Heer

Neues Führungssystem: Schneller, einfacher und präziser

Neues Führungssystem: Schneller, einfacher und präziser

  • Digitalisierung
  • Heer
Datum:
Ort:
Wildflecken
Lesedauer:
4 MIN

Altraverdo ist durch Truppen des Nachbarstaats Wislanien teilweise besetzt. Die NATONorth Atlantic Treaty Organization hilft und entsendet ihre Kräfte ALTFOR, darunter die 10. Panzerdivision. In diesem Szenario übt die Division im Gefechtssimulationszentrum Heer in Wildflecken die Landes- und Bündnisverteidigung. Gut 900 Soldaten der Bundeswehr, Frankreichs, der USAUnited States of America und Litauens sind bei der Übung Schneller Degen im Einsatz.

Ein Kameramann filmt und ein Journalist interviewt mit Mikrofon einen Soldaten.

„Was sagen Sie zu den Vorwürfen?“ Die Krisenreporter Peter Dollé (l.) und Mike Mühlberger interviewen den Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23, Brigadegeneral Jared Sembritzki (M.).

Bundeswehr/Stephan Voges

„Ich berichte direkt aus dem Krisengebiet in Altraverdo, wo sich die Bevölkerung inzwischen über leere Supermarktregale beklagt“, sagt Reporter Mike Mühlberger in die Kamera. Die Versorgungssituation im Südosten des Landes hat sich zugespitzt, nachdem Truppen der 10. Panzerdivision zum Gegenangriff übergegangen sind. Ein paar Wochen zuvor war der Nachbarstaat Wislanien dort mit Truppen einmarschiert. Nun verbreitet er den falschen Vorwurf, die NATONorth Atlantic Treaty Organization sei für die katastrophale Versorgungslage der Zivilbevölkerung verantwortlich.

Szenario: hybride Kriegsführung

Zwei bewaffnete Soldaten stehen vor einem mit Stacheldrahtrollen gesicherten Gebäudeeingang.

Der Gefechtsstand der Gebirgsjägerbrigade 23 ist gut gesichert: Das Schild mit dem taktischen Zeichen zeigt, wo er zu finden ist.

Bundeswehr/Karsten Dyba

Terroristische Anschläge, die auf die Zivilbevölkerung zielen, Cyberattacken, mit denen die Infrastruktur auch in den Heimatländern der Soldaten lahmgelegt wird, und gezielte Desinformationen, die die Bevölkerung verunsichern – das alles gehört neben konventionellen Gefechten mit höchster Intensität zu einem möglichen Szenario hybrider Kriegsführung. Im Mittelpunkt stehen dabei die Gebirgsjägerbrigade 23 aus Bad Reichenhall und die Deutsch-Französische Brigade aus Müllheim/Baden, deren Stäbe in Wildflecken die Führung militärischer Operationen in einer komplexen Lage unter Führung der 10. Panzerdivision üben.

Wie sehr die Digitalisierung das Gefechtsfeld bestimmt, lässt sich während der Übung Schneller Degen gut erkennen: Erstmals übt die Division mit dem neuen Führungsinformationssystem, dem Sitaware Headquarter. „Es lässt sich intuitiv bedienen“, schwärmt der Plans Officer, Hauptmann Michael Renner. „Das ist ein Quantensprung im Vergleich zu früher.“ Er schätzt vor allem das sehr genaue Lagebild. Der Kommandeur der 10. Panzerdivision treibt die Digitalisierung voran und lobt ebenfalls die Möglichkeiten, die das neue Führungsinformationssystem bietet: „Sitaware Headquarter schafft eine neue Qualität in der digitalen Lagedarstellung für meine Stäbe, wie es sie vorher so nicht gab. Mir ist wichtig, dass wir die Nutzung moderner Führungsinformationssysteme in der 10. Panzerdivision beschleunigen und intensivieren“, sagt Generalmajor Harald Gante. Sitaware ist das neue Battle Management System für das Deutsche Heer. Im letzten Jahr hat sich diese Software im neu aufgestellten Test- und Versuchsverband in Munster bei den praxisnahen Tests der Truppe durchgesetzt.

Für die Deutsch-Französische Brigade stellt die Übung Schneller Degen den Einstieg in die Vorbereitung als Very High Readiness Joint Task Force Land (VJTFVery High Readiness Joint Task Force (L)) dar. Im Jahr 2022 stellt der Brigadestab die Führung der französischen Truppenteile für die Schnelle Eingreiftruppe der NATONorth Atlantic Treaty Organization. Ein Auftrag mit Signalwirkung, wie der Divisionskommandeur findet. 2023 stellt die Panzergrenadierbrigade 37 die VJTFVery High Readiness Joint Task Force und das nationale Gros der Truppe.

10. Panzerdivision führt Gebirgsjäger

Auf einem freien betonierten Platz stehen mit grünen Netzen getarnte Zelte, ringsum liegt Schnee und stehen Gebäude.

Auf dem Exerzierplatz der Rhön-Kaserne in Wildflecken hat die Stabs- und Fernmeldekompanie den vorgeschobenen Gefechtsstand der 10. Panzerdivision aufgebaut.

