Heer

So funktioniert der Brigadegefechtsstand der VJTF im Gefecht

So funktioniert der Brigadegefechtsstand der VJTF im Gefecht

  • Informationslehrübung
  • Heer
Datum:
Ort:
Bergen
Lesedauer:
5 MIN

Der Feind greift zwei Tage früher als erwartet an. Die Zeit bis zur Feindberührung ist knapp. Die Brigade muss handeln. Während der Kommandeur sich ein Bild von der Lage verschafft, beginnt die Arbeit im Gefechtsstand. Dies beschreibt eine Situation, die den angehenden Führungskräften des Heeres bei der Informationslehrübung (ILÜInformationslehrübung) 2019 präsentiert wurde.

Ein Kommandeur steht vor Soldaten, die auf einer Tribüne sitzen und spricht, hinter ihm ein Geländesandkasten und ein Fahrzeug.

Der Kommandeur der Panzerlehrbrigade 9, Oberst Christian Freuding, erklärt den Teilnehmenden der Informationslehrübung die Lage.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

In den frühen Morgenstunden gehen die ersten Meldungen ein. Der Feind überquert im Norden die Elbe und greift somit zwei Tage früher als erwartet an. Die Very High Readiness Joint Task Force (VJTFVery High Readiness Joint Task Force ), die Brigade der Schnellen Eingreiftruppe der NATONorth Atlantic Treaty Organization, ist in dieser fiktiven Lage in Altraverdo, einem Inselstaat im Atlantik, in der Bündnisverteidigung eingesetzt. Den Kern dieser Brigade bilden für die Vorführung die Soldaten der Panzerlehrbrigade 9. Es ist jene Brigade, die 2019 tatsächlich die Hauptkräfte für die VJTFVery High Readiness Joint Task Force stellt. Im Szenario hat die VJTFVery High Readiness Joint Task Force zusammen mit den Streitkräften Altraverdos, bereits den ersten Angriff abgewiesen. Treibstoff, Munition und Verpflegung müssen nun den Kampfverbänden zugeführt und Verwundete abtransportiert werden. Noch sind die Maßnahmen nicht abgeschlossen und der Feind wittert genau darin seine Chance.

Vom Schreibtisch ins Gelände

Mehrere Soldaten sitzen auf einer Tribüne und schauen auf Papiere in ihren Händen.

Die Teilnehmer der ILÜInformationslehrübung 2019 hören dem Lagediktat aufmerksam zu und übertragen die Informationen in ihre Karten.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Dies ist die Ausgangslage bei der ILÜInformationslehrübung, mit der die Teilnehmenden des aktuellen Generalstabslehrgangs der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg konfrontiert werden. Sie haben Gelegenheit, Informationen und Eindrücke zu sammeln, mit denen sie, als angehende General- beziehungsweise Admiralstabsoffiziere, einen Entschluss für das weitere Vorgehen der Brigade treffen sollen. Eine erste Einweisung gab es bereits einige Tage zuvor in Hamburg. Jetzt gilt es aber vor Ort bei der Truppe mit dem Blick ins Gelände, die Möglichkeiten des Handelns abzuwägen. Die ILÜInformationslehrübung 2019 ist also nicht mehr nur eine Demonstration der Fähigkeiten der Bundeswehr, sondern fordert die Umsetzung des bisher Erlernten der Teilnehmenden und fördert so deren Verständnis für die Komplexität des Systems Brigade.

In der Lage leben

Drei Soldaten stehen an einer großen, vor ihnen liegenden Lagekarte, hinter ihnen ein Sandkastenmodell und ein Fahrzeug.

Wo steht der Feind? Drei Soldaten beraten sich an einer Lagekarte.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Zu Beginn des Tages steht das Lagediktat am Versorgungspunkt der Brigade. Auf einer Tribüne sitzend mit Blick über den Brigadeversorgungspunkt erhalten die Teilnehmenden dabei ein Lageupdate. Wo steht der Feind aktuell? Was ist seine vermutete Absicht? Wann kann sich diese Absicht gegen die VJTFVery High Readiness Joint Task Force auswirken? Wie ist die Lage der eigenen Truppen jetzt? Ziel ist es, die Teilnehmer sozusagen in der Lage leben zu lassen. Über ihren Köpfen springen Bildschirme an. Der Innenraum eines grünen Zeltes und eine Lagekarte sind spärlich beleuchtet zu erkennen. Vor der Karte stehen der Stabsabteilungsleiter 2 (G2), verantwortlich für die Beurteilung der Feindlage und der Stabsabteilungsleiter 3 (G3), verantwortlich für die Lage der eigenen Truppen und die Operationsführung.

