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„Das Kommando Hubschrauber bringt straffere Führung“

„Das Kommando Hubschrauber bringt straffere Führung“

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Datum:
Ort:
Bückeburg
Lesedauer:
6 MIN

Der Beginn der Fliegerausbildung im Deutschen Heer liegt 60 Jahre zurück. Heute werden Hubschrauberpiloten aller Teilstreitkräfte und verbündeter Nationen in Bückeburg in Niedersachsen ausgebildet. Wir sprechen mit Brigadegeneral Ulrich Ott, dem General der Heeresfliegertruppe und erfahrenen Hubschrauberpiloten, über das Jubiläum und die Pläne der Heeresfliegertruppe für die Zukunft.

Ein Soldat in Fliegerkombi schaut lächelnd in die Kamera.

Brigadegeneral Ulrich Ott ist seit 2018 Kommandeur des Internationalen Hubschrauberausbildungszentrums in Bückeburg. Im Interview erläutert er die kommenden Aufgaben der Heeresfliegertruppe.

Bundeswehr/IHTC

Herr General Ott, 60 Jahre Heeresfliegerausbildung ist ein Blick in die Vergangenheit. Wie sieht die Zukunft der Ausbildung aus?

Brigadegeneral Ott: Wir haben in 60 Jahren viel gelernt, an Stellschrauben gedreht, die Ausbildung angepasst und weiterentwickelt. Diesen Weg werden wir auch weiterhin gehen. Am Internationalen Hubschrauberausbildungszentrum (IHTC) erlangen nicht nur Soldatinnen und Soldaten des Heeres ihr fliegerisches Können. Heute werden Hubschrauberpiloten aller Teilstreitkräfte in Bückeburg ausgebildet. Auch entsenden unsere internationalen Partner ihren fliegerischen Nachwuchs gern zu uns. Diesen Umstand werte ich als Qualitätssiegel, unsere Ausbildung ist gut.

Als General der Heeresflieger blicke ich mit Stolz auf die Leistungen, die am IHTC erbracht werden. Das Engagement und die Initiative aller Mitwirkenden unter dem Kommando von Oberst Bodo Schütte führen dazu, dass auch morgen gut ausgebildete Hubschrauberpiloten ihren Auftrag in der Bundeswehr erfüllen. Natürlich gibt es auch in der Ausbildung immer Luft nach oben – für Heeresflieger im wahrsten Sinne des Wortes – und es liegt an uns, dieses Potenzial zu erkennen und zu nutzen.

Das IHTC befindet sich, ebenso wie die Truppengattung, in einem Prozess, dessen inhaltliche und strukturelle Veränderungen sich erst in der Zukunft materialisieren werden. Der Kurs dazu ist in den letzten Jahren vorgegeben worden, nun muss die Richtung gehalten werden. Viele Dinge sind eingesteuert.

Welche Dinge sind das aus Ihrer Sicht?

Ein Helikopter vom Typ EC 135 steht auf einer Wiese.

Bei der Bekämpfung des Borkenkäfers im Einsatz - der Schulungshubschrauber EC 135: An ihm werden am Internationalen Hubschrauberausbildungszentrum Piloten unterrichtet.

Bundeswehr/Anne Weinrich

Dazu gehören zum Beispiel:

• Die Konzentration auf die Kernaufgaben durch umfangreiche Nutzung komplexer Dienstleistungen in den Bereichen, in denen der militärische Ausbildungs- und Erziehungsauftrag nicht betroffen ist,

• die Anpassung der Simulatoren an die Herausforderungen und die Hubschrauber der Zukunft,

• die Digitalisierung der Ausbildungslandschaft durch Schaffung und Nutzung moderner Ausbildungsmittel wie Mixed Reality Classrooms,

• die Erneuerung der Ausbildungshubschrauber EC 135,

• der verbesserte Austausch zwischen Ausbildungsorganisation und Einsatzverbänden und

last but not least: die weitere Multinationalisierung der Ausbildung durch Vorantreiben der Vorhaben im Rahmen des Framework Nation Concepts und damit die Attraktivitätssteigerung des IHTC insgesamt.

