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Neuer Pfarrer in Veitshöchheim: Ziehen Sie sich warm an

Neuer Pfarrer in Veitshöchheim: Ziehen Sie sich warm an

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Datum:
Ort:
Veitshöchheim
Lesedauer:
5 MIN

Biwak mit Soldaten? „Ich bitte darum“, sagt Jochen Fiedler, „da warte ich schon drauf“. Er reißt sich um derlei Abenteuer. Ihn nicht dazu aufzufordern, das käme schon einer groben Unkameradschaftlichkeit gleich. Fiedler ist der neue evangelische Militärpfarrer in der Balthasar-Neumann-Kaserne in Veitshöchheim dem Sitz des Stabes der 10. Panzerdivision.

Zwei Pfarrer singen – einer in schwarzem, der andere in weißem Talar und mit Gitarre.

Kasernen-Ökumene beim Corona-Bittgottesdienst auf dem Hubschrauberlandeplatz: Militärpfarrer Jochen Fiedler (l.) und seinen katholischen Amtsbruder eint die Freude an der Musik.

Bundeswehr/Oliver Schmidt

Aufgeschlossen sieht Jochen Fiedler seiner künftigen Aufgabe entgegen. Würde er in den Auslandseinsatz gehen? „Unbedingt“, so seine Antwort. Das ist das Besondere an seinem Job; das macht den wesentlichen Unterschied zu seinem bisherigen Wirkungsfeld aus. „Es gehört zum Berufsethos, dass der Pfarrer da ist, wo Menschen Krisen erleben“, versichert der neue Militärpfarrer Fiedler. Dabei ist eines so gar nicht neu für ihn: Uniformen. Acht Jahre lang trug er blau – als Polizeipfarrer bei der Bundespolizei, die die Seelsorge vom alten Bundesgrenzschutz geerbt hatte. Sechs Jahre lang in der Bundespolizeidirektion Stuttgart, wo er auch Einsätze rund um die Demonstrationen gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 begleitet hat, zuletzt zwei Jahre im Ausbildungszentrum in Bamberg, seiner Heimat, in einer alten Kaserne, die ihm aus Jugendzeiten vertraut war.

Flecktarn ist vielfältiger

Ein Mann im grauen Mantel steht neben einer Bronzeplastik vor einem Kasernengebäude.

Von der Bundespolizei zur Bundeswehr: Der evangelische Militärpfarrer Jochen Fiedler mit der bayerischen Löwenmutter vor dem Stabsgebäude der 10. Panzerdivision.

Bundeswehr/Oliver Schmidt

Und auch da kommt wieder die Uniform ins Spiel: In der Nachbarschaft zu dieser Kaserne wuchs er als Bub mit den USUnited States-Amerikanern auf, deren kulturellen Einfluss auf seine Heimatstadt er sehr schätzte. Bamberg war damals einer der größten USUnited States-Standorte. Jetzt Veitshöchheim. Bundeswehr. Flecktarn. Nicht mit wehenden Fahnen, aber doch sehr gern und mit großer Neugier, sagt Fiedler. Dem 57-Jährigen hatte es bei der Bundespolizei so gut gefallen, dass man ihn habe lange überreden müssen, um ihn zur Militärseelsorge wegzulocken. „Du hast keinen so langen Anmarschweg, um da anzukommen“, so versuchte ihn eine Kollegin aus der Militärseelsorge in Berlin abzuwerben. Der leitende Militärdekan Ralf Zielinski gab sich geduldig: „Wir warten so lange auf Sie, wie es eben dauert.“ Fiedler gab sich einen Ruck: „Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man nochmal wechseln kann“, sagt Fiedler. Seinen Job in Bamberg brachte er in aller Ruhe zu Ende. Seit November ist er in Veitshöchheim, inzwischen ist er auch eingekleidet. Geht es in den Einsatz, trägt der Pfarrer Flecktarn – wie seine Soldatengemeinde. Das Grünzeug sei vielfältiger als seine frühere Polizeiuniform, meint Fiedler, „das hat sich etwas angefühlt wie damals bei der Pfadfinderei“. Noch so ein Anknüpfungspunkt.

Investitur per Video übertragen

Ein Pfarrer im schwarzen Talar blickt zu Boden. Ein General, ein Polizist, ein Pfarrer legen ihm eine Hand auf die Schulter.

Investitur: Brigadegeneral Ruprecht von Butler (l.), der leitende Polizeidirektor Thomas Lehmann (hinten) und der katholische Militärpfarrer Dr. Andreas Rudiger verpflichten Jochen Fiedler (vorn) als evangelischen Militärpfarrer.

Bundeswehr/Oliver Schmidt

„Wir haben ein bisschen auf Sie warten müssen“, sagte Militärbischof Dr. Bernhard Felmberg bei der Investitur in der Veitshöchheimer Christuskirche. So wie die Corona-Pandemie seine viermonatige Probezeit prägten, so beherrschte sie auch den Gottesdienst: Felmberg verlegte den Einführungsgottesdienst kurzerhand ins Internet. 74 Teilnehmende verfolgten die Videokonferenz am Bildschirm. Lediglich der neue Kommandeur der 10. Panzerdivision, Brigadegeneral Ruprecht von Butler, sowie der leitende Polizeidirektor Thomas Lehmann vom Aus- und Fortbildungszentrum der Bundespolizei in Bamberg konzelebrierten in der Kirche. Die Hand auf Fiedlers Schulter gelegt verpflichteten sie gemeinsam mit Militärdekan Zielinski und dem katholischen Militärpfarrer Dr. Andreas Rüdiger den Militärpfarrer für seine neuen Aufgaben. Auf dem Bildschirm hob der aus Berlin zugeschaltete Bischof die Hand zum Segen. „Viel Zeit wird er mit den Soldaten verbringen – das geht über das normale Maß des Dienstes eines Pfarrers hinaus“, sagte Felmberg. Fiedler wird künftig die Standorte Veitshöchheim, Sitz des Stabes der 10. Panzerdivision, und Volkach, wo das Logistikbataillon 467 beheimatet ist, betreuen. „Säen Sie, ernten Sie!“, forderte der Bischof den neuen Militärpfarrer auf, „Sei es bei Frost oder Hitze, Sommer oder Winter, Tag oder Nacht.“

Das Faible für Technik passt zur Truppe

Ein Pfarrer sitzt in seinem Büro vor einem alten Röhrenradio.

