Heer

2.000 Höhenmeter bis zum Edelweiß

2.000 Höhenmeter bis zum Edelweiß

  • Ausbildung
  • Heer
Datum:
Ort:
Bad Reichenhall
Lesedauer:
7 MIN

2.000 Höhenmeter an zwei Tagen, Verwundetenrettung, Verschüttetensuche und Feldlager im Schnee – das sind die Anforderungen für den Gebirgsleistungsmarsch. Als Belohnung für die Strapazen winkt den Soldaten ein besonderes Gebirgsleistungsabzeichen. Dann dürfen die Reichenhaller Gebirgsjäger das traditionelle Edelweiß der Gebirgstruppe an der Bergmütze tragen.

Vor einem großen Berg in den Alpen wandert eine Gruppe Soldaten mit Tourenskiern schräg bergauf.

Beim Aufstieg zu den Hohen Roßfeldern führt Feldwebel Thorben M. seine Gruppe in Richtung des ersten Etappenziels. Insgesamt sind 2.000 Höhenmeter zu überwinden. Im Hintergrund thront der Watzmann, der Hausberg der Stadt Berchtesgaden.

Bundeswehr/Karsten Dyba

Schneekristalle glänzen in der Sonne. Mit jedem Schritt nach vorne knirscht es unter der Stahlkante des Skis. Die Luft wird dünner, die Atemzüge kürzer, die Kraft schwindet. „Harscheisen“, ruft von oben der Feldwebel. Der unermüdliche Heeresbergführeranwärter steht gut 20 Meter weiter oben in der Wand, der Schnee ist stellenweise vereist, weil er tagsüber in der Sonne taut und nachts wieder anfriert. Spezielle Eisen an den Tourenskiern verhindern ein Abrutschen. Die Gebirgsjäger folgen dem Kommando des Feldwebels, klappen die Harscheisen aus, marschieren weiter. Die letzten Höhenmeter im Steilhang sind die schwersten.

Zweimal im Jahr – im Sommer und in Winter – setzt das Gebirgsjägerbataillon 231 in Bad Reichenhall einen Gebirgsleistungsmarsch an. Die vierte Kompanie, die das Murmeltier im Kompaniewappen trägt, hat dafür alle verfügbaren Soldaten zusammengezogen, die nicht im Auslandseinsatz in Mali sind oder irgendwo in Bayern bei der Corona-Amtshilfe eingesetzt sind. 28 junge Soldatinnen und Soldaten im Dienstgrad Gefreiter bis Hauptgefreiter, die erst seit etwa einem Jahr im Bataillon sind oder erst kürzlich nach der Grundausbildung nach Mittenwald frisch versetzt wurden, sollen in zwei Tagen zwei Märsche auf Skiern oder Schneeschuhen schaffen. Einen auf das 1.776 Meter hohe Dürnbachhorn in den Chiemgauer Alpen und einen auf die Hohen Roßfelder in rund 1.900 Meter Höhe in den Berchtesgadener Alpen. Das sind jeweils etwa 1.000 Höhenmeter auf 15 Kilometer Strecke.

Umwerfendes Bergpanorama

In einer Berglandschaft marschieren zwei Soldaten auf Tourenskiern an einer Almhütte vorbei.

Vorbei an der Priesbergalm marschiert Feldwebel Helmut S., ein junger Heeresbergführeranwärter, den Ausbildungsgruppen der Gebirgsjäger voran.

Bundeswehr/Karsten Dyba

Etwas oberhalb der Winklmoosalm wird das Gelände steil und schwieriger. Niedrigwachsende Latschenkiefern machen den Weg zum Gipfel für Skiläufer unpassierbar. „Wir legen jetzt ein Skidepot an“, befiehlt Feldwebel Thorben M. seiner Gruppe. Skier abschnallen, in den Schnee stecken, Rucksack wieder auf – weiter geht’s. Oben auf dem Gipfel, wo Bergwanderer ein kleines Gipfelkreuz zusammengenagelt haben, eröffnet sich ein atemberaubendes Bergpanorama.

Feldwebel M. blickt einen Soldaten streng an: „Und, was machen Sie jetzt?“ Hauptgefreiter Youssef A. steht mit nassgeschwitztem T-Shirt im Schnee. Keine Frage: Wer nach einem solch anstrengenden Aufstieg oben ankommt, muss sich erst einmal trockenlegen und eine warme Jacke anziehen, denn Gesunderhaltung ist Soldatenpflicht. Danach die Gipfeleinweisung: Stabsunteroffizier Benedikt W. erklärt der Gruppe, welche Berge und Geländepunkte zu sehen sind. Oben auf dem Grat verläuft die Grenze zu Österreich. In der Tiefebene im Norden ist die dunkle Wasserfläche des Chiemsees erkennbar, im Süden thront das Massiv des Wilden Kaisers nahe Kitzbühel. Der Stabsunteroffizier zeigt nach Osten in Richtung Berchtesgaden und sagt: „Dort sehen wir den Großen Weitschartenkopf mit 1.979 Metern. Weiter drüben sehen wir den Hochkalter mit 2.607 Metern, der verdeckt gerade den Watzmann.“

Verwundet in Eis und Schnee

Ein verwundeter Soldat liegt festgezurrt auf einem Transportschlitten. Mehrere Soldaten mit Gepäck kümmern sich um ihn.

