NRFNATO Response Force-Logistik: Zügige Verlegung, durchhaltefähige Versorgung

NRFNATO Response Force-Logistik: Zügige Verlegung, durchhaltefähige Versorgung

  • NATO Response Force
  • Streitkräftebasis
Datum:
Ort:
Berlin
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6 MIN

Über 16.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr sind für den multinationalen Kampfverband der schnellen Eingreiftruppe NATO Response Force geplant. Deren zügige Verlegung und Erstversorgung sowie durchhaltefähige Folgeversorgung liegen in nationaler Verantwortung – eine enorme logistische Herausforderung.

Schützenpanzer Marder vor der Verladeöffnung eines Schiffes

Wird die NRFNATO Response Force aktiviert, werden Truppe und Material in der Regel getrennt voneinander per Schiff, Bahn und Flugzeug verlegt und im Einsatzraum zusammengeführt (Symbolfoto)

Bundeswehr/Marco Dorow

Als Kern des Unterstützungsverbands die logistische Erst- und Folgeversorgung für die deutschen Gefechtsverbände in der NATO Response Force sicherzustellen: Das ist der Auftrag des Logistikregiments 1 ab Januar 2022 bis Dezember 2024. Doch was bedeuten Erst- und Folgeversorgung und wie funktioniert NRFNATO Response Force-Logistik? Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich maßgeblich von denen der Auslandseinsätze im internationalen Konflikt- und Krisenmanagement.

„Das NRFNATO Response Force-Einsatzkontingent der Bundeswehr umfasst bis über 16.000 Soldatinnen und Soldaten, die ausgerüstet, verlegt, verpflegt und versorgt werden müssen – in einem Einsatzraum, den wir noch nicht kennen. Das sind logistische Dimensionen, die unsere bisherigen Auslandsmissionen weit übertreffen“, sagt Oberstleutnant Roland Bögel, der Kommandeur des Logistikregiments 1, der im Aktivierungsfall den nationalen Unterstützungsverband NRFNATO Response Force mit insgesamt rund 2.600 Soldatinnen und Soldaten führt.

Erstversorgung: Logistik schafft Handlungsfähigkeit

Wird die schnelle Eingreiftruppe der NATO aktiviert, ist der erste Schritt die Verlegung in den Einsatzraum. Dann folgt der so genannte RSOMReception, Staging, Onward Movement-Prozess: Reception, Staging, Onward Movement. Das bedeutet, Truppe und Material kommen im Einsatzraum an, meist auf unterschiedlichen Wegen wie mit dem Schiff, auf der Schiene oder mit dem Flugzeug (Reception), werden dort wieder zusammengeführt und mit dem befüllt, was zur Einsatzbereitschaft benötigt wird (Staging), bevor sie in das eigentliche Operationsgebiet weiterverlegen (Onward Movement). Das muss schnell und passgenau ablaufen.

Portrait Oberstleutnant Roland Bögel
Roland Bögel, Oberstleutnant Bundeswehr/Torsten Kraatz
Glaubwürdige Abschreckung erfordert eine glaubwürdige Verlegefähigkeit. Truppe und Material müssen zügig und zeitgleich im Operationsgebiet ankommen, um den Auftrag erfolgreich ausführen zu können.

Deswegen gehöre die Logistik zum „Kräftepaket der Stunde Null“, das unmittelbar zu Missionsbeginn in den Einsatzgebiet verlegt, so der Oberstleutnant. Die Aufgabe ist gewaltig: In sehr kurzer Zeit muss ein sehr großer Truppenkörper mit Tausenden von Menschen, Fahrzeugen und Containern verlegt werden. Allein Vorräte und Munition füllen dabei rund 1.000 Seecontainer. Die Verlegung erfolgt wie in den internationalen Krisenbewältigungsmissionen teilweise mit Hilfe ziviler Transportdienstleister. Doch, so Bögel: „Am scharfen Ende brauchen wir militärische Logistik. Die letzte Meile können gewerbliche Logistikunternehmen nicht leisten.“

Im eigentlichen RSOMReception, Staging, Onward Movement-Prozess fungiert die so genannte Blue Box als Übergabepunkt, an dem Versorgungsgüter wie Treibstoff, Munition und Verpflegung von der Basislogistik an die Einsatzlogistik übergeben werden. „Wir laden nicht die Munition auf die Panzer. Das ist Aufgabe der Einsatzlogistik, also der Versorgungsbataillone des Heeres“, sagt Oberstleutnant Ronny Jähnig, der bei einer NRFNATO Response Force-Aktivierung die Operationszentrale im Stab des Unterstützungsverbands leiten wird: „Wir sorgen über unsere Nachschubkette dafür, dass die Versorgungsbataillone und damit die kämpfende Truppe nicht leerlaufen – für eine kontinuierliche Auftragserfüllung.“

Viele militärische Fahrzeuge (Lkw, Pkw) stehen auf einer freien Fläche eng neben- und hintereinander.

