Heer

Durchschlagen: Wenn der Wille stärker als der Muskel ist

An der Durchschlageübung im Jägerbataillon 413 nehmen junge Offizieranwärter während des Führungspraktikums teil.

Vier Soldaten mit schwerem Gepäck und Waffen im Anschlag waten durch einen Fluss.
Bundeswehr/Marco Dorow

Je weiter Leutnant Baris Köntek runterzählt, umso hektischer werden die Jäger, die inmitten ihrer komplett ausgeräumten Rücksäcke auf der Wiese vor ihm angetreten sind. Es ist der Vorabend zu einer ganz besonderen Durchschlageübung. Gemeinsam mit den Soldatinnen und Soldaten der 3. Kompanie vom Jägerbataillon 413 treten auch acht junge Offizieranwärter zur Ausbildung an. Für sie ist es Teil ihres Führungspraktikums. Schlafentzug, Disziplin und Selbstüberwindung bestimmen die kommenden drei Tage.

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  • Vogelperspektive: Viele Soldaten stehen neben ihren ausgeräumten Rucksäcken auf einer Wiese.
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    Offizierausbildung in der Truppe integriert

    „Das Führungspraktikum bringt die jungen Offizieranwärter ganz nah an die Truppe und ganz schnell in Verantwortung“, beschreibt Köntek. „Die Ausbildung unserer Stammsoldaten, gemeinsam mit den Fahnenjunkern, ist Teil der neuaufgelegten Offizierausbildung“, erklärt der 33-jährige Zugführer. Köntek ist mehr als „nur“ Zugführer im Torgelower Jägerbataillon. Er ist der erste Ansprechpartner, wenn es um die Ausbildung und Integration des Offiziernachwuchses geht. „Es ist für alle eine gewinnbringende Situation: Die erfahrenen Soldaten werden weiter ausgebildet und der Offiziernachwuchs kommt schnell in Verantwortung und kann sich von den gestandenen Jägern den einen oder anderen Trick abschauen.“

  • Dicht vor einem Fahrzeug steht ein Soldat mit der Waffe im Anschlag.
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    Leistung ist eine Sache der Motivation

    „Für die Jäger ist körperliche Fitness und das Überleben in der Natur grundlegend“, so Köntek. Vor allem bei dieser Truppengattung komme es auf mentale und physische Stärke an. „Wir Jäger sind Infanteristen und kämpfen grundsätzlich zu Fuß. Da müssen alle immer und zum richtigen Zeitpunkt ihre volle Leistungsfähigkeit abrufen können“, erklärt der Leutnant weiter. Als Auftakt oder auch zum Warmwerden vor der Durchschlageübung stehen die Hindernisbahn und drei Kilometer Gepäcklauf in etwas mehr als 20 Minuten auf dem Dienstplan. Dabei bringen die gepackten Rucksäcke schnell mehr als 30 Kilogramm auf die Waage. Im Gefecht mit Waffen, Gefechtsanzug, Funkgeräten und weiterer Zusatzausstattung kommen schnell um die 50 Kilogramm zusammen.

  • Ein Soldat hilft einem anderen aus der Sprunggrube.
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    Wenn es schwierig wird, hilft das Team

    Mit den ersten 3.000 Metern in den Beinen steuern die Gruppen kurz darauf auf die Hindernisbahn zu. Sprunggrube, Balancierbalken, Wand und auch die Drahthindernisse bringen die Soldaten an ihre Grenzen. „Feuer und Bewegung ist ein Grundsatz, der immer gilt: Wenn Jäger in schwierigem Gelände, etwa in Ruinen oder urbanem Gelände, also stark bebauter Umgebung, kämpfen, dürfen sie solche Hindernisse nicht in ihrem Vormarsch aufhalten“, sagt der junge Leutnant. Aber auf der Hindernisbahn wird noch mehr als bloße Kraft und Geschicklichkeit trainiert. Insbesondere der Teamgedanke spiele auf der Hindernisbahn eine wichtige Rolle. „Wir wollen Teamleistung von den Männern und Frauen sehen. Sie sollen sich gegenseitig unterstützen, die Waffen überreichen, die schweren Rücksäcke gemeinsam über die hohen Holzbalken hieven und dass alles, während der andere Teil der Gruppe in Feindrichtung sichert“, erläutert Köntek.

