Zertifizierungen für NATO und EU: Die Meisterprüfung der Einsatzbereitschaft

Zertifizierungen für NATO und EU: Die Meisterprüfung der Einsatzbereitschaft

  • Landes- und Bündnisverteidigung
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Ob NATO Response Force (NRFNATO Response Force) oder EU-Battlegroups – die schnellen Eingreiftruppen von NATO und Europäischer Union – oder die Kampfverbände für die Enhanced Forward Presence in Litauen: Regelmäßig berichtet die Truppe, dass ihre Gefechtsverbände erfolgreich zertifiziert sind. Doch was verbirgt sich hinter diesen Zertifizierungen überhaupt?

Ein Panzer vom Typ Leopard 2 A6 fährt im Gelände und wirbelt viel Staub auf

Alle Einheiten, die die Bundeswehr für NATO- oder EU-Aufträge bereitstellt, müssen sich einer Überprüfung ihrer praktischen Fähigkeiten und ihres theoretischen Wissens stellen: der Zertifizierung

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Vereinfacht gesagt sind Zertifizierungen eine Art Meisterprüfung für die Streitkräfte. Dabei bewerten nationale oder internationale Prüfer und Beobachter (Monitors) nach festgelegten Standards das theoretische Wissen und die praktischen Fähigkeiten von Truppenteilen und Stäben. Eine erfolgreiche Zertifizierung ist somit ein Nachweis der Befähigung und der Einsatzbereitschaft.

Bei kämpfenden Einheiten bedeutet das: Sie sind bereit zum Gefecht – combat ready. Das bezieht sich nicht allein auf die militärischen Fähigkeiten der Soldatinnen und Soldaten, sondern auch auf die eingesetzten Waffensysteme, Plattformen und Module in Heer, Marine und Luftwaffe sowie auf die Anwendung standardisierter Verfahren der Operationsführung.

Neben Gefechtsverbänden des Heeres werden auch reine Führungsstäbe und Unterstützungsverbände beispielsweise in der militärischen Logistik oder im Sanitätsdienst zertifiziert. Sie belegen ihre Einsatzbereitschaft, indem sie bestimmte Prozesse beherrschen oder Qualitätsstandards nachweisen, etwa in der medizinischen Versorgung von Verwundeten.

Mehrere Panzer vom Typ Leopard 2 A6 schießen auf einem Truppenübungsplatz, aus einem Rohr strömt ein Feuerball

Combat Ready: Auf multinationalen Übungen beweisen Kampfverbände ihre Einsatzbereitschaft, hier das Panzerlehrbataillon 93 aus Munster beim Gefechtsschießen während der Übung Noble Jump 2019 in Polen

Bundeswehr/Geoffrey Thiel
Die Hand eines Soldaten platziert Bausteine mit taktischen Zeichen auf einer Lagekarte

Auch Führungs- und Planungsprozesse sind Bestandteil des Bewertungsverfahrens

Bundeswehr/Marco Dorow

Gemeinsame Standards für erfolgreiches Zusammenwirken

Einen besonderen Stellenwert haben Zertifizierungen im Zusammenhang mit internationalen Einsatzverpflichtungen. Denn alle Bündnispartner in NATO und Europäischer Union müssen einheitliche Standards erfüllen, wenn sie Streitkräfte für schnelle Eingreiftruppen oder multinationale Aufgaben melden. Für Verbände und Einheiten, die die NATO-Bündnispartner für die NRFNATO Response Force bereitstellen, ist daher vorgeschrieben, dass zum Aufstellungsbeginn die militärische Einsatzbereitschaft durch eine Zertifizierung geprüft und bestätigt sein muss.  

Auch die Kontingente, die im Rahmen der anerkannten Mission Enhanced Forward Presence die Ostflanke der NATO in Litauen sichern, belegen regelmäßig ihre Gefechtsbereitschaft. Das geschieht halbjährlich während der multinationalen Übung Iron Wolf. Denn die Einsatzverbände in Litauen wechseln alle sechs Monate und jedes neue Kontingent muss seine Einsatzbereitschaft unter Beweis stellen.

Ein Eurofighter beim Start

Multinationale Zertifizierungsübungen, hier die Arctic Challenge 2021, fragen militärische Fähigkeiten ab und üben das Zusammenwirken verschiedener Nationen – für ein besseres gegenseitiges Verständnis und eine wirksame Auftragserfüllung

Bundeswehr/Jane Schmidt

Die Zertifizierungen garantieren, dass multinational zusammengesetzte Streitkräfte dasselbe Ausbildungsniveau haben und nationenübergreifend zusammenarbeiten können. Gemeinsame Standards und gemeinsame Übungen schaffen dabei die Grundlage für Interoperabilität, also das erfolgreiche Zusammenwirken von Soldatinnen und Soldaten verschiedener Nationen im Einsatz.

Von der Grundbefähigung zur Einsatzbereitschaft

Der Weg zu einer erfolgreichen Zertifizierung ist lang. Ihr voran geht die Evaluierung, also eine Überprüfung der allgemeinen militärischen Fähigkeiten, die ein bestimmter Gefechtsverband seiner Aufgabe und Funktion nach haben muss. Die Zertifizierung erfolgt auftragsbezogen. Sie bestätigt die Einsatzbereitschaft für einen bestimmten Auftrag in der Landes- und Bündnisverteidigung oder im internationalen Konfliktmanagement wie die Enhanced Forward Presence der NATO in Litauen oder die NRFNATO Response Force.