Nach der Ankunft im Einsatzgebiet müssen im so genannten RSOMReception, Staging, Onward Movement-Prozess Truppe und Material wieder zusammengeführt werden (Symbolfoto)

Bundeswehr/Rainer Stolze
Ein Containerstabler Orion hebt einen Überseecontainer

Rund 1.000 Seecontainer mit Vorräten und Munition werden für die Erstausrüstung des deutschen Einsatzkontingents benötigt (Symbolfoto)

Bundeswehr/Marco Dorow

Folgeversorgung: Durchhaltefähig im Gefecht

Mit der Erstausstattung in der Blue Box beginnt zugleich die Folgeversorgung. Denn ab dem ersten Tag beginnt der Verbrauch. In welchem Umfang, in welcher Geschwindigkeit und auf welchem Weg der Nachschub erfolgen muss, hängt vom Auftrag und den zu überwindenden Distanzen ab. „Wir kennen die Absicht der Kampfbrigade. Denn wir müssen wissen, welche Operationen geplant sind, um unsere Versorgung darauf abzustimmen. Munitions-, Treibstoffverbrauch und der Anfall von Schadgerät steigen, je länger und intensiver ein Gefecht geführt wird“, sagt Oberstleutnant Bernhard Kölzer, der als Leiter der Einsatzzentrale Logistik für die NRFNATO Response Force-Unterstützer geplant ist.

Denn im gesamten Einsatzgebiet werden zwar genug Vorräte gelagert, um die Kampftruppen bis zu 30 Tage ohne Nachschub versorgen zu können. Doch ob Verpflegung, Treibstoff oder der Austausch von Schadgerät – der schnelle und kontinuierliche Nachschub ist wichtig, um durchhaltefähig einsatzbereit zu sein. „Wenn die Kameradinnen und Kameraden drei Tage lang ein Verzögerungsgefecht führen, ist zwar eine Folgeversorgung im mobilen Gefecht nicht erforderlich, sondern nur der rasche Abschub von defekten Fahrzeugen. Doch wenn eine Operation länger dauern kann, muss ich mir im Vorfeld schon überlegen, ab wann eine Aufstockung sinnvoller ist, als zu warten, bis alle Vorräte verbraucht sind. Gibt es hier Verzögerungen, kann das schnell den Erfolg gefährden,“ erklärt Kölzer.

Viele Akteure, ein Lagebild: die Operationszentrale

Der nationale Unterstützungsverband bildet jedoch nicht nur logistische Dienstleistungen ab. Bögel erklärt: „Der Unterstützungsverband fast alle Kräfte zusammen, die zum National Support Element des deutschen NRFNATO Response Force-Beitrags gehören. Er bildet alle Fähigkeiten ab, die aus NATO-Sicht in nationaler Verantwortung liegen.“ Neben Stab und zwei Logistikbataillonen umfasst der Verband daher Einsatzkräfte aus Feldjägertruppe, Informationstechnik und Führungsunterstützung, Sanitätsdienst und Einsatzwehrverwaltung. Eine Panzergrenadierkompanie dient als Force Protection. Alle Akteure haben den gemeinsamen Auftrag, Nachschub und Versorgung der deutschen NRFNATO Response Force-Kampfbrigade sicherzustellen.

Soldat zeichnet ein Lagebild ein einer Karte

In der Operationszentrale werden alle Lageänderungen laufend dokumentiert und in einem Lagebild vereint – analog und digital

Bundeswehr/Torsten Kraatz

Eine Schlüsselfunktion übernimmt dabei die Operationszentrale im Stab des nationalen Unterstützungsverbands NRFNATO Response Force. Sie beobachtet die Lageentwicklung, führt und überwacht die zur logistischen Leistungserbringung eingeteilten Kräfte. Jähnig erklärt: „Wir sammeln Informationen aller Akteure: Welche Operationen plant die Führung des Kampfverbands? Wie wirkt sich das auf den Bedarf aus? Wieviel Zeit haben wir für unseren Auftrag? Wie viele Kräfte sind wo gebunden oder verfügbar? Welche Faktoren erleichtern oder erschweren unseren Auftrag?“ Alle Informationen werden laufend aktualisiert, in einem Lagebild zusammengeführt und dem Kommandeur täglich zur Entscheidung und Befehlsausgabe vorgelegt.