  • Drei Soldaten liegen auf der Erde in der Mitte eine Karte mit Schreibzeug.
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    In der Nacht steigt der Druck

    Kurz darauf stehen die Jäger schon wieder zwischen den Kompanieblöcken angetreten. Nach der Hindernisbahn bleibt wenig Zeit zum Durchatmen. Köntek selbst und die Ausbilder um ihn herum erhöhen den Druck. Alles muss schnell gehen, die Nacht bricht herein und Wolken verdunkeln den Himmel. „Die Soldaten müssen mental in stressigen Situationen ruhig bleiben und ihren Auftrag nicht aus den Augen verlieren. Wenn sich alle auf ihre Aufgabe konzentrieren, ruhig und effektiv handeln, erst dann steht der Auftragserfüllung im Ernstfall nichts im Wege“, resümiert der Leutnant. Die Ausbilder überprüfen die Ausrüstung der Soldaten, die in wenigen Minuten in die Durchschlageübung starten. „Alles was nicht dienstlich geliefert ist, sortieren wir aus. Dazu gehören Schokoriegel, Handys oder private GPSGlobal Positioning System Geräte zur Navigation. Mindestens drei Liter Wasser müssen aber sein“, so einer der Ausbilder. Das Durchschlagen ist eine grundlegende Übung für die Soldaten. Ob Orientieren mit Papierkarte oder Überleben mit geringen Verpflegungsrationen – alle haben die gleichen Bedingungen.

    Im Schein der Taschenlampen liegen Zugführer Köntek mit drei weiteren Gruppenführern bei der Befehlsausgabe für den Fußmarsch auf dem Boden. Nur wenige Minuten später verschluckt die Dunkelheit auf dem Übungsplatz Torgelow die drei Jägergruppen.

  • An einer Feuerstelle steht ein Soldat und erklärt etwas, leichter Rauch steigt auf.
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    Feuer, Essen und Schlafen

    Hauptfeldwebel Erik Engelke beginnt früh am nächsten Morgen mit der Ausbildung. In der vergangenen Nacht sind die Jäger ungefähr zehn Kilometer rund um die Torgelower Wälder marschiert. Nur die wenigsten von ihnen konnten etwas schlafen. Engelke ist mit seinen 34 Jahren ein sehr erfahrener Jäger. Mit zwei weiteren Ausbildern vertiefen sie den Unterricht an diesem Morgen. „Feuer machen und es nähren ist dabei eine Grundlage für die Jäger. Feuer wärmt nicht nur den Soldaten und trocknet Kleidung - er bereitet damit auch warme Getränke und sein Essen zu“, beginnt der Hauptfeldwebel seine Ausbildung. Dabei müssten die Soldaten immer für den „worst case“ vorbereitet sein: Feuerzeug und Streichhölzer können schnell beispielweise durch Gewässerdurchquerungen unbrauchbar werden.

    Zu den weiteren Stationen gehören der Umgang mit den Verpflegungsrationen und das Bauen von behelfsmäßigen Unterkünften. Alles wichtige Grundlagen für das Überleben fernab des üblichen logistischen Versorgungsweges.

  • Ein Soldat hält einen Kompass und streckt seinen Arm damit auf Schulterhöhe aus und kneift ein Auge zu.
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    Als Offizieranwärter das Führen üben

    Fahnenjunker Jonas Meyer schlägt sich mit den altgedienten und sieben weiteren Offizieranwärtern (OAOffiziersanwärter) durch. „Die Mischung aus erfahreneren und frischen Jägern ist ein klarer Vorteil für unsere Offizierausbildung. Die Erfahrung und das Wissen, die wir so abgreifen können, bringen uns weit nach vorn.“ Auch das Übernehmen von Führungsverantwortung in mentalen und physisch anspruchsvollen Situationen schule enorm und bereite bereits früh auf spätere Verantwortung vor. Nur mit Kompass und Papierkarte führt Meyer seine Gruppe zur nächsten Station. Ein Handstreich soll mehr Informationen über den Feind und vielleicht auch etwas mehr Proviant verschaffen. Die Ausbildung Handstreich ist wieder „Chefsache“. Leutnant Köntek baut die Ausbildung vom Einfachen zum Komplizierten auf. „Beim Handstreich muss der Gruppenführer rasch entscheiden: Deckungstrupp, Sturmtrupp und los“, beschreibt er. Bei dem Handstreich, eine immer plötzlich auftretende Situation, entscheidet sich der militärische Führer in diesem Fall, ein einzelnes feindliches Fahrzeug zu nehmen. „Wichtig dabei: Ihr müsst entschlossen, schnell und präzise zuschlagen. Das Überraschungsmoment ist nicht ewig auf eurer Seite“, erklärt der Ausbilder.