Bundeswehr/Gefechtssimulationszentrum Wildflecken

Im Gefechtsstand der Gebirgsjägerbrigade 23 geht es am ersten Übungstag noch vergleichsweise ruhig zu, obwohl der Gegenangriff schon anläuft. „Wir greifen seit 9.30 Uhr an mit der Absicht, unser erstes Angriffsziel zu erreichen“, erklärt Oberstleutnant Stefan P., Offizier der Generalstabsabteilung 3 der Brigade, verantwortlich für Ausbildung und Übung.

Sein Team arbeitet fieberhaft an einem klaren Lagebild in den nördlichen Alpen auf Grundlage der Feindmeldungen. Das erste Mal führt die 10. Panzerdivision die Gebirgsjäger in ihrem Gelände – den Alpen. Für das Hochgebirge sind die Soldatinnen und Soldaten der Gebirgsjägerbrigade ausgebildet und mit speziellen Fahrzeugen und anderem Material ausgestattet.

Auch Maultiere und Haflinger zum Materialtransport zählt diese Brigade zu ihren Kräften. Gante: „Die Gebirgsjäger kämpfen in ihrem Gelände und das machen sie ausgezeichnet.“ Bei diesen Gefechten versucht offensichtlich das wislanische Luftlanderegiment 31 entlang der Tiroler Ache, einem Fluss im Alpenvorland, eine neue Verteidigungslinie aufzubauen. „Die vordersten Spitzen der eigenen Truppen stehen im Feuerkampf mit dem Feind“, weiß der Operationsplaner des Stabes.

170 Rechner miteinander vernetzt

Ein Soldat sitzt und einer steht vor einem PC. Der Stehende zeigt mit dem Finger auf den Bildschirm.

Zwei Soldaten der Gebirgsjägerbrigade 23 besprechen die Lage am neuen Führungsinformationssystem Sitaware.

Bundeswehr/Karsten Dyba

Über einen Zeitraum von zwölf Monaten wurde das Projektteam der Division in seiner Vorbereitung der Übung Schneller Degen durch das Gefechtssimulationszentrum des Heeres unterstützt. Während der Übung konnten die Soldaten die Infrastruktur in der Rhön-Kaserne nutzen. Mit dem Simulationssystem KORA für die sogenannte CAX (Computer Assisted Exercise) wurden über 170 vernetzte Rechner bereitgestellt. Damit war ein sehr realistisches Üben mit dem neuen Sitaware möglich. Die Arbeit mit Sitaware bietet aus Sicht des CAX-Managers, Oberstleutnant Daniel Granich, enorme Vorteile: „Unser Simulationssystem spricht direkt mit dem neuen System. Das heißt, es muss nicht jeder Zug seinen Standort melden.“ Es sei schlichtweg schneller, weniger aufwendig und präziser. Vermieden werden so Ungenauigkeiten und Übungskünstlichkeiten. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt Granich.

Was sind die Absichten des Feindes?

Soldaten sitzen in zwei Reihen nebeneinander vor Computern. An den Wänden im Hintergrund hängen zwei große Landkarten.

Im Gefechtsstand der Gebirgsjägerbrigade 23 laufen die Fäden im Führungsinformationssystem Sitaware Headquarter zusammen. Zusätzlich wird als Plan B bei Cyberangriffen die Lagekarte geführt.

Bundeswehr/Lydia Birl

Im Zelt der Generalstabsabteilung 2 des Divisionsstabes, die unter anderem ein Dienstleister für Feindkräftebeurteilung, Wetterlage und Geländedaten ist, steht Oberstleutnant Florian Schleiffer vor einem großen Monitor mit vielen roten Kästchen, die die aufgeklärten Feindkräfte darstellen. Sein Team wertet die Feindlage aus: Zwei mechanisierte Infanteriedivisionen und eine Luftlandedivision aus Wislanien stehen den verbündeten Kräften der NATONorth Atlantic Treaty Organization gegenüber. „Wir entwickeln hier einen most likely enemy course of action“, erklärt Schleiffer. „Das heißt, wir versuchen anhand des Lagebildes herauszufinden, was die wahrscheinliche Absicht der Feindkräfte in den nächsten 24 Stunden ist.“

Basisgefechtsstand in Hardheim

Drei Soldaten stehen vor einer Lagekarte.

Brigadegeneral Peter Mirow (M.), Kommandeur der Deutsch-Französischen Brigade, erläutert Generalleutnant Johann Langenegger (r.), Kommandeur Einsatz des Kommandos Heer, die Lage in seinem Gefechtsabschnitt.

Bundeswehr/Karsten Dyba

Im Basisgefechtsstand der 10. Panzerdivision im 120 Kilometer südlich gelegenen Hardheim im Odenwald entwickelt derweil das Team um den USUnited States-amerikanischen Oberst Daniel Ruiz Pläne für die nächsten Tage. In einem Gebäude der Carl-Schurz-Kaserne findet gerade eine Lagebesprechung statt. Oberstleutnant Heiko Weißhaupt trägt Brigadegeneral Michael Podzus vor: „Vermutete Feindabsicht ist ein erneuter Angriff im Norden des Chiemsees.“ Im besten Fall wird er von den in Stellung gegangenen Brigaden der 10. Panzerdivision abgewehrt und der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bündnispartner Altraverdo erfolgreich verteidigt. Die Division hätte dann vorerst ihren Auftrag erfüllt.

von Karsten Dyba

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