Bevor der Verwundete abgeseilt wird, vergewissert sich Hauptgefreiter Bastian C. (v. r.) mit einem Blick nach unten, ob die Kameraden am Fuß des Steilhangs bereit sind, ihn entgegenzunehmen.

Bundeswehr/Karsten Dyba

Beim Abstieg wartet eine weitere Herausforderung auf die Gebirgsjäger: Ein Kamerad sagt, er habe Schmerzen im Arm. Er mimt einen Verwundeten. Die sanitätsdienstliche Lageeinspielung dient als Abschlussübung, denn die Bergung eines Verwundeten im Gebirge ist eine knifflige Angelegenheit, bei der sehr auf Sicherheit geachtet werden muss. Der Hauptgefreite brüllt schmerzerfüllt. Die Ersthelfer untersuchen ihn auf mögliche weitere Verletzungen, schienen seinen Unterarm, wickeln ihn in eine Rettungsdecke ein, um ihn warmzuhalten. Die Hauptgefreiten Bastian C. und Anna R. sind als Führer eingeteilt, koordinieren die Arbeitsschritte. Hauptmann M. stemmt derweil die Kanten seiner Skier in den Schnee, setzt sich auf den Rucksack, zückt einen Meldeblock und einen Bleistift und beobachtet von etwas weiter oben das Geschehen. Bleiben die Soldaten ruhig und überlegt? Wenden sie die erlernten Handgriffe richtig an?

Der Hauptmann wertet die Übung aus, während die Gebirgsjäger den Verwundeten in die Universaltrage 2000, einen zusammensteckbaren Rettungsschlitten, betten und festschnallen. Mit großen Schneeschaufeln vergraben sie ein Paar Skier im Schnee, das als Anker dient, um den Rettungsschlitten den steilen Hang hinab abzuseilen. Bislang läuft alles. Der Hauptmann scheint zufrieden: „Das sieht sehr gut aus.“ Zwei Hauptgefreite sind als Führer eingeteilt, koordinieren die Arbeitsschritte. Vorsichtig lassen die Soldaten den Rettungsschlitten mit dem verwundeten Hauptgefreiten ab.

Lohnende Stadtflucht

Mit einem Transportschlitten und von fünf Soldaten auf Skiern gesichert, wird ein Verwundeter zu Tal gefahren.

Stets durch die Gurte seiner Kameraden gesichert, bringen die Soldaten den Verwundeten sicher ins Tal.

Bundeswehr/Karsten Dyba

Am Fuß des Steilhangs wird umgebaut, die Soldaten schnallen ihre Skier an und ziehen den Schlitten über die Skipiste ins Tal hinab. Zwei von ihnen sichern den Schlitten mit langen Gurten, damit er nicht davonrutschen kann. „Es ist nicht selbstverständlich, dass junge Mannschaftssoldaten eine Verwundetenrettung so routiniert bewerkstelligen“, lobt der Hauptmann seine Soldaten. „Das war eine Spitzenleistung, ich bin sehr zufrieden.“

Zweiter Tag: Hauptgefreiter Leonard P. atmet schwer. Mit verschwitztem Stirnband und ebenso nassem T-Shirt kämpft er sich die letzten Meter hinauf. Seit einem Jahr und vier Monaten ist er Soldat, hat sich als Freiwillig Wehrdienstleistender für 23 Monate verpflichtet. An seinem Gymnasium in Darmstadt hat der 20-Jährige den Sport-Leistungskurs belegt, wollte unbedingt zu den Gebirgsjägern: „Die körperliche Herausforderung habe ich gesucht“, sagt er. „Es ist nichts Alltägliches“. Dennoch schlaucht ihn der Aufstieg. Auf die Kraftanstrengung am Berg könne man sich durch übliches Konditionstraining kaum vorbereiten. Der Hang wird steiler. Leonard P. muss aufpassen, dass seine Skier auf der angefrorenen Schneeoberfläche nicht abrutschen. Hinter ihm folgen in Reihe zwei Gruppen auf Skiern und eine auf Schneetrittlingen, stets in Serpentinen den Hang hinauffahrend.

Essen wie vom Sternekoch

Ein Soldat auf Skiern mit Schneetarnjacke und Rucksack fährt einen Hang hinunter.

Hauptgefreiter Leonard P. hat den schwierigsten Teil der Abfahrt auf den harschen Schneefeldern hinter sich gebracht. Ab der Priesbergalm wird das Skifahren auch für ihn zum Vergnügen.