Sicher wäre diese Liste noch zu ergänzen, was ich Ihnen erspare. Nun kommt es darauf an, die Saat, die gesät wurde, behutsam aufzuziehen, um dann – möglichst rasch natürlich – auch die Ernte einfahren zu können. Wenn ich dabei als Erntehelfer einen Beitrag leisten kann, dann werde ich das tun. Unter dem Strich hat das IHTC und die Heeresfliegertruppe in den kommenden Jahren die Chance, sich im System der Landstreitkräfte wieder aktiv und sichtbar einzubringen, das muss unser gemeinsames Ziel sein.

Sie sprechen die nächste Generation Heeresflieger an. Ist der Beruf eines Heeresfliegers, eines Hubschrauberpiloten und damit eines Soldaten für die heutige Jugend noch attraktiv?

Ja. Fliegen war gestern, ist heute und wird gewiss auch morgen immer etwas Besonderes sein. Und so sage ich ganz klar, die Karriere in der Heeresfliegertruppe ist attraktiv. Dennoch bringt der Soldatenberuf viele Herausforderungen, die unsere Soldatinnen und Soldaten täglich meistern müssen. Sei es der Auslandseinsatz, die wiederkehrende räumliche Veränderung und Versetzung oder der fortwährende Anspruch an Körper und Geist fit zu bleiben. In der heutigen Zeit stellen sich junge Menschen daher sicherlich die Frage, ob sie bereit sind, diesen Anforderungen gerecht werden zu wollen. Wir, aktive Soldatinnen und Soldaten, können ihnen bei der Beantwortung dieser Fragen helfen, indem wir offen und transparent aus unserem Dienstalltag berichten. Aus diesem Grund bin ich auch sehr daran interessiert, den Alltag unserer Heeresflieger in die Öffentlichkeit zu tragen, den Nachwuchs mit der Begeisterung für unsere Truppengattung anzustecken.

Am 1. Oktober 2020, also vor knapp sechs Wochen, wurde in Bückeburg das Kommando Hubschrauber aufgestellt. Wie wirkt sich diese Neuerung auf die Ausbildung der Heeresflieger aus?

Ein Soldat hockt gesichert an der offenen Tür eines fliegenden Hubschraubers und beobachtet das Gelände.

Unter dem Kommando Hubschrauber werden künftig der Flugbetrieb Heer und die Truppenteile der Heeresfliegertruppe gemeinsam geführt.

Bundeswehr/Jana Neumann

Das Kommando Hubschrauber schlägt mit seinen Fähigkeiten ein neues Kapitel in der Heeresfliegertruppe auf. Hier werden künftig die Fach- und Führungsaufgabe Flugbetrieb Heer und die Truppenteile der Heeresfliegertruppe unter einem einheitlichen Kommando zusammengeführt. Bisher – und das wird bis zu dem Unterstellungswechsel im Frühjahr 2021 so bleiben – werden die Heeresfliegerregimenter durch die Division Schnelle Kräfte geführt, das IHTC gehört dem Ausbildungskommando an. Ausbildungsbedarfe beispielsweise, die in der Heeresfliegertruppe erkannt werden, können trotz der guten Zusammenarbeit zwischen DSKDivision Schnelle Kräfte und dem Ausbildungskommando nicht unmittelbar gedeckt werden. Abstimmungen auf mehreren Ebenen sind erforderlich, die mit einem zeitlichen Verzug einhergehen; es wird viel Zeit verloren. Das wird sich in Zukunft ändern, denn die Kommunikations- und Entscheidungswege, die die Führung aus einer Hand innehat, werden im Sinne aller Beteiligten gestrafft. Wir bringen schneller alle Beteiligten an einen Tisch, bewerten, entscheiden und verändern ohne großen Verzug. Und wir stärken die Gemeinschaft. Künftig gehören wir alle dem Kommando Hubschrauber an. Die Heeresflieger wachsen nach außen sichtbar zusammen.

