Schießtraining

200 Meter weit schießen auf einer 25-Meter-Schießbahn – mit virtueller Zieldarstellung

Am Übungszentrum der Feldjäger in Hannover befindet sich eines von künftig fünf Schießausbildungszentren für spezialisierte und Spezialkräfte. Auf zwei 25 Meter langen Schießbahnen kann bis zu 200 Meter weit geschossen werden – mit scharfer Munition auf virtuelle Ziele. Die Technik wird schrittweise der gesamten Truppe zur Verfügung stehen.

zwei Soldaten zielen auf interaktive Leinwand

Auf 25 Metern 200 Meter weit schießen: Möglich macht das die sogenannte interaktive Zieldarstellungsanlage, ein System, welches verschiedene Arten von Zielen simulieren kann, die real bekämpft werden. Derzeit wird sie am Übungszentrum der Feldjäger in Hannover und im Kommando Spezialkräfte in Calw genutzt. 

In scharfem Schuss gegen virtuelle Ziele: So geht‘s

Die Soldatinnen und Soldaten schießen dabei mit ihren Handwaffen auf eine Leinwand aus Kautschuk. Wärmebildkameras erfassen die Wärmesignatur der Geschosse und zeichnen alle Treffer in Echtzeit auf. Hinter der Kautschukwand zerschellt die Munition an einer Geschossfangwand aus Stahllamellen.

„Kautschuk hat den Vorteil, dass sich die Leinwand nach dem Durchschuss verschließt. Papier würde einfach zerreißen“, so Projektleiter Thomas S.* aus dem Referat Virtuelle Simulation im Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr. So könnten Doppeltreffer auf dieselbe Stelle ebenso erfasst werden wie Schussfrequenzen auf die gesamte Leinwand von bis zu 20 Schuss pro Sekunde. 

Die Zieldarstellung erfolgt über zwei 4K-Projektoren. Dabei sind sowohl statische Ziele wie Schützenscheiben als auch bewegliche und animierte Ziele bis hin zu Szenarien mit Feindkräften und ziviler Bevölkerung darstellbar. Auch Videos können in das System eingespielt werden. Übersteigt dabei die Zielentfernung die reale Länge der Schießbahn, wird das virtuelle Ziel maßstabsgerecht verkleinert und die Ballistik berechnet. 

Eine Grafik zur Interaktiven Zieldarstellungsanlage zeigt die Entfernung und Flugbahn eines Projektils bei virtuellen Zielen

Die Flugbahn des Projektils weicht immer leicht von der Sichtlinie des Schützen ab. Bei virtuellen Zielen berechnet die Software der Interaktiven Zieldarstellungsanlage, ob der Schütze getroffen hätte.

Bundeswehr | Grafik: Astrid Höffling

„Durch die virtuelle Zieldarstellung unterscheiden sich die Sichtlinie des Schützen und die Flugbahn des Projektils“, erklärt Stefan V.*, Dezernent für Verteilte Simulation und Vernetzungstechnologien an der Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition (WTDWehrtechnische Dienststelle) 91, der für die Erprobung der Simulationssoftware verantwortlich war.

„Denn in der Realität bleibt die Entfernung zwischen Schütze und Leinwand natürlich gleich, auch wenn der Soldat virtuell ein 200 Meter weit entferntes Ziel bekämpft. Dadurch entspricht der tatsächliche Aufschlagpunkt auf der Leinwand nicht dem virtuellen Zielpunkt.“ Die Software der interaktiven Zieldarstellungsanlage berechnet daher ausgehend von der Position des Schützen und des Trefferpunktes auf der Leinwand, ob das Ziel auf 200 Meter Entfernung getroffen worden wäre.

