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Neues Sturmgewehr der Spezialkräfte – das G95K

Neues Sturmgewehr der Spezialkräfte – das G95K

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Ort:
Calw

Kommandosoldaten sind Meister der Präzision. Durch ihre spezielle Ausbildung gelingt es ihnen, unter enormem Zeitdruck Ziele auf den Punkt zu bekämpfen. Dafür brauchen sie eine präzise und robuste Waffe. Wir stellen die neue Waffe der Spezialkräfte im Detail vor.

Zwei Soldaten in Gefechtsanzug stehen in einem schwarzen Raum mit Waffen im Anschlag.

Präziser, stabiler, harmonischer: Das neue Sturmgewehr des KSKKommando Spezialkräfte überzeugt mit tadellosen Eigenschaften.

Bundeswehr/KSK

Wir sind im Schießausbildungszentrum des Kommandos Spezialkräfte. Dutzende Schießscheiben liegen sauber verstaut im Regal, bereit für das Schießtraining. Hier trainieren die Kommandosoldaten den scharfen Schuss mit ihren Handfeuerwaffen, sprich Bewegungsabläufe und Handgriffe. Mehrere Schießausbilder arbeiten hier täglich mit den Soldaten an den Feinheiten des präzisen Schusses. Dabei tragen sie ihre Ausrüstung und ihren Gefechtsanzug. Schallgeschützt durch die geräuschgedämmte Tür hört man Schüsse, kaum wahrnehmbar. Nebenan legt der Ausbilder zur Veranschaulichung eine sandfarbene Waffe vor uns auf den Tisch. Das Gewehr hat optische Visiereinrichtungen, eine verstellbare Schulterstütze und sieht schlank aus. Ich nehme die Waffe in die Hand. Sie wirkt griffig, sehr maßhaltig und stabil. Das Gewehr ist hauptsächlich aus Metall gefertigt. Auffällig ist das leicht höhere Gewicht im Vergleich zum Standardgewehr G36, das jeder Soldat auch aus seinem Dienst bei der Bundeswehr kennt. Dies ist das neue Sturmgewehr der Spezialkräfte, das G95K.

Gemacht für Spezialkräfte

Ein Soldat in Gefechtsanzug sitzt an der geöffneten Tür eines fliegenden Hubschraubers und zielt auf den Boden

Das G95K ist bis ins Detail auf den harten Einsatz bei den Spezialkräften des KSKKommando Spezialkräfte ausgerichtet.

Bundeswehr/KSK

Technisch unterscheidet sich das neue Gewehr in vielerlei Hinsicht vom Truppen-G36. Neu: Das G95K beruht auf der Systemfamilie AR-15, die bereits die amerikanischen oder auch die niederländischen Streitkräfte seit vielen Jahren nutzen. Die Basis für das G95K ist das Modell HK-416 von Heckler und Koch. Die Rohrlänge liegt mit 14,5 Zoll, also etwa 37 Zentimetern, im Vergleich zwischen dem kurzen G36K und dem längeren Standard-G36. Abweichend vom Basismodell AR-15 gibt es weitere Besonderheiten. So verfügt die KSKKommando Spezialkräfte-Waffe zum Beispiel über einen speziellen 45-Grad-Sicherungshebel für Einzelfeuer und 90-Grad-Winkel für Dauerfeuer. Damit wird das Handling optimiert. Eine weitere Besonderheit an der Spezialkräftewaffe ist das Notvisier. Es liegt nicht etwa oben auf der 12-Uhr-Position, sondern seitlich um 45 Grad versetzt. „Wenn ich im Gefecht feststelle, dass etwas mit meiner Hauptvisierung nicht stimmt, kann ich nicht im Kampf anfangen, die Hauptvisierung abzuschrauben, um dann mit der Notvisierung zu arbeiten. Mit dieser neuen Waffe haben wir direkt die Möglichkeit, auf die Grundvisierung zuzugreifen“, erklärt der Schießausbilder das neue technische Feature. „Wir stellen uns vor, wir sind in der Arktis oder im Dschungel. Es gelangt Schnee oder Matsch ins Visier oder ich habe einen Schlag auf die Optik bekommen, wodurch innen das Glas gebrochen ist. Dann wäre auch das obenliegende Notvisier nicht nutzbar.“

G95K versus G36

Ein Soldat in Gefechtsanzug steht in einem schwarzen Raum mit einer Waffe im Anschlag.

