Heer

„Sie haben mehr gegeben als viele, die jetzt urteilen“

„Sie haben mehr gegeben als viele, die jetzt urteilen“

  • Bundeswehr und Gesellschaft
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Datum:
Ort:
Augustdorf
Lesedauer:
4 MIN

Am 30. Juni 2021 ist die letzte Maschine aus Afghanistan, dem langjährigen Einsatzstandort der Bundeswehr, auf dem Militärflugplatz in Wunstorf gelandet. Unter den Heimkehrenden waren auch Soldatinnen und Soldaten der Augustdorfer Rommel-Kaserne. Während eines feierlichen Appells wurden sie jetzt offiziell am Bundeswehrstandort am Sennerand begrüßt.

Ein Soldat gratuliert einem anderen Soldaten und legt ihm dabei beide Hände auf die Schultern.

Willkommen zurück: Generalleutnant Langenegger zeichnet Einsatzrückkehrer des Panzergrenadierbataillons 212 mit der Einsatzmedaille der Bundeswehr in Silber aus.

Bundeswehr/Katharina Flor

In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten waren rund 10.000 Soldatinnen und Soldaten der Panzerbrigade 21 „Lipperland“ in der zentralasiatischen Krisenregion im Einsatz. Zu den 450 angetretenen Soldaten der Brigade sprach beim Rückkehrerappell als Ehrengast Generalleutnant Johann Langenegger aus dem Kommando Heer in Strausberg. Der 63-jährige General führt als Kommandeur Einsatz die Divisionen des Feldheeres, darunter auch die 1. Panzerdivision aus Oldenburg, zu der die „Lipperland“-Brigade gehört. Zudem vertritt Langenegger als Stellvertreter den Inspekteur des Heeres. Mit Rücksicht auf die aktuelle Situation in Afghanistan sowie die erst am Wochenende zu Ende gegangene Evakuierungsoperation der Bundeswehr am Flughafen Kabul fand der Appell weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Rund zwanzig Gäste, überwiegend aus dem militärischen Bereich, nahmen an dem einstündigen Zeremoniell teil.

Beschluss des Bundestages 2001

Generalleutnant Langenegger erinnerte in seiner Rede an die Ereignisse rund um die Terroranschläge in den USAUnited States of America am 11. September 2001. Noch am Anschlagstag wurde durch den Nordatlantikrat der NATO der Bündnisfall ausgerufen und die Bundesregierung sicherte der USUnited States-Regierung uneingeschränkte Solidarität und Unterstützung zu. Im Dezember 2001 beschließt der Bundestag die Entsendung von Bundeswehreinheiten, die im Januar des Folgejahres in der afghanischen Hauptstadt eintreffen. Später ist die Bundeswehr für den Norden des Landes verantwortlich. In Masar-i Scharif, Kundus und Faisabad werden große Feldlager errichtet. Gemeinsam mit internationalen Koalitionstruppen liefern sich Kampfeinheiten der Bundeswehr teilweise heftige Gefechte mit den Taliban.

Langenegger erinnert an die Gefallenen

Ein Soldat steht an einem Rednerpult mit Mikrofon, ein zweiter steht mit Abstand neben ihm.

„Wir haben unseren Auftrag über zwei Jahrzehnte erfüllt." Generalleutnant Johann Langenegger blickt in seiner Ansprache auf den Einsatz in Afghanistan zurück.

Bundeswehr/Katharina Flor

„Unter widrigsten Bedingungen haben deutsche Soldatinnen und Soldaten geholfen, die staatliche Ordnung wiederherzustellen und die Lebensbedingungen für die Menschen in Afghanistan nach Jahrzehnten des Krieges und der Unterdrückung zu verbessern“, betonte Langenegger ausdrücklich. Die damit verbundene Konfrontation mit Tod und Verwundung bezeichnete der Drei-Sterne-General als „sehr bittere Erfahrung“ und erinnerte an die 59 Bundeswehrangehörigen, die am Hindukusch ihr Leben verloren. „35 von uns fielen im Gefecht, einer davon ist Angehöriger des Panzergrenadierbataillons 212“, rief Langenegger der angetretenen Truppe die Opfer des Einsatzes in Nordafghanistan ins Gedächtnis. Der 23-jährige Panzerfahrer Alexej Kobelew aus Bielefeld fiel im Juni 2011 einem Sprengstoffanschlag auf seinem Schützenpanzer Marder zum Opfer. Das Panzergrenadierbataillon 212 stellte regelmäßig in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten große Teile der Afghanistankontingente aus Augustdorf. Auch im letzten Einsatzverband der Bundeswehr waren über 200 Augustdorfer Panzergrenadiere seit Dezember letzten Jahres eingesetzt. Mit einer Schweigeminute zu den Klängen des traditionellen militärischen Trauerliedes „Der gute Kamerad“ wurde der Gefallenen, Verwundeten und einsatzgeschädigten Soldaten gedacht.

Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse in Afghanistan stellte Langenegger die Leistungen der Einsatzkräfte der Bundeswehr heraus: „Wir alle haben über zwei Jahrzehnte unseren Auftrag treu und tapfer erfüllt – wie es unser Eid von uns verlangt.“ Der zweifache Familienvater diente selbst fast ein Jahr als Chef des Stabes der NATO-Mission in Afghanistan. „Sie haben mehr gegeben, als viele von denen, die jetzt über Erfolg oder Misserfolg urteilen“, so die klare Botschaft des Chefs des Feldheeres an die 21er. Mit der Einsatzmedaille der Bundeswehr würdigte Generalleutnant Langenegger anschließend die Leistungen ausgewählter Einsatzsoldaten des Panzergrenadierbataillons 212.

„Wir sind da, wenn wir gebraucht werden“

Auch Brigadegeneral Stephan Willer, Kommandeur der Augustdorfer Kampftruppenbrigade, hob die Leistungen der Truppe deutlich hervor. „Die Bundeswehr hat – zuletzt durch die Evakuierungsoperation in Kabul – zum wiederholten Male ihre Leistungsfähigkeit, ihre Professionalität und Verlässlichkeit in beeindruckender Manier unter Beweis gestellt“, machte der Brigadekommandeur deutlich. „Ob im Einsatz, bei der Pandemiebekämpfung oder der Beseitigung von Hochwasserschäden: Wir sind da, wenn wir gebraucht werden.“ Willer erinnerte an die Entbehrungen, die die wiederkehrenden, monatelangen Einsätze in dem zentralasiatischen Krisenstaat mit sich brachten. „Wir denken an die scheinbar endlosen Tage, Wochen und Monate des Wartens und des Vermissens“, so der Brigadegeneral. Ebenso erinnerte der Kommandeur aber auch an die gemeinsamen Erlebnisse im Einsatz, das gegenseitige Vertrauen und den Stolz auf die erbrachten Leistungen.

Grußbotschaft des Ministerpräsidenten

Zwei Soldaten gehen nebeneinander her und grüßen militärisch die angetretenen Soldaten.

Generalleutnant Johann Langenegger (r.) schreitet mit Brigadekommandeur Stephan Willer die angetretenen Abordnungen der Verbände der Panzerbrigade 21 ab.

Bundeswehr/Katharina Flor

Der Afghanistaneinsatz habe die Panzerbrigade 21 nachhaltig geprägt, ist sich Willer sicher. „Hier vor uns stehen Soldaten, für die Begriffe wie ,Gefecht‘ und ,Kampf‘ keine abstrakten Schlagwörter aus der Truppenausbildung sind.“ Die Bewährung in Gefechtssituationen hätten die Verbände der Brigade geprägt, so Willer. Der Brigadekommandeur verlas zusätzlich während seiner Rede eine Grußbotschaft von NRWNordrhein-Westfalen-Ministerpräsident Armin Laschet, der den Soldatinnen und Soldaten für ihren Einsatz in Afghanistan dankte. „Eine Generation, viele Millionen Afghaninnen und Afghanen, verbindet mit ihrem Land den Einsatz der Bundeswehr für ein Afghanistan, das sicherer, moderner und freiheitlicher sein kann“, schrieb Laschet an die Einsatzsoldaten. Schon deshalb sei der Einsatz am Hindukusch nicht vergebens, betonte der Ministerpräsident. Zukünftig stehen wieder Kernfähigkeiten für die Landes- und Bündnisverteidigung im Mittelpunkt der Ausbildungsvorhaben des Großverbandes. Mit den Klängen der Nationalhymne vom Luftwaffenmusikkorps aus Münster ging der Appell in der Rommel-Kaserne zu Ende. Nach 20 Jahren Einsatz am Hindukusch endete damit aber auch eine Ära in Augustdorf, die die „Lipperland“-Brigade so nachhaltig geprägt und verändert hat, wie kein Einsatzauftrag in der Geschichte zuvor.

von Martin Walthemathe

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