Nur zwei Stunden Zeit

Auf einem sandigen Übungsplatz stehen mehrere militärische Fahrzeuge in einer Reihe hintereinander.

Die Fahrzeuge des Versorgungsbataillons 141 sind am Brigadeversorgungspunkt aufgefahren.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Der Brigadekommandeur kehrt von einer seiner Battlegroups (Kampftruppenbataillone) zurück. Er hat den Funkverkehr über die Feindmeldungen mitgehört. Nun will er, dass ihm die beiden Stabsabteilungsleiter die Lage erläutern. Das sogenannte Führungsgespräch beginnt. Beide tragen kurz vor. Der Kommandeur entwickelt mit Blick auf die Karte zügig zwei Möglichkeiten des Handelns. Erstens: Den gegnerischen Angriff aus der jetzigen Position heraus aufzuhalten und mit einem Gegenangriff in die Flanke, den Feind aufzureiben, oder zweitens: Nach Süden auszuweichen und den gegnerischen Angriff bis zu einem panzergünstigen Gelände zu verlangsamen, um ihn dann mit einem Gegenangriff in die Flanke zu schlagen. Der Kommandeur gibt dem G2 und G3 den Auftrag, beide Möglichkeiten zu prüfen und eine Empfehlung für einen Entschluss vorzubereiten. Dann meldet er sich auch schon wieder ab: Der Nachschub bei einer der beiden vordersten Battlegroups ist ins Stocken geraten. Er will persönlich sehen, woran es liegt. G2 und G3 haben jetzt zwei Stunden Zeit, diese zu koordinieren. Die Zeit drängt.

Ohne Versorgung läuft nichts

Ein Soldat entlädt von einer Krananlage eines Lkw aus Paletten mit Munition.

Am Brigadeversorgungspunkt wird eingetroffene Munition von einem LkwLastkraftwagen entladen.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Nach dem Führungsgespräch werden die Bildschirme wieder schwarz. Die angesprochenen Versorgungsengpässe im Hinterkopf wird den Lehrgangsteilnehmenden nun auf dem Gelände des Brigadeversorgungspunktes die Versorgung der VJTFVery High Readiness Joint Task Force -Brigade erläutert. Mehrere Fußballfelder groß ist das Gelände. Hier werden Wasser, Munition, Treibstoff und Ausrüstungsgegenstände der Soldaten aber auch Panzermotoren gelagert und bei Bedarf an die Truppe weitergeleitet. Unzählige Kisten, Container und Kanister stapeln sich meterhoch am Rande der Freifläche. Das Nachschubbataillon der Brigade hält so Material für zwei Kampftage bereit, danach muss von weiter her wieder aufgefüllt werden.

Motoren und Waffen werden repariert

Mehrere Fahrzeuge stehen am Rande eines Gefechtsfeldes nebeneinander. Tarnnetze liegen darüber.

Mechaniker setzen am Brigadeversorgungspunkt eine Panzerhaubitze 2000 instand. Danach geht sie sofort wieder an die Truppe.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Ein Stück weiter, in einer umgebauten Scheune, schrauben die Mechaniker des Bataillons an defekten Fahrzeugen. Sie reparieren Motorschäden und defekte Waffenanlagen und sorgen so dafür, dass die Geräte nach wenigen Stunden wieder einsatzbereit und bei der Truppe sind. Am Ende geben die Soldaten des Versorgungsbataillons den Teilnehmenden noch einen wichtigen Punkt mit auf den Weg: „Wenn wir unseren Standort verlegen müssen, kostet das wertvolle Zeit, Zeit in der wir Ihre Brigade nicht versorgen können. Das müssen Sie für Ihre Planung bedenken.“  Es ist das Ziel, dass die Offiziere realistische Bilder mitnehmen.