Das Sturmgewehr G95K hat dank der gedrungenen Bauweise viele Vorteile. Die Soldaten müssen nicht mehr künstlich höher zielen.

Bundeswehr/KSK

Die Bauform der Waffe ist sehr gedrungen. Der Schütze muss nicht mehr höher zielen, um den Versatz von Rohr zur Visierlinie des G36 künstlich auszugleichen. Soldaten kennen diesen etwa elf Zentimeter großen Versatz aus ihrer Schießausbildung, der besonders auf kurzer Distanz auf einer Schießscheibe sichtbar wird. Beim KSKKommando Spezialkräfte-G36 ist dieser Versatz bereits ein wenig geringer. Die Lösung ist durch das vergleichsweise kompakt gebaute AR-15 System möglich. Ein weiterer Unterschied zum G36: Beim neuen Gewehr sitzt der Durchladehebel hinten am Gehäuse, nicht mittig oben im Gehäuse. Beim G36 müssen sich deshalb alle Anbauteile, wie die Optiken, oberhalb des Durchladehebels befinden, sonst würde der Mechanismus nicht funktionieren. Besonders für Kommandosoldaten ist das neue System ein absoluter Fortschritt. Denn gerade im Nahbereich in Raumkampfsituationen zählt Präzision. Auch auf eine Distanz von bis zu 240 Metern zeigt die Waffe kaum eine Abweichung, ebenso nicht bei Temperaturschwankungen. Weiterhin ist der Magazinauswurfknopf jetzt so angebracht, dass er nicht versehentlich betätigt werden kann. Er ist vom Schützen besonders schnell bedienbar. Alle ergänzenden Anbauten sind beim G95K mit ihrer Halterung direkt auf der Waffe, ohne eine zusätzliche Schiene, verschraubt. Der Vorteil: Es gibt keine Halterung einer Halterung, die Kontur wird zusätzlich kompakter. Die Lösung lautet H-Key, eine spezielle Lochform im Handschutz, eine Art Schnittstelle, an der die Anbauten direkt angebracht werden können.

Neues Maß an Präzision

Ein Soldat in Gefechtsanzug schießt in einer Schießhalle mit dem Gewehr.

Das Sturmgewehr G95K verschießt dieselbe Munition, wie das G36, ist aber besser auf das NATO-Kaliber abgestimmt.

Bundeswehr/KSK

Die Waffe hat eine hohe Präzision, vergleichsweise höher als die vom G36. „Wir haben ein um zwei Zoll längeres Rohr im Vergleich zum G36K. Wir können dadurch nicht nur auf kurze Distanz, sondern auch bis 300 Meter sehr präzise arbeiten. Die Präzision der Waffe im warmen Zustand ist sehr hoch, auch nach Verschuss der vollen Kampfbeladung eines Soldaten. „Selbst als der Suppressor, also der Schalldämpfer, den die Waffe optional an der Mündung tragen kann, vorn schon rotglühend war, hat die Waffe noch ihre Präzision gehalten und wich nur minimal vom kalten Treffpunkt ab“, erklärt der Schießausbilder. Deswegen habe sich dieses Modell durchgesetzt. Der Nachteil: Aufgrund der Fertigung aus Metall ohne Kunststoff, um die Präzision zu erhalten, steigt auch das Gewicht.

Faktencheck: Kürzere Gewehre sind besser

Fünf Soldaten in Gefechtsanzug laufen mit Gewehren im Anschlag durch einen Raum.

Das alte G36K ist zwar kürzer als das G95K. Es hat jedoch bauartbedingte Nachteile.

