Ausbildung von Offizieranwärtern im Ausland
Angehendes Führungspersonal des Heeres kann sich in den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien und den USA ausbilden lassen.
Seit 2006 nehmen jährlich bis zu fünf ausgewählte Offizieranwärter des Deutschen Heeres an der Offizierausbildung in Frankreich teil. Im Gegenzug kann die gleiche Anzahl französischer Offizieranwärter eine vergleichbare Ausbildung in Deutschland durchlaufen.
Während der Truppenpraktika in französischen Regimentern nehmen die deutschen Offizieranwärter an Übungen im Gelände teil
Bundeswehr/Benjamin BendigVoraussetzungen für die fünfjährige Ausbildung in Frankreich sind der mit der Teilnahme am Fahnenjunkerlehrgang verbundene Erwerb des Offizierpatents und die nötigen Sprachkenntnisse. Wer diese beiden Hürden nimmt und das dazugehörige Auswahlverfahren erfolgreich abschließt, kann die Ausbildung am Lycée Militaire de Saint-Cyr im 30 Kilometer westlich von Paris gelegenen Saint-Cyr-l’École beginnen. An dieser geschichtsträchtigen Institution der französischen Armée de Terre, die im Jahre 1802 von Napoleon Bonaparte gegründet wurde, beginnt die Offizierausbildung einmal im Jahr für bis zu 185 französische und 26 ausländische Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Am Lycée Militaire de Saint-Cyr müssen die deutschen Offizieranwärter zunächst ein zweijähriges Grundstudium, die Classe Préparatoire, absolvieren. Dabei können sie zwischen den drei Fachrichtungen Geistes-, Natur- oder Wirtschaftswissenschaften wählen. Dieses Grundstudium erfolgt während einer Sechs-Tage-Woche. In den 90 Stunden Studium pro Woche gibt es regelmäßig mündliche und schriftliche Prüfungen. Hier sind psychische und physische Stärke ebenso gefragt wie ein hoher Grad an Selbstmotivation.
Am Ende des zweijährigen Grundstudiums steht als erstes Etappenziel der Concours, der in Frankreich im Allgemeinen die Aufnahmeprüfung für eine Eliteuniversität, eine Grande École, bedeutet. Diesen Concours müssen die deutschen Offizieranwärter unter denselben Bedingungen wie ihre französischen Kameradinnen und Kameraden bestehen und damit ihre Studientauglichkeit unter Beweis stellen.
Das Selbstverständnis des französischen Offiziers, wie hier an der Ecole Spéciale Militaire de Saint-Cyr, wurzelt in der langen Tradition seiner Armee und ist ein wichtiger Teil der Ausbildung zum militärischen Führer
Forces armées françaises/Armée de TerreIm Concours werden in maximal 14 Tagen bis zu sechs Prüfungen geschrieben, deren Ergebnisse einzig und allein für das Bestehen entscheidend sind. Diejenigen, die den Concours nicht bestanden haben, können das zweite Jahr der Classe Préparatoire wiederholen und dürfen dann erneut antreten. Ist der Concours einmal bestanden, erfolgt die weitere Ausbildung an der Eliteuniversität Académie Militaire de Saint-Cyr in Coëtquidan in der Bretagne. In diesen drei Jahren nehmen die deutschen Austauschoffiziere an einer dualen Ausbildung teil, die zu Beginn militärische und gegen Ende akademische Schwerpunkte umfasst.
Bei der militärischen Ausbildung geht es zunächst darum, möglichst schnell auf das Niveau eines Zugführers zu kommen. Anders als im Deutschen Heer spielen die Ausbildungsebenen Einzelschütze, Trupp- und Gruppenführer in Frankreich eine untergeordnete Rolle.
Fester Bestandteil der Führerausbildung sind Truppenpraktika bei französischen Regimentern und die Teilnahme an gemeinsamen Übungen im In- und Ausland. Hierdurch gewinnen die deutschen Austauschoffiziere tiefe Eindrücke von den Abläufen und Prozessen des französischen Heeres sowie eine Vorstellung vom hohen Stellenwert der Tradition, die bruchlos bis ins napoleonische Zeitalter zurückreicht. Ein Höhepunkt der militärischen Ausbildung ist das Dschungel-Training in Französisch-Guyana, bei dem die Teilnehmenden zwölf Tage von Fremdenlegionären für das Überleben im Regenwald ausgebildet werden. Zum Abschluss dieser Hochwertausbildung gehört ein Auslandssemester, in dem die Studierenden ihre Masterarbeit schreiben.
Ein Highlight des deutsch-französischen Offizieraustausches: das Überlebenstraining im Regenwald von Französisch-Guyana in Südamerika
Forces armées françaises/Armée de TerreZur Vorbereitung auf die Offizierausbildung im Nachbarland erhalten die deutschen Teilnehmenden vorab eine intensive Sprachausbildung sowie eine Einführung in die französischen Besonderheiten des wissenschaftlichen Arbeitens. Darüber hinaus stehen ihnen während des gesamten Zeitraums erfahrene Ansprechpartnerinnen und -partner aus den deutschen Heeresverbindungsstäben in Frankreich zur Verfügung. Belohnt wird der Abschluss der fünfjährigen Ausbildung mit der frühzeitigen Übernahme als Berufssoldat beziehungsweise Berufssoldatin sowie der Einbindung in ein Alumni-Netzwerk ehemaliger Teilnehmender des Ausbildungsprogramms.
von Markus Meyrahn
Angehendes Führungspersonal des Heeres kann sich in den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien und den USA ausbilden lassen.