Unvorhergesehene Ereignisse, die die Nachschublinie gefährden können, werden sofort gemeldet. Wird beispielsweise ein Tanklaster durch einen Sprengsatz zerstört, bedeutet das nicht nur, dass eventuell Verletzte zu versorgen sind, oder das Fahrzeug und die Ladung verloren gehen. Der Vorfall setzt eine Reihe von Prozessen in Gang. So muss die logistische Planung mit einem Fahrzeug weniger kalkulieren. Folgetransporte müssen eventuell sofort umgeleitet werden, der Routenverlauf künftiger Transporte ist neu zu bestimmen. Es wird geprüft, ob die Transporte stärker zu bewaffnen sind oder die Force Protection Schutzmaßnahmen erhöhen muss. All diese Informationen sammelt die Operationszentrale und filtert sie zugleich: Jeder erhält genau die Informationen, die er für die weitere Auftragserfüllung braucht, um eine unnötige Informationsflut und damit Reibungsverluste zu vermeiden.

Wie eine Spinne im Netz: die Einsatzzentrale Logistik

Die eigentliche logistische Leistungserbringung verantwortet die Einsatzzentrale Logistik. Hier laufen alle Fäden zusammen. Sie koordiniert das logistische Netzwerk und ist somit das Bindeglied zwischen logistischer Basis im Inland – dazu zählt auch die Industrie – und Einsatzlogistik im Operationsraum. „Wir planen, steuern, organisieren und überwachen logistische Operationen. Dazu gehört nicht nur die Verlegung von Mensch und Material. Auch Instandhaltung und Materialbewirtschaftung müssen wir laufend im Blick haben“, sagt Hauptfeldwebel Alexander Schmidt, der als Logistics Operator eingesetzt ist.

Zettel mit Notizen hängen an einer Tafel

Verpflegung, Munition, Ersatzteile – aktuelle Bedarfsanforderungen und Transporte sind auf einen Blick sichtbar

Bundeswehr/Torsten Kraatz
Soldat mit Taschenlampe unter einem Auto

Auch erforderliche Instandsetzungen an Fahrzeugen und Gerät müssen laufend im Blick behalten werden (Symbolfoto)

Bundeswehr/Marco Dorow

Der Bedarf der Kampfverbände – ob Verpflegung, Munition, Ersatzteile oder notwendige Instandsetzung von Fahrzeugen und Gerät – wird dabei von den Versorgungsbataillonen gebündelt und gemeldet. „Wir nehmen keine Bestellungen an. Wir schauen auf das Gesamtbild“, sagt Schmidt. Oberstleutnant Kölzer ergänzt: „Wir reagieren nicht einfach nur auf angemeldete Verbräuche. Wir berechnen je nach Intensität für eine geplante Operation, wann wir die Versorgungsbataillone auffüllen müssen. Über Vorratshaltung und Vorausstationierung stellen wir so eine nahtlose Folgeversorgung der Einsatzlogistik sicher, damit die Kampfverbände ihren Auftrag unterbrechungsfrei ausführen können.“

Das logistische Lagebild ist dabei für die Führung auf einen Blick sichtbar. Es umfasst die Bereiche Logistics Operations – die gerade laufende Operation, Logistics Planning – die geplanten Operationen der kommenden sieben Tage, multinationale Logistik und Host Nation Support, zum Beispiel für die Lieferung von Treibstoff oder Lebensmitteln, Verkehr und Transport, Instandhaltung sowie Materialbewirtschaftung. Der Transport von Sanitätsmaterial zählt nicht zum Verantwortungsbereich der Einsatzzentrale Logistik, läuft aber in enger Absprache mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr. Alle Konvois, die unterwegs sind, ihre Ladung und Route sowie die gesamte militärische und zivile Infrastruktur zwischen Heimatland und Einsatzraum können dabei, sofern die Versorgungslinien durch NATO-Bündnisgebiet führen, in Echtzeit digital abgebildet werden – inklusiver aktueller Vorfälle und Entwicklungen.

Portrait Oberstleutnant Bernhard Kölzer
Bernhard Kölzer, Oberstleutnant Bundeswehr/Torsten Kraatz
Land- und Luftstreitkräfte werden sich voraussichtlich nicht im selben Raum aufhalten. Das macht meine Aufgabe umso spannender. Und wir sind dafür robust aufgestellt.

Die Kampfverbände des Heeres sind dabei nicht die einzigen deutschen Streitkräfte, für deren Erst- und Folgeversorgung die Einsatzzentrale Logistik im NRFNATO Response Force-Kontext zuständig ist. Zwei Einsatzverbände der Luftwaffe sind ebenfalls Teil des deutschen NRFNATO Response Force-Beitrags und müssen versorgt werden – eine zusätzliche Herausforderung: „Land- und Luftstreitkräfte werden sich voraussichtlich nicht im selben Raum aufhalten. Möglicherweise sind sie viele hundert Kilometer voneinander entfernt. Doch ein logistisches Lagebild umfasst alle Verbände. Das macht meine Aufgabe umso spannender. Und wir sind dafür robust aufgestellt“, sagt Kölzer.

von Simona Boyer

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