Heer

Keine Zeit zum Warten

Keine Zeit zum Warten

  • Spezialisierte Kräfte
  • Heer
Datum:
Ort:
Wildflecken
Lesedauer:
5 MIN

Der selektive Schuss ist eine besondere Fähigkeit der Spezial- und Spezialisierten Kräfte. Sie sind dazu ausgebildet, binnen Millisekunden entscheiden zu können, ob sie schießen oder nicht. Warum müssen Soldaten, wie die speziell auf sensitive Operationen trainierten Fallschirmjäger mit Erweiterter Grundbefähigung (EGBErweiterte Grundbefähigung), diese Fähigkeit haben?

Ein Soldat steht mit der Waffe in einer Türzarge und zielt auf zwei gegenüberliegende Zielscheiben.

Die Fähigkeit des selektiven Schusses zählt bei den EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldaten zur Grundvoraussetzung ihres Vorgehens bei einer Operation.

Bundeswehr/Carl Schulze

Im Nebel stehen sie vor dem Eingang eines Gebäudes, mitten im feindlichen Gebiet. Innen soll sich eine Person aufhalten, die von den EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldaten lebend festgesetzt werden muss, Zielperson genannt. In wenigen Sekunden wird die Sprengladung an der Tür detonieren und den Soldaten den Zugang in das Gebäude ermöglichen. Dann zählt jede Sekunde. Was wird sie im Innern, in der Dunkelheit erwarten? Bewaffnete Kämpfer, Sprengfallen, unschuldige Zivilisten: Sie sind auf Vieles präzise vorbereitet, aber ein gewisser Moment der Überraschung, der Ungewissheit lauert hinter jeder Tür. Um in diesem Gebäude zu überleben und keine unschuldige Person zu gefährden, ist der sogenannte selektive Schuss eine Grundlage. Mit dieser Fähigkeit können EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldaten jederzeit, auch unter enormem Stress zwischen Schießen und Nichtschießen entscheiden.

Ihr Grundsatz: Der Schutz Unbeteiligter

Ein Soldat steht in einem Raum mit seinem Gewehr und zielt auf einen Schrank.

Nicht schießen! In einem Schrank hat sich eine unbewaffnete Person versteckt. Ist das die Zielperson?

Bundeswehr/Maximilian Schulz

Ein Grundsatz der EGBErweiterte Grundbefähigung-Kräfte ist, dass sie nicht jede Person mit der Waffe bedrohen, die sich in ihrem Verantwortungsbereich, wie in einem Gebäude, aufhält. Sie handeln nach dem absoluten Leitsatz, jegliche Kollateralschäden sind zu vermeiden, Zivilisten sind zu schützen und nur unmittelbare Bedrohungen auszuschalten. Dabei ist der selektive Schuss keine Fähigkeit, die jeder Soldat per se mitbringen muss, sondern er wird sehr intensiv und gezielt in der Ausbildung bei den EGBErweiterte Grundbefähigung-Kräften geübt. So trainieren die Soldaten immer im scharfen Schuss, etwa mit Zielscheiben, die beispielsweise unterschiedliche Silhouetten haben. Sie üben häufig in Schießhäusern, in denen unzählige Raum- und Personensituationen variabel dargestellt werden können.

Der selektive Schuss

Eine zerschossene Zielscheibe aus Pappe zeigt einen bewaffneten Angreifer und liegt auf dem Holzboden in einem Raum.

Mit unterschiedlich gestalteten Zielscheiben wird die Reaktionsfähigkeit der EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldaten trainiert.