Verschiedene Gefechtsstände

An einem Waldrand stehen zwei Fahrzeuge und zwischen ihnen zwei grüne Zelte.

Zwei GTKGepanzertes Transport-Kraftfahrzeug Boxer und kleine Zelte zwischen ihnen bilden einen Tactical Command Post, einen vorgeschobenen Gefechtsstand.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Die nächste Station ist der sogenannte Tactical Command Post des G2 und G3, bestehend aus jeweils zwei Gepanzerten Transportkraftfahrzeugen vom Typ Boxer (GTKGepanzertes Transport-Kraftfahrzeug Boxer). Im Einsatz steht das TACCP dicht hinter den vordersten Linien, der Front. Hier arbeiten die beiden wichtigsten Berater des Kommandeurs mit nur wenigen Mitarbeitern. Über Funkgeräte sind sie mit dem Headquarters Main (HQHeadquarter Main), dem Hauptgefechtsstand, und den Verbänden vorn verbunden. Nacheinander stellen G2 und G3 ihre Arbeitsschritte für die Beiträge zur Beurteilung der Lage vor. Im Ernstfall räumlich weit voneinander entfernt, zu Demonstrationszwecken jedoch in Sichtweite, befindet sich die dritte Station, das HQHeadquarter Main. Jede Abteilung, Zelle genannt, hat einen ausklappbaren Container mit Computerarbeitsplätze zur Verfügung. Das Herz des HQHeadquarter Main ist das Tactical Operation Center, in dem die aktuelle Lage an der Karte rund um die Uhr geführt wird.

Als Novum in der Bundeswehr gilt in der VJTFVery High Readiness Joint Task Force -Gliederung die sogenannte Zelle „Non-Lethal“. Hier sitzen Spezialisten wie ein Rechtsberater, Soldaten der zivil-militärischen Zusammenarbeit, der Operativen Kommunikation und der Öffentlichkeitsarbeit. Militärische Operationen sind heute nicht mehr nur aus der Perspektive eines Panzerturms heraus zu führen. Die Berücksichtigung des Informationsumfeldes ist heute ebenso wichtig wie die Beurteilung des eigenen Operationsraumes.

Entschluss gefällt, Entscheidung steht

Soldaten stehen auf freiem Gelände in einer Gruppe vor einer Soldatin, die spricht.

Eine junge Frau Feldwebel erklärt den Teilnehmenden die Abläufe am Brigadeversorgungspunkt mit den Mengenverbrauchsgütern.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Nachdem alle Spezialisten der verschiedenen Zellen des Gefechtsstandes die beiden Möglichkeiten des Handelns aus ihrer jeweiligen Sicht bewertet haben, ging es für die Teilnehmenden zurück zur Tribüne, wo nun der Brigadekommandeur einen Entschlussvorschlag hören wollte.

Freiwillige melden sich, ein Oberstleutnant wird ausgewählt. Er trägt nun eine Entschlussempfehlung vor. Unterschiedliche Wertungen der vorgetragenen Argumente, Erfahrungen und nicht zuletzt auch der Charakter des Kommandeurs führen zu unterschiedlichen Ansätzen. Dies beschreibt Freuding so: „Der Truppenführer entscheidet nach bestem Wissen und Gewissen, nach seinem Charakter, kraft seiner Persönlichkeit, nicht auf seine eigene Idee beharrend, sondern an der für ihn erkennbaren Wahrscheinlichkeit der Auftragserfüllung ausgerichtet.“  

Am Ende des Tages zeigten sich die Lehrgangsteilnehmenden überzeugt, dass die Teilvorführung der ILÜInformationslehrübung 2019 „System Brigade“ eine lohnende und gewinnbringende Weiterbildung für den jungen Generalstabsnachwuchs darstellt. Sie sollte für zukünftige Jahrgänge unbedingt erhalten bleiben.

von Alexander Klebba
  • Ein Panzer steht bei Sonnenuntergang am Rande eines Übungsplatzes.
    • Übung
    • Heer

    Informationslehrübung 2019

    Unter dem Motto Was.Wir.Können stellen Heer, Streitkräftebasis, Cyber- und Informationsraum und Sanitätsdienst ihr Können unter Beweis.