Die Trefferauswertung funktioniert automatisch in Echtzeit. Die für die Trefferanalyse benötigten Daten aller gängigen Handfeuerwaffen der Bundeswehr sind beziehungsweise werden im System hinterlegt. Und das System ist zukunftsfähig. Projektleiter S. sagt: „Neue Waffen können problemlos integriert werden, auch das neue Sturmgewehr der Bundeswehr, wenn es beschafft ist.“

Übungsvielfalt: Vom Schieß- zum Handlungstraining

Den Soldatinnen und Soldatinnen eröffnet die interaktive Zieldarstellungsanlage eine Vielzahl von Übungsmöglichkeiten. Diese reichen von der Grundlagenausbildung – beispielsweise das standardisierte Schulschießen mit Pistole auf fünf bis fünfzehn Meter entfernte Zielscheiben – bis hin zum systematischen Training spezieller Einsatzfelder. 

Soldat mit Waffe im Anschlag zielt auf interaktive Leinwand

Im Präzisionsschuss kann der Schütze Ziele in einer virtuellen Entfernung von bis zu 200 Metern bekämpfen, obwohl die Schießbahn nur 25 Meter lang ist. Dabei können auch Szenarien geübt werden, die real zu gefährlich für die Beteiligten wären.

Bundeswehr/Kai-Axel Döpke
Zwei Personen am Schreibtisch schauen auf einen Monitor

Mit der Simulationssoftware können die Zahl, die Bewaffnung und die Schutzausrüstung der Feindkräfte individuell angepasst werden. Die künstliche Intelligenz des Systems lässt die Gegner dabei nach dem Zufallsprinzip auf der Leinwand agieren.

Bundeswehr/Kai-Axel Döpke

Oberstleutnant Dirk L.*, der am Übungszentrum der Feldjäger für die Entwicklung der Übungsanlagen und deren Konzeption zuständig ist, sagt: „Natürlich können die Soldaten in der Anlage einfach nur Schießen üben. Doch dynamische Feinddarstellungen, die durch die künstliche Intelligenz der Simulationssoftware gesteuert werden und zufällig auftauchen, die ballistische Schutzausrüstung tragen und bei Treffern auf das jeweilige Verletzungsmuster angepasstes Verhalten zeigen, das geht nicht mit Klappfallscheiben, das ist der Mehrwert, den das System bietet.“

So müsse die Soldatin oder der Soldat bei den virtuellen Zielen anders als bei einer Klappfallscheibe nicht nur einfach treffen und weiterschießen, sondern nach jedem Schuss prüfen, ob sie oder er das Ziel auch wirksam bekämpft habe. „Ein Streifschuss am Arm reicht bei einem virtuellen Gegner nicht aus. Das System reagiert erst bei völliger Kampfunfähigkeit“, so der Oberstleutnant. 

Ein weiterer Vorteil: Die Ausbildungsszenarien können vor Ort vom sogenannten Übungsgenerierer erstellt und angepasst werden. „Damit schließen wir einen Gewöhnungseffekt aus. Jede Übung lässt sich jederzeit ändern“, betont L.  Der Trainingseffekt könne dabei durch akustische und visuelle Effekte zusätzlich verstärkt werden. Schüsse und Geschrei, Stroboskoplicht, aber auch schlechte Sichtverhältnisse erhöhten das Stresslevel der Übenden. „Je näher ein Training an der Einsatzrealität ist, desto effektiver ist es. Auch wenn die Trainingsumgebung virtuell ist“, ist Oberstleutnant L. überzeugt. 

Für die ganze Truppe: Fünf Schießausbildungsanlagen im Bau

Bisher wird die virtuelle Zieldarstellung ausschließlich in der Ausbildung und im Training der spezialisierten und Spezialkräfte genutzt. Doch zukünftig wird die Technologie der gesamten Truppe zur Verfügung stehen. Insgesamt elf neue Schießausbildungsanlagen für das Schießen mit Handwaffen sind genehmigt, fünf davon sind bereits in der Bauphase. Die erste wird zum Jahresende 2024 in der Hohenstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall fertiggestellt. 

