wissen von daher hole ich mir regelmäßige Expertise von ihr. Es ist ein eigener Berufsstand, mit dreijähriger Ausbildung, der mich bei meiner Arbeit als Arzt komplementiert. Gerade das fliegende Personal im Eurofighter unterliegt einer enormen Belastung durch die G-Kräfte. Hier kann sie vor Ort präventiv Maßnahmen ergreifen und langwierige Folgeschäden frühzeitig erkennen und verhindern. Zusätzlich ist es in der aktuellen Situation mit Covid-19 von Vorteil, dass die Angehörigen des Kontingents die notwendige physiotherapeutische Behandlung aus der eigenen Reihen bekommen und nicht überwiesen werden müssen.

Eine Physiotherapeutin behandelt einen Soldaten an der Schulter.

Neben den Aufgaben am Patienten werden vor Ort auch präventive Maßnahmen durch die Physiotherapeutin sichergestellt

Bundeswehr/VAPB PAO
Eine Physiotherapeutin behandelt

Die Physiotherapeutin leistet einen wichtigen Beitrag am Patienten, um die Arbeit des Arztes zu komplementieren

Bundeswehr/VAPB PAO

 
Herrmann: Ist Covid-19 ein Problem?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.: Ein großer Vorteil war in diesem Zusammenhang, dass wir als Kontingent geschlossen eine 14-tägige isolierte Unterbringung noch in Deutschland hatten. Diese erleichtert die medizinische Betreuung hier in Estland ungemein. Wir können sicher sein, dass wir keinen Corona-Fall mit nach Estland gebracht haben und alle Angehörigen „Corona-frei“ sind.

Herrmann: Wie kann man so viele Soldatinnen und Soldaten vor Covid-19 schützen?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.: Seit dem Ende der Quarantäne in Deutschland gelten wir als sogenannte Kohorte. Das heißt, Menschen, die sich in einer gleichen Situation sind bzw. befinden. Diese gilt als sicher gesund. Jetzt ist es die große Aufgabe im täglichen Dienstbetrieb, diese Kohorte gesund zu halten und Einflüsse von außerhalb zu vermeiden. Ergo ist die Zusammenarbeit mit unseren estnischen Kameraden anders als in den Missionen zuvor. Zusammentreffen sind auf das Notwendigste beschränkt und finden nur an der freien Luft und mit FFP2-Maske statt. Alle Angehörigen unterliegen einem sehr strengen Hygienekonzept. Denn eins ist allen Soldatinnen und Soldaten klar: Sollte Covid-19 Einzug erhalten, ist nicht nur die Gesundheit jedes einzelnen, sondern auch unser Auftrag der Mission VAPB gefährdet. Hier stelle ich fest, dass die Angehörigen sehr diszipliniert und besonnen mit der doch zum Teil schwierigen Situation umgehen, was mich sehr freut.

Herrmann: Welche Unterschiede gibt es in Estland im Umgang mit Covid-19 im Vergleich zu Deutschland?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.: Man stellt sehr schnell fest, dass der Umgang in Estland trotz des hohen Inzidenzwertes von um die 300 etwas legerer als in Deutschland gehandhabt wird. Wenn man in einen Supermarkt geht, ist es durchaus möglich, dass man Personen ohne Mundschutz antrifft. Würden wir es mit einem Landkreis in Deutschland vergleichen, wären wir mit diesem Inzidenzwert in den Top 10. Ich beobachte die Entwicklung genau und unterrichte das Kontingent regelmäßig. Gegebenenfalls müssen zukünftig hier zusätzliche Maßnahmen beschlossen werden, um die Soldatinnen und Soldaten zu schützen.

Ein Arzt steht vor einem medizinischen Gebäude.

Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R. hat sein Behandlungszimmer im Medical Center der Ämari Air Base

Bundeswehr/VAPB PAO

Herrmann: Was passiert, wenn sich jemand verletzt? Können Sie hier operieren bzw. wie ist die medizinische Versorgung in Estland allgemein?
Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R.: Als Facharzt für Allgemeinmedizin kann ich hier kleinere medizinischen Eingriffe durchführen, also mal ein kleiner chirurgischer Eingriff zum Beispiel bei einem eingewachsenen Zehennagel oder das Entfernen von Fremdkörpern ist möglich. Auch ein Einrenken einer ausgekugelten Schulter ist notfalls machbar. Für den Fall der Fälle könnte ich auch auf die Expertise unserer estnischen Gastgeber zurückgreifen. Gerade im medizinischen Bereich arbeiten wir sehr gut zusammen, der medizinische Standard ist vergleichbar mit dem in Deutschland, wenn nicht in Teilen sogar höher.

Ein Arzt untersucht einen Soldaten am Ohr.

Die Aufgaben des Arztes sind Vielfältig und Abwechslungsreich und eine Versorgung der Patienten ist sichergestellt

Bundeswehr/VAPB PAO


Abschließend stellt Oberfeldarzt Dr. med Immanuel R. fest, dass es für Ihn das Schönste ist, zusammen mit seinem Verband ins Ausland zu gehen. Gerade hier profitiert man nicht nur während des Einsatzes voneinander, sondern es schweißt nach der gemeinsamen Zeit im Ausland zusammen, was diese Verwendung für ihn so besonders macht.

von Florian Herrmann