Bundeswehr/Karsten Dyba

Der Ausbilder hechtet auf seinen Skiern neben der Gruppe her, spornt sie an. Feldwebel M. ist Sportler, erklimmt mühelos den Berg und gesteht überraschenderweise und ganz nebenbei, das Skilaufen sei „ja nicht so mein Ding ist. Ich bin eher der Läufer“. Berge besteige er für gewöhnlich im Laufschritt. Die Bedingungen für einen Marsch mit Tourenski sind nicht mehr ganz so ideal: Die letzten Wochen waren zu warm, in tieferen Lagen ist der Schnee schon teilweise weggeschmolzen. Oberhalb von 2.000 Metern, so hieß es zuvor bei der Befehlsausgabe in der Reichenhaller Hochstaufenkaserne, „dominieren an der Schneeoberfläche harte und eisige Wind- und Schmelzharschschichten“. Wenigstens eines ist angenehm im März: Die Sonne scheint.

Beim Gebirgsleistungsmarsch Erlerntes zeigen

Die Soldaten haben schon einen Marsch in den Knochen. „Ich haHektarb’s gestern in den Beinen gemerkt“, sagt Leonard P. „Heute habe ich etwas Muskelkater.„ Dazu die Biwaknacht auf dem Sillberg, dem Standortübungsplatz der „Struber Jager“ in Bischofswiesen. Minus vier Grad sagte der Wetterbericht für die Nacht voraus, mit neun Grad ist es tagsüber vergleichsweise mild. Es ist schon dunkel geworden, als der Kompaniefeldwebel, der Spieß, die warme Verpflegung bringt. Eine Kartoffel-Brokkoli-Pfanne, die nach einem anstrengenden Tag am Berg so schmeckt, als sei sie vom Sternekoch. Der Bau von Behelfsunterkünften – zum Beispiel mit einem Poncho als Schrägdach – die Suche nach Verschütteten mit Lawinenschaufel und Suchgerät und die Arbeit mit dem Rettungsschlitten waren die Themen der Ausbildung der vergangenen Tage. Beim Gebirgsleistungsmarsch gilt es zu zeigen, ob das Gelernte angewendet werden kann, erklärt der Kompanieeinsatzoffizier, Hauptmann David M. Er weiß: Die Ausbildung am Gerät war in den vergangenen Wochen sehr intensiv – auch wegen Corona.

Ellenbogen statt Handschlag

Vor dem Hintergrund eines Bergpanoramas ziehen Soldaten die Schneetarnanzüge über ihre Uniform an.

Auf dem Gipfel des Dürnbachhorns bereiten sich die Soldaten und Soldatinnen auf den Abstieg vor. Die vorangegangenen Anstrengungen werden mit einem herrlichen Bergpanorama vom Alpenhauptkamm bis zum Chiemsee belohnt.

Bundeswehr/Karsten Dyba

Die übliche Liftwoche zur Skiausbildung fällt aus, aber die Ausbildung findet trotz strenger Hygienemaßnahmen statt. Zum Training haben die Gruppenführer in der Vorwoche mit ihren Soldaten noch einen leichten Bergmarsch über 600 Höhenmeter absolviert, sagt der Kompanieeinsatzoffizier. Weit unten öffnet sich das Tal, ein Stück des Königsees lugt zwischen Felswänden hervor. Dahinter thront der Watzmann mit seinen drei Gipfeln, der Hausberg Berchtesgadens. Feldwebel Helmut Sch. steht oben auf dem Plateau und blickt hinüber. „Der Watzberg“, sagt er respekt- und liebevoll zugleich, beißt in sein belegtes Brot und sieht zu, wie seine Soldaten der Spur folgen, die er wenige Minuten zuvor durch den harschen Schnee gezogen hat. Traditionell begrüßt er jeden, der das Plateau erreicht. Vor Corona war’s ein Handschlag, jetzt berühren sich leider nur die Ellenbogen. Darunter liegt die Roßfelderalm, darüber sticht das Gipfelkreuz des 2.164 Meter hohen Fagsteins in den Himmel.

Positiv überrascht

„Jetzt bin ich schon froh, oben zu sein“, sagt Hauptgefreiter Leonard P., „aber man muss ja auch wieder runter“. Das Abfahren auf dem schwierigen Altschnee ist gar nicht so einfach. So mancher macht „den Skorpion“, wie die Gruppe es nennt, wenn einer von ihnen stürzt, dass sich die Gliedmaßen fast verknoten. Feldwebel M. ist stolz auf seine Gebirgsjäger: „Ich bin positiv überrascht, dass die alle keine Angst und Lust darauf haben.“ Das bemerkt er auch über das Ende des Dienstalltags hinaus. Weil wegen der Corona-Maßnahmen die Skilifte geschlossen sind, haben sich die jungen Soldaten am Wochenende die Skier geschnappt und selbständig das Skifahren geübt. Das beeindruckt den Ausbilder sehr. So wie sich seine Gruppe derzeit zusammensetze, sagt der Feldwebel, „macht mir der Dienst noch mehr Freude und Spaß“.

von Karsten Dyba