Bundeswehr/Marco Dorow

Was sehen die EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldaten durch ihr Visier, worauf achten sie? Die Soldaten sind darauf trainiert, zunächst auf die Hände zu achten. Das heißt, wo sind die Hände des Angreifers oder der Zielperson? Stellt die Person wirklich eine Bedrohung dar? Muss der Soldat sie mit Waffengewalt bekämpfen oder reicht auch eine andere nicht letale Maßnahme aus? Es zählt: „Je schneller gehandelt wird, desto besser“, erklärt EGBErweiterte Grundbefähigung-Zugführer und Ausbilder vom Fallschirmjägerregiment 26 aus Zweibrücken, Hauptfeldwebel Thorsten Riege*. „Wir legen keinen Zeitrahmen fest, aber der Soldat muss innerhalb von Millisekunden erkennen, ob er schießen soll oder nicht. Wir reden immer von drei Punkten: vom sauberen Wahrnehmen, Erkennen und Auffassen. Zunächst nehme ich etwas wahr. Im zweiten Schritt erkenne ich gegebenenfalls, dass es sich um eine Bedrohung für mich handelt. Im dritten Schritt fasse ich es auf, gehe ins Ziel und greife es im Notfall an. Besonders auffällig ist, dass der Gegner nie nur mit einem Schuss bekämpft wird. In der Regel wirkt der Soldat mit seiner Waffe so lange auf sein Ziel, bis der Feind auch wirklich ausgeschaltet ist.

Hinter der Tür lauert die Gefahr

Drei Soldaten mit Gewehr im Anschlag stürmen bei Nebel durch die geöffnete Tür eines Holzhauses.

Nach dem Öffnen der Tür ist Entschlusskraft und höchste Konzentration gefragt, wenn die EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldaten das dunkle Gebäude vom Feind freikämpfen.

Bundeswehr/Marco Dorow

Es gibt verschiedene Arten von Personen, die unterschiedlich behandelt werden. Man unterscheidet zwischen „Papas“ und „Tangos“. Tango steht für Target, also ein Ziel. Der Tango stellt für den EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldaten eine klare Bedrohung dar, weil er ihn in einer aktiven Waffenhaltung bedroht. Und es gibt Papas, angelehnt an das P aus dem NATO-Alphabet. Das P steht für persons, also auf den ersten Blick unbewaffnete Personen, die sich im Verantwortungsbereich der spezialisierten Kräfte aufhalten. Die Papas müssen im Rahmen des Angriffs trotzdem mit aller Konsequenz und mit einer bestimmenden Art behandelt werden. Schließlich können auch sie versteckt eine Waffe tragen und feindliche Absichten haben. Man spricht vom Dominieren des Papas. Dominieren heißt, der Papa wird fixiert und an jeglichem Handeln gehindert. Dann wird der Papa schnell durchsucht und mit Handschellen oder Kabelbindern fixiert, um die eigene Truppe während der Operation zu schützen. Papas werden immer bewacht und im Anschluss gezielt mit Gehörschutz und verbundenen Augen rausgeführt, um keine Details der eigenen Operation preiszugeben.

Warum nicht die normale Truppe?

Ein Soldat mit Gewehr im Anschlag schießt in einem Raum eines Holzhauses auf eine Zielscheibe.

Mit gezielten Schüssen muss der bewaffnete und schießwillige Feind blitzschnell ausgeschaltet werden. Es besteht für den, der zögert absolute Lebensgefahr.

Bundeswehr/Maximilian Schulz

Nicht jeder Soldat der Bundeswehr ist im selektiven Schuss ausgebildet. Einerseits fehlen wichtige Ausbildungen und Sicherheitsfreigaben, wie die Erlaubnis zum Wirken im 5-Grad-Winkel, bei dem die Spezialisten auch in nächster Nähe an ihren Kameraden vorbeiwirken können. Andererseits ist dafür ein spezieller Auftrag notwendig. Denn die EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldaten brauchen diese Fähigkeit für ihr Wirken in einem sensitiven Umfeld. Gerade hier kommt es auf die sichere und stressresistente Schussabgabe an. „Als Spezialisierte Kräfte des Heeres mit Erweiterter Grundbefähigung sind wir genau dafür da, gezielt und sensitiv vorzugehen“, so Riege. Die Fähigkeiten zu erhalten, ist allerdings sehr trainingsintensiv. Nicht jeder Truppenteil der Bundeswehr kann sich solch ein Training von der Zeit her erlauben. Neben der besonders intensiven und spezialisierten Ausbildung steht den EGBErweiterte Grundbefähigung-Kräften auch eine besondere Ausstattung für ihren Auftrag zur Verfügung, die sie von der Masse der Truppe unterscheidet. So besitzen sie einen neuen Gefechtshelm, an dem verschiedene Elemente angebracht werden können, arbeiten mit Sprengladungen oder nutzen eine leicht bedienbare Funkausstattung sowie einen Mix aus Waffen, der sich besonders für den Kampf in urbanem Gelände eignet.