Dieses Zusammenwachsen wird auch durch ein neues Marschmusikstück der Heeresflieger deutlich.

Ein Soldat in Fliegerkombi sitzt lächelnd an einem Schreibtisch. Hinter ihm hängen Fotos an der Wand.

Brigadegeneral Ulrich Ott freut sich, dass seine Truppengattung als erste einen eigenen Marsch hat, komponiert von einem Bückeburger Jäger.

Bundeswehr/Alexander Bozic

Das ist richtig. Wir, die Heeresflieger, sind die erste Truppengattung, die einen eigenen Marsch hat. Der Marsch stärkt aber nicht nur unseren Zusammenhalt, er bringt auch die Nähe zu Bückeburg zum Ausdruck. Bückeburg ist unsere Heimat und so ist es eine Ehre, dass dieses Musikstück der Feder eines Bückeburger Jägers entstammt. Ich habe mich persönlich sehr darauf gefreut, unseren Marsch, gespielt durch die Bückeburger Jäger der Truppe, im Rahmen der Jubiläumsfeier „60 Jahre Heeresfliegerausbildung“ vorzustellen. Leider mussten die Feierlichkeiten aufgrund der Covid-19-Pandemie abgesagt werden, um unsere Soldatinnen und Soldaten sowie die Gäste zu schützen. Dennoch tut das meiner Freude keinen Abbruch, den Marsch künftig als repräsentatives Musikstück in Feierlichkeiten der Heeresflieger einzubinden; neben dem Sonderheft NACH VORN ein weiteres Kapitel Heeresfliegertradition.

Herr General, Sie sind nicht nur der General der Heeresflieger, Sie sind selbst Hubschrauberpilot. In dem nachstehenden Video nehmen Sie die Leser mit auf eine kurze Zeitreise durch 60 Jahre Heeresfliegerausbildung, die auch ein Teil Ihrer persönlichen Geschichte ist. Wie wird dieses Video in zehn Jahren aussehen?

Wenn wir – die Heeresflieger – alles richtig gemacht haben, dann werden wir nicht nur in zehn Jahren, sondern auch noch in 20 oder 30 Jahren diesen Film fortschreiben können. Sicherlich werden sich Waffensysteme ändern. Auch Einsatzgrundsätze, Ausbildungsmittel und Inhalte werden moderner und mehr „Cyber“ sein. Vielleicht fliegen auch einige Hubschrauber im intelligenten Schwarm ohne Luftfahrzeugführer. Die Zukunft entwickelt sich rasant und das wird auch die Heeresfliegertruppe prägen. Auf diesem Weg hoffe ich sehr, dass wir es schaffen immer up to date zu sein. Besser noch: eine Nasenlänge voraus! Und das ist eine Aufgabe für uns alle. Die Jungen mit ihrem Elan und ihren Innovationen, die etwas Älteren mit ihrer Erfahrung. Das gilt sowohl für gute Ausbildung als auch für den Einsatz unserer Truppengattung. Wir sind die Expertiseträger für den Kampf in und aus der Luft im bodennahen Luftraum. Damit sind wir im Schwerpunkt von größter Bedeutung für die Landstreitkräfte und das gesamte Heer. Das wird sich nicht ändern. Genauso wenig wie unsere Affinität zur 3. Dimension – denn fliegen werden wir weiterhin.

Der Beginn der Fliegerausbildung im Deutschen Heer liegt 60 Jahre zurück. Heute werden Hubschrauberpiloten aller Teilstreitkräfte und verbündeter Nationen in Bückeburg in Niedersachsen ausgebildet.
Eine Zeitreise durch 60 Jahre fliegerische Ausbildung.
von Isabella Gattermann

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