Bundeswehr/KSK

Kommandosoldaten nutzen die gleiche Munition wie die allgemeine Truppe auch. Bei der Beschaffung der Waffe war dies eine Vorgabe. Das Rohr des G95K ist deshalb nicht so kurz wie es möglich wäre. Denn dadurch würde die Waffe an Leistungsfähigkeit einbüßen. Was hat die Rohrlänge mit der Munition zu tun? Wenn das Rohr zu kurz für die Truppenmunition ist, wird das Geschoss nicht optimal beschleunigt. Das Geschoss der Patrone müsste zum Ausgleich mehr Masse haben und schwerer sein, um die gewünschte Energie zu erzeugen. Genau dieser Effekt wird bei dem neuen Gewehr berücksichtigt. Das G95K ist mit einer Rohrlänge von 14,5 Zoll immer noch kompakt und harmoniert gleichzeitig perfekt mit der NATO-Standardpatrone.

Die Vorteile des G36 genutzt

Zwei Soldaten in Gefechtsanzug stehen in einer Stellung auf einer Wiese.

Nicht alles muss neu: Die Vorteile der bewährten G36-Konstruktion werden auch beim G95K übernommen.

Bundeswehr/KSK

Die Mechanik der Waffe arbeitet nicht, wie die amerikanische Version, mit Direktgas. Hier werden heiße Partikel, die bei der Zündung der Patrone entstehen, in den Verschlusslauf reingeführt, um den Verschluss zu bedienen. Beim G95K wird der Antrieb oberhalb vom Rohr über eine Metallstange, ähnlich wie beim G36, gesteuert. Es kommen also weniger Dreck und keine heißen Gase in den Verschlusslauf und die Waffe ist dadurch um ein Vielfaches weniger störanfällig. Nachteil: Das amerikanische M4 hat fast keinen Rückstoß, im Gegensatz zum G95K. Der leicht stärkere Rückstoß wird in der Ausbildung der Kommandosoldaten jedoch berücksichtigt.

Weniger Staubbelastung für die Schützen

Ein Soldat in Gefechtsanzug steht in einem schwarzen Raum mit einer Waffe im Anschlag.

Zu jedem G95K gehören zwei Schalldämpfer. Einer davon ist lediglich für Übungszwecke gedacht und reduziert Staubbelastung und Kosten.

Bundeswehr/KSK

Zum G95K gehören ein Übungsschalldämpfer und ein Schalldämpfer für den Einsatz. Unterschied: Der Übungsschalldämpfer ist leer und günstiger in der Fertigung. Warum zwei Versionen? Jeder Schalldämpfer, oder English Suppressor, wird aufgrund der Funktionsweise heiß und der KSKKommando Spezialkräfte-Dämpfer müsste nach 1.500 Schuss gegen einen neuen getauscht werden. So würden zusätzliche Kosten entstehen. Außerdem entweichen durch den Suppressor extrem viele Gase aus dem Patronenlager in Richtung des Schützen. „Das ist für den Schützen schlichtweg unangenehm und gerade im intensiven Übungsbetrieb würde dies eine unnötige Belastung bedeuten“, verdeutlicht der Ausbilder. „Mit dem normalen Suppressor kann zudem keine FX-Übungsmunition verschossen werden. Der Übungssurpressor bewirkt, dass wir für unsere Trainingszwecke immer die gleichen Ausmaße haben, das gleiche Gewicht, allerdings keine Suppressor-Funktion aber insgesamt eine Kostenersparnis.“

Ein würdiger Nachfolger des G36

Hinter einem Soldaten in Gefechtsanzug und mit Gewehr geht die Sonne unter.

Nicht nur die Technik, sondern auch die Anforderungen im Gefecht haben sich weiterentwickelt. Das G95K soll den Soldaten einen technischen Vorteil bringen.

Bundeswehr/KSK

Das Sturmgewehr G36 wird in der neuesten Version in abgewandelter Form, in Kurzvarianten, immer noch bei den Spezialkräften und seinen Unterstützungskräften eingesetzt. An diesen Varianten können bereits die neuesten Anbauteile, wie der neue Schalldämpfer, montiert werden. Die Belange der Zielidentifikation, die beim KSKKommando Spezialkräfte gelten, haben sich aber über die Zeit konsequent weiterentwickelt. Um sich nicht nur mit einer über die Jahre optimierten Taktik auf dem Gefechtsfeld einen Vorteil zu verschaffen, sondern auch mit einer verbesserten Technik, ist das Sturmgewehr G95K nun bei den Spezialkräften ein würdiger Nachfolger des bewährten G36.

von Peter Müller