Das G36K A4: Das Sturmgewehr der EGBErweiterte Grundbefähigung-Kräfte

Ein Soldat blickt durch ein Zielfernrohr und schießt draußen mit seinem Gewehr.

Vor jedem Training schießen sich die EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldaten warm.

Bundeswehr/Maximilian Schulz

Die Infanteristen nutzen, wie fast alle Soldaten der Bundeswehr, das Sturmgewehr G36. Ihre Version unterscheidet sich allerdings deutlich von dem in der Truppe verwendeten Modell. Es ist das besonders kurze und in engen Räumen leichter bedienbare Sturmgewehr G36K A4. Diese Waffe ist im Unterschied zum Standard-G36 nicht nur kürzer. Es hat auch besondere Optiken montiert, die sich besonders für den Einsatz in Gebäuden eignen. Es verfügt über ein Leuchtpunktvisier, auch bekannt als EOTech-Visier, und einen zusätzlichen optischen Booster mit Dreifach-Vergrößerung, der variabel bei Bedarf einfach hinter das EOTech-Visier geklappt wird, um auch Ziele auf größerer Entfernung außerhalb der Objekte bekämpfen zu können. Zusätzlich hat die Waffe ein sogenanntes Laser-Licht-Modul, eine Art Taschenlampe an der Vorderseite der Waffe, mit dem die Soldaten auch in dunklen Räumen zielsicher schießen können. Mit dem zusätzlichen Triangle-Griff kann die Waffe leichter und angenehmer gegriffen und präziser geführt werden.  

Der kleinste Fehler kann fatale Folgen haben

Drei Soldaten mit einer Leuchte am Gewehr stürmen durch ein dunkles Gebäude.

Im engen Gebäude ist die Gefahr groß, sich und Kameraden zu verletzen. Jeder EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldat erhält deshalb eine komplexe und intensive Ausbildung.

Bundeswehr/Maximilian Schulz

Jeder EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldat lernt den selektiven Schuss in seiner Basisausbildung. Aber auch nach der Ausbildung und regelmäßigem, intensiven Training als aktiver EGBErweiterte Grundbefähigung-Soldat könne man gar nicht sagen, man sei fertig ausgebildet, so der Zugführer der EGBErweiterte Grundbefähigung-Spezialisten aus Zweibrücken. Die Leistungen der Soldaten, ihre Reaktionsschnelligkeit und Wahrnehmungsfähigkeit sind auch tagesformabhängig. „Wenn man mit dem Kopf nicht dabei und nicht konzentriert ist, dann nimmt man Dinge möglicherweise falsch wahr. Das wiederum führt zu Fehlern und im schlimmsten Fall zum Tod einer unschuldigen Person.“ Deshalb zählen bei jeder Mission klarer Verstand, Robustheit, aber auch die Fähigkeit, seine eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzen zu können.

*Name zum Schutz des Soldaten geändert

von Peter Müller
Drei Soldaten laufen mit ihrem Gewehr bei Rauch an einem Gebäude vorbei.

EGBErweiterte Grundbefähigung: Spezialisierte Kräfte des Heeres

Als Spezialisierte Kräfte des Heeres haben diese Fallschirmjäger besondere Fähigkeiten.

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