    Auch die zweite Nacht war nicht erholsamer als die vorangegangene. „Wir wollen und müssen die Anforderungen erhöhen. Was wir hier ausbilden, wird im Ernstfall Leben retten“, so Köntek.

  • Vier Soldaten mit schwerem Gepäck und Waffen im Anschlag waten durch einen Fluss.
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    Es wird nochmal richtig schwer

    Immer mehr „verschmelzen“ die Jäger mit ihrer Umgebung, die Ausbildung zeigt Wirkung. Gefechtsmäßiges Verhalten, Tarnung und rechtzeitig In-Deckung-gehen funktioniert auch nach zwei Tagen Durchschlageübung immer besser. Ausbilder und Zugführer machen immer schwieriger die Jäger auf dem Übungsplatz aus. Doch die nächste Station ist für die Soldaten im wahrsten Sinne des Wortes unumgänglich. Die Randow schlängelt sich in unzähligen Windungen seicht durch die Norddeutsche Tiefebene. Gewässerüberquerungen sind immer von taktischer Bedeutung. Egal ob Ketten- und Radfahrzeuge oder auch Infanteristen zu Fuß - Gewässer stellen meist große Hindernisse dar. „Klar kommt dieses Hindernis zum Schluss der Durchschlageübung. Für jeden gilt, nochmal alles mobilisieren - aber auch als Führer ist die Situation nicht einfach. Sich durchbeißen, die Gruppe motivieren und dazu den gesamten Überblick behalten - genau das wollen wir von den Männern sehen“, beschreibt Köntek. Hüfthohes Wasser, Schlamm, unzählige Wasserpflanzen und eine 50 Meter lange Röhre unterhalb der Straße des Übungsplatzes liegen noch vor den Jägern.

  • Mehrere Soldaten in komplettem Kampfanzug tragen einen verletzten Kameraden auf einem Tragetuch in Richtung Kasernentor.
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    Geschafft

    Köntek selbst und seine Ausbilder stecken dabei nicht zurück. Auch die Verantwortlichen stehen mit den Jägern im Fluss Randow. Die Strecke durch den Fluss mit Durchquerung einer langen Straßenunterführung ist auch während der Ausbildung sehr gefährlich. Ausbilder und Jägergruppe schlagen sich gemeinsam durch. Am Ende sind es nach den drei Tagen nur noch gut 1.000 Meter bis zur Kaserne. Bei den ersten Schritten der Jäger quillt aus allen Nähten der Uniform noch das Wasser, aber es geht endlich Richtung Kaserne.

    Plötzlich Schüsse und der vierte Mann in der Gruppe sackt zusammen. „Los Männer, Sicherung auslegen, den Kameraden versorgen und mitführen in die Kaserne.“ Mit seiner Stimme schiebt der Zugführer die Jäger förmlich in Richtung Kaserne. Dieser letzte Kilometer wird der härteste, der Verletze wird von seinen Kameraden in einem Bergetuch mitgetragen. Drei Tage kaum Schlaf und schon unzählige Male alle Kräfte mobilisiert, tritt das ein, was auch Ziel der Ausbildung war: Leistung kommt zu einem Großteil aus dem Kopf. Der Wille, sich durchzuschlagen und gemeinsam zum Ziel zu kommen, treibt die Jäger an, auch wenn der eine oder andere Muskel schon am Ende ist. Geschafft.

Irgendwo um Torgelow

Gemeinsam mit den Soldatinnen und Soldaten der 3. Kompanie vom Jägerbataillon 413 treten acht junge Offizieranwärter zur Ausbildung an. Für sie ist es Teil ihres Führungspraktikums. Schlafentzug, Disziplin und Selbstüberwindung bestimmen die kommenden drei Tage. Die erfahrenen Soldaten werden weiter ausgebildet und der Offiziernachwuchs kommt schnell in die Verantwortung und kann sich von den gestandenen Jägern den einen oder anderen Trick abschauen.

Durchschlagen in Bildern

Führungspraktikum bei den Jägern in Torgelow

„Das Führen hier im Führungspraktikum ist völlig anders als auf einem Lehrgang unter Offizieranwärtern. In meiner Gruppe hatte ich zum Beispiel auch erfahrene Mannschaftsdienstgrade dabei.“ Fahnenjunker Jonas Meyer kommt in der neuen Offizieranwärterausbildung bereits sehr früh mit der eigenen Truppengattung in Berührung.

Zwischen den Abschnitten der Hindernisbahn kniet ein Soldat mit Waffe und Marschgepäck..

Fahnenjunker Jonas Meyer ist Offizieranwärter. Er macht sein Führungspraktikum im Jägerbataillon 413 in Torgelow.

Bundeswehr/Marco Dorow

„Die Ausbildung zum Offizier ist jetzt anders und nah an der Truppe. Das ist gut, wir sind irgendwie dichter dran. Wir erfahren viel früher, was es bedeutet, etwa ein Jäger zu sein“, beschreibt Fahnenjunker Meyer. Der 25-Jährige hat bereits eine Dienstzeit in der Mannschaftslaufbahn der Gebirgsjäger hinter sich, auch ein Studium in Mechatronik/Feinwerktechnik kann er vorweisen.

Ein Soldat mit komplettem Gefechtsanzug und Waffe steht in einem Gewässer.

Das Führungspraktikum verbindet die Ausbildung der angehenden Offiziere mit der regulären Ausbildung in den Standorten. Das ist für alle ein Gewinn.

Bundeswehr/Marco Dorow

„2019 habe ich dann nochmal angefangen. Mein klares Ziel war: Offizier werden.“ Dafür war er bereits auf dem Fahnenjunkerlehrgang an der Infanterieschule in Hammelburg. Darauf folgte die Sprachausbildung an der Offizierschule des Heeres in Dresden. Seit Mitte Juli stehen neben ihm noch sieben weitere junge Offizieranwärter (OAOffiziersanwärter) im Führungspraktikum bei den Torgelower Jägern. Meyer sagt: „Dieses Praktikum ist Teil unserer Ausbildung. Wir werden in die Ausbildung, den täglichen Dienst integriert und stehen neben den Altgedienten im Dienstalltag. Das ist eine sehr gute Art der Ausbildung, sie bringt Erfahrung und Sicherheit.“

Drei Soldaten mit Marschgepäck eilen durchs Gelände und schwitzen.

Fahnenjunker Jonas Meyer absolviert mit seinen Kameraden eine Durchschlageübung. Dabei müssen sie ein Zielgebiet zu Fuß erreichen. Sie haben wenig Schlaf, keinen Kontakt zur eigenen Truppe und sind Feinddruck ausgesetzt.

Bundeswehr/Marco Dorow

Im Torgelower Jägerbataillon ist Leutnant Baris Köntek der Ansprechpartner rund um die jungen Soldaten. Köntek selbst wurde noch nach der alten Art der Offizierausbildung ausgebildet. Auch er beschreibt den neuen Weg als sehr wertvoll für die angehenden Offiziere. Die Mischung von Stammpersonal und jungen OAOffiziersanwärter bringe positive Effekte in der Ausbildung.

Seit 1. Juli 2020 ist die Offizierausbildung deutlich stärker auf die jeweiligen Truppengattungen des Heeres zugeschnitten. "Das ist gut, wir sind irgendwie dichter dran. Wir erfahren viel früher, was es bedeutet, etwa ein Jäger zu sein“, sagt Fahnenjunker Jonas Meyer.

Das Führungspraktikum dauert zwölf Wochen. Eines der nächsten Highlights nach der Durchschlageübung ist ein Durchgang im Gefechtsübungszentrum des Heeres in der Letzlinger Heide. An das Führungspraktikum schließt sich für die Offizieranwärter im September die Heeresprägungswoche an der Offizierschule in Dresden an.

von René Hinz
Auf einer Wiese knien Soldaten im Halbkreis um einen Kameraden, der mit einem Stift etwas in eine Karte zeichnet.

#jungführen: Neue Offizierausbildung im Heer 2020

Die reformierte Ausbildung ist näher an der Praxis. #jungführen dokumentiert den Werdegang junger Offiziere ab der Grundausbildung.

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