Viele Vorgaben sind daher bereits vor der eigentlichen Zertifizierungsübung zu erfüllen. So müssen Waffensysteme und Material bereitgestellt, Personal ausgewählt und ausgebildet werden. Und zwar sowohl auf der Seite der zu zertifizierenden Truppe als auch im Evaluatorenteam, also bei den Prüfern, die die Zertifizierung durchführen: ein Prozess, der mehrere Monate bis Jahre andauern kann und auf nationaler Ebene sechs Monate vor Beginn einer Bereitschaftsphase abzuschließen ist.

Ein Soldat liegt mit Waffe im Gelände und ruft etwas

Neben der operativen Einsatzbereitschaft und der Befähigung zur Auftragserfüllung werden auch die individuellen soldatischen Grundfertigkeiten abgeprüft (Symbolbild)

Bundeswehr/Marco Dorow
Ein Panzer vom Typ Schützenpanzer Puma fährt auf einem Truppenübungsplatz mit Schnee

Waffensysteme und Material müssen auftragsbezogen in ausreichender Menge verfügbar und einsatzbereit sein (Symbolbild)

Bundeswehr/Maximilian Schulz

Bestandsaufnahme zu Beginn jeder Zertifizierung

In der Bundeswehr steht am Beginn einer geplanten Zertifizierung immer die Bestandsaufnahme und Bewertung der Fähigkeiten eines Truppenteiles als Ganzes, des Ausbildungsstandes der einzelnen Soldatinnen und Soldaten sowie gegebenenfalls der genutzten Waffensysteme und des Materials.

Die Prüfstandards basieren dabei in der Regel auf Leistungsvorgaben der NATO, den sogenannten Allied Force Standards. In der Bundeswehr gelten diese in der Regel auch für die EU-Aufträge. Zwar hat die Europäische Union eigene Fähigkeitsanforderungen definiert. Deutschland hat jedoch entschieden, die Befähigung der landbasierten Kräfte der Bundeswehr an den anspruchsvolleren NATO-Standards zu messen.

Übungsszenarien nah an der Einsatzrealität

Sind die identifizierten Fähigkeitslücken behoben – beispielsweise durch Fortbildungen der Soldatinnen und Soldaten oder die Beschaffung von Material – wird geübt. Das umfasst nicht nur das Gefecht auf dem Übungsplatz, sondern auch Führung und Ablauforganisation. Der Katalog an Leistungskriterien legt dabei genau fest, wer was können muss: eindeutig definiert, messbar und für beide Seiten transparent.

Ein Soldat, von hinten zu sehen, hockt mit Waffe im Anschlag hinter einem Fahrzeug mit Aufschrift „UN“

Alle Soldatinnen und Soldaten, die für einen Einsatz geplant sind, müssen wissen, was bei einem Sprengstoffanschlag zu tun ist. Simulierte Sprengstoffanschläge sind daher häufig Bestandteil des Prüfverfahrens.

Bundeswehr/Jane Schmidt
Mehrere Soldaten liegen am Boden in einem Gang unter Deck eines Schiffes

Die Rettung Verletzter und Verwundeter hat einen festen Platz in Zertifizierungsübungen, hier eine Brandschutzübung an Bord der Korvette ,,Erfurt'' während des German Operational Sea Trainings (GOST) 2017 vor Plymouth, Großbritannien

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Am Abschluss der Vorbereitungsphase stehen Evaluierung und Zertifizierung, meist im Rahmen einer Übung. Dabei trainieren die Soldatinnen und Soldaten ein bestimmtes Szenario, zum Beispiel die Verteidigung der Bündnisgrenze gegen einen Angreifer. Darin müssen sie auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren.

Diese sogenannten Incidents orientieren sich eng an der Einsatzrealität im geplanten Operationsraum. Je nach Einheit und Auftrag kann dies ein Drohnenangriff auf die eigenen Stellungen oder eine Brückensprengung durch irreguläre Kräfte auf einer dringend benötigten Nachschubroute sein. Denkbar ist auch ein Trupp Soldaten, der in feindlichem Gebiet plötzlich von seiner Einheit getrennt wird. Die Bandbreite möglicher Vorfälle ist groß.

Haben die Soldatinnen und Soldaten sämtliche Aufgaben erfüllt und alle Probleme gemeistert, stellt das Prüfteam (Evaluation Team) die erfolgreiche Evaluierung fest. Die Zertifizierung bestätigt dann formell, dass die Einheit NATO-Operationen planen sowie wirksam und durchhaltefähig durchführen kann. Die so bestätigte Einsatzreife und die Einsatzbereitschaft wird der NATO gemeldet.

Angetretene Soldaten vor Panzern und die Flaggen von DEU, NLD, NOR, EU wehen am Mast

Multinational zum Erfolg: Soldatinnen und Soldaten der deutschen, niederländischen und norwegischen Streitkräfte sind nach der erfolgreichen Zertifizierung für die VJTFVery High Readiness Joint Task Force 2018 am Gefechtsübungszentrum des Heeres in Gardelegen angetreten

Bundeswehr/Mario Bähr

Zertifizierung für alle ab Bataillonsebene geplant

Zertifiziert wird in der Regel auf rein nationaler Ebene durch die jeweilige Teilstreitkraft. NATO-Beobachter begleiten und dokumentieren jedoch die Zertifizierungsübungen. Ab 2025 plant die Bundeswehr, nicht nur Einsatzverbände für NATO- und EU-Aufträge zu zertifizieren, sondern in regelmäßigen Abständen alle Einheiten der Bundeswehr ab Bataillonsebene nach NATO-Kriterien zu überprüfen. Dann heißt es für alle: Wir sind bereit zum Gefecht – multinational nach NATO-Standards.

von Simona Boyer

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