Guter Draht nach oben: In seiner Freizeit repariert der passionierte Elektrotechniker Jochen Fiedler alte Röhrenradios.

Bundeswehr/Oliver Schmidt

Theologie und Pädagogik habe er in Erlangen ja vor allem deshalb studiert, weil er als Jugendlicher im Christlichen Verein Junger Männer (CVJM) aktiv war. Daneben hat Fiedler noch eine andere Berufung: die Elektrotechnik. Seit frühester Jugend bastelt er an Elektronischem. Mit einem Lasertag-System für nächtliche Geländespiele, gebastelt aus Blitzbirnen, Lichtkontakten und Taschenlampen, begeisterte er seine Clique – vom Prinzip her ähnlich wie der spätere Duellsimulator der Bundeswehr. Heute ist es die Funktechnik – in seinem Büro stehen alte Röhrenradios aus Omas Zeiten, die er in seiner Freizeit repariert und restauriert. Das Saba Bodensee zum Beispiel. „Das war früher der Mercedes unter den Radios.“ Seinem Faible für Technik möchte er nun bei der Bundeswehr freien Lauf lassen. „Die Truppe hat da ja viel zu bieten“, sagt Fiedler. Da falle es ihm sicher leicht, mit Soldaten ins Gespräch zu kommen. Wie gut, dass es in Veitshöchheim eine Stabs- und Fernmeldekompanie gibt, aus der bald sogar ein Fernmeldebataillon werden soll. Die Familie gibt dazu ihren Segen: Mit seiner Frau lebt Fiedler in Bad Kissingen, Sohn und Tochter sind längst flügge und studieren in Würzburg und Bayreuth.

Höhlenforscher in der Freizeit

Ein Pfarrer in Polizeiuniform spricht mit Polizisten einer Bereitschaftsstaffel, im Hintergrund Bahnanlagen.

Kameradschaft ist auch bei der Bundespolizei wichtig: Jochen Fiedler als Polizeipfarrer bei einem Einsatz der Bereitschaftspolizei.

Bundespolizei

Hitze und Kälte – das meinte Bischof Felmberg ganz wörtlich: „Als Höhlenforscher haben Sie gelernt, dass das Kälteempfinden für den, der es gewohnt ist, ein ganz anderes ist. Höhlenforschung, die Speläologie, ist auch so ein Steckenpferd des Abenteurers Fiedler. „Ich bin nicht so sehr der pastorale Pfarrer“, sagt Fiedler von sich, „und ich bin auch kein Büchermensch“. Das glaubt man schnell, befasst man sich etwas mit seiner Person. Viele Höhlen auf der Fränkischen und der Schwäbischen Alb kennt er „inside“, so manche hat er mit seinem Höhlenverein vermessen, in so mancher musste er sogar durch Siphons, also durch einen unter Wasser stehenden Höhlenteil, tauchen. „Man kommt dazu, indem man als Kind recht umtriebig ist“, erklärt Fiedler. Einen „Tunichtgut“, so habe man damals jene bezeichnet, die heute eher als Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit gelten. Mit fünf Jahren habe er schon hoch hinauswollen – als Astronaut. Mit 16 war es dann ein Kreidefelsen an der englischen Kanalküste. Ein Kletterseil ist im Gottesdienst sein Symbol: „Lieber klettere ich mit einem ordentlich festen Seil mit anderen zusammen, denn das gibt mir wirkliche Freiheit.“

Im Einsatz für die Soldaten da sein

Ein Pfarrer in dunkler Kleidung und ein Soldat sitzen sich an einem Beistelltisch gegenüber.

„Für die Leute da sein, auch wenn sie in den Einsatz gehen“: Pfarrer Jochen Fiedler im Gespräch mit einem Soldaten.

Bundeswehr/Oliver Schmidt

Seilschaft, Kameradschaft, das kennt er von der Bundespolizei. Die Kollegialität, wie es dort heißt, spiele eine große Rolle, gerade „wenn man gemeinsam in einer brenzligen Situation ist“. Diese Horizonterweiterung sucht er. „Ich will in den Einsatz“, sagt er ganz bestimmt, denn er will „für die Leute, die mir anvertraut sind, da sein können, auch wenn sie in den Einsatz gehen“. Er werde künftig mehr mit Menschen zu tun haben, die eine traumatische Situation erlebt haben. Das mache die Seelsorge bei der Bundeswehr anders als bei der Polizei. Dort hätte er zwar ebenfalls in einen Auslandseinsatz gesandt werden können, „es hat sich aber nicht ergeben“. Seiner ersten Mission – ob in der Hitze Malis oder im kalten Winter des Baltikums – fiebert er mit derselben jugendlichen Neugier entgegen wie dem nächsten Höhlentrip. Den Bundeswehrsoldaten gibt Militärbischof Felmberg deshalb einen sehr, sehr brauchbaren Rat mit: „Wenn Sie mit Bruder Fiedler unterwegs sind, ziehen Sie sich warm an!“

von Karsten Dyba

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