Die neuen Anlagen verfügen über jeweils eine 25-Meter-Schießbahn und eine 60-Meter-Schießbahn, die von bis zu vier beziehungsweise bis zu sechs Schützen gleichzeitig genutzt werden können. Wie bei den Anlagen für die spezialisierten und Spezialkräfte können die übenden Soldatinnen und Soldaten statische und dynamische Ziele virtuell bis auf 250 Meter Entfernung bekämpfen.

Auch Handlungstrainings mit animierten Szenarien sind möglich. Diese werden jedoch nicht individuell anpassbar sein, sondern zentral an der Infanterieschule in Hammelburg entwickelt. „Die neuen Schießausbildungsanlagen für das Schießen mit Handwaffen schaffen nicht nur verbesserte Ausbildungsmöglichkeiten vom Grundlagentraining bis zum Präzisionsschuss“, sagt Projektleiter S. „Durch die Bauweise reduzieren sie zudem die Lärmemissionen der Trainings nach außen hin nahezu auf null und sind somit an deutlich mehr Standorten realisierbar als reguläre Schießbahnen – ein echtes Plus für die Truppe.“

*Namen zum Schutz der Soldaten abgekürzt.

3 Fragen an Leutnant Sven P. *

Schießausbilder an der Schule für Feldjäger Hannover

Ein Soldat im Porträt
Bundeswehr/Kai-Axel Döpke

Interaktive Zieldarstellungsanlage oder Standortschießanlage: Was ist besser?

Ein Soldat im Porträt

Beim Schießtraining in der Halle haben wir mehr Übungszeit bei weniger Planungs- und Personalaufwand. So entfallen beispielsweise An- und Abfahrten. Und wir können unabhängig von Tageszeit und Wetter üben. Ein Nachtschießen kann dann auch um neun Uhr morgens angesetzt werden. Außerdem kann ich durch die virtuelle Zieldarstellung das Schießtraining einfach und schnell auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse der übenden Soldatinnen und Soldaten anpassen. Alle Trainings werden dabei aufgezeichnet, sodass nicht nur Treffer gezählt, sondern auch die Körperhaltung und Technik des Schützen ausgewertet und verbessert werden können. Was nicht simuliert werden kann, ist der Einfluss von Wind auf das Geschoss. Das ist der einzige Nachteil.

Gibt es einen Gewöhnungseffekt?

Ein Soldat im Porträt

Nein. Als Schütze auf der Schießbahn weiß ich spätestens beim dritten Durchlauf, wann welche Scheibe hochklappt. Bei der virtuellen Zieldarstellung können die Feindkräfte an jeder Stelle auf der Leinwand auftauchen. Und manchmal ist der Feind gar keiner, sondern eine unbeteiligte Zivilistin mit Kind an der Hand. Soldatinnen und Soldaten müssen also beobachten, bewerten und dann in Sekundenbruchteilen entscheiden, ob sie einen Feind bekämpfen müssen oder eine schutzbedürftige Person vor ihnen steht. Das geht weit hinaus über ein normales Schießtraining und ist real so gar nicht darstellbar, sondern nur mit virtuellen Zielen.

Wie könnte das System noch besser werden?

Ein Soldat im Porträt

Nichtletale Wirkmittel wie Reizgas, Schlagstock und Taser sind bisher mit Ausnahme des Pfeffersprays nicht im System verwendbar. Hier wären Szenarien sinnvoll, in denen Soldatin oder Soldat entscheiden muss: Ist die Schusswaffe nötig oder gibt es ein milderes Mittel? Außerdem wären mehr Videos gut. Virtuelle Figuren zeigen keine natürlichen Reaktionen wie Wut oder Panik. Für uns als Militärpolizisten sind Mimik und Gestik des Gegenübers jedoch wichtig, um einschätzen zu können, ob jemand eher flucht- oder eher angriffsbereit ist. Das würde den Übungseffekt noch einmal